SietzenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang Ml Montag, den Juni Nummer §2
Oie Blutbuche.
Von Werner Bock.
Wenn die Geschwisterbäume grün sich färben. Schießt schon in meine Krone dunkles Blut.
So droht in meine erste Frühlingsglut, Kaum daß sie aufquillt, leiser Hauch vom Sterben.
Und während rings der Sommer sich entfaltet. Steh ich, ein ernster Fremdling, unbewegt.
Erst wenn ein Herbsttag überm Garten kältet Und sanftes Rot in alle Wipfel legt.
Dann schwell ich plötzlich an in goldnem Brande Als stolzer Künder dessen, der nun kam.
Die Brüder neigen sich in tiefer Scham Und grüßen mich erschauernd als Verwandte.
Petersburg — die schön gebaute Stadt.
Von Josef Ponten.
(Nachdruck verboten.)
Sie kann mit Rom in Vergleich gebracht werden. Sie ist ohne allen Zweifel eine der schönsten Städte. In ihr hat sich eine Geschichtsperiode so großartig, so eindeutig, wie selten einmal bis zum sinnlichen Ausdruck ihrer selbst durchgefunden. Man kennt sie wenig, denn sie liegt „aus der Welt". Sie heißt Petersburg.
Wenn ich sagte: Vergleich mit Rom, so ist das ein überlegtes Wort. Ja, durch die Lage übertrifft Petersburg Rom. Es liegt im innersten Zipfel jenes sackgleichen Meeres, das der Finnische Busen heißt. Es ist eine Seestadt. Es wurde mit dieser ausdrücklichen Bestimmung von Peter gegründet. Es sollte das gastliche Tor Rußlands zur westlichen Welt sein und selbst eine westliche Stadt. Dieses Tor ward aber auch ein fester Bau, Abschreckung der Zudringlichen. Die Zudringlichen waren in damaliger Politik und nach russischer Ausfassung die Schweden. Eine Insel im Meer liegt der Stadt in einiger Seemeilen Entfernung vor, die unheimliche Festung Kronstadt darauf, und Petersburg ist eine von der See her uneinnehmbare Stadt. Heute noch mehr denn früher. Denn die modernen, tiefgehenden Schiffe können sich nur durch einen stundenlangen, durch Molen gebildeten Kanal nähern, und auch draußen vor dem Kanal im flachen Meer ist das Fahrwasser durch Seebesen weit hinaus abgesteckt, und jedes einfahrende Schiff braucht einen Lotsen.
Petersburg ist aber auch eine Flußstadt. Fluhstadt in ganz anderer Weise als Rom, das keine Seestadt ist und nur barmherzigerweise eine Flußstadt genannt werden kann: denn der wenig schiffbare Tiber erscheint kümmerlich neben dem breiten gewaltigen Wasserweg der Newa.
Demgegenüber muß eine technische Ungunst der Lage leicht wiegen: da das Land meernah und eben ist, Anschüttungsgebiet des Flußes, und der Grundwasserspiegel demgemäß hochsteht, so bedarf es zu jeder bau- licken Gründung kunstvoller Rammungen und Pfahlbauten wie in Amsterdam und Venedig. Man sagt, die Mittelpfeiler der riesigen schweren Jsaak- kathedrale, der Haupt- und Prunkkirche der Stadt, beginnen sich zu senken, wahrscbeinlich weil die Psahlroste verfault sind. Peter hat unfestes Sumpfland als Standort für feine Hauptstadt wählen müssen.
An Venedig und Amsterdam erinnert Petersburg auch durch Inseln und Kanäle. Die Newamündung ist ein Delta, die Stadt liegt eben dort auf fünf Inseln und zwei Halbinseln. Die Hauptmasse der Stadt liegt auf den beiden durch Flußschleifen gebildeten Halbinseln, die Industriestadt auf der kleineren nördlichen mit dem Finnländischen, die Amts- und Wohnstadt auf der weit größeren südlichen mit dem Baltischen, Warschauer und Moskauer Bahnhof. Diese südliche Halbinsel ist in der Quere durch zwei große Kanäle durchschnitten.
Nun hat der Leser auch ohne Karte ein genügend klares Bild der Lage. Es tauchten schon die Erinnerungsbilder an Venedig und Amsterdam auf. Es gibt in der Tat Architekturbilder, die sehr an Venedig denken machen. An die Amsterdamer Grachten erinnern die Kanäle auf Schritt und Tritt. Der Kopf einer Insel (Wassilewskaja) gegen den c-trom- zuq, eben dort, wo die Newa sich in große und kleine gabelt, erinnert mit dem bedeutenden, aus Börse und monumentalen Uferbauten entstandenen Architekturbilde an den Jnselkopf in Venedig, auf den man von der Piazzetta aus blickt. Auch an London muß man in :ßeter5burg denken wegen der Breite des Stromes, wegen des Hofens in der ^tug- mündung und des Schiffverkehrs und wegen der berüchtigten steter-
Pauls-Feftung (auf einer von der Insel Petersburgskaja anscheinend künstlich abgegliederten Insel), die das finstere Bild des Towers heraufruft. An Paris mag man denken, wenn man von den Brücken oder Inseln auf das Ufer der südlichen Halbinsel zurückblickt und dort das gewaltige Winterpalais liegen sieht wie in Paris den Louvre, und an Florenz angesichts der vielen, vielen Paläste und ösfentlichen Bauten hier längs der Newa wie dort längs dem Arno. An Rom denkt der in Rom wirklich Heimische noch insbesondere, wenn er in den Außenvierteln mit riesigen Mietkasernen (in denen Romane Dostojewskis spielen) das Unharmonische, Unbefriedigende, Abstoßende an Schmutz, schlechtem Pflaster, ungenügender Kanalisation und barbarischer moderner Stadtbauerei mit in Bild und Erlebnis aufnehmen muß: draußen in Alexandrowskaja mit den Bahnhöfen, Kasernen, Krankenhäusern, Kirchhöfen, und in Roshdestwenskaja, wo in Schutt und Verkommenheit das ehrwürdige Alexander-Newski-Klofter und das fabelhafte Smolnykloster liegen, mußte ich oft an das römische Marsfeld uni) die Stadtviertel vor Porta Popolo oder die Gegend um den Scherbenhügel denken.
Nun glaube man aber nicht, daß diese Erinnerungen an Amsterdam, Venedig u. a. geweckt werden, um von ihnen für das Bild Petersburgs zu leihen, wie es in den albernen Benennungen Jsarathen, Elbflorenz, sächsische, märkische, buxtehudische Schweiz geschieht. Nicht Wertbilder, nur Stoffbilder sollen daher geliehen werden, weil europäische Leser diese Städte kennen und fast jeder mindestens eine von ihnen gesehen hat. Petersburg bedarf der Stützung seines Ansehens nicht, es ist durchaus trotz gewissen Anklängen etwas Eigenes und, was Einheitlichkeit des Architekturbildes angeht, ohne Vergleich. Hier bauten mächtige Kaiser eines großen und reichen Landes, bauten aufwändig und rücksichtslos, wurden nicht beschränkt durch geschichtliche stadtgeographische Begebenheiten, bauten, wo ein Nichts gewesen war, ein Vielfältiges und Großes, bauten über eine kurze Zeitspanne hin. 100 bis 150 Jahre, vom Anfang des 18. bis gegen Mitte des 19. Jahrhunderts, so daß es kein Altertum gibt wie in Rom, keine Gotik wie in Paris, kein« Renaissance wie in Florenz, sondern nur Barock und Klassizismus, namentlich Klassizismus. Es bauten die Kaiser Schlösser für sich und Schlösser für ihre Günstlinge und Mätressen, die Kaiserinnen Schlösser für sich und für ihre Liebhaber, und beide Kirchen für das Volk, es baute der Hofadel, gern oder gezwungen, es baute der Staat, kurz Petersburg muß von Hammer und Kelle 150 Jahre lang geklungen haben nicht weniger als das Rom der Päpste und ihrer Nepoten. Architekturräume von solcher geschlossener Einheitlichkeit und maßstäblichen Weitgriffigkeit wie der gewaltige Platz zwischen dem Winterpalais und der riesigen Fassadenapsis der Ministerien, dazu alle Gebäude am Platze einfarbig dunkelrot gestrichen, dürfte es in der Welt selten geben. Üeberhaupt die Farbe! Im Süden, in den Mittelmeerländern, malt man die Bauten farbig an — müßte man es nicht viel mehr in den nebelgrauen Nordländern tun? Erzwingen, was die Natur vorenthält? Gottseidank, heute beginnt man es in unseren graulangweiligen Städten zu tun. Petersburg ist fertig. Und wie diskret find doch die Farben! Die Erdgefchoßfockel der meist in palladianischem Stile zweigeschossigen Monumentalbauten — auf das Erdgeschoß als Sockel ist die zwei oder drei Geschosse übergreifende vollrunde, halbrunde oder auch blinde Säulenarchitektur gestellt — ockergelb oder weiß, die Säulen und alles architektonische Werk der Obergeschosse weiß und die Hintergründe der Säulenarchitektur und die Langmauern der neutralen Fassadenteile gelb oder lichtblau: nichts Vornehmeres und zugleich Freudigeres zu denken.
Wie die russischen Kaiser ihre Paläste und Staatsbauten, so baute der Adel seine Stadthäuser, übrigens nicht nur in Petersburg, auch in den Landstädten des russischen Reiches, z. B. in der ärchitekturschönen Kleinstadt Mitau in Kurland. Ich habe viel Architektur in Europa und Umgegend gesehen und weiß sie zu schätzen — ich glaube, ich habe nie so in Architektur geschwelgt wie in Petersburg, trotz den rheinisch- romanischen, trotz den französisch-gotischen, trotz den römisch-barocken, trotz den byzantinischen Kirchen und arabischen Moscheen. Aber auch Begeisterung soll mich nicht ungerecht machen, und ich muß zugeben, daß diese Architektur vielleicht ein wenig simpel ist, ein bißchen schnell zusammengefügt und derb und gar ein wenig handwerklich roh in den Einzelheiten, in Profilen und Konsolen, im Ornamentalen und Figürlichen. Aber hier ist Architektur wirklich einmal Stadt und — man möchte wegen des Zusammenspieles von Flüssen und Plätzen, von Straßen und Kanälen fast sogen — Landschaft geworden. Nicht die individuelle architektonische Schönheit zeichnet Petersburg aus, sondern der große Wurf in Stadt wie in Bau, der Reichtum an Individuen innerhalb dieser einen Welt architektonischer Vorstellungen, russische Fülle und Großartigkeit auch hier. Man gehe nach Petersburg! (Wenn die Räteregierung einen hereinläßt!)


