Ausgabe 
10.2.1930
 
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Siebener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (930 Montag, den W.Zebruar Nummer \2

Lied.

Von Heinrich Heine.

Es war ein alter König,

Sein Herz war schwer, sein Haupt war grau;

Der arme alte König, Er nahm eine sunge Frau.

Es war ein schöner Page,

Blond war sein Haupt, leicht war sein Sinn;

Er trug die seidne Schleppe Der jungen Königin.

Kennst du das alte Liedchen?

Es klingt so süß, es klingt so trüb!

Sie mußten beide sterben,

Sie hatten sich viel zu lieb.

Hans Amstein.

Erzählung von Hermann Hesse.

Schon gut, junge Leute, quälet mich nicht. Ich will euch also etwas aus meinen Studentenjahren erzählen, das von der schönen Salome und meinem lieben Hans Amstein. Nur müsset ihr stillhalten und dürset nicht glauben, es handle sich um so eine fidele Studentenliebelei. Zu lachen ist nichts dabei. Und gebt mir noch ein Glas Wein her! Nein, vom Weihen. Fenster zumachen? Nein, Verehrtester, laß es nur donnern, es paßt mir in die Geschichte. Wetterleuchten, Donner und schwüle Nacht, das ist die Stimmung. Ihr modernen Herren sollet sehen, daß wir seinerzeit auch unser Stück erlebt haben, dick und dünn, wie es kam, und nicht zu wenig. Habt ihr auch zu trinken?

Ich bin schon früh ohne Eltern gewesen und habe fast alte meine Fe­rien beim Onkel Otto droben verbummelt, in seinem steinigen Schwarz- waldnest, zwischen Obstessen, Räubergeschichten und Forellenangeln, denn in alledem teilte ich als dankbarer Neffe meines Onkels Geschmack voll­kommen. Ich kam im Sommer, im Herbst und an Weihnachten, mit schmalem Ranzen und leerem Sack, fraß mich da droben feist und rot, verliebte mich jedesmal ein wenig in die treue Cousine und vergaß es auf der Schule wieder, denn es faß nicht so tief. Ich rauchte mit dem Onkel um di« Wette seine giftigen Italiener, ging mit ihm angeln, las ihm aus feiner höchst kriminellen Bibliothek vor und begleitete ihn womöglich abends zum Bier. Das alles war nicht schlecht und kam mir löblich und männlich vor, wenn auch die blonde Cousine zuweilen bittende oder vor­wurfsvolle Augen machte; sie war eben eine sanfte Natur und hatte kei­nen Sinn fürs Martialische.

In den letzten Somnrerferien vor der Studentenzeit war ich wieder beim Onkel, großmäulig, hoffärtig und ins Kraut geschossen, wie Abi­turienten sein müssen. Da kam eines Tages ein neuer Oberförster auf­gezogen. Es war ein guter, stiller Mensch,unjung und nicht mehr ganz gesund", der da seinen Altersposten gefunden hatte.

Man sah im Augenblick, er würde wenig von sich reden machen. Er brachte einen schönen Hausrat mit, denn er war reich, ferner wunder­volle Hunde, ein langschwänziges, zartes Pferdchen samt einem zierlichen Gefährt, beide für die Gegend viel zu leicht, schönes Schießgewehr und neumodische englische Angelausrüstung, alles sehr nett und sauber und wohlhabend. Das alles wäre ja auch schön und erfreulich gewesen. Aber was außerdem noch mitkam, war eine Adoptivtochter namens Salome, die freilich alles andere in Schatten stellte. Weiß Gott, wie das wilde Kind gerade zu dem ernsten, ruhigen Mann gekommen ist! Sie war eine ganz exotisch Pflanze, von einem entfernten Vetter irgendwo aus Bra­silien oder Feuerland her, schön und sonderbar anzusehen und von ab­sonderlichen Manieren.

Ihr wollt natürlich wissen, wie sie aussah. Das ist nicht so einfach sie sah eben vor allem auffallend und exotisch aus. Ziemlich groß, nahe an zwanzig, tadellos gewachsen, so daß vom Nacken bis auf di« Fuß« alles gesund und erfreulich erschien, namentlich Hals, Schultern, Arme und Hände waren kräftig, gedrungen und dabei beweglich und nobel. Das Haar üppig, dick, lang, von einem dunklen Blond, um die Stirn herum ein wenig lockig, hinten in ein großes Bündel geknüpft und mit einem Pfeil durchstochen. Vom Gesicht will ich nicht zu viel sagen, es war viel­leicht zu voll und der Mund vielleicht ein wenig groß, aber man blieb immer an den Augen hängen. Sie waren übergroß und goldbraun und standen ein wenig vor. Wenn sie, wie gewöhnlich, vor sich hinstarrte und lächelte und die Augen groß machte, war es wie ein Bild. Aber wenn sie einen ansah, rvar man verwirrt. Sie schaute so unbekümmert'drauf los,

bald musternd, bald gleichgültig, ohne irgendeine Spur von ©enteren ober Mädchenhaftigkeit. Nicht gerade frech, vielmehr wie ein schönes Sier; unverstellt und ohne alle Geheimnisse.

Und so führte sie sich auch auf. Was ihr gefiel oder nicht gefiel, ver­hehlte sie nicht; wenn ein Gespräch ihr langweilig war, schwieg sie hart­näckig still und blickte beiseite oder sah einen so ennuyiert an, daß man sich schämte.

Die Folgen sind klar. Die Frauenzimmer fanden sie unmöglich, die Männer "waren für sie entflammt. Daß ich mich eiligst in sie verliebte, versteht sich eo ipso. Cs verliebten sich in sie aber auch die Forstgehllfen, der Apotheker, die jüngeren Schullehrer, der Vizeamtmann, die Söhm der reichen Holzhändler, des Fabrikanten und des Doktors. Da die schöne Salome sich mit aller Freiheit bewegte, allein spazieren ging, eine Menge Besuche machte und in ihrem zierlichen Wägelein rings im Lande herum­kutschierte, war die Annäherung nicht schwer, und sie sammelte in kurzer Zeit eine schöne Zahl von Liebesgeständnissen ein.

*

Einmal kam sie zu uns. Onkel und Cousine waren nicht da, und sie setzte sich zu mir auf die Gartenbank. Die Dirlitzen waren schon rot, das Beerenzeug stand reif, und Salome griff behaglich hinter sich in dis Stachelbeeren. Nebenher nahm sie am Gespräche teil, und wir waren bald so weit, daß ich mit feuerrotem Gesicht ihr erklärte, ich sei rasend in sie verliebt.

Oh, das ist nett, war die Antwort. Sie gefallen mir ganz gut. Ken­nen Sie den älteren Griebel?

Den Karl? O ja, gut.

Das ist auch ein reizender junger Mann, er hat so schöne Augen. Er ist auch in mich verliebt.

Hat er es Ihnen selber gesagt?

Gewiß, vorgestern. Es war drollig.

Sie lacht« laut und legte dabei den Kopf zurück, so daß ich auf ihrem weißen, runden Hals die Adern sich bewegen sah. Ich hatte nun gern ihre Hand genommen, wagte es aber nicht, sondern streckte ihr nur die meine fragend entgegen. Da legte sie mir ein paar Stachelbeeren in die offene Hand, sagte Adieu und ging davon.

Ich sah nun allmählich, wie sie mit allen den Anbetern ihr Spiel hatte und sich über uns amüsierte, und ertrug von da an meine Ver­liebtheit wie ein Fieber ober eine Seekrankheit, die ich mit vielen andern teilte und von der ich hoffte, sie würde einmal aufhören und mir nicht das Leben kosten. Immerhin hatte ich bös« Nächte und Tage... Ist noch Wein da?

Danke. Also so standen die Sachen, und zwar nicht nur in jenem Sommer, sondern mehr als ein Jahr lang. Hier und da fiel etwa einer der Liebhaber verdrossen ab und suchte andere Gehege auf, hier und da kam ein neuer dazu, aber Salome blieb unverändert, bald fidel, bald still, bald höhnisch, und schien sich dabei herzlich wohl und belustigt zu fühlen. Und ich gewöhnte mich daran, jedesmal in den Ferien einen Rückfall in die heftigste Verliebtheit wie ein der Gegend eigentümliches Fieber zu bekommen und aushalten zu müssen. Ein Leidensgenosse teilte mir im Vertrauen mit, wir feien Esel gewesen, ihr Erklärungen zu ma­chen, da sie unverhohlen des öfteren den Wunsch geäußert habe, alle Männer in sich verliebt zu wissen, und darum den wenigen Standhaften mit äußerstem Entgegenkommen um den Bart gehe.

Unterdessen war ich in Tübingen in die Burschenschaft eingetreten und bracht« mit Trinken, Schlagen und Bummeln zwei munter« Semester hin. In dieser Zeit war Hans Amstein mein Intimus geworden. Wir waren gleich alt, beide begeisterte Burschenschafter und weniger begeistert« Medizinstudenten, wir trieben beide viel Musik und wurden einander allmählich unentbehrlich, trotz mancher Reiberei.

Schon an Weihnachten war Hans mit mir des Onkels Gast gewesen, denn auch er hatte längst kein« Eltern mehr. Sehr wider Erwarten blieb er aber nicht an der schönen Salome, sondern an meiner blonden Cousine hängen. Auch hatte er schon das Zeug, sich angenehm zu madjen. Er war ein feiner und hübscher Mann, machte gute Musik und war nicht aufs Maul gefallen. So sah ich mit Wohlbehagen zu, wie er sich um das Väschen bemühte, und wie sie gern nachgab und sich anschickte, den drol­ligen Kampf mit ihrer bisherigen Sprödigkeit mehr und mehr zum Scheingefecht werden zu lassen. Ich selber lief nach wie vor auf allen Wegen, wo mir etwa die Salome begegnen konnte.

An Ostern kamen mir wieder, und während ich den Onkel beim An­geln feftfjlelt, macht« mein Freund rasche Fortschritt« bei der Cousine. Diesmal war Salome ziemlich häufig bei uns, versuchte mit Erfolg, mich toll zu machen, und sah dem Spiel zwischen Hans und Berta aufmerksam und mit scheinbarem Wohlwollen zu. Wir machten Waldspaziergänge, fischten, suchten Anemonen, und während die Salome mir den Kops vollends verdrehte, ließ sie die anderen beiden nicht aus den Augen, mustert« sie überlegen und spöttisch und gab mir unehrerbietige Bemer-