Jetzt saßen die viere an der nicht überladenen, aber ausgesuchten Tafel. Während des ersten leichten Gespräches besah sich der Herzog insgeheim seine Gäste. Keine Gesichter konnten unähnlicher sein als diese dreie. Den häßlichen Kops und die grotesken Züge seines Kanzlers freilich wußte er auswendig, aber es fiel ihm auf, wie ruhelos dieser heute die feurigen Augen rollte und wie über der dreisten Stirn das pechschwarze Kraushaar sich zu sträuben schien. Daneben hob sich das Haupt Guicciardins durch männlichen Bau und einen republikanisch stolzen Ausdruck sehr edel ab. Der Venezianer endlich war eines schönen Mannes Bild mit einem vollen weichen Haar, leise spottenden Augen und einem liebenswürdigen, verräterischen Lächeln. Auch in der Farbe unterschieden sich die drei Angesichter. Die des Kanzlers war olivenbraun, der Venezianer besaß die durchsichtige Blässe der Lagunenbewohner, und Guicciardin sah so gelb und gallig aus, daß der Herzog sich bewogen fühlte, .ihn nach seiner Gesundheit zu fragen.
„Hoheit, ich litt an der Gelbsucht", versetzte der Florentiner kurz. „Die Galle ist mir ausgetreten, und das ist nicht zum Verwundern, wenn man weiß, daß mich die Heiligkeit in ihre Legationen versendet hat, um dieselben zu einem ordentlichen Staate einzurichten. Nichts mehr davon, sonst packt mich das Fieber, trotz der gesunden Luft von Mailand und den guten deutschen Nachrichten." Er wies eine süße Schüssel zurück und bereitete sich mit mehr Essig als Del einen Gurkensalat.
„Nachrichten aus Deutschland?" fragte der Kanzler.
„Nun ja, Morone. Ich habe Briefe von kundiger Hand. Die Mordbauern sind zu Paaren getrieben und — das Schönste — Fra Martino selbst ist mit Schrift und Wort gewaltig gegen sie ausgetreten. Das freut mich und läßt mich an seine Sendung glauben. Senn, Herrschaften, ein weltbewegender Mensch hat zwei Aernter: er vollzieht, was die Zeit fordert, dann aber — und das ist fein schwereres Amt — steht er wie ein Gigant gegen den aufipritzenden Gischt des Jahrhunderts und schleudert hinter sich die aufgeregten Narren und bösen Buben, die mittun wollen, das gerechte Werk übertreibend und schändend." ।
Der Herzog war ein wenig enttäuscht, denn er liebte Krieg und Aufruhr, wenn sie jenseits der Berge wüteten und seine Einbildungskraft beschäftigten, während er selbst außer Gefahr stand. Der Kanzler aber . tat einen Seufzer und sagte mit einem wahren menschlichen Gefühle: ! ,Ln Germanien mag nun viel Grausames geschehen."
„Tut mir Leid", versetzte der Florentiner, „doch ich behalte das Ganze im Auge. Jetzt, nach Bändigung der trotzigen Ritter und der rebellischen j Bauern, führen die Fürsten. Die Reformation, oder wie ihr es nennen wollet, ist gerettet."
„Und Ihr seid ein Republikaner?" stichelte der Kanzler.
„Nicht in Deutschland."
Auch der schöne Lälius gönnte sich einen Scherz. „Und Ihr dienet dem ' Heiligen Vater, Guicciardin?" lispelte er.
Dieser, dem das süßliche Lächeln widerstand und den seine Gelbsucht reizbar machte, antwortete freimütig: „Jawohl, Herrlichkeit, zur Strafe meiner Sünden! Der Papst ist ein Medici, und diesem Hause ist Florenz verfallen. Ich aber will nicht aus meiner Vaterstadt vertrieben werden, denn flüchtig sein ist das schlimmst« Los und gegen feine Heimat zu Felde liegen das größte Verbrechen. Der Heilige Vater weiß, wer ich bin, und nimmt mich nicht anders, als ich bin. Ich diene ihm, und er hat nicht über mich zu klagen. Aber ich laste mir nicht das Maul verbinden, und so sei es mit Wonne ausgesprochen unter uns Wissenden: Fra Martino hat eine gerecht« Sache, und sie wird sich behaupten." s
Dem Herzog machte es Spaß, und er empfand eine Schadenfreude, es zu erleben, wie der große germanische Ketzer von einem Sachwalter des Heiligen Vaters verherrlicht wurde. Freilich überlief ihn eine Gänsehaut, daß solches in feiner Gegenwart und in feinem Paläste geschehe. Er winkle die Diener weg, welche eben die Früchte aufgesetzt hatten und der spannenden Unterhaltung ihre stille Aufmerksamkeit widmeten.
Jetzt forderte Morone, der sich auf seinem Stuhle hin und her geworfen, mit flammenden Augen den Florentiner auf: „Ihr seid ein Staatsmann, Guicciardin, und auch ich piusche ins Handwerk. Wohlan, begrün- ; bet Eure merkwürdigen Sätze: Bruder Martinus tut ein gerechtes Werk, I und dieses Werk wird gelingen und dauern."
Guicciardin leerte ruhig feinen Becher, während der schöne Lälius ein Zuckerbrot zerbröckelte, der Herzog nach feiner Art sich im Sessel gleiten ließ und Morone begeistert von dem feinigen aufsprang.
„Nicht wahr, Herrschaften", begann der Florentiner, „kein Kind, kein Tor würde es ertragen, wenn ein Ding vorgeben wollte, dasselbe Ding geblieben zu fein, nachdem es sich in fein Gegenteil verwandelt hätte, zum Beispiel das Lamm in den Wolf, oder ein Engel in einen Teufel. Wie ' wir nun in unferm gebildeten Italien von der heiligen Gestalt denken mögen, die sich in den Päpsten fortsetzt, eines ist nicht zu leugnen: daß sie nur Gutes und Schönes gewollt hat. Und ihre Nachfolger, die das Werk und Amt des Nazareners übernommen haben — sehet nur die viere der Wende des Jahrhunderts! Da ist der Verschwörer, der unfern gütigen Julian gemeuchelt hat! Dann kommt der schamlose Verkäufer der göttlichen Vergebung! Nach ihm der Mörder, jener unheimliche zärtliche Familienvater! Keine Fabelgestalten, sondern Ungeheuer von Fleisch und Blut, in kolossalen Verhältnissen vor dem Auge der Gegenwart stehend! Und der vierte, den ich von jenen trenne: unser großer Julius, ein Heros, der Gott Mars, aber ein Gegensatz noch schreiender als jene dreie zu dem fanftmütigen Friedestister! Viermal nacheinander dieser Widerspruch, bas ist ein Hohn gegen die menschliche Vernunft. Es nimmt ein Ende: entweder verschwindet jene erste himmlische Gestalt in dieser dampsenden Hölle und flammenden Waffenschmiede, ober Bruder Martinus lost sie mit einem scharfen Schnitt von solchen Nachfolgern und Amtsbrüdern."
„Das ist lustig", meinte der Herzog, während der Kanzler wie besesten In die Hände klatschte.
„Eine Predigt Savonarolas", ließ sich der schone Lelio oemehmen, ein Gähnen verwindend. „Wenn wir Fra Martino in Venedig hätten, so konnten wir ihn zügeln und sachdienlich verwenden. Aber seinem ger
manischen Trotzkopf überlasten, wird er, fürcht' ich, über kurz oder lang dem andern auf den Scheiterhaufen folgen."
„Nein", versetzte Guicciardin heiter, „seine braven deutschen Fürsten werden ihr Schwert vor ihn halten und ihn schützen."
„Doch oer schützt feine Fürsten?" spottete der Venezianer.
Guicciardin schlug eine fröhliche Lache auf. „Der Heilige Vater", sagte er. „Sehet, Herrschaften, bas ist eine jener verdammt seinen Zwickmühlen, wie sie der Zufall oder ein Besserer in der Weltgeschichte anlegt. Seit unsere Päpste sich verweltlicht haben und einen Staat in Italien besitzen, ist ihnen das kleine Zepter teurer als der lange Hirtenstab. Ist nicht, diesem Zepter zuliebe, unser Clemens im Begriff, dem frommgläubigen Kaiser förmlich den Krieg zu erklären? Einem Heiligen Vater aber, der mit Kanonen auf ihn schießt, wird Karl kaum den Gefallen tun, feine töpfern germanischen Landsknechte in die Kirche zurückzuzwingen. Und umgekehrt: wenn die ketzerischen deutschen Fürsten gegen die Kaiserliche Majestät sich empören und Panier aufwerfen, wird der Heilige Vater nicht ihre Seele vorläufig in Ruhe lassen und sich heimlich ihrer Waffen bedienen? Unterdessen aber wächst der Baum und streckt seine Wurzeln."
Jetzt wurde der Herzog unruhig. Es kam die angenehme Stunde seines Tagewerkes, in welcher er seine Hunde und Falken mit eigenen Händen fütterte. „Herrschaften", sagt« er, „mich würde dieser germanische Mönch nicht verführen. Man hat mir sein Bildnis gezeigt: ein plumper Bauernkopf, ohne Hals, tief in den Schultern. Und feine Gönner, die faxonifchen Fürsten — Bierfäßer!"
Guicciardin zerdrückte den feinen Kelch in der Hand und einen Fluch zwischen den Zähnen. „Es ist schwül hier im Saale", entschuldigte er sich, und gleich hob der Herzog die Tafel auf. „Wir wollen frische Luft schöpfen", meinter er. „Auf Wiedersehen, Herrschaften, nach Sonnenuntergang, im grünen Kabinette."
Er verließ das Zimmer, um dem Venezianer, an welchem er ein Wohlgefallen sand, feine Gebäude, Terrassen und Gärten zu zeigen. Cs waren noch jene unvergleichlichen Anlagen, welche der letzte Visconte gebaut und mit feinem gespenstischen Treiben erfüllt hatte, die Heber* bleibsel jener „Burg des Glücks", wo er, wie ein scheuer Dämon in feinem Zaud erschlösse, Italien mit vollendeter Kunst regierte, und aus welcher er seine Günstlinge, sobald sie erkrankten, wegtragen ließ, damit niemals der Tod an diese Marmorpforten klopfe.
Ein guter Teil der alten Pracht war verfallen, oder zertreten und verschüttet durch den Krieg und die neu aufgeworfenen Bollwerke. Immerhin blieb noch genug übrig für die si^neichelnde Bewunderung des schönen Lälius, und Franz Sforza verlebte ein paar hübsch« Stunden. Nur ba sie eine Reitbahn betraten, welche ber Bourbone während seiner mailändischen Statthalterschaft errichtet, verschatteten sich die fürstlichen Züge, um sich dann aber gleich wieder zu erheitern. Er hatte das schallende Gelächter Guicciardins vernommen und darauf diesen selbst erblickt, der sich in eine ländliche Veranda hemdärmelig mitten unter lombardische Stallknechte gesetzt hatte, mit ihren Karten spielte und einem herben Landweine zusprach. „Die Vergnügungen eines Republikaners", spottet« Franz Sforza. „Er erholt sich von seinem fürstlichen Umgänge." Der schöne Lelio lächelte zweideutig, und sie setzten ihren Lustwandel fort.
Der erste, welcher sich in dem moosgrünen Kabinett« einfand, wenn er es nicht etwa gleich nach aufgehobener Tafel betreten und nicht wieder verlassen hatte, war Girolamo Morone. Er stand vertieft in das Bild. Eine Weile mochte er bfe entzückten Augen an dem holdseligen Weibe geweidet haben, jetzt aber durchforschte er mit angestrengtem Blicke das Antlitz des Pescara, und was er aus den starken Zügen heraus ober in biefelben hinein las, gestaltet« sich in bem erregten Manne zu heftigen Gebärden und abgebrochenen Lauten. „Wie wirft du spielen, Pescara?" stammelte er, die schalkhafte Frage, die in Viktorias unschuldigem Auge lag, ingrimmig wiederholend und die pechschwarze Braue zusammenziehend.
Da erhielt er einen kräftigen Schlag auf die Schulter. „Verliebst bu bich in bie göttliche Viktoria, bu toumpf?" fragte ihn Guicciardin mit einem derben Gelächter.
„Spaß beiseite, Guicciardin, was denkst du von dem hier mit dem roten Wamse?" und der Kanzler wies aus den Feldherrn.
„Er sieht wie ein Henker."
„Nicht, Guicciardin. Ich meine: was sagst du zu diesen Zügen? Sind es die eines Italieners ober bie eines Spaniers?"
„(Eine schöne Mischung, Morone. Die Laster von beiden: falsch, grausam und geizig! So habe ich ihn erfahren, und du selbst, Kanzler, hast mir ihn so gezeichnet. Erinnere dich! in Rom, vor zwei Jahren, da der witzige Jakob uns zusammen über den Tiber setzte."
„Hab' ich? Dann war es der Irrtum eines momentanen Eindrucks. Menschen und Dinge wechseln."
„Die Dingk, ja; die Menschen, nein: sie verkleiden und spreizen sich> doch sie bleiben, wer sie sind. Nicht wahr, Hoheit?" Guicciardin wendete sich gegen den Herzog, welcher eben eintrat, und dem der Venezianer auf bem Fuße folgte.
Die vier grünen Schemel besetzten sich, unb bie Türen würben verboten. Das offene Fenster füllt« ein glühenber Abendhimmel.
„Herrschaften", begann der Herzog mit würdiger Mienex> „wie weit die Vollmachten?"
„Meine Bescheibenhett". sagte ber schön« Lälius, „ist beauftragt, abzuschließen."
„Die Weisheit des Heiligen Vaters", folgte Guicciarbin, „wünscht ebenfalls ein Ende. Die Liga war längerer der Liebling ihrer Gedanken: sie stellt sich, wie ihr gebührt, an die Spitze, mit Vorbehalt der schonenden Formen des höchsten Hirienamtes."
„Die Liga ist geschlossen!" rief der Herzog mutig. „Kanzler, statt« Bericht ab!"
(Fortsetzung folgt.)
QJeranttoortlicb: vr. HanSThyr io t. — Druck und DerlagiDrühlFch« Univ er sitätS^Duch» und St«indrucker«i.R. Lang«, Giehen.


