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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang MV Montag, den 10.März Hummer 20
Heimkehr nach langer Zeit.
Von Anton Schnack.
Was mag es fein? Die Stimme einer Nacht, Die aus Erinnerung mit sanfter Stimme lockt? Hier hat mir manchmal Herz und Blut gestockt, Hier hat mich Mutter oft zum Kinderschlaf gebracht.
Ich denke an den kühlen Sandsteintrog, Der vor der Türe stand unb ewig lief. Wenn dumpf ich wachte, wenn ich schmerzlich schlief. Und draußen Wind die alten Bäume bog.
Verloren ist der wilde Wald, im Grund Die Mühle mit dem feuchten Wasserrad, Der herbe Duft der sommerlichen Mahd, Aus grünen Blumenstöcken lacht« jung ein Mund.
Der Pfad zog sich ins Korn, von Purpurmohn gesäumt, Am Birkenhügel und im Heidekraut
Lag ich die Nachmittage, wunderlich verträumt, Bis durch die Abenddämmerung kam leiser Glockenlaut.
Im Dunklen fitzend wieder so wie einst, Dir aber scheint als wäre alles leer, Du kennst die Vatevheimat heimgekehrt nicht mehr. Du stehst vereinsamt aus und weinst...
Oer Sprung aus dem Flugzeug.
Bon Alexander von Keller.
Gerald Wilms betrat den weiten Flugplatz. Es war fünf Uhr früh und der Flugbahnhof leer; kurze Böen stürzten in Abständen über die Ebene, und die Fahnen vor den Tribünen knallten im Wind. Das kleine glitzernde Flugzeug stand startbereit; ein Monteur im schmierigen Overall warf den Propeller an und einen Augenblick zerriß das rasende Hämmern die Stille — dann verebbte es...
An einem Pfosten vor dem Hangar lehnte der Pilot und rauchte; vier Arbeiter zogen einen Doppeldecker aus der Halle...
Neben dem Piloten hielt ein jüngerer Mann in elegantem Reiseanzug und sprach lebhaft. Wilms sah, wie der dunkle Vollbart des Fremden auf- und abtanzte; mit den Händen suchte er lebhaft seine Worte zu unterstützen. Eine kleine braune Reisetasche lag vor ihm im Gras und über die Tasche war ein grauer Mantel gelegt. Mit einem kurzen Blick musterte Wilms den Mann, — er hatte ihn schon gestern im Kartenbureau getroffen und sich sein Bild fest «ingeprägt... er hätte ihn unter tausend Menschen mühelos herausgefunden.
Irgendwo schrillte eine Klingel, und der Pilot zertrat die Zigarette im Gras... Wilms warf einen forschenden Blick umher und atmete auf; kein weiterer Fluggast kam — das böige Wetter mochte reiselustige Menschen abgeschreckt haben ...
„Einsteigen!" rief der Monteur und legte eine kleine Holztreppe an die Eingangstür. „Beide Herren nach Wien? Wie meinen? Dresden?... hm, wird nur angefiogen, wenn es das Wetter gestattet ..." Mit einem scharfen metallenen Klirren fiel die Tür zu, und der Propeller begann zu surren; das Flugzeug rollte über den Rasen... Ein« Weile lief es über den ebenen Boden — dann erhob es sich langsam, fast unmerklich, und schwankte leicht... Sekunden später schwebte es über dem Bodendunst, und die Sonne rvarf breite grelle Lichter in die kleine Kabine.
„Nach Wien?" fragte Wilms höflich und wandte sich an feinen Mit- reiesnden. „Fliegen Sie zum erstenmal? Wirklich? Es ist immer ein etwas eigenartiges Gefühl... nein — ich fliege heute zum vierzigstenmal...."
„Und immer glatt verlaufen?" erkundigte sich der Fremde vorsichtig. Er war «in netter, liebenswürdiger Mann mit guten Manieren, der sich einer gewählten Sprache bediente. Seine unruhigen, etwas hastigen Bewegungen ließen aus unterdrückte Nervosität schließen, und Wilms lächelte...
„Fast immer gut verlaufen," entgegnete er und blickte aus dem Fenster in di« Tiefe. „Bier Notlandungen und ein Sprung aus dem Fenster ... nein, nein — mit dem Fallschirm. Eine sehr einfache und ganz ungefährlich« Sache..."
„Motordefekt?"
„Menschendefekt," lachte Wilms. „Der Pilot war wahnsinnig geworden und cs gab tatsächlich keinen anderen Ausweg..." .
Der Fremde lehnte sich schwer schluckend zurück; er fuhr mit allen Fingern durch seinen Bart. „Angenehm," sagte er und versuchte zu lächeln... „und — konnten Sie nichts anderes tun? Ich meine — war es nicht mog- "ch, den Mann unschädlich zu machen?"
„Ah, wie stellen Sie sich das vor? Der Fahrer ist doch vollkommen von den Fahrgästen getrennt — sehen Sie..Er wies mit dem Kopf
auf die glatte Wand die die Kabine nach vorn zu abschloß. „Man kann in einem solchen Fall tatsächlich nichts anderes tum, als abspringen... Du lieber Gott — wenn es weiter nichts ist..."
Gegen acht Uhr hob Wilms seinen kleinen Koffer aus dem Netz und stellte ihn vor sich hin; bedächtig zog er die Handschuhe an und ließ sich dann in den Sessel fallen. Ein leises Zucken um die Mundwinkel und das rasche unregelmäßige Klopfen der Finger auf der Sessellehne ließ erkennen, daß er unruhig war...
Gleich darauf beschrieb die Maschine einen scharfen Bogen und lag ein« Weile auf dem linken Flügel. Man konnte die Stützen und Verbindungsseile deutlich unter dem Fenster sehen — dann hob sich der glitzernde Leib wieder ... ein zweiter Bogen, ein kurzes Vorschnellen und Sinken ... Es war tüte ein vorsichtiges Tasten und Suchen... Wilms blickte in die Tief« und runzelte die Stirn — der Nebel über der Erde glich jetzt einem großen weißen Tuch das von einer unsichtbaren Kraft in langsame Bewegung versetzt wird. Das Telefon zum Führerstand raffelte und Wilms riß di« Hörmuschel ans Ohr...
„Der Herr, der nach Dresden will?" kam bi« Stimme des Führers zurück... „Ja? Ich bedauere — aber eine Landung ist völlig ausgeschlof- sen... Ich kann den Flugplatz bei dem Nebel nicht finden..."
„Zum Teufel.. So gehen Sie irgendwo herunter, ganz gleich wo... ich muß hier landen... Hören Sie? Ich muß..."
„Bedaure..." Mit einem schnappenden Ton brach das Gespräch ab... Gerald Wilms ließ die Hörmuschel sinken und fiel schwer zurück. Groß« Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn« und ein eisiges Gefühl preßt« ihm die Halsmuskeln zusammen... Der Fremde war jeder seiner Bewegungen mit gespannter Aufmerksamkeit gefolgt.
„Etwas nicht in Ordnung?' fragte er stockend. „Schlechte Nachrichten?" Seine Stimme klang unsicher unb fein Gesicht war etwas blaß, aber Wilms fuhr nervös auf...
„Lassen Sie mich in Ruhe ..." schrie er unhöflich und versank dann wieder in stummes Brüten... Der Schwarzbärtige schwieg verletzt und nur in feine suchenden Augen trat ein gequälter Ausdruck...
Sie saßen jetzt einander schräg gegenüber... Saßen drei lange, endlos lange Stunden und musterten sich unter halbgesenkten Lidern und zwischen ihnen stand etwas Fremdes, Drohendes wie eine undeutliche und unfaßbare Gefahr...
Gegen Mittag verzog sich der Nebel, und das Marchfeld lag jetzt tief unter ihnen. Ein großes Schachbrett, mit roten, gelben und grünen Rechtecken; achtlos darüber lsingeworfene weiße Bänder bedeuteten Straßen und dunkle verkrümmte Linien Flüsse und Bäche . . Weit rechts erschienen die grauen Umrisse des Bisamberges und dahinter...
In dem Augenblick erhob sich Wilms; er griff in feine Tasche und zog einen kleinen, dunklen Gegenstand; klirrend sprang irgendwo «in« Feder. „Hallo — Sie da..."
Es war eine harte und entschlossene Stimme, und der Fremde fuhr jäh herum. Er blickt« in die drohende Mündung einer kleinen Pistol«, über der zwei hart« forschende Augen standen... Die Pistolenmündung zeigte mit wundervoller Sicherheit auf seinen Kopf... „Was soll das? preßte er fassungslos aus der vertrockneten Kehle... feine Arme suchten nach einer Stütze...
„Ah — lassen Sie di« dummen Fragen... Geben Sie mir Ihre Papiere, hören Sie mich? Ich pflege niemals zu scherzen... wenn Sie nicht jedem meiner Befehle nachkommen, schieß« ich Sie nieder und werfe bann den Körper durch das offene Fenster in die Tiefe... Fein — was?" Er machte eine illustrierende Handbervegung unb der Fremde stieß «inen Schrei aus — es war mehr ein Gurgeln — nur der Mund verzog sich zu einer fürchterlichen Grimasse... Er zitierte jetzt wirklich an allen Gliedern
„Schreien Sie nur!" sagte Wilms ruhig. „Der Pilot kann Sie nicht hören — er wird auch den Schuß nicht hören ... unb nun di« Papiere... Haben Sie noch was? Korrespondenzen? Legen Sie alles auf den Stuhl. — Nun den Mantel... und hier haben Sie meinen Paß... Nehmen
Sie, sonst..."
Das kleine graue Heft, bas er auf den Boden geworfen hatte, »et* schwand blitzschnell, und Wilms lachte. Es war ein kaltes, höhnisches, auf« reizendes Lachnt.
„Und jetzt — ... unterm Sitz liegt der Fallschirm... Ja — das ist er — heraus damit..."
Ein kurzes, angstvolles Zögern. „Sie wollen doch nicht, daß ich...
„Natürlich. Si« werden den Fallschirm anschnallen und dann durch das Fenster hinausspringen... Hören Sie mich an — Sie können auch eine Kugel bekommen, wenn Sie wollen... Das Flugzeug verlassen Sie unbedingt — als Lebender ober Toter..."
Der Fremde zögerte einen Moment — fein Gesicht war aschfahl geworden und seine Finger zitterten — angesichts der drohenden Waffe legte er mühevoll den breiten Gurt um den Leib und zog ihn fest: der gefaltete Schirm saß ihm jetzt wie eine große gelbe Beule am Rücken... Seine


