Ausgabe 
2.1.1931
 
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Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger

Jahrgang |95l

Freitag, den 2. Januar

Nummer \

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Am Fenster

len. Sie war stolz, daß die auch lange gedauert hatte.

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Da stand diese auf, setzte die Schüssel beiseite und ließ die Schalen, die ihr auf der Schürze gelegen, zu Boden fallen. Sie war stolz, datz die

Neujahr.

Von Conrad Ferdinand Meyer.

In den Lüfen schwellendes Gedröhne

Leicht wie Halme beugt der Wind die Töne:

Leis' verhallen, die zum ersten riefen, Neu Geläute hebt sich aus den Tiefen.

Große Heere, nicht ein einzler Ruferi Wohllaut flutet ohne Strand und Ufer.

Lucia.

Erzählung von Ernst Zahn.

1.

des Dritteklassewagens saß ein kleines Mädchen und

f der Schürze gelegen, zu Boden sal..

Padrona der Lucia zu Besuch kam, wenn es <.~.v bis sie sich zu einer Begrüßung bequemte. Sie sagte auch zu Giorgina, was für eine Ehre es für Lucia sei und fragte, ob die Eltern gesund seien. Es sei gewiß immer viel zu tun in der Wirtschaft, fuhr sie fort. Sie wisse es von Lucia, welch eine Goldgrube der Vater habe. Durch ihr von Natur aus mürrisches und wortkarges Wesen brach angesichts des ihrer Armut bedeutungsvollen Besuchs eine eifrige Liebenswürdigkeit. Lucia gegenüber aber blieb sie kurz angebunden und verdrossen, so daß Giorgina fast er schrak und mehrmals verstohlen nach der häßlichen Alten blickte.

Diese hieß die Enkelin den Kaffee vom Herde nehmen und Tassen auf­setzen.Spute dich", fuhr sie sie an.

Bald saßen die zwei Mädchen am Tisch.

schaute in die Landschaft hinaus, durch die der Zug fuhr. Zwar sah die kleine Lucia nicht, wie schön dieses Land war, nach dem die Fremden aller Länder pilgerten. Aber ihr Herz freute sich doch, und ihre Augen staunten, ohne es zu wissen, über das Leuchten, das vom Grün der Berg- Hänge und Talwiesen und dem brennenden Blau des Himmels ausging, über die Macht dieser zwei Farben, gegen die weder das Staubgrau der Straßen noch das Silberweiß der Wasserfälle aufkam, und die an den Kämmen der Berge in einer dustigseinen Grenzlinie geschieden waren. Lucia freute sich mit einer so großen Freude, daß sie äufhörte, mit der blonden Giorgina zu päppeln, die ihr gegenüber sah. Es war aber auch viel der Lust auf einmal. Wenn man bedachte, daß es jetzt in die Ferien heim ging nach Marogno di Sopra zur 'Jionci, daß man ein paar Wochen lang nicht in der Trattoria des Giorgio Bianchi zu Bellenz Böden zu kehren, Gläser zu waschen und Fenster zu putzen brauchte, daß die Giorgina mitkam, des Bianchi Tochter, mit der die Lucia sich so wohl vertrug, und daß Santa Marin jetzt konnte man schon bald die karge Alpe sehen, wo über dem Dorse Marco die Schafe und Ziegen weidete. Marco! Marco! Die kleine Lucia jubelte nicht, ober es schwindelte ihr. Ob es vom ungewohnten Eisenbahnfähren kam oder vom langen in die Luft staunen? Sicher aber hatte Marco daran teil; denn es durch­fuhr das Mädchen heiß und kalt, wenn sie an ihn dachte. An ihn nicht zu denken war jedoch hier, wo er zu Hause war, schwer.

Lucia war übrigens kein Kind mehr, obschon ihre kurzen Beine nicht von der Sitzbank auf den Boden reichten. Sie zählte achtzehn Jahre, ge­nau wie die Giorgina, die Wirtstochter. Im Rahmen des Fensters war ihr Gesicht mit seiner braunen Farbe, seinen pflaumenblauen Augen und seinem in natürlichen Ringeln den Kopf umstehenden blonden Haar ein Bild für einen Maler. Nur durfte er die Lucia nicht aufstehen heißen, denn der Körper stand unterm Kopf wie etwas, das nicht dazu gehörte. Er war klein und gedrungen, hatte kurze, etwas krumme Beine und ebenso kurze Arme. Lucia wußte, daß sie nicht gewachsen war wie andere Leute; aber es hatte ihr bisher nicht viel Eindruck gemacht. Sie war von Bianchi und feinen Gästen dann und wann bewitzelt worden. Auch auf der Straße hatte sie jüngst einmal hinter sich zwei junge Burschen kichern gehört, sie sei wie eine wandernde Zwiebel; aber es hatte sie nicht weiter bemüht. Im Grunde waren auch alle Leute freundlich mit Ihr und be­sonders die Giorgina eine rechte Freundin. Und die Giorgina war doch ein Prachtsmädchen, obwohl sie so gern nach den Männern sah. Sie trug sich sehr ausgeputzt, weiße Strümpfe, weiße Schuhe, ein weißes Kleid, auf dem das röte Korallenkettlein am Halse wie Blutstropfen schimmerte. Sie rutschte immer auf ihrem Sitz; denn es lebte alles an ihr, aber jede Bewegung war voll angeborener Anmut. Sie hatte aschblondes Haar und weiche, etwas verschwommene Züge, deren Haut so glatt war, daß mein versucht wurde, mit dem Finger daran zu tupfen. Vor allem aber hatte fic die merkwürdigen Augen. Sie waren blaßblau, aber sie schienen fast blond wie das Haar und so merkwürdig samthast; man fühlte sich wie gestreichelt, wenn sie einen anschauten.

Jetzt sind wir bann da", jagte Giorgina ausseufzend. Die Zeit war ihr lang geworden, und sie war es müde, dem jungen Signore, der auf der Lank schräg gegenüber saß und sie seit einer Stunde angaffte, Augen zu machen. ,

Das Wort weckte Lucia.Ja", gab sie zurück. Ihr Herz klopfte. Und plötzlich entfesselte sich die Flut ihrer Rede wieder. Ja, ja doch, dort sehe man ja schon Marogno. Die Kirche! Ob das nicht eine wundervolle Kirche sei für ein so kleines Dorf? Und die Brücke über die Moscia. Ob Giorgina sehe, wie sich das in hohem Bogen schwinge. Und dort, dort liege auch Marogno di Sopra zwischen den Kastanien.

Giorgina lächelte. Sie wußte eigentlich nicht so recht, warum sie sich entschlossen, mit der kleinen Magd hierher zu kommen, und erroartete Nicht viel von ihrem Aufenthalt. Ein wenig reute sie die Fahri schon;

denn es schien ihr gar zu still in der Gegend. Aber sie liebte Lucia, well sie anhänglich und dienstfertig und drollig war, weil man über sie lachen und sie verspotten konnte, ohne daß sie böse wurde, und dann hakte der Doktor Tognola, der mit ihrem Vater befreundet war, diesem geraten, sie in die Berge zu schicken, weil sie bleichsüchtig sei.

Die Nona ist etwas sonderbar, du mußt nicht erschrecken", sagte jetzt Lucia nach einem Augenblick plötzlichen und ängstlichen Ueberlcgens. Es schien ihr wichtig, Giorgina noch vorzubereiten, da die Lokomotive jetzt der Station Marogno entgegenpfiff.

Gleich darauf hielt der Zug.

Die beiden Mädchen fliegen aus. Sie schritten, die Giorgina im weißen Schlemmerfchuhwerk, die Lucia auf ihren klappernden Holzpan töffelchen die Straße entlang und über die schlanke, hohe Brücke. Die Lucia grüßte und erwiderte Grüße, die Ihr von ihnen begegnenden ober unter Haustüren stehenben Frauen geboten würben. Giorgina schaute etwas sremd umher. Männer waren nur ganz wenige sichtbar; benn aus Marogno zog über Sommer bie ganze männliche Bevölkerung als Maurer, Kastanienverkäufer ober Früchtehänbler in bie Stäbte bes Nar­bens hinaus.

Bald lag bas Dorf hinter ihnen. Auf einem schmalen, ber Moscia zu Seiten durch Wiesen und Weinreben hinsührenden Sträßlein stiegen sie ÜDlarogno bi Sopra entgegen.

Giorgina hob bie feine Nase; bie Ortschaft leuchtete ihr nicht recht ein. Sie lag wie ausgeftorben ba unb war mehr ein Steinhaufen benn ein Dorf. Alle Häuser waren klein, aus rohem, unverputztem Mauerwerk aufgerichtet, auch bie Dächer mit einer Art von bünnen Steinplatten be- beckt. Man sah kein Holzwerk, bas Wärme unb Wohnlichkeit gegeben hätte. Nur ein grüner Baum ba unb bort, ein Holunberftraiich brachten Abwechslung in bas nackte Grau ber Mauerhaufen. Beim Näherkommen bemerkte bann allerbings Giorgina, baß es hier ebenso wie in Bellenz kleine Höfe, versteckte Loggien unb winzige verwilberte Gärten gab, um beren Steinbaiustraben unb rohe Süulenpsosten sich Rosen schlangen, Rosen, bie üppig blühten, obgleich feine Hand sich um sie mühte.

Die zwei Mädchen waren schweigend unb febes mit seinen Gebanken beschäftigt dahingegangen. Die Lucia trug nicht nur ihr Bünbel, fonbern auch noch ben schweren Handkoffer ber Giorgina. Niemanb regte sich im Orte. Kein Hund bellte. Nur ein weißes Huhn schlüpfte irgenbroo burch ein Gesträuch. Lucia stapste voraus in bie Dorfgasse, ihre Holzschuhe trommelten hell auf ben runben Steinen. Es war eng unb heiß in ber Straße und dunkel. Giorgina dachte, sie würde bald wieder Heimreisen. Aber bann tat ihr bie kleine Lucia leib, bie sichtlich stolz war, Heimzu­kommen.

Ecco", sagte Lucia jetzt und blieb, wo die Gasse am engsten war, vor einer Hausöffnung stehen, in der keine Tür hing unb die infolgedessen etwas Gähnendes und Kellerhaftes bekam.

Giorgina unterschied aber, als sie in ben bunkien Gang traten, im Hiniergrunb eine versallenbe, ausgetretene Steintreppe.

Nona, guten Tag!" fang Lucia bie Treppe hinauf. Sie fang wirklich; benn sie war jetzt so glücklich, baß ihr ein bloßer Ruf nicht genügte.

Nichts antwortete. Aber Lucia kannte bie Großmutter unb steuerte auf bie Küche zu.

Auch hier nur ein Loch, keine Tür, und Rauchluft und schwarze Wände, so daß man zuerst nichts unterschied.

Buon giorno", wiederholte Lucia.

Ein unverständliches Murmeln kam als Antwort zurück. Auf einem Tabourett in der Nähe des verfallenen Herdes faß eine mittelgroße, hagere Frau mit kohlschwarzem Haar, ebensolchen Augen unb einem runzlichcn Gesicht mit verbrossenem Ausbruck. Sie hatte ein schwarzes Kleid an, dessen Farbe ins Altersgrüne stach, unb schälte Kartoffeln. Lucia legte ihr Bünbel auf einen nahen Tisch, stellte ben Hanbkosfer zu Boden und sagte zu Giorgina:Ecco la nona".

Giorgina war freundlichen Wesens. Sie lachte also die Alte an und wünschte ihr guten Tag.