Ausgabe 
10.2.1930
 
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kunaen über Liebe und Brautglück zum besten. Einmal erwischte ich ihre Hand und küßte sie eilig, da spielte sie die Empörte und wollte Revanche

Ich nickte, da floß auch schon Blut in meine Hand, und sie ließ mich mit Gelächter los. Es tat scheußlich weh, und man sah es noch lange.

Als wir wieder in Tübingen sahen, teilte Hans mir mit, er sei mit Berta einig und hoffe, sich im Sommer zu verloben. Ich besorgte in diesem Semester ein paar Briefe hin und her, und im August sahen nur beide wieder an des Onkels Tisch. Mit dem Onkel hatte Hans noch nicht ge prochen, doch schien dieser die Sache schon gerochen zu haben, und es war nicht zu fürchten, daß er Schwierigkeiten machen würde.

Da kam eines Tages die Salome wieder zu uns, ließ ihre scharfen Blicke herumgehen und kam auf den verdammten Einfall, der sanften Berta einen Possen zu spielen. Wie sie dem harmlosen Arnstein flattierte, ihn in ihre Nähe nötigte und mit Gewalt verliebt zu machen suchte, war einfach nimmer schön. Er ging gutmütig darauf ein, und es wäre ein Wunder gewesen, wenn ihn diese Blicke und dies Anschmiegen und Sich- hergeben nicht heiß gemacht hätte. Doch blieb er fest und hatte schon den Sonntag bestimmt, an dem er den Onkel überrumpeln und Verlobung feiern wollte. Das blonde Cousinchen strahlte schon so bräutlich und ver­schämt wie möglich. r. ,

Wir Freunde schliefen in zwei benachbarten Stübchen im Erdgeschoß mit einem niederen Fenster, durch das man morgens mit einem kleinen

Beethoven, der Meister.

Von Romain Rolland*.

In jedem echten Künstler gibt es ein Traumleben, das auf dem unter» irdischen Strom in dunkeln Spiegelflächen dahingleitet, immer wieder ab» reihend und zerfließend. Bei Beethoven aber steigert es sich zu unver­gleichlicher Wucht. Und das längst, ehe die Pforten des Gehörs sich chließen und er von der übrigen Welt abgeschnitten ist. Ich erinnere nur an das prachtvolle Largo emesto in O-Moll aus der Sonate op. 10, Nr. 3, wo der sinnende Geist die grenzenlose Ebene des Lebens mit ihren Wolkenschatten tief unter sich liegen sieht. Das hat ein junger Mensch vor echsundzwanzig Jahren geschrieben (1796)1 Und doch enthält es schon )en ganzen Beethoven. Eine erstaunliche Reife der Seele! Wohl war er nicht wie Mozart von vornherein in allen Künsten des Wohlklangs Pleister; aber dafür war er es in der inneren Weitz ein frühreifer Kenner und Beherrscher seiner selbst und all seiner Glut und seiner Träume. Die harte Kindheit, die bitteren Erfahrungen seiner ersten Jahre haben ihn zeitig nach dieser Richtung entwickelt. Ich sehe Beet­hoven als kleinen Jungen vor mir, wie ihn der Nachbar Bäckermeister in Bonn beobachtet hat, am Bodenfenster, das auf den Rhein hinaus­geht, den Kopf auf beiden Händen, ganz versunken inschönen tiefen Gedanken". Wer weih, ob an solchen Tagen nicht die melodische Traurig­keit des Adagios aus der ersten Klaviersonate in ihm gesummt hat. Schon als er Kind war, durchzogen ihn die Wolken. Er erzählt davon in dem ergreifenden Brief an den Rat von Schaden vom 15. Sep­tember 1787, dem ersten, der uns erhalten ist:... dazu kommt noch Melancholie, welche für mich ein fast ebenso großes liebel als meine Krankheit selbst ist ..." Doch er hat schon frühzeitig die Kraft gehabt, den trüben Geist von sich zu weisen und in Töne zu bannen.

Ob er nun der Schwermut nachhängt oder seine Stimmungen besiegt, immer ist er allein. Von Kindheit an treibt ihn ein wunderlicher (Eigen» inn, sich abzusondern, auf der Straße, im Salon, wo er gerade ist. Wenn Frau von Breuning ihn so weltvergessen in unbekannten Fernen weilen sieht, sagt sie wohl, er habewieder seinen Raptus". Spater ist es oft, als versänke auf Stunden, ja auf ganze Tage sein Geist in einen Abgrund, wohin ihm menschliche Blicke nicht folgen können. Daß niemand sich unterstehe, ihn dann anzurufen! Es könnte ihm chlimm bekommen. Dem, der ihn weckt, verzeiht der Schlafwandelnde nicht leicht.

Die Musik bildet in ihren Erwählten die Kraft aus, ihr ganzes Wesen auf einen Gedanken zu richten, eine Art Yoga, aber völlig euro­päisch, das als untrügliches Kennzeichen abendländischen Geistes Züge von Kraft und Herrschaft trägt. Jedes Musikstück ist so, wie es an uns vorüberfließt, ein Bauwerk und will in allen feinen Teilen zugleich ge­plant sein. Die Musik fordert von ihrem Schöpfer schwindelnde Be­wegung in der Ruhe, angespannten Willen und einen sonnenhellen Blick: so schwebt der Geist regungslos ausgebreitet über alle Traum- niebrungen hin. Aber keiner der großen Meister hält wohl den musi­kalischen Gedanken mit so übermenschlicher Heftigkeit und Ausdauer gepackt, wie Beethoven. Hat er ihn einmal erfaßt, so läßt er ihn nicht wieder los, bis er ihn überwältigt hat, und nichts bringt ihn von der Verfolgung ab. Nicht umsonst ist das Merkmal seines Klavierspiels das ßigato"; dadurch unterscheidet es sich von demfeinen, aber zer- hackten Spiel" Mozarts und von der ganzen pianistischen Marner seiner Zeit. In seinem Denken ist alles miteinander verbunden, obwohl die Gedanken oft wie Sturzbäche hervorzubrechen scheinen. Er meistert sie, wie er sich selber meistert. Man sollte denken, bei seiner leiden» schaftlichen Natur müsse sein Inneres vor aller Welt bloßliegen. In Wirklichkeit aber bringt kein Auge tief genug, um zu lesen, was ihm burch ben Sinn zieht. Dem Kapellmeister Seysrieb, ber zeitweilig mit ihm zusammenwohnte unb ihn zu Hause unb im Salon aus nächster Nähe beobachtet hat, fällt in ben Jahren um 1800 viel mehr fern äußere Gleichmut auf als etwaige Spuren von Erregung in feinen Zügen:Ueberhaupt war es schwer, ja rein unmöglich, aus feinen Mienen Zeichen des Beifalls ober bes Mißbehagens zu entziffern (wenn er Musik hörte); er blieb sich immer gleich, scheinbar kalt, unb ebenso verschlossen in seinen Urteilen über Kunstgenüssen; nur der Geist arbeitete raftlos im Innern; die animalische Hülle glich einem seelenlosen Mar­mor." Das wird manchem unerwartet kommen, der sich unter Beet­hoven eine Art König Lear im Sturm verstellt. Wer kennt ihn denn wirklich? Wir kennen ja immer nur Mvmentbilder.

Mit dreißig Jahren freut sich der Mann des atemraubenden Gleich­gewichts, in dem der Geist die einander widerstreitenden Elemente halt. Im Leben läßt er wohl feiner Wildheit freien Sauf; in ber Kunst aber zügelt er bie unbänbigen Gewalten mit eiserner Faust.

Daher auch Beethovens Freube am Extemporieren. Da überkommt ihn ber Genius, wo er es nicht vermutet, unb er muß ihm stanbhatten. Die Unterirdischen sind los; sie zu zähmen, ist beglückende Pflicht. Viele unserer großen Meister waren geniale Improvisatoren, besonders im 18. Jahrhundert, da die Kunstformen noch gelenkiger waren als heute unb die Eingebung des Augenblicks in hohem Ansehen stand. Doch ob- wohl Mozart sein Publikum an allerhöchste Leistungen gewöhnt batte, erklären all diese musikalischen Feinschmecker einstimmig, Beethoven habe im freien Phantasieren jeden andern übertroffen, unb auch^ in feiner eigenen Kunst reiche nichts an die unerhörte Gewalt seiner Improvisa­tionen heran.

Wir können uns schwer einen Begriff davon machen, obwohl so vor­zügliche Klavierspieler wie Ries unb Czerny uns bie unerschöpfliche Fülle ber Jbeen, bie Mannigfaltigkeit ber Behanblung, bie halsbrecherischen Schwierigkeiten, bie ber Meister sich setzt unb bie er löst, die Launen, von denen er sich treiben läßt, den ganzen Wirbelsturm feiner Kraft eindring­lich schildern. Auch diese Leute vom Fach, die ihm scharf auf bie Finger sehen, unterliegen seiner Allmacht. Wo er auch spiele, keiner könne ihm wiberstehen, erzählt Czerny. Die Zuhörer seien außer Ranb unb Band. Neben ber Schönheit unb Originalität ber Jbeen hatte sein Spiel etwas

* Aus dem im Jnselverlag erschienenen WerkBeethovens Meisterjahre"

Sprung in den Garten kommen kann.

Eines Nachmittags war die schöne Salome wieder stundenlang da; Berta hatte im Haus zu tun, so nahm jene meinen Freund ganz in An­spruch und brachte mich durch die kühne und doch feine Art, wie sie sich ihm hinwarf, fast zum Platzen, so daß ich schließlich ausriß und sie dum­merweise mit ihm allein ließ. Als ich am Abend wiederkam, war sie fort, aber mein armer Freund hatte Falten auf der Stirn, machte schlimme Augen und sprach von Kopfweh, als er sah, daß sein verstörtes Wesen auffiel.

Ja, Kopfweh, dachte ich und schleppte ihn beiseite.

Was ist mit dir? fragte ich ernstlich, ich will's wissen.

Nichts, es kommt von der Hitze, kniff er aus.

Aber ich verbat mir das Anlügen und fragte direkt, ob ihm die Ober« försterstochter den Kopf verdreht habe.

Unsinn, laß mich!, sagte er, machte sich von mir los und sah scheuß­lich elend aus. Ich kannte das ja ungefähr auch, aber er tat mir erbarm« Kleid; sein Gesicht war verzogen unb zerrissen unb der ganze Mensch jammervoll verhetzt und leidend aus. Ich mußte ihn in Ruhe lassen. Auch mir war über dem Kokettieren wund und weh um Salome gewor­den und ich hätte mir die leidige Verliebtheit gern mit blutenden Wur­zeln aus der Seele gerissen. Meine Achtung für Salome war längst dahin, jede Magd kam mir ehrbarer vor als sie, aber da half nichts, sie hatte mich bei ben Haaren; sie war zu schön unb zu aufreizend, da war kein Loskommen möglich. .

Ja, nun bonnerts draußen wieder. Es war damals em ähnlicher Abend, heiß unb gewitterig, und wir beide saßen allein in der Laube beisammen, redeten fast nichts und tranken Kaiserstühler.

Namentlich ich war durstig und mißmutig unb trank von bem kühlen Weißen ©las für Glas. Hans war etenb unb starrte traurig unb be­kümmert in ben Wein, bas vertrocknende Laub der Büsche roch stark unb würbe von einem warmen, bösartigen Wind jeweils geschüttelt. Es wurde neun Uhr unb zehn Uhr. kein Gespräch kam auf, mir hocken da unb machten alte, sorgenvolle Gesichter, sahen ben Wein im großen Glaskrug abnehmen unb den Garten dunkel werden, bann gingen wir still aus­einander, er zur Haustür, ich durchs Fenster in meine Stube. Dort war es heiß, ich fetzte mich im Hemd auf einen Stuhl, steckte eine Pfeife an, sah aufgeregt unb melancholisch in bie Finsternis hinein. Es hätte Monb- schein geben sollen, aber der Himmel stand voll von Wolken, und in der Ferne hörte man zwei Gewitter miteinander zanken.

Es ging so eine schwüle Luft aber was hilft das schöne Schildern, ich muß nun doch darauf kommen, auf die verdammte Geschichte.

Die Pfeife war mir ausgegangen, und ich hatte mich ganz schlaff aufs Bett gelegt, ben Schädel voll von dummen Gedanken. Da gibts ein Geräusch am Fenster. Eine Gestalt steht da unb schaut vorsichtig ins Zimmer hinein. Ich weiß selber nicht, warum kch still liegen blieb unb keinen Ton von mir gab.

Die Gestalt verschwinbet unb geht brei Schritte weiter, an Hansens Stubenfensterz Sie bewegte ben Fensterflügel, flirrte ein wenig bamit. Dann wieber Stille.

Da rief es leise: Hans Arnstein! unb mir lief es bis in die Haare hinauf, als ich die Stimme der Salome erkannte. Ich konnte kein Glied mehr rühren und lauschte scharf unb wilb wie ein Jäger hinüber. Herr­gott, Herrgott, was sollte bas werden! Und jetzt wieder die Stimme: Hans Arnstein! Leise, scharf und eindringlich. Mir lief der Schweiß ben hals hinunter.

In der Stube meines Freundes gab es ein wenig Geräusch. Er stand auf, kleidete sich flüchtig an unb ging zum Fenster. Cs wurde geflüstert, heftig unb heiß, aber unheimlich leise. Herrgott, Herrgott! Mir tat alles weh, ich wollte aufstehen ober schreien, aber ich blieb ruhig liegen unb war selber barüber verwundert. Der Durst unb der herbe Nachgeschmack von Wein brachten mich beinah um.

Und es gab wieder ein kleines Geräusch unb gleich darauf stand Hans Arnstein neben bem Mädchen im Garten. Zuerst jedes für sich, bann tra­ten sie zusammen unb brückten sich still unb schrecklich aneinander, als würben sie mit einem Strick geschnürt. Unb so aneinandergepreßt, daß sie kaum bie Füße bewegen konnten, gingen sie langsam burch ben Gar­ten, an ber Laube unb am Brunnen vorbei unb burch bie Pforte gegen ben Walb. Ich sah sie, mit angestrengten Augen, unb zweimal kam bas Wetterleuchten mir zu Hilfe ... (Schluß folgt.)

&en

Ich werde Sie dafür in den Finger beißen. Geben Sie her!

Ich streckte ihr einen Finger hin und spürte ihre großen, glelchmahigen Zähne im Fleisch.

Soll ich noch fester beißen? _ . ........

Ich nickte, da floß auch (dj-o: