vom rein menschlichen Standpunkte aus (den es ja gottlob auch noch geben soll), sind sie doch ein erstaunliches Beispiel von Anpassung, von Leben nur um des Lebens willen. Da sind Frauen, die sich die Augen an Brokatstickereien wund und halb blind genäht haben. Wirklich, sie konnten nichts anderes, denn in ihrem Erziehungskloster hatten sie nichts gelernt, was sie sonst zum Erwerb hätten gebrauchen können. Jetzt tragen l|ie blaue Eulenbrillen und halten einen kleinen Kramladen, dessen Bedarf an Zuckerwerk sie selber Herstellen. Sie sind gleichgültig gegen sich und die Welt geworden, gehen jahraus, jahrein in demselben dicken Schal durch dieselben engen, finsteren Gassen des Mareeviertels, und die Welt ist ihnen von kleinsten Sorgen um den Alltag verstellt, — wie der Himmel mit Häuserfronten.
Biele sind im Laufe dieser mehr als zehn Jahr« jetzt endlich auf Montmartre gelandet. Sie begannen nicht dort! Gott bewahre! Aber die rue des trois freres oder des Martyrs ist ein immer noch reckst guter und billiger Zufluchtsort. Und in der rue Pigalle befindet sich das große und elegante „Chateau Caucasien“, von farbigen Lämpchen umstrahlt, in meterhohen Reklamebuchstaben die Straße entlang schreiend. Es ist so teuer dort, daß man anehmen kann, auch die Angestellten werden menschenwürdig bezahlt. Die Angestellten: das sind nichk nur Kellner und Küchenmädchen, sondern die Tänzer und Sänger beiderlei Geschlechts. Sie gehen in russischer Tracht oder Strahenkleidern, und sie singen eigentlich nicht schlechter als die Donkosaken.
In dieses Luxushotel führt man zuweilen reiche, junge Amerikanerinnen, die deshalb noch nicht Millionärinnen zu fein brauchen, wenn man ss auch von ihnen allen behauptet. So wie vermutlich nicht alles russischer oder ukrainischer Prinz ist, was dort mit diesem Titel beehrt wird. Immerhin bildet sich zwischen den amerikanischen Millionärinnen, di« es vielleicht noch nicht sind, und den moskowitischen Prnzen, die es vielleicht nie waren, etwas wie eine neue Romantik heraus. Die Dinge sind Hier oft ein bißchen auf den Kopf gestellt.
Ein Teil der östlichen Einwanderung hat sich immerhin auf und bei
den Boulevards halten können. Da gibt es nahe bei der Madeleine eine ...eremitage russe“ und eine „eremifage moscovite“. Die letztere ist sehr teuer. Man nimmt dort für ein Abendessen bis zu 250 Francs und das ! ist, an den sonstigen Pariser Preisen gemessen, etwa so viel wie in Berlin 150 Mk. Aber es ist beliebt. „Man" (das bedeutet jenes unbestimmbare Sammelsurium von Geldmenschen aus aller Herren Länder) muß Dort gewesen sein. In der engen rue Caumartin drängen sich also die klutos, und das nächtliche Hupen nimmt keip End«, zur Freude der Anwohner.
Was geboten wird?
Tänze, Gesänge, Balaleikaorchester, was alles auf die Dauer natürlich den Stempel der Eintönigkeit trägt. Die kaukasischen Tänzer und Sänger wandern in einer längst bekannten Gruppe von der eremitage russe jede di acht zur eremitage moscovite und zurück. Auch hier werden die hohen chwarzen Schaffellmützen und weißen Kosakenröcke von „Prinzen" »«tragen. Unter denen es, wie es scheint, wirklich erotische Naturen gibt, denn von einem wird berichtet, daß der jähe Tod des Gatten seiner ! beliebten ihn in Weiterungen mit der sonst eigentlich überaus duldsamen Pariser Polizei verwickelt habe. Die wunderschöne Madame Nastja singt 1 nur in der eremitage russe. Sie war achtzehn Jahre, sie tanzte auf den ! lästerlichen Hofbällen, als die Revolution ausbrach.
Ein russischer Zigeuner, sehr braun geschminkt in einem gestickten xelbseidenen Leibrock zeigt sich mit spähenden Blicken den Piroski essenden Nteren Damen, die. vor Torschluß noch gern ein Abenteuer erleben II möchten. Die Erfahrung hat ihn gelehrt, daß dieses auf dämonisch her- I gerichtete Aussehen die wirkungsvollste Visitenkarte für ihn ist.
Ja, es ist recht schwer für sie alle. Nicht minder schwer als für die , Besitzerinnen von Putzwarenläden und Modesalons, für die russischen 11 Paxichauffeure, die natürlich nicht nur dem Hängen entronnene Groß- I liirften sind und mit längst erlernter Pariser Höflichkeit gern ein Trink- !;eld annehmen. Es ist schwer, und vor allem es ist hoffnungslos. Denn rgrauenbe Haare machen weder zum Wirbelwindtänzer noch zu anderen I II Berufen der Jugend geeignet. Und was dann?
Langsam wird die russische Welle in das sremde Volk hineinfließen ' und sich mit ihm vermischen. Frankreich, das Land mit dem enormen 1 Menschenhunger, wird dem keinen Widerstand entgegensetzen. Man weiß "| is ja, von der dritten Generation ab beginnt jene unlösliche Verschmel- I M,ng, di« auf der anderen Halbkugel den hundertprozentigen Amerikaner I i ervorgebracht hat. Aber heute kämpft noch die erste und zweite Gene- I tmtion, jene, die (nach dem bösen Wort .über die Bourbonen) nichts gelernt und nichts vergessen hat.
Emigrantenschicksal, zu allen Zeiten dasselbe. Und immer „la vie dure“.
Der springende Ounkt.
Neues vom menschlichen herzen.
Von Dr. Popofsky.
„Springender Punkt", fo nannte schon Aristoteles das nimmermüde ij’ Renschenherz. Noch heute gebrauchen wir in übertragenem Sinne dieses II sprichwörtlich gewordene, im wahrsten Sinne klassische Wortbild, um Is r was zu beschreiben, was von äußerster Wichtigkeit ist, den Kern einer l Sache darstellt. Da das Herz auf jede feinste seelisch« Regung anspricht, ■; Und in den Wellenzügen des Menschenlebens mitschwingt, auf Freude i und Schmerz, Lust und Trauer feine Schlagfolge und die in Umlauf iS«ssetzte Blutmenge ändert, so galt es bis in die Neuzeit hinein als das i dentralorgan, in dem sogar zu Unrecht der Sitz der Geistigkeit und der .^eete vermutet wurde.
Diese Empfindsamkeit des Herzens, fein Antworten auf Seeleninhalte i ird; Aenderung des Pulses und des Schlagvolumens haben Sauber Md Panchurst kürzlich genauer untersucht, indem sie den betreffenden Menschen in der Hypnose in luftige und traurige Stimmungen versetzten tnb die Reaktion des Herzens messend verfolgten. Sie fanden dabei, daß d e vom Herzen in Umlauf gesetzte Blutmenge bis fast auf das Doppelte [leigen konnte, wenn es sich um fröhliche, erregende, ermutigende Seelen-
vorgäng« handelte. Sie zeigten damit ein verheißungsvolles nein» Mittel, Herzfehler, nicht nur nervöser, sondern auch organischer Art, auf dem Wege seelischer Beeinflussung auszuglejchen und zur Heilung zu bringen. Geeignet« Musik, Theaterbesuch, angeregte Unterhaltung, frohe Geselligkeit und schöne Landschaften, vermögen besonders in dem seelisch leicht mitgehenden Herzkranken, die nicht zureichende Herztätigkeit wohltuend zu beeinflussen. Das alte Sprichwort „Lachen ist gesund" beweist gerade im Hinblick auf diese Zusammenhänge zwischen Herz- und Seelentätigkeit seinen tiefen Sinn.
Ein weiteres Zeichen dafür, daß das Herz ein Ausdrucks- oder besser ein Eindrucksorgan von größter Empfindlichkeit ist, läßt sich aus den Feststellungen des amerikanischen Arztes Foster Kennedy entnehmen. In allen Großstädten hat der Lärm einen derartigen Umfang angenommen, daß sich besonders in England und Amerika große Vereinigungen mit wissenschaftlichem Einschlag gebildet haben, die sich die Bekämpfung des gesundheitsschädlichen Lärms zur Aufgabe machen. Foster Kennedy fand, in diesem Sinne arbeitend, daß das Allgemeinbefinden des Menschen durch den Lärm erheblich in Mitleidenschaft gezogen wird und besonders die Herztätigkeit darunter leidet, so daß eine langsame Entartung der Biutkreislauforgane und damit eine Verringerung der Leistungsfähigkeit eintreten kann.
Staunenswert ist die Leistung des faustgroßen unermüdlichen Motors, den wir in der Brust tragen. Beim Erwachsenen beträgt die Zahl der Herzschläge in Ruhe etwa 70 in der Minute. Man kann leicht ausrechnen, daß das Herz eines 60jährigen im Laufe feines Lebens nicht weniger als 21 Milliarden Schläge ausführt. Jeder Schlag preßt aus der Herzkammer ' durchschnittlich 200 Gramm Blut in die Schlagadern, nicht weniger als 444 Milliomrn Lttkr Blut würden also im Laufe von 60 Jahren das Menschenherz durchflossen haben. Welch ungeheure Arbeit der nur 3Ö0 Gramm wiegende Hohlmuskel dabei zu leisten , hat, um dem Blutstrom eine Anfangsgeschwindigkeit von 4 Meter in der Sekunde zu geben, wie sie in den Schlagadern herrscht, läßt sich leicht bestimmen. Da die bei einem Herzschlag geleistete Arbeit 0,234 Meterkilogramm beträgt, und in der Minute 70 Herzschläge erfolgen, so errechnet sich für 24 Stunden eine Herzarbeit von rund 23 600 Meterkilogramm,' ober anders ausgedrückt, die in 24 Stunden geleistete Herzarbeit wäre imstande, ein Gewicht von 234 Tonnen einen Meter hoch zu heben.
Keine von Menschen erdachte Maschine vermag bet einem fo geringen Eigengewicht, Umfang und Brennstoffverbrauch mit einem fo unvergleichlich großen Nutzeffekt zu arbeiten. Solchen Dauerbeanspruchungen bei solchen Stiftungen kann nur ein sehr widerstandsfähiges Organ gerecht werden. Ganz im Gegensatz zu der landläufigen Meinung von der Empfindlichkeit des Herzens mehren sich die Anzeichen dafür, daß die Herzmuskelfasern und das Organ selbst tiefgreifenden Beeinflussungen gegenüber relativ unempfindlich ist. Seit langem wissen wir, daß ein ausgeschnittenes Froschherz in bestimmten Flüssigkeiten noch tagelang pulsieren kann. Mit Säugetieren gelingt etwas Aehnliches, wenn man für ■ künstliche Blutzusuhr sorgt. Kleine herausgeschnittene Stückchen vom Hühnerherzen sind schon über 20 Jahre unter den bei der Gewebszüchtung üblichen Vorsichtsmaßregeln und Ernährungsbedingungen im Reagenzglas lebend und in dauernder Zellvermehrung erhalten worden. Kürzlich hat der Nuss« Morosow abgeschnittene winzige Teilchen des Herzens vom mexikanischen Molch eintrocknen lassen und nach über 3 Tagen Aufbewahrung im luftdicht verschlossenen Reagenzglase wieder durch Einweichen in bestimmten Salzlösungen erneut zu längerem Leben erwecken können. Dabei konnte der Gewichtsverlust bei dem vorausgegangenen Eintrocknen bis auf Zweidrittel des Anfangsgewichts getrieben werden. Die Gewebsteilchen stellten also gewissermaßen völlig geschrumpfte Mumien dar.
Im Volksmunde gilt jede Herzwunde als unbedingt tätlich. Cs ist das außerordentliche Verdienst von L. Rehn, diesen noch vor 40 Jahren allgemein — auch von Chirurgen — geglaubten Satz umgestürzt zu haben. Er führte 1896 die erste glückliche Herzoperation aus. Seitdem sind Herzoperationen, vor allem im Kriege, öfter ausgeführt und Menschen mit Stichen und Schüssen im Herzen durch ärztliche Kunst gerettet worden, wenn der Eingriff mit Messer und Nadel nur rechtzeitig geschehen konnte. So ging vor kurzem die Nachricht durch die medizinische Literatur, daß in Wien ein Mann, der eine Kugel im Herzen hatte, nach Bemühung des Schuhkanals und Inbetriebsetzung des bei der Operation stehengebliebenen Herzens durch Herzmassage, ohne besondere Beschwerden weiterlebte, obwohl die Kugel aus dem Herzen nicht entfernt werden konnte. Gewiß ein Zeichen für die Zähigkeit unseres Zentralorgans des Blutkreislaufs.
Wie wird nun die für das Leben fo notwendige Herzbewegung in Gang gefetzt und in Gang gehalten? Angesichts der.oben erwähnten Tatsache, daß ausgeschnittene Herzen noch längere Zeit ihre Tätigkeit fort* setzen, versagen die alten Erklärungsweisen, daß ein Nervenimpuls den lebendigen Motor in Gang setzt. Nur im Herzen selbst konnte daher das Erregungszentrum zu suchen sein. Dem belgischen Forscher D e m o o r gelang es vor wenigen Jahren, aus dem Herzen des Hundes einen mit Wasser aus dem Muskel herauszulaugenden Stoff festzustellen, der imstande ist, schlagenbe Herzen im Puls zu beschleunigen und zum Stillstand gekommene wieder in Betrieb zu fetzen. Der Deutsche Haberland t fand ähnliche Stoffe in Schnecken- und Froschherzen. Dieser Herz- erregungsftoff organischer Art, den die Muskelfudstanz des Herzens selbst erzeugt, ist nur in allerwinzigsten Mengen in den Auszügen enthalten. Soweit sein physikalisches und chemisches Verhalten bisher ermittelt werden konnte, handelt es sich auch bei ihm um einen jener Wunderstoffe, die als Reizstoffe ober Hormone in fein aufeinander abgestimmter Stiftung für den Ablauf vieler physiologischer Vorgänge im menschlichen, tierischen und pflanzlichen Leid zu sorgen haben. Das Herzhormon ist noch in einer Verdünnung wirksam, bei der nur ein Gramm Hormon in einer Milliarde Gramm Flüssigkeit gelöst ist. Nach Fahrenkamp, H a b e r I a n b t, u. a. ist bas Herzformon erfolgreich oerwenbbar bei einer Reihe von Herzkrankheiten, so z. B. bei der gefährlichen, ost zum .Herzschlag führenben Berkalkung der Herzkranzgefähe.


