' BLbS freute sich auf dle Hochzeit.
Auch der große König war zufrieden. Er hielt seinen Ratschluß für weise.
Als der Hochzeitstag kam, war es Stanislaus, der die Braut zum Diner führte. Es gab vierundzwanzig Gänge uno darunter war auch eine riesige Pastete. Der Schatzmeister des großen Königs hat dieses Fest lange nicht vergessen können.
Beb« allerdings konnte sich daran nur wenige Tage erinnern.
Er starb am fünfzehnten Tag seiner Ehe.
Seine Gattin überlebte ihn lange und bezeugte bis in ihr Greisenalter eine ungewöhnliche Frische.
Sie war in Paris, im Jahre 1819, noch als dreiundfechzigsährige Frau auf dem Theater des M. Comte zu sehen.
Eine Stadt, ein Fluß, drei Denkmäler und ein Museum.
Von Hans Siemsen.
Wie diese Stadt heißt, das weiß ich. Das steht ja immer auf dem Bahnhof angeschrieben. Es ist Bayonne. Boyonne in der Süd-Weft-Ecke von Frankreich, südlich von Bordeaux, in der Nähe von Biarritz und der spanischen Grenze, am Fuß der Pyrenäen. Aber wie der Fluß heißt, der hier fließt, das weiß ich nicht. Das steht nirgends ongefchrieben und einen Bädeker hab ich nicht. Die Garonne ist es nicht, sie flieht bei Bordeaux ins Meer Und dieser Fluß fließt hier bei Bayonne ins Meer. Es ist ein großer Fluß, so groß und tief, daß Ozeandampfer, die vom großen Meere kommen, auf ihm bis mitten in die Stadt hineinfahren können. Da liegen sie am Ufer und sind manchmal größer als die Häuser, die auf der anderen Seite der Straße liegen. Bayonne ist also ein Hafen, obwohl es, wie übrigens di« meisten Häfen, nicht direkt am Meere liegt. Ich bin den großen Fluß entlang gegangen. Das Meer kann nicht weit fein, denn Ebbe und Flut kommen den Fluß herauf bis in die Stadt. Aber das Meer ist doch weiter, als ich dachte. Zuerst ist da rechts und links die Stadt, aber nicht lange, dann sind da ein paar Borstadthäuser, ein Villenviertel, dann sind da Fabriken, Werften, Lagerschuppen, dann kommt ein Schiffer- oder Fischerdorf, noch ein Dorf, wieder Fabriken und Schuppen — und überall ankern große und kleine Schiffe, Dampfer und Segelschiff«. Dann kommt ein Hügelzug, da kann der Fluß nicht rüber, er macht einen großen gewaltigen Bogen, beinah als wollte er umkehren, zurückfließen nach Hause in die Pyrenäen. Dann kommt gar nichts mehr — und dann kommt das Meer. Das ist nicht di« Ostsee und nicht unsere böse, kleine Nordsee, das ist der richtige, große Ozean, der Atlantik. Von weit her — auf der „anderen Seite" liegt Amerika, da ist nichts mehr dazwischen — von weit her rollt er seine Fluten heran. Der Fluß hat es schwer. Wie jeder Fluß, der ins Meer will, hat er es schwer. Wind und Brandung und die Flut treiben ihn zurück. Aber er ist beständig, er hat Zeit, er kann nichts anderes als abwärts fließen, immer abwärts, abwärts, dem Meere zu. Das Meer kann nichts daran ändern, es wirft feine Flut dem Fluß entgegen, der muß stoppen, kann nicht weiter, muß zurück — aber dann kommt die Ebbe, das Meer holt Atem, zieht sich zurück, — und nun kommt der Fluß, langsam und ruhig wirft er fein Wasser unaufhaltsam in die Brandung, weit über die Brandung hinaus, weit ins Meer. Er kann nur eines: abwärts fließen, abwärts, abwärtsl Zweimal am Tage besiegt ihn das Meer und treibt ihn zurück, treibt feine Wasser zurück. Zweimal am Tage besiegt er das Meer und wirst fein« Wasser weit in den Ozean. Das 'Meer ist böse und brüllt und tobt. Der Fluß ist ganz ruhig und still und beständig. Ananke sich weiß nicht, wie man das schreibt auf deutsch), Ananke, der Zwang, das Schicksal ist da und hilft ihm, dem kleinen Fluß, der abwärts, ablvärts, abwärts fließen muß — und der Ozean wird jeden Tag besiegt. Aber er brüllt und tobt — es ist «in ungeheures Schauspiel jeden Tag.
Dieser Fluß hat Bayonne, bi« Stadt, gemacht. Wenn er nicht wäre, wäre Bayonne nicht. Er hat noch einen Nebenfluß, der mitten in der Stadt zu ihm strömt. Und so besteht Bayonne in der Hauptsache aus zwei Flüssen und den dazugehörigen Brücken und aus dem, ivas die Menschen um diese beiden Flüsse und ihre Brücken herumgebaut haben. Schöne, alte, kleine steinerne Häuser, große, prächtige, neue Gebäude, in denen Banken, Schisssgesellschafien, Handelsfirmen nicht „wohnen", sondern „residieren". Eine große Stadt? Ach nein, es sieht nur so aus, als wäre sie groß. Wenn man zehn Minuten geht, ist man immer schon am andern Ende. Bayonne nmß mal eine Festung gewesen fein, es liegt ja fo nah an der spanischen Grenze. Wo Grenzen sind, sind immer Festungen. Gewaltige Wälle und Bastionen, längst zerfallen und mit Gras bewachsen, Ziegen und Esel gehen da auf die Weide. Das alte Schloß ist mehr eine Burg als ein Schloß. Kleinbürgersaniilieil wohnen darin, romantisch, gemütlich und ungesund, eine finstere, dunkle, sehr alte Ka- tfyebrate hat herrlich«, verstaubte und verdreckte alte Fenster. Läden und Arkaden gibt es mehr als in einer zehnmal so großen Stad in Deutschland, — und ein paar sehr prächtige, bescheiden-prächtige Cafes, mit ihren großen Likör-Orgeln auf dem Büfett »nd den bunten Stühlen auf der Straß«. Alle zwanzig Minuten fährt «ine Elektrische nach Biarritz.
Ulmen auf dem Wall, Platanen in der Stadt. Von den Wällen sieht man weit ins schöne, südliche, friedliche Land. Im Süden, weit hinten die Pyrenäen, schneebedeckt. Abends steigen Nebel aus den Wiesen und dem Fluß.
■ Was sonst noch von Bayonne?
Drei Denkmäler habe ich gesehen. Das übliche Kriegerdenkmal. Cs ist nicht besser als andere Kriegerdenkmäler auch, aber es ist ein bißchen anders. Links steht ein überlebensgroßer Bauer mit einer überlebensgroßen Kuh. Darunter steht geschrieben: 1914. Rechts steht derselbe überlebensgroße Bauer mit Stahlhelm und Gewehr, als Soldat verkleidet. Darunter steht: 1918. Es ist kein großes Kunstwerk, dieses Denkmal. Aber man kann sich wenigstens was dabei denken.
Hinter der Kathedrale steht im Dunkeln ein einfacher Stein. „G. P. Ader, Medizinstudent, 24 Jahre alt, und A. M. Babarthe, Schneidergeselle,
27 Jahre äff, gestorben für dle Freihest, 1830*.
Das dritte Denkmal ist ein Kunst-Denkmal. Da sitzt ein alter Herr aus Bronze auf einem Stuhl aus Bronze fein Anzug, fein Kragen, fein Schl.ps alles ist aus Bronze. Und er hält eine Palette aus Bronze in der Hand und Pinsel aus Bronze. Ein Maler? Auf der Palette sind Farbenkleckerchen. Aus Bronze.
Ich möchte wetten, daß dem Bildhauer diese Farbenkleckerchen am leichtesten gefallen sindl Hier konnte er, sozusagen, seiner Phantasie die Zügel schießen lassen. Bei dem Gesicht des alten Herrn mußte er etwas Rücksicht nehmen auf die Wirklichkeit, das Gesicht mußte ähnlich werden. Und auch ein Stuhl ist ein Stuhl, und ein Schlips ist ein Schlips. Aber bet ben Farbenkleckerchen auf der Palette konnte er so ziemlich machen, was er wollte. Er konnte große Kleckerchen machen, und er konnte kleine machen, wenige ober viele. Er hat kleine Kleckerchen gemacht. Aber viele.
Wenn nun Bayonne, was Gott verhüten möge, durch ein Erdbeben verschüttet würde, und nach tausend Jahren buddelte man dies und jenes wieder auf, darunter ein Fragment dieses Denkmals, die Palette aus Bronze mit den Farbenkleckerchen aus Bronze, — was würden dann in jenen fortgeschrittenen Zeiten die Kultur- und Kunsthistoriker sagen, denn di« gibt «s sicher auch noch in jenen fortgeschrittenen Zeiten, was würden sie sagen? „Dieses Fragment eines Bronzedenkmals", würden sie sagen, „stammt aus der Zeit zwischen 1800 und 1999, aus der Zeit des großen Chaplin." Chaplin würden sie erwähnen, um sich populär auszw drücken, und sie würden hinzufügen: „Zu jener Zeit des großen Chaplin war der Kinofilm zwar technisch noch sehr primitiv, aber künstlerisch stand er auf einer Höhe, die wir seitdem nie wieder erreicht haben. Wie ja sehr häufig die primitive Anfangszeit einer Technik die größten Kunst- werke hervorbringt. Siehe die ägyptische und frühgriechische Plastik, die Gemälde Giottos, die Photographien aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts und viele andere Beispiele! So war und ist auch Chaplin der größte Künstler — usw., usw." Und dann würden sie fortfahren: „Aus der Chaplin-Zeit stammt dies Bronze-Fragment: ein« Scheide mit Kleckerchen. Wir wissen nicht genau, was diese Scheibe darstellen soll, ob es sich um bas Abzeichen eines Kriegsmannes („Epauletten" genannt) oder um ein Musikinstrument handelt. Aber mir können mit aller Bestimmtheit jagen, daß dieses Bronze-Fragment aus der Zeit zwischen 1800 und 1999 stammt. Gerade die Kleckerchen beweisen das. Denn jene Zeit war in der Bildhauerkunst die Zeit der Kleckerchen. Die Kleckerchen sind typisch--" usw. usw.
Aber, Gott sei Dank, Bayonne ist noch nicht von einem Erdbeben verschlungen, und so habe ich Zeit, die Kleckerchen und den Stuhl und den Mann aus Bronze zu bewundern, und lese auf dem Sockel des Denkmals: „Leon Bonnat." — Wer war Leon Bonnat? Eine dunkle Erinnerung steigt mir auf — aber ganz ehrlich gesagt: Ich weiß mal wieder nicht Bescheid.
Ein „Museum Bonnat" gibt es auch in Bayonne? Und nun weiß ich, wenigstens halbwegs, doch ein bißchen Bescheid. Ein nicht sehr bedeutender, aber anständiger Maler — und ein sehr kluger und geschmackvoller Kunstsammler. Seine Sammlung hat er seiner Vaterstadt Bayonne vermacht. Und so kommt es, daß das kleine Städtchen Bayonne eine Gemäldegalerie besitzt, um die es von vielen europäischen Großstädten beneidet werden könnte. Dies kleine Museum ist eine Privatsammlung und hat den ganzen Reiz einer Privatsammlung, den Reiz eines willkürlichen, persönlichen, aber guten Geschmacks. Soll ich die großen Name» auszählen? Rembrandt, Rubens, Botticelli und so weiter? Lieder will ich sagen, was mir auffällt: ein Piero della Francesca, zwei Grecos, drei herrliche Goyas, ein nobler Poussin. Und von den älteren und jüngeren Zeitgenossen und Freunden Bonnats: Delacroix, Gericault (kostbare Studien), Courbct, Daubigny, Degas, ein halbes Dutzend prachtvoller und noch ein halbes Dutzend weniger guter Bilder von Ingres, und eine ganze Kollektion der unbeschreiblich herrlichen Tierbronzen von Barys, wie sie so vollständig kein Museum der Welt besitzt.
Der große, einzigartige Schatz des kleinen Museums aber ist die unerschöpfliche Sammlung von Handzeichnungen. Ihretwegen wird der Kenner, mag der Laie von weit, weit her nach Bayonne pilgern! Leonardo, Michelangelo, Raffael, Pisano, Tizian, Tintoretto, Watteau, Boucher und neben noch hundert anderen zwei Dutzend Rembrandt- und Dürer-Zeichnungen, nach Quantität und Qualität Perlen und Höhepunkte nicht dieses einen, sondern vieler Museumsbesuche. Vollkommen einzigartig aber und nirgends auf der Welt noch einmal vorhanden: die fünfunddreißig Porträtszeichnungen von Ingres. Musterbeispiele genialer Subtilität, kalter, gebändigter Leidenschaft und in Kleinlichkeiten und Genauigkeit nicht untergegangener Größe. Noch vor zwanzig Jahren hatte man zwar nicht den Mut, aber die Einseitigkeit und Unwissenheit, diese Arbeiten Ingres' „akademisch" zu nennen. Heut« haben sie ihre Wirkung getan, mehr vielleicht als gut war. Gewisse Wandlungen Picafsos und Derains sind ohne Ingres undenkbar und die sog. „Neue Sachlichkeit" ist in einer einzigen dieser Jngres-Zeichnungen vorweggenommen, übertroffen und — ad absurdum geführt.
Das alles steht und lernt man fo ganz zufällig auf einem Nach- mittagsbummel durch das kleine Städtchen Bayonne? Monsieur Bonnat hat fein Denkmal verdient! Wenn nicht als Maler, fo doch als Sammler und Stifter dieses Museums.
Immer wenn ich nun an Bayonne denke, werde id) an dies schöne kleine Museum denken, — nicht zu groß und nicht zu klein. Hundert Bilder, zweihundert Zeichnungen. Kein Museum sollte größer sein! Banonne — das ist nun für mich „das Museum Bonnat".
Aber das ist natürüd) ein ganz falscher, lächerlich ästhetischer Standpunkt. Nicht das Museum Bonnat, von dem nur ein paar Museumsdiener leben, ist wichtig für Bayonne. Kein Bayonnese nimmt Notiz von diesem Museum. Wichtig für Bayonne ist der Fluß, der große, stille, langsame Fluß, dem es so schwer fallt, ins Meer zu kommen, — und dessen Namen ich nicht weiß.
Postscriptum: Ich habe mich erkundigt. Er heißt Adour.
Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Dru ck und Verlag: Drühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.


