Der Diener wartet, hebt langsam den Leuchter und schreitet eilig vor Mir. Seine Schritte vergehen in den roten, schwellenden Läufern, die durch Gänge und Säle fließen. Nun wartet das Licht. Mir ist es, als öffne ein Zauber eine hohe Tür. Ich betrete die Halle. Da steht eine schlanke, dunkle Frau vor mir. Ich neige mich tief über die schmale Hand. Fernher kommen ihre Worte, und alles Geschehen dieser Stunde ist wie Traum. Ein Schleier wallt vor meinen Augen. Ich spreche und höre meine Worte nicht. Ich schaue und kann der Gräfin Züge, deren Antlitz gleich seltenen Rosen leuchtet, nicht sehen. Dies nur weih ich, daß es ein Leuchten ist.
Der Duft ihrer Hand, die ich nach dem Mahle heißer küsse als zuvor, bleibt eine schwere, müde Nacht lang um mich, und mein Erwachen am Morgen ist ohne Frische.
Ich reite allein durch die Forste. Seltsam ist mir's ums Herz. Hundert Frauen habe ich geküßt. Aber noch nie störte ein Weih meiner Seele Nuh. Doch dieses Antlitz, das gestern im Rahmen eines hohen, dunklen Sessels vor mir war, nahm meine Seele.
Zu später Stunde wollte ich wiederkehrcn. Aber eine heimliche Kraft — oder ist es ein Sehnen — lenkt meines Rosses Schritt durch tiefes Laub und braunes Wnldgras zurück zum Teich, in dessen Spiegel mir zu Füßen das schönste aller Schlösser liegt. Wild schlägt mein Herz? Fort will ich von hier. Mein Leutnant soll noch heute mit einem Schreiben reiten, worin ich anderes Quartier erbitte. Ich eile ins Schloß, springe die Treppen hinauf und stürze in mein Gemach. Jost Häfele fährt auf ob meines wilden Tuns. Kiel und Tinte richt ich vor mir her und fuppliziere aller- untertänigst und fubmiffeft um neue Order.
Doch halt! Ist es so weit mit mir? Will des Eugenii wildester Rittmeister von einem Weibe fliehen! Und wütend zerreiß ich den Wisch. Poltere durch Ställe und Reiterquartiere, schelte und fluche und bleibe.
Mehr noch, du närrisch Leben! Als wilder Reiter in braunem Koller und hohen Stiefeln, mit den großen, klirrenden Sporen trat ich gestern vor die Herrin. Und heute nehme ich aus der eisenbewehrten Truhe den scharlachroten spanischen Rock, das seidene Kamisol, den breiten, goldbetreßten Hut, die Schuhe mit silbernen Spangen und trete lange vor den Spiegel, ehe ich dem Diener folge, der mich ruft. Wieder sitze ich der Gräfin gegenüber, wieder sind ihre Worte fern, aber klingend wie der Ruf wundersamer Vögel, die über verzauberte Wälder ziehen.
Die Tage vergehen. Hart greift es mir ans Herz, daß keiner um dis Benefitia weiß, die meine Compagnia sich in der Bataille verdiente. Haben wohl anderes zu denken die Herren, als sich um die Meriten eines geringen Offiziers zu scheren, dem ungläubige Vettern nichts anderes nachzusagen wissen als eine grobe Faust und ein ungewaschen Maul.
Eines Abends, der früh und trüb von fallendem Schnee ist, und an dem der Wind böse über den Tann reitet, daß die Feuer in den hohen Kaminen sich ducken wie lauernde Katzen, stehen Rosen, späte, dunkle Rosen auf der Tafel. Und als der alte Diener nach beendetem Mahle fragend nach seiner Herrin blickt, sagt sie: „Bringe das Brettspiel, Franziskus, dann kannst du gehen!"
(Schluß folgt.)
Bona tüirb belohnt.
Eine moralische Anekdote von Karl L e r b s.
Wer sich berechtigt glaubt, gegen das irdisch sichtbare Verfahren der höheren Gerechtigkeit auf Grund eigener Erlebnisse und Beobachtungen Einwände zu erheben, wird mit beträchtlichem Gewinn die hier folgende Geschichte lesen, weil sie die löblichen Absichten der angegriffenen Instanz mit einem klaren Falle erweist. Und wollte man anmerken, daß die Lenkung der Ereignisse ein wenig zu sehr nach absichtlicher Beispiclgebung aussieht, so wäre dem entgegenzuhalten, daß man der erwähnten Stelle billigerweise nicht das Recht absprechen kann, sich mit einem Schulfall gegen die so häufige Kritik an ihrem Verhalten zu decken.
Die hier ohne erfundene Zutaten geschilderten Ereignisse begaben sich mit einem gewissen Doktor Bona, der, aus dem Schwarzburgischen gebürtig, während der Feldzugsjahre 1813 und 1814 das russische Heer auf dem Marsche nach Frankreich als Wundarzt begleitete. In seinem Namen ist bereits, wenngleich leider mit einem Verstoß gegen die Sprachregeln, angedeutet, daß er ein Mann von großer Lauterkeit und Trefflichkeit des Wesens war; und zahllose Wohltaten, die er in steter Hilfsbereitschaft wirkte, schrieben sein Andenken unaustilgbar in viele Herzen. Hier sei nur berichtet, daß er eines Tages auf seinem Jnspektionsgange durch ein Stuttgarter Lazarett ein lautes Jammergeschrei vernahm und, mitleidig herzutretend, einen jungen Kosaken gewahrte, dem ein emsiger Feldscher eben das von einer Kugel zerschmetterte rechte Bein abnehmen wollte. Bona untersuchte die Wunde und fand sie zwar bedenklich, aber nicht aussichtslos. Er schob den kaltherzigen Knochensäger entrüstet beiseite, nahm sich selbst der Sache an und besorgte sie trotz seiner fast über Men- schenkraft schweren Arbeitslast in der Folge so umsichtig, daß er seinem Schützling das Bein erhalten und ihn völlig ausgeheilt entlassen konnte. Es war ein chirurgisches Meisterstück, über das Bona später eine Abhandlung geschrieben hat.
Bald darauf hatte Bona einen Soldaten zu untersuchen, der wegen eines Dienstvergehens zu einer großen Anzahl von Knutenhieben verurteilt worden war; die russischen Heeresgesetze schrieben vor, daß solche Sünder zuvor von einem Arzte untersucht sein mußten, um festzustellen, ob sie die Strafe ohne Gefährdung ihres für die Kriegsführung verwendbaren Lebens ertragen konnten. Bona setzte sich unerschrocken für den ärmen Teufel ein, obwohl ein gefährlicher Exekutionsoffizier dem ungebetenen Menschenfreund den Sieg grimmig schwer machte; und wenn der Doktor das Opfer auch nicht gänzlich befreien konnte, so vermochte er doch bie größere Hälfte der Hiebe herunterzuhandeln.
Während des Feldzuges sparte die erwähnte hohe Stelle den guten Doktor Bona ohne ersichtliche Kundmachung ihrer Absichten für ihre Zwecke auf; als er indessen nach dem Kriege in Lodz als Arzt wirkte, be- Sann ste über ihn zu verfügen. Sie setzte ihm zunächst mit einer uns nicht überlieferten Begründung den Gedanken in den Kopf, daß er seine Praxis
aufgeben und ausgerechnet in Odessa am Schwarzen Meer das Heil seines Lebens suchen müsse. Er verwandelte seine beträchtlichen Besitztümer in bares Geld, nahm von seinen betrübten Freunden und Patienten Abschied und trat auf einem Dnjeprschiff seine abenteuerliche Reise an. Da man erging es ihm schlimm genug. In einer schwarzen Sturmnacht geriet bas Schiff in Brand, und Bona durfte sich glücklich fühlen, daß er nicht gleich vielen anderen Fahrgästen verbrannte oder ertrank, sondern schwimmend das Ufer erreichte; während feine ganze $abe von den Flammen verzehrt wurde und er sogar seinen Brustbeutel mit dem Reste seines Geldes verlor. Er durchtastete, an Augen und Füßen vom Feuer verletzt, blinde lings die Finsternis, fand eine Tür und sank auf dem Steinboden eines dunklen Raumes ohnmächtig nieder.
Genug der Prüfung, meint man, und nun müsse die Erhebung beginnen? Mitnichten. Zwar wurde Bona, der sein Augenlicht verloren wähnte, und in demütigem Gebet am Boden kniete, im Morgengrauen von frommen Nonnen entdeckt und in ihrem Kloster barmherzig gepflegt; als er indessen, kaum genesen, von seiner drängenden Unrast auf eine mühselige Wanderfahrt getrieben wurde, fand er wohl einen Schiffer, der ihn ein Stück flußabwärts fuhr — aber der habgierige Schurke jetzig als der von den armen Nonnen gespendete Zehrpfennig nach seiner Berechnung durch das Fahrgeld verbraucht war, den Doktor mit vielen guten Wünschen ans Ufer. Da schleppte sich nun Bona, der immer noch schmerzlich an den Augew litt, mühselig durch ein ödes, rauhes Land; und es kam eine Stunde in der Nacht, da er, vom eisigen Regen zerpeiischt, von stoßenden Böen gerüttelt, nur noch durch ein Wunder dem Tode entriffen werden konnte. Als er, zusammenbrechend, mit der letzten Kraft seines Atems um Hilfe schrie, sah er, was er längst nicht mehr zu erhoffen wagte: Ein Licht. Bald darauf gewahrte er über sich im roten Flackerschein einer qualmenden Fackel ein Gesicht, aus dem zwei kleine mißtrauische Augen zu ihm niederspähten. Was aber war es, das mitten im schwarzen Bartgestrüpp des Fremden ein plötzliches Aufleuchten entzündete und feinem borstig umwucherten Munde ein gewaltiges Freudengebrüll entlockte? Wiedersehensjubel war es; und Doktor Bona lag in der Umschlingung des Mannes, dem er im Lazarett zu Stuttgart dös Bein gerettet hatte. Müssen wir sagen, daß der Brave, der übrigens Zöllner geworden war und der biblischen Uebeilieferung seines Berufes getreulich nachlebte, den Doktor wie einen Bruder pflegte und sogar heimlich seine einzige Kuh verkaufte, um ihm Reisegeld vorstrecken zu können? Bonn verließ die Hütte des Zöllners erst nach Wochen als ein völlig gesunder Mann und gelangte wohlbehalten in Kiew, wo er Freunde fand und seinen Retter reichlich belohnen konnte.
Kaum aber waren die Frühjahrsunwetter ruhigeren Tagen gewichen, als Bona seine neue Praxis im Stiche ließ und sich wieder auf die Reift nach Odessa machte; und zwar, da er gegen den Wasserweg eine begreifliche Abneigung gefaßt hatte, in einem gemieteten Fuhrwerk. Alles ging vortrefflich, bis eines Abends der Kutscher in einem der wilden bessarabi- schen Wälder die Richtung verlor und, die Pferde am Zügel führend, mit einem lieblichen Wechsel zwischen kräftigen Flüchen und gläubigen Gebeten eitlen Zickzackweg in immer schwärzeres Dickicht steuerte. Ader auch diese Fahrt dauerte nur so lange, bis ihr zwei wüste Kerle, die durch malerische Lumpen, drohend geschwungene Fackeln und vorgehaltene Pistolen zweiselssrei als Räuber ausgewiesen wurden, ein Ende machten. Der Kutscher sank in die Knie und forderte alle Heiligen der griechisch- katholischen Kirche zur Hilfeleistung auf; Bona indessen, durch Unglück gehärtet, blickte den Wegelagerern furchtlos aufgerichtet entgegen. Da nun geschah es, daß einer von den beiden plötzlich die Pistolen in den Gürtel stieß, den Doktor vom Wagen riß, ihm schallende Küsse auf beide Wangen schmatzte und sodann mit donnerndem Gebrüll rings um den Wagen eine Aufführung machte, die nicht anders denn als urwüchsiger Freudentanz gebeutet werden konnte. Bei einer erneuten Umarmung mit dem Doktor zeigte sich dann, daß er der Soldat war, den Bona dereinst vor der Verstümmelung, wenn nicht dem Tode unter der Knute gerettet hatte. Der Doktor wurde zum Lager der Räuberbande geleitet, die ihn wie einen alten Freund begrüßte und wie einen König ehrte; man veranstaltete sogleich ein Festgelage von solcher Stärke, daß ihn der fernere Verlauf der Ereignisse bald nur noch wie ein undeutlicher farbiger Wirbel umkreiste. Beim Morgengrauen hob man ihn, dem gleichermaßen von Rührung und von Kopfweh die Augen übergingen, auf seinen Wagen, und eine Stunde darauf nahm er an der Landstraße von seinem Schützling und Retter Abschied. Später fand er einen unter den Kissen bes Wagens versteckten Beutel mit Goldstücken, die er, da er sie nicht zurückgeben konnte, in Odessa zur ärztlichen Fürsorge für die Armen verwandte. Und wenn auch von da an fein Leben für uns in die Verborgenheit gerückt wird, so meinen wir doch zu wissen, daß die Fügung ihm nach dieser anschaulichen Durchführung ihrer Absichten die Sicherheit im Hafen gegönnt hat.
Wall Whitman.
Von Dr. Walther Fischer,
o. Professor der englischen Philologie an der Universität Gießen.
Nur wenigen Dichtern ist es beschieden, im Bewußtsein der Qi ad)' Welt den Platz sich zu erringen oder zu behaupten, den sie der ehrgeizige Gedankenflug und das stolze Gefühl der eigenen Leistung bei Lebzeiten erträumen ließ. Walt Whitman (1819 bis 1892) hat das Schicksal diese Gunst vergönnt. Er ist, wie er cs laut verkündet hatte, der Sänger einer Neuen Welt, der Dichter des modernen, demokraUschen Amerika geworden, des Amerika, bas die Traditionen der Alten Welt nicht schlechthin verachtet, aber überwindet, indem es sich mit ihnen auseinanderseht.
Walt Whitmans Werk hat in der Tat ein doppeltes Gesichts es weist nach rückwärts und vorwärts. Starke Impulse der ursprünglichen amerikanischen Nomantik werden in ihm noch einmal lebendig, denn als Whitman 1855 die epochemachende erste Ausgabe der „Grashalme" herausbrachte, hatte sich die offizielle Lyrik, eine» LongfeUows etwa, längst der milden nachromantischen Konvention


