Ausgabe 
1.6.1931
 
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Bärentatzen.

Geschichte eines sibirischen Hengstes.

Von Edwin Erich D w i n g e r.

So bekam ich ihn:Benjamin", sagte Vereniki, mein wilder Komman­dant, im alten Omsk, der Hauptstadt des weihen Sibiriens,wir gehen bald an die Front, müssen dir jetzt ein Pserd kaufen!" Wir gingen also zu den Händlern, ließen uns eine ganze Reihe vorführen. Meine Augen hingen sehnsüchtig an einer edlen Stute aus dem Krongestüt. Pjotr, der Malodietz, den unser Kapitän mitgenommen hatte, schüttelte mißmutig den Kartoffelkopf.Nichts Pjotr?" fragte Vereniki lachend.

Pjotr machte ein Gesicht, als ob das fehlerlose Tier dreitausend Mängel habe.Nichts, Euer Gnaden!" sagte er dann.Ein Pferdchen für Friedens­zeiten, für das schöne Petrograd, für den Korso nichts für den Krieg!"

Das Wort entschied.Was Pferde betrifft, hat Pjotr immer recht merk dir das, Benjamin, es kann dir nützen!" sagte Vereniki.Das Tier ist wirklich viel zu sein und schön wir haben aber ja nichts Schönes vor uns, meine ich, nicht wahr?"

Was wollte ich sagen? Wir kauften eben den Hengst, den Pjotr schon im ersten Anblick mit einem Kosakenschrei begrüßt hatte. Es war ein kleiner, starkknochiger Grauschimmel, kurzbeinig, ausfällig behost, mit guter Sattellage, überstarkem Rücken, Hufen, die wie Glocken aussahen. Leider waren seine Fesseln etwas bärentatzig, was mir scheußlich erschien. Das ist gut. Euer Wohlgeboren für unsere Zwecke!" rief Pjotr eifrig. Sie werden sehen ..."

Nun, wenigstens hatte der Schimmel einen edlen Kopf, außerdem gute Augen, ohne jedes Weiß.Ja, das ist gut bei einem Hengst!" bestätigte Kostja kennerisch.Nur diese Ohren, diese häßlichen Ohren ..." Pjotr über­hörte das, begann ihn sofort zu taufen.Man muß ihn Bärentatzer nennen!" sagte er entschieden.Nichts anderes gibt es ..."

Vereniki lachte.Man muß dem Pjotr folgen, wenn es sich um Pferde handelt!" sagte er zum zweitenmal.Gut, Pjotr Bärentatzer also! Dabei bleibt es ..."

*

Von jenem Tage an trug er mich beinahe ein Jahr. Trug er mich auf dem siegreichen Vormarsch gegen das bolschewistische Moskau, trug er mich auf dem unglückseligen Rückzug durch die Schneewüsten Sibiriens. Ein Pferd nach dem andern fiel, alle edlen Vollblüter waren längst ver­endet er hielt aus. Als es keinen Hafer mehr gab, nährte er sich von Stroh, als es kein Stroh mehr gab, nagte er die Schalen von den Liesten und Zweigen, die ich ihm abbrach und brachte. Und als es keinen Wald mehr gab, die grenzenlose Steppe uns ausgenommen hatte, riß er sich das verfaulte Schilf von den Dächern der Hütten, scharrte er sich die elende Grasnarbe unter dem Schnee hervor. Wenn andere Pferde an Kolik sich wanden und vor Schmerzen stöhnten, stand er geruhig neben ihnen, sah sie mit seinen großen Kugelaugen nur verwundert an. Und wenn andere Pferde auf kurzen Rasten, am ganzen Knochenleibe naß, und dampfend vor Schwäche und Schweiß, nach dem hastigen Schlürfen eisigen Wassers zusammenbrachen, sog er mit aufgeschürzten Lipven das Eiswasser in seinen heißen Leib, nachdem er var^r mit den Glockenhufen die starre Eisschicht des Baches klüglich zerklopft.

Nach zwei Monaten hatten beinahe schon alle Pferde gewechselt, waren die ersten, fast alle verendet, längst neue mit Revolvern und Säbeln aus den Bauernhöfen requiriert, an denen wir vorbeizogen. Nur er lief noch wie immer in unferm Trupp, allmählich allen bekannt und geliebt als Erinnerung an bessere Zeiten, an die Zeiten des Sieges und der großen Hoffnungen. Und gute Worte trafen ihn von allen Seiten, wenn er dcihin- lies wie ein Esel mit gesenktem Kopf und hängenden Ohren, das graue Fell dick und wollig wie das Vlies eines Schafes. Und als längst alle Pferde lahmten, weil ihre steilen, feinen Köten von dem Eis und der Glätte ruiniert waren, lief er noch immer wie zu Anfang durch die weiße Wüste, nicht gerade schön als Bild und Anblick, aber mit seinen langen, bären- tatzigen Fesseln wie eine Wiege federnd und durch sie vor aller Struppie- rung und Lahmheit bewahrt.

Ach, ich muhte damals oft an Piotr denken, unfern kecken Malodjeß. Zu allem aber wärmte er mich noch des Tags mit seinem dicken Fell, in das ich meine Beine saft vergraben konnte, wie mit einer Pelzdecke, des nachts aber, indem ich mich ruhig neben ihn legen konnte, den ganzen Körper gerollt an seinen Bauch geschmiegt, den Kops zwischen seine warmen Schenkel gepreßt, den langen, buschigen Schweif wie eine Federboa zwischen seinen Beinen hindurch über das Gesicht gezogen. Ja. er lag wie ein braves Kind da, wenn er wußte daß ich schlief, und weckte mich mit einem Zucken seines Schweifes, wenn Gefahren nahten. wenn es aber galt, mich durch ein Wettrennen zu erretten, so packte ihn der Ehrgeiz derart, daß er nicht eher ruhte, bis er von uns Flüchtenden die Spitze erreicht hatte.

Oh, er blieb mir treu bis zuletzt. Sein Meisterstück aber legte er in Altschinsk ab, an jenem Morgen, als nach einer Biwaknacht auf freiem Felde bei 40 Grad Kälte und östlichem Wind von unferm Riefentroß an 40 000 Pferde sich nicht mehr erhoben, die ganze weite Steppe im Morgen­grauen aussah wie eine Wiese, auf der die Maulwürfe Haufen neben Haufen ausgeworfen. An diesem Morgen stand im Kreise zahlloser Kadaver nur noch er da, mit einer dicken Decke Schnee behangen, mit langen Eis­zapfen am ganzen Leib bedeckt schüttelte heftig feine überlangen Ohren und wieherte mit seinem metallischen hengstelaut hell und tromvetend in das grenzenlose Leichenfeld ... Ein Bild war das, dazu ein Klang ... Als ob er die gesamte Menschheit vor Gott anklage, war es uns ...

*

So verlor ich ihn: Mitten auf dem Baikalsee, in der letzten Phase der ungeheuerlichsten Tragödie, die jemals über die Erde ging, und die in der Weltgeschichte nicht ihresgleichen hat, die über eine Million Offiziere und Soldaten und Frauen und Kinder, ja, das gesamte noch übrig- gebliebene russische Bürgertum verschlang, und gegen die Napoleons be­rühmter Rückzug von Moskau ein Spaziergang war. überfiel uns ein Buran, ein sibirischer Schncesturm. In wenigen Minuten waren wir

verschüttet, verloren durch diese ungewollte Rost so viel kostbare Zeit, daß wir den Roten, die uns verfolgten, nicht mehr entkommen konnten.

Da trat Recke, der baltische Offizier, an mich heran.Wir kommen doch nicht mehr alle fort!" sagte er in seiner knappen Art.Ihnen geschieht auch nichts, wenn Sie hierbleiben ziehen Sie eine deutsche Uniform an, dann sind Sie wieder Kriegsgefangener wie vorher, ahnt niemand, daß Sie mit uns gegen die Roten gekämpft haben, werden höchstens in ein Gefangenenlager gebracht, dürfen bald heimfahren! Uns russische Offiziere aber dürfen sie nicht erwischen ... Darum: Geben Sie mir Ihren Bären­tatzer er ist der einzige, der noch vorwärts kann."

Ich schluckte etwas.3a", sagte ich endlich, denn er hatte recht.

Wir gingen hinter die große Schneewehe. Dort stand der Bärentatzer, mit einem zweiten Pferde die einzigen Ueberlebenden. Als Recke in den Sattel stieg, sah er verwundert hoch.Nein, Bärentatzer, diesmal bins nicht ich ...", sagte ich heiser, drückte mich hilflos an ihn, riß ihm unbemerkt ein Flöcklein Wolle aus dem dicken Pelz, der mich so oft gewärmt, so oft gerettet ...

Leben Sie wohl!" sagte Recke knapp.Ich werde versuchen, mit ihm durchzukommen vielleicht sehen wir uns in Deutschland wieder." Er nimmt die Hand an die Mütze, reitet mühsam an. Der graue Hengst sieht sich noch einmal um lange, fragend, verwundert. Dann geht er endlich, in seiner Weise jede Menschenart beschämend. Die Bärentatzen federn weich und wiegend, die langen Eselsohren hängen tief herab. Aber er geht nicht mehr so gleichmäßig, so selbstzufrieden eifrig wie bisher. Er geht, als ob er es nicht fassen könne, und als ob jeder Schritt der letzte sei. Ich aber sehe ihm nach, bis er hinter einer neuen Schneewelle verschwindet. Und seine zottige Gestalt in meinen Tränen verschwimmt ...

Verebbende russische Wette.

Von Annie Francs-Harra r.

Von den französischen Emigranten, die sich einst über das ihnen bis dahin zumeist recht unbekannte Europa zerstreuten, jo etwa wie ein Riese eine gewaltige Handvoll Menschenkonfetti über die Länder hinwirft, heißt es, daß sie die sonderbarsten Berufe ergriffen. Oder (wahrschein­lich viel richtiger) von ihnen ergriffen wurden, als die Schmuckstücke, die goldgestickten Galaröcke, die kostbarsten Spitzentücher, als Pferde, Kut­schen, lebenbeinerne Gebetbücher und das letzte Luxushündchen verkauft waren. Die meisten dieser Herren und Damen der vorigen Jahrhundert­wende trachteten, wieder einen Fürsten zu finden, der durch verwandt­schaftliche Beziehungen sich allenfalls verpflichtet fühlen konnte, sie zu ernähren. Die anderen stiegen sehr zögernd langsam zurroture herab, wurden Tanzmeister, Köche Kaufmannsangestellte, trieben Handel mit Salben und duftenden Wüsserlein und wurden zuletzt sogar ehrsame Handwerker, die ein Gewerbe lernten und endlich fanden, daß in der bürgerlichen Welt um 1800 herum gar nicht so schlecht zu leben sei.

Weltgeschichte ist ein Thema mit sonderbaren Variationen, das aber zuletzt doch immer wieder auf dieselbe Wiederholung hinausläuft. Was damals anno Reifrock und Puderfrifur geschah, ereignet sich heute im Zeichen des Autos und Radiosenders genau so. Die Grundeinstellung ist geblieben, die Ausgestaltung hat gewechselt. Damals kam der Strom der ganzen flüchtenden Oberschicht eines Volkes von Westen, wir haben ihn von Osten erlebt. Der eine gab dem andern an Vehemenz wohl nichts nach. Also ähneln sich beide auch in der Art ihrer Auswirkung.

Nicht' einmal Berlin ist so voll von russischen Emigranten wie Paris. Es heißt zwar, es seien inzwischen viele abgewandert, dorthin, wo man sich nicht mehr mit der Hoffnung beschäftigt, die Heimat wiederzusehen und in andere Länder, von wo aus es allenfalls nicht ganz so möglich wäre. Aber es läßt sich nicht leugnen, daß das Paris von 1929 den moskowitischen Einschlag ebensowenig verlieren wird, wie es den anglo­amerikanischen seit dem Krieg verloren hat.

Berlin ist eine Arbeitsstadt voll Betriebsamkeit und Eifer, Geld zu verdienen. Es ist ein Ort, dessen Leitstern nicht wenigerBusiness heißt als in Neuyork. In solchen Städten bedeutet feinen Traditionen leben zu wollen, eine sehr große Reibung für den einzelnen. Und fo wie die Kiesel in einer starken Strömung zuletzt rund gefchlissen werden, so kann in einer solchen Anhäufung von fünf Millionen Menschen einer allein sich nicht gegen das Tempo des allgemeinen Arbeits- und Vergnügungs­marktes stemmen. Mit Paris dagegen ist es anders. Paris läßt feine Fremden durchaus machen, was sie Luft haben. Es redet ihnen nichts ein. Bombenwerfen und unpassende Reoolverschüsse sind natürlich ver­boten, aber sonst können die Gäste so viel oder so wenig Geld verzehren, wie ihnen gerade zur Verfügung steht. Und wenn sie für den Rest ihres Lebens die Tradition der alten guten Zeit zu pflegen gedenken gut, so sollen sie sie eben pflegen. Also ist das Rufsentum in Paris so will es mir scheinen eigentlich viel russischer als das von Berlin und dem übrigen Emigrantenglobus. Eben weil niemand sie darin stört, und zu einer zwangsläufigen Angleichung an andere Volkssitten zwingt.

Freilich,la vie dure (wie der Pariser dasharte" Leben zu bezeich­nen liebt), gilt auch für sie. Sogar doppelt und dreifach. Denn nicht nur werden die, die einst selber flüchteten, von Jahr zu Jahr älter und befinden sich längst nicht mehr in den mutigen, hoffnungsvollen zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren, sondern auch die Kinder sind heran- gewachfeu und fordern ihr Lebensrecht. Die man aus den Wiegen und Bettchen riß, die man in Wickelkiffen davonfchleppte, stehen jetzt an der Grenze des Erwachsenfeins. Sie kennen zumeist wenig anderes als die fiebernde Erwartung tausendmal enttäuschter Hoffnungen, eine Existenz, wurzellos, zumeist ohne die nötigen Mittel, erdrückt von den Nachwehen eines ungeheuren Schocks in allen Gliedern. Schon besitzen sie eine andere Muttersprache und andere Kindheitserinnerungen als die Eltern. Aber das sarmatische Blut gärt dumpf dazwischen. Bedauernswerte Jugend, die nicht nur zwischen den Rassen, sondern auch zwischen den Ländern und die Staatsepochen steht

Aber da sind auch die der vorigen Generation. Man möchte denken, sie hätten den Bruch ihres Ledens noch weit stärker empfunden. Man braucht politisch nicht für und nicht gegen sie Partei zu nehmen, aber