,üge der Dichterin und
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Beide, Herzog und Kanzler, erkannten ihn sogleich. Es war Pescara. Die Frau errieten sie mit Leichtigkeit. Wer war es, wenn nicht Viktoria Colonna das Weib des Pescara und die Perle Italiens? Sie konnten sich nicht von dem Bilde trennen. Sie fühlten, baß sein größter Reiz die hohe und zärtliche Liebe sei, welche die weichen Züge der Dichterin und die harten des Feldherrn in ein warmes Leben verschmolz, und nicht minder die Jugend der beiden, denn auch der benarbte und gebräunte Pescara erschien als ein heldenhaster Jüngling.
In der Tat, achtzehnjährig beide, waren sie miteinander an ben Altar aetreten, und sie hatten sich mit Leib und Seele Treue gehalten, ost und lang getrennt, sie bei der keuschen Ampel in Italiens große Dichter vertieft, er vor einem glimmenden Lagerfeuer über der Karte brütend, dann endlich wieder auf Ischia, dem Besitztum des Marchese, wie auf einer seligen Insel sich vereinigend. Solches wußte das sittenlose Italien und zweifelte nicht, sondern bewunderte mit einem Lächeln.
Auch die zwei vor dem Bilde Stehenden empfanden die Schönheit dieses Bundes der weiblichen Begeisterung mit der männlichen Selbstbeherrschung. Sie empfanden sie nicht mit der Seele, aber mit den seinen Fingerspitzen des Kunstgesühls. So wären sie noch lange gestanden, wenn nicht der Kammerherr untertänig gemahnt hätte, daß zwei Geladene im Vorzimmer des Eßsaales warteten. Durch ein paar ~uren wurde jenes erreicht und, nach einer kurzen Vorstellung der Gaste, dieser betreten.
schäft Kolchis — man kan nur ihren antiken Namen nennen, welk wir mit ihm soviel an landschaftlichen Klang und Vorstellungsinhalt ver- binden — wo die Argonauten das Vlies holten und die düstere Medea großen Sinnes lebte und liebte. Man kann sich freuen, wenn einem, wie uns, das Glück es fügt, daß man die Landschaft in dem ihr historisch eigenen Gewände vorsindet: in Wolken und Düsternis.
Und man kann sich freuen, wenn man jene andere, völlig exotische, zur eigentlichen russischen Landschast ganz und gar nicht gehörende, aber ihr der Vollständigkeit halber beizuzählende Landschast im äußersten Ostwinkel des Schwarzen Meeres, die von Batum, in der Erscheinung antrisst, die ursächlich zu ihr gehört: in strömendem Regen, den der Laie „tropisch" nennt. Aber eine ein wenig tropische Landschast ist sie, die politische, die unter den seuchten, vom Meere kommenden, vor dem Gebirge aufsteigenden und sich nah entladenden Westwinden liegt, immer grün und ewig lau, mit Lorbeer, Palmen, Eukalyptus, Rhododendron (einheimischem, eigen- örmigen „politischen" Rhododendron), Reis und Tee und vielen anderen uneckropäischeu, dort einheimischen oder zwanglos angesiedelten Pflanzen, genau das Klima und daher in etwa die Landschaft von Japan in einen Winkel Europas verschlagen.
Das ist in flüchtiger Skizze, roh und allgemein, das Ergebnis, wenn man dgs Unverhältnismäßige unternimmt, ein so ungeheures Land in dem Spiegel einiger weißer Blätter zu sammeln. Rur in großen Zügen richtig kann natürlich das Gesagte sein, und viele Abänderungen, Abwandlungen, Verwischungen oder Bereicherungen des Bildes der russischen Landschaft werden zugelassen.
Der Mensch aber, der die weiten Räume dieses Landes in der Kopfzahl von 131 Millionen (doppelt soviel als im kleinen Deutschland) und auf die Fläche umgerechnet von 27 auf den Geviertkilometer (fünfmal weniger als in Deutschland) bewohnt und unter der unwillkürlichen Einwirkung dieser Landschaft auf seine Seele in Jndividuumsleben und Geschlechtsvererbung steht, er hat, seine unbekannte Urveranlagung einmal unberücksichtigt gelassen, ohne Zweifel etwas von der Seele dieser Landschast angenommen: melancholisch und geduldig ist er (und in jähem Wechsel dazu und wie in Reaktion daraus auch plötzlich ausgelassen und heftig), gutmütig und hilfsbereit (und auch wieder brutal und grausam), nicht kleinlich gastfrei und große Art liebend, im ganzen einer der sympathischsten und liebenswertesten Menschen. Und auf nichts in seinem Wesen und in seiner Seele ist der Russe so stolz wie auf seine „breite Natur".
Oie Versuchung des Pescara.
Novelle von Conrad Ferdinand Meyer.
(Fortsetzung.)
Da ihm Marone das Geleite geben wollte, verfiel Bourbon in eine feiner tollen Launen und wies den Kanzler mit einer possenhaften Gebärde ab. „Adieu, Pantalon mon ami!“ rief er über die Schulter ^Marone geriet in Wut über diese Benennung, welche seiner Person allen Ernst und Wert abzusprechen schien, und entrüstet auf und nieder schreitend, verwickelte er sich mit den Füßen in den liegengebliebenen Mantel des Konnetabel; der junge Herzog aber hielt den Kanzler fest, hing sich ihm an den Arm und weinte: „Girolamo, ich habe ihn beobachte Er glaubt sich hier schon in dem ©einigen. Schließe ab! Heute noch! Sonst entthront mich dieser Teufel!"
Noch lag der hilflose Knabe in den Armen seines Kanzlers, als ein qreifer Kämmerer den Rücken vor ihm bog und feierlich das Wort sprach: Die Tafel der Hoheit ist gedeckt." Die beiden folgten ihm, der mit wichtiger Miene durch eine Reihe von Zimmern voranschritt. Eines derselben, ein Kabinett, das keinen eigenen Ausgang hatte, schien mit seiner Tapete von moosgrünem Samt und seinen vier gleichfarbigen Schemeln ein für trauliche Ätitteilungen bestimmter Schlupfwinkel zu sein. In (einer Mitte blieb der Herzog verwundert stehen, denn die Hinterwand des sonst leeren Raumes füllte jetzt ein Bild, das er nicht als sein Eigentum kannte. Es war heimlich in den Palast gekommen, eine ihm bereitete Ueberraschung, das Geschenk des Markgrafen von Mantua, wie auf dem Rahmen zu lesen stand. Der Herzog ergriff seinen Kanzler an der Hand, und beide Italiener näherten sich mit leisen Tritten und einer stillen, andächtigen Freude dem machtvollen Gemälde: aus einem weißen Marmortischchen (pielten Schach ein Mann und ein Weib in Lebensgroße. Dieses, ein helles und warmes Geschöpf in fürstlichen Gewändern, berührte mit zögerndem Finger die Königin und forschte zugleich verstohlenen Blickes in der Miene des Mitspielers, der, ein Krieger von ernsten und durchgearbeiteten Zügen, in dem streng gesenkten Mundwinkel em Lächeln
dieses bespüle und unterwasche und so !m Lause langer Zetten ein steiles unb hohes rechtes, ein flaches niedriges linkes Ufer erzeuge. Was nun auch der Grund [ein mag, die Erscheinung ist meistens oder sehr oft fest- zustcllen. Wenn man auf dem hohen Dnjeprufer bei Kijew steht und über den breiten Strom in die weite Ebene der kleinrussischen Wälder hinblickt, wenn man vom hohen Bergufer der Wolga, das bis zur Höhe der höchsten Erhebung der russischen Tafel in Waldai ansteigt, den Blick über das majestätische Wasser aus die Steppe des Wiesenusers gerichtet, über echte Steppe von wilden und künstlichen Fruchtgräsern, so dienen diese Höhen dem Erlebnis von Weite; denn von ihnen aus kann man ein großes Stück der Ebene überschauen und kann sogar — in der reinen Lust — um ein Beträchtliches über den normalen Horizontkreis und die gewöhnliche Kimmlinie hinausschauen.
Das Erlebnis der Ebene selbst aber hat man am reinsten und stärksten In der rechten echten Steppe, nördlich vom Kaukasus, zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meer, in der Kubansteppe, wo die Kalmücken wohnen. Das Land ist ganz flach gebuckelt, nur ein geübtes Auge erkennt die Bewegung. Es erscheint ein Wasserlauf mit dem, im Spätsommer, der Zeit der größten Hitze und Dürre, trägen Bäche und niedrigen Ufern, wo der gelbe Löß, der als Windfracht die Landschaft aufbaute, sichtbar wird — da liegt in einer Mulde ein Dorf! Es ist nicht zu leugnen: ein Dorf aus grauen Lehmhäusern, wie alle Dörfer in Rußland sich ankündigend durch ein ringsum aufgebautes Vordorf von bohen Heumieten, einige hellgrüne Pappeln stehen in der Nähe. Dann wieder Telegraphenstangen und Telegraphenstangen, von einem Uebergangspuntte des Bahngleises aus strahlen natürliche, ungepflegte, unter dem Schritt von Reitern und Trampeltieren rauchende Wege nach drei Seiten aus; wieder ein Dorf nach einer halben Stunde noch ein Dorf: Die Häuser sind grau, stehen in viereckigen Inseln, haben reichen Hosraum und schmiegen sich ziemlich stach an die Erde, die Straßen sind breit und rauchen vom Staub. Und so geht es fort, tagelang, und höchstens einmal erregt und narrt einen eine Lufspiegelung, die eine Wasserfläche des Dons mit Schiffen darauf über den tiefen Horizont heraufbringt.
Nach Norden in einem breiteren Gürtel, der auf die mittlere Wolga stößt und sie überguert, ein ungeheures Ackerland, auch (leicht gewellte) unabsehbare Ebene, das Gebiet der vorn natürlichen Humus der Kräuter zahlloser vormenschlicher Steppenjahre auf den Lößebenen „schwarzen" Erde. Die Dörfer werden stattlicher, bas Vordorf der Strohmieten höher und tiefer, das Land volkreicher, ab und zu überragt die grüne Kuppel einer weihen russischen Kirche das graue Einerlei der Behausungen, und das ist dann ein „Sselo" ein Kirchdorf. Aber Eintönigkeit und Einsamkeit überlagern majestätisch bas Lanb unter einem blauen, weit gespannten, von Falken burchschrienen, von Ablern still befahrenen Himmel.
Unb in Inseln unb wie ausschwärmenben Vorposten eines grünen geschlossenen Heeres im Narben, bes Walbes, erscheinen auch schon Gebüsche. Der Walb rückt in größeren Abteilungen vor, wir finb in ber Geaenb von Moskau. Die Dörfer werben stattlich, bie Verbrauchskraft einer Weitstabt brückt sich lanbschaftlich als gewisser bäuerlicher Wohlstanb aus, bas gediegene Holzhaus beherrscht das Aussehen des Dorfes.
Indem der Wald stärker vorrückt, bekommt die bäuerliche Landschaft etwas von dem, was wir koloniale Landschaft nennen würden: die Ackerflächen sind oft genutzt, wie sie oorgefunben würben, in bie örtlichen Gelänbegegebenheiten gefügt, mit krummen ober oft unfesten unbestimmten Rainen. Zungeartig leckt in bas Kulturgelänbe ein ungepflegter Nabel- unb ßaubroalb hinein, meist aus Birken gebilbei (es fehlt in ganz Ruß- lanb bie Buche), aber man möchte saft lieber reben von Busch als von Walb. Als halbwilbe Lanbschast erscheint bann bie Natur.
Je weiter nach Narben, befto räumiger wird dieser Wald, ber in ben leeren, norbrussischen Provinzen, wo auch bie Seen, biefe Zeichen vereist gewesener Lanbschasten unb bie Sümpfe nicht fehlen Urwalbwesen an= nimmt. In ber Nähe ber großen Flüsse klingt bie Axt unb knirscht bie Säge Flöße werben nach ben baumlosen Lanbschasten bes Sübens slott- gemacht unb bie an sich schon selten ftvubige russische Lanbschast wirb in Nebel unb Regen vollenbs melancholisch. Im Innern biefer Wälber unb Sümpfe, bie hier unb ba von Menschen noch nicht betreten sein bürsten, tappt ber Bär unb schnürt ber Fuchs.
Ganz im Narben erniebrigen sich bie Wälber unb bunnen sich aus, eine neue Steppe schiebt sich hinaus gegen bas Eismeer, Steppe mebnger Kräuter über nie auftauenbem Boden, wo in einigen Fuß Tiefe immer Eis steht (wie Salz in ben süblichen Steppen um bie Kaspis), unb über dieser Tundra" wandern halbwilde Polarvölker im mückenreichen Sommer mit ihren Renntierherden und sausen im Winter über endlose Schneeflächen mit ihren renntierbespannten Schlitten.
So ist die russische Landschaft im großen ganzen eme Landschaft der Ebene. Seelandschasten finden sich gegen das Baltische Meer hm, aber von Gebirgslandschaften ist in Rußland wenig die Rede. Der Ural erhebt sich im Osten, schmal, waldig und ziemlich flach> mit runden Hohen, mit Landschaftsbildern nicht unähnlich denen unserer Mittelgebirge, des Riesengebirges oder Bayrischen Waldes, düster und melancholisch Im äußersten Süden aber damit auch das nicht fehle, ist, zum eigentlichen Rußland nicht mehr, 'nur politisch zu ihm gehörend, das baumarme, schuttreiche kahle, braune, weiß überfirnte Hochgebirge des Kaukasus an die russische Landmasse und -täfel gerückt, das höher als die Alpen, aber mch.mehr als diese vergletschert (und viel weniger vergletschert gewesen) und nament- lich weniger verbaumt, ohne Seen und das viele sprühendeAlp nwasier den melancholischen landschaftlichen Ernst Rußlands ins landschaftlich Cr_ habene hinübergewandelt zeigt. Der Kaukasus ist f plm mut
Gebirge das der Wohlhabende, der ewigen Ebene und ihrer Schwermut '"^ha® if“ Steine große, völlig ebene Halbinsel mit Viehweiden und Salzsteppen, aber im ©üben ist "emes Gebirge^er Ebene angebogen von ber farbigen Nacktheit unb ben H f „ - der Gebirge bes Mittelmeeres, unb Mittelmeerlandschaft nut Lorbeer un- allem immergrünen Zubehör stellt sich unter hm an ber Subsette e n. Etwas weiter gegen ben Kaukasus hm aber,..unter nnwn
ben Schneehäuptern unb ben hier bunfelgrunen Hangen liegt bte lanD


