Wunderbares im Ausdruck." Moys Schlosser spricht von „selbständiger, aus dem Innersten strömender Begeisterung". Beethoven ist Prospero, er beschwört die Geister „in den höchsten Höhen und tiessten Tiefen". Die Hörer schluchzen laut, so berichtet Czerny, und Reichardt vergießt heiße Tränen. Nicht ein Auge bleibt trocken.
Und wenn er geendet hat und die Tränen fluten sieht, zuckt er die Achseln und lacht dem gerührten Publikum schallend ins Gesicht: „Die Narren! Das sind keine Künstlernaturen. Künstler sind feurig, weinen nicht."
Auch von dieser Seite ist Beethoven wohl vielen unbekannt. Ihm traut man nicht zu, daß er Gefühlsäußerungen verachte. Die Eiche ist im Munde der Leute zur Trauerweide geworden. Weinen aber tut nur, wer ihm zuhört. Er weiß die innere Bewegung zu dämmen: „Keine Rührung mehr! Fest und mutig soll der Mensch in allen Dingen sein", sagt er einem Freunde beim Abschied. Er hat sogar einmal Goethe ermahnt, sich zusammenzunehmen.
Wenn er von dem inneren Sturm etwas in seine Musik hinüberbrausen läßt, so geschieht es mit Absicht; der Künstler bleibt Herr und läßt sich niemals fortreißen. Ist sonst er der Spielball der dunklen Mächte gewesen, jetzt sind sie dran. Er hält sie umklammert, er sieht ihnen ins Auge und lacht.
Alles bisher Gesagte schildert den Beethoven der Jahre um 1800, das Genie im Alter von dreißig Jahren. Gewaltige, zuweilen gewaltsame Züge verraten ein Uebermaß an Kraft — aber eben Kraft, ein unabsehbares inneres Meer, dessen Grenzen er nicht kennt. Dennoch ist die Gefahr groß, in Erfolg und Vermessenheit zu versanden. Haust Gott in ihm oder Luzifer?
„Gott" steht hier nicht als poetisches Gleichnis. Wo von Beethoven die Rede ist, muß von Gott die Rede fein. Gott ist ihm die allererste, die allerwirklichste Wirklichkeit. Das kehrt in seinen Gedankengängen immer wieder, mag er mit ihm umgehen wie mit seinesgleichen oder sich vor ihm beugen. Er herrscht ihn an als den Gefährten feines Alltags, er flucht ihm als seinem Tyrannen, er spürt ihn als ein Stück Selbst und als einen rauhen Freund, als den Vater mit der Zuchtrute, qui bene castigat — Johann van Beethovens Sohn hatte in feiner Jugend genugsam erfahren, was das heißt. Doch einerlei, in welcher Gestalt, der Widerpart läßt nicht von ihm ab, Tag und Nacht: er ist sein Hausgenosse, er wohnt mit ihm in einer Stube, er folgt ihm auf Schritt und Tritt. Die andern Freunde kommen und gehen, er ist immer da. Dafür wird ihm auch hart zugesetzt mit Klagen, Vorwürfen und Fragen. Beethovens Selbstgespräch ist immer Zwiegespräch. Ueberall, schon in den Frühwerken, finden sich solche Dialoge des gespalteten Ich, der Seelenzwillinge, die zueinander gehören und sich doch ewig bekriegen, hadernd, rechtend, eins dem andern verbunden in Haß und Liebe. Wir hören beide, aber die eine Stimme ist die Stimme des Herrn. Daran ist nicht zu deuteln.
Die Werke um die Jahrhundertwende sind die Kampfansage an ihn, der sich nicht ableugnen lassen will. Immer von neuem beginnt das Ringen, immer von neuem wird der Seele das Flammensiegel eingepreßt. Wann schlägt die Lohe gen Himmel? Die Zeit vergeht. Doch Flamme und Scheiterhaufen sind bereit und harren des Sturms.
Und er kommt.
Oer Mann in der Pastete.
Von Leo Matthias.
Er bereitete seinen Eltern gleich im ersten Augenblick dadurch große Sorge, daß die gesamte Aussteuer, die seine gute Mutter, Madame Ferry, für lhn gekauft hatte, mit keinem Stück paßte. So häufig man Nicolas Ferry auch maß, es ergab sich immer wieder, daß er nur knapp vierzehn Zentimeter lang war, und obgleich dies vollkommen unwahrscheinlich klingt, so ist es doch glücklicherweise durch einen Arzt bezeugt. Nicolas Ferry war von solcher Winzigkeit, daß er sogar die Hebamme, die eine züchtige Frau war, in Verlegenheit bringen konnte; denn wie sollte man den Neugeborenen seinen Verwandten zeigen, wenn er in jedem Hemd versank? Es blieb nichts anderes übrig, als ihn in ein Puppenhemd zu kleiden, und erst als dies geschehen war, präsentierte man ihn den Besuchern. Die Hebamme tat dies in der Weise, daß sie Nicolas in die linke geöffnete Hand legte, und da sie befürchten mußte, das Kind zu zerdrücken, wenn sie es mit den Fingern festhielt, so legte sie ihre Rechte wie eine Decke darüber.
Die Aufregung über das Wunder, das Mme. Ferry zur Welt gebracht hatte, erregte sämtliche Gemüter der lothringischen Stadt NovSant. Man diskutierte vor allem darüber, auf welche Weife der kleine Nicolas wohl zur Taufe gebracht werden würde; denn in einem Steckkissen konnte das unmöglich geschehen. Sämtliche Steckkissen waren für Nicolas Ferry drei- bis viermal zu groß, und man mußte damit rechnen, daß es in Anbetracht feiner Länge mißlingen konnte, ihn sofort wieder zu finden, falls er in einem unbewachten Augenblick zu tief in die Kissen rutschen sollte. Ein erbärmlicher Tod wäre bann unabwendbar gewesen. Mme. Ferry bangte um bas Leben ihres Sohnes. Aber da er um bes Heils seiner Seele willen getauft werden mußte, und sie andererseits nicht genug Geld besaß, um sich ein Taufsteckkissen nach Maß unfertigen zu lassen, so kaufte sie einen der großen Holzpantinen, die die französischen Bauern tragen, einen „sabot", und bettete Nicolas dahinein.
Ich weiß wiederum, daß bas sehr unwahrscheinlich klingt, aber glücklicherweise ist ber sabot aufbewahrt worden und noch heute im Museum von Metz — bas ganz in ber Nähe von Noveant liegt — zu sehen. Es ist baher aus diesen und anderen Gründen nicht möglich, an den Tatsachen zu zweifeln, zumal im weiteren Verfolg dieses kleinen Lebens ein König hinzukommt, ein richtiger König, mit Namen Stanislaus von Polen (der damals auch Herr von Lothringen war), und in dessen Briefen wird Nicolas häufig erwähnt. Stanislaus ist aber bis zu seinem Tckde vollkommen bei Sinnen gewesen.
Der große König hörte von ihm, als Nicolas sechs Jahre alt war, und zwar wurde ihm erzählt, daß Nicolas 50,8 Zentimeter messe und nur siebenundeinhalbes Pfund wiege.
Es war damals die Zeit ber Aufklärung, und ber große König glaubte
es daher nicht. Er wollte sich von diesem Gewicht mit eigenen Händen überzeugen.
In ber kleinen Stabt NovSant herrschte große Aufregung, als dieser Wunsch bes Königs bekannt würbe. Aber bie Aufregung am Hof war nicht geringer, und sie erreichte ihren Höhepunkt, als ber Vater des kleinen Nicolas, der sich Charles Perrault nannte, mit einem Korb am Arm im Audienzzimmer erschien.
„Wo hast du deinen Jungen gelassen?" fragte der große König.
Statt jeder Antwort lüftete Charles Perrault den Deckel, mit dem ber Korb verschlossen war. Unb alle Augen in bem Aubienzzimmer sahen nun, baß bann ein winziges Wesen lag.
Der große König war so entzückt, bah er Charles Perrault sofort vorschlug, Nicolas zu verkaufen, unb ba sein Vater keine Bebenken hatte, fein Produkt denen zu überlassen, die Zeit haben, sich mit Gottes Wunder zu beschäftigen, so kam Nicolas auf diese Weise nach Luneville.
Es ist überliefert, daß er ein hübsches Gesicht hatte, und daß feine Glieder sogar in einem richtigen Verhältnis zueinander standen. Der König machte jeden Besucher, dem er Nicolas zeigte, daraus aufmerksam, denn Stanislaus verstand sich auf Proportionen; unb ba Nicolas also alles mitmachte, was einen Höfling ziert, so mürbe im Geheimen Rat beschlossen, aus ihm einen großen Mann zu machen.
Aber bas hatte gewisse Schwierigkeiten. Man wollte sie sich zwar anfangs nicht eingestehen, unb versuchte bie Tatsachen zu vertuschen. Aber es blieb schließlich boch nicht zu leugnen, baß Nicolas neben ben körperlichen Vorzügen bie geistigen fehlten. Seine Ausbruckssähigkeit beschränkte sich auf bie kräftige Stimme eines neugeborenen Kinbes, unb wenn er Worte zusammenbrachte, so begannen sie alle mit b... Es blieb nichts anderes übrig, als sämtliche ehrgeizigen Pläne für seine Zukunft zu streichen. Man nannte ihn von nun ab nur noch B6b6.
Bebe hatte es in Luneville ganz gut. Stanislaus verwöhnte ihn und beschäftigte.sich sogar so sehr mit ihm, bah er eines Tages auf ben Einfall kam, ihn im Tanzen unterrichten zu lassen. Er ging babei von ber Voraussetzung aus, bah für biefe Kunst am wenigsten Gehirn benötigt werbe, unb ber Erfolg rechtfertigte auch bie Annahme. Bebe tanzte hervvr- ragenb, unb er verbankt vor allem biefer Kunst seine Unsterblichkeit. Er erlangte sie auf bem Umweg, baß er eines Tages als Tänzer in eine Pastete eingebacken würbe.
Es spielt sich alles so ab, wie es gebucht war. Als eines Abends ber ganze Hof bei einer Krebssuppe saß unb auf bie Pastete wartete, erschien sie plötzlich nicht nur in einer ungewöhnlich großen Form, fonbern es hob sich auch, als sie schließlich in ber Mitte bes Tisches ftanb, der Deckel, unb auf einer kleinen Leiter kletterte Bebe aus bem Hohlen Jnnen- raum über ben Teigranb. Man war von diesem Bild so entzückt, baß man applaubierte. Bede trug Ne Uniform ber Garbe bu Korps unb feine wohlproportionierten ©lieber tarnen in angenehmer Weife zur Geltung. Aber Stanislaus wäre kein großer König gewesen, wenn er es bei biefen Einfällen hätte bewenden lassen. Und in ber Tat hatte ber Witz auch erst begonnen. Das Eigentliche kam erst. Denn nachbem Bebe auf bas Tischtuch geklettert roa'r, zeigte er bork seine tänzerischen Talente, unb als man sich baran nach vielen Dakapos satt gesehen hatte, hörte er schließlich auf, sich als Tänzer zu probuzieren unb war von nun ab nur noch Offizier. Als solcher spazierte er in strammer Haltung an bem nördlichen Rand der Suppenteller vorbei bis zum äußersten Tischende, dorthin wo der König sah, präsentierte vor ihm unb spazierte auf ber anberen Seite, wieder an bem Ranb der Suppenteller vorbei, zur Pastete zurück. Hier hatte er Halt zu machen, unb tat bas auch.
Bevor er jeboch in biefer Stellung verblieb, kletterte er noch einmal in bie Pastete hinein unb holte eine kleine Kanone heraus. Es war nämlich ber Gebaute bes großen Königs gewesen, ber Pastete ben Rang einer Festung zu geben unb BöbS sollte die Aufgabe haben, seine Festung zu verteidigen. Zu biesem Zweck legte man neben bie Kanone einen Hausen Bonbons unb sämtliche Gäste erhielten auch einen solchen, mit der Aufgabe, Bebe nun zu bombarbieren.
Es war ein Geschieße, bas kein Enbe nehmen wollte, unb viele konnten vor Lachen nicht bas Ziel sehen. Auch fielen ihnen bie Bonbons bei ben Verkrümmungen häufig auf die Erde.
Selbstverständlich gelang es Bebä nicht, seine Festung zu halten. Die Geschosse häuften sich schließlich zu einer solchen Hohe, daß ihn ber Truchseß mit eigener Hanb aus bem Berg herausziehen mußte, weil sonst bie Gefahr beftanb, baß BLbe zwischen den Bonbons umkam.
Man erfuhr von diesem Abend in Madrid, Potsdam und Paris. Man erfuhr davon sogar in Petersburg. Unb ba Katharina bie Große zwei Dinge liebte: bie Schnelligkeit unb originelle Männer, Jo schickte sie sofort einen Gesanbten mit geheimen Auftrag nach Lunöville. Der Auftrag aber beftanb barin, BöbL zu entführen.
Man verbrachte einige Tage barauf in Luneville bange Stunden. Beb6 war fort. Man kehrte bas Unterste zu Oberst, suchte ihn unter ben Betten, bei ben Hunben unb in jebem Wasserloch, unb ließ sogar keine Schublade unausgezogen, weil ja immerhin die Möglichkeit bestand, daß er hineingeklettert war und nicht allein wieder herauskommen konnte. Aber BebS blieb verschwunden. Erst als ein Höfling bie plötzliche Abreise bes russischen Gesandten mit bem Verschwinben V6b6s in Verbindung brachte, fanb man die Spur und jagte mit Relaispferden dem Spitzbuben nach.
Noch am gleichen Tage wurde der Russe eingeholt. Man fand B6b6 in seiner Manteltasche unb brachte ihn im Triumph nach Luneville zurück.
Stanislaus, ängstlich geworden, gab seinem Lieblingszwerg von nun ab eine Wache und sperrte ihn in einen Flügel bes Palais, ben er nicht verlassen bürste.
Um ihm seine Gefangenschaft zu erleichtern, beschloß man, BSbL Gesellschaft zu geben. Bebe war damals 21 Jahre alt. Man suchte daher in ganz Lothringen nach einer geeigneten Frau.
Sie fand sich unb nannte sich Therese Souvray. Obgleich nicht von gleicher Seltenheit wie Böb6, war sie doch immerhin nur um fünf Zoll größer.


