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gehen und damit der volle Sinn der Abschiedsworte des Dichters an seinen Leser:
„Camerado, dies ist kein Buch,
Wer dies berührt, berührt einen Menschen."
*) Rach der ausgezeichneten Llebertragung von Hans Reisiger in »Walt Whitmans Werk" (Zwei Bände Prosa und Poesie mit ausführlicher Einleitung). Berlin 1922.
. *) Indianischer Aame für Long-Dsland im Staate Reuhork, oer Geburtsstätte Walt Whitmans.
) Uebersetzung nach H. Reisiger.
. angeschlossen, wie sie im viktorianischen England geübt wurde. Whit- man aber pflegte den ursprünglichen, unmittelbaren Gefühlsausdruck; H war Pantheist und Mystiker, und die große Botschaft der romantischen Tranfzendentalisten, Emertsons besonders, faßte er nochmals zusammen in [einen Intuitionen von der All-Einheit, vom Mikrokosmos und Makrokosmos, die gleichwertig sind, weil e i n Weltengeist, eine „Identität" sie beherrscht. Aber Whitman blickt auch vorwärts: die amerikanische Demokratie, die große Reue Welt besingt er, deren wesentliche nationale Einheit ihm trotz des drohenden Bürgerkrieges feststand, deren Zukunft er gegründet wußte auf dem Ausgleich zwischen Individuum und Masse und deren fortschrittliche Geisteshaltung einen neuen Abschnitt in der Entwicklung der Menschheitsgeschichte einleiten sollte:
„Ich singe das Selbst, ein einfach Einzelner,
Doch spreche ich das Wort .demokratisch' aus, das Wort
,En mässe*...
Das Leben singe ich, unermeßlich in Leidenschaft, Puls und Kraft, Freudig, zu freiester Tat geformt nach göttlichem Gesetz, — Ich singe den modernen Menschen." *)
In diesem modernen Menschen aber sieht Walt Whitman als Kind seines naturwissenschaftlichen Zeitalters nicht nur die Seele und das geistige Prinzip, sondern auch die Körperlichkeit, die beide sich ihm zu einer „Identität" vereinen, wie sein der deutschen Philosophie entnommener Ausdruck lautet:
„Ich singe Physiologie vom Scheitel bis zur Sohle.
Richt Physiognomie noch Hirn allein ist würdig für die Muse, Ich sage, viel würdiger noch ist die ganze Gestalt,
Ich singe das Weibliche gleichwie das Männliche.'*
Neben dem Menschen aber steht die Natur, die wiederum eine Manifestation eben derselben gewaltigen, „Identität" ist, die Natur, deren Schönheit ihn schon als Knaben erschauern machte und deren Geheimnisse er in allen Stimmen der Landschaft, des Meeres, des Waldes und der Luft belauscht. 2m Umgang mit ihr ist er zum Dichter geworden, und in einem seiner schönsten Gedichte („Aus der ewig schaukelnden Wiege") hat er uns erzählt, wie das Klagelied • einer Spottdrossel um den verlorenen Gefährten den Jüngling zum verstehenden Sänger machte. Die süße Wohllust des Schmerzes, dos sanfte Geheimnis des Todes haben sich ihm damals geoffenbart; aus dem Dogellied, aus dem Meeresrauschen erklang stets dasselbe Wort, das erhabene Wort des Todes, das für Walt Whitman Erfüllung in sich schließt, weil es den Gedanken der „Identität" vollendet:
„Ich vergesse es nie,
Ich verschmelze das Lied meines dunklen Dämons und Bruders, Das er mir sang im Mündlicht auf Paumanvks **) grauem Strand, Mit all den tausend antwortenden Liedern,
Meinen eigenen Liedern, die in jener Stunde erwachten.
And mit ihrem Schlüssel, dem Wort aus den Wellen, Dem Wort der süßesten Lieder und aller Lieder,
Dem starken, köstlichen Wort, das, bis an die Füße mir schwellend, (Oder gleich einer alten Amme, die Wiege wiegend, in linde Gewänder gehüllt und sich zur Seite neigend)
Die See mir geflüstert."
And als er später als Krankenpfleger auf den Schlachtfeldern des Bürgerkrieges und in den Lazaretten Washingtons den Tod in vielfachen Gestalten kennenlernte, als er nach der Ermordung Lincolns den Sarg des geliebten Präsidenten in feierlichem Trauerzuge vor- beiziehen sah, da dachte er wieder des Gesangs des scheuen Bogels, und wieder formte sich ihm die Trauer, aus der die Hoffnung erstand, zum stimmungsvollen Liede. Schließlich dann, als er als abgeklärter Mann, den Sturm und Drang der „Kinder Adams und der „Ealamus-Lieder", jener schonungslos-unverhüllten Lieder der Geschlechtlichkeit und des Freundschaftskultes, weit hinter [ich lassend, den Durchstich des Suez-Kanals besang und in der neuen „Durchfahrt nach Indien" ein Symbol zu einer größeren, metaphysischen Fahrt erblickte, da klingt der Gedanke an den Tod noch einmal auf, auch dem Alter keinen Schrecken bietend, weil in ihm das Wunder der Einheit der Jndividualseele mit der Weltseele für ihn selbst endlich zum Ereignis wird:
„Jählings schrumpfe ich ein bei dem Gedanken an Gott, An die Natur und ihre Wunder, Zeit, Daum und Tod;
Aber dann wende ich mich und rufe dich an, o Seele, du wirkliches Ich,
And steh! du meisterst sanft alle Sonnen, Du meisterst die Zeit und lächelst ruhig dem Tode Und süllst mit schwellender Fülle die Weiten des [Raumes***).
Versuchen wir, wie es in diesen knappen Zeilen geschehen ist, an Hand von ein paar auserlesenen, besonders bezeichnenden Gedichten in das Werk Whitmans einzudringen, so werden wir bald einen festen Punkt gewinnen, von dem aus int Grunde einfache Gedankengebäude dieses modernen Mystikers sich uns entfaltet. Biele» von dem weniger Anziehenden, oder Änkünstlerischen, das in sein Werk sich drängt, wird dann zurücktreten; das Bleibende, Aeberzelt- liche an diesem großen Dichter aber, sein kosmisches Allgefühl und die heimliche Musik seines freien Verses, werden sich uns erschließen und uns reichen Gewinn schenken. Die höhere Einheit von Mensch und Werk in diesem Dätselbuche der „Grashalme" wird uns auf-
G8nseb?ümchen.
Eine Deichbekrachtung.
Von Rudolf Behrens.
Ich fitzte wie ein türkischer Pascha auf einem grünweiß-gewirkten Gänseblumenteppich, der in endloser Breite von den Flanken des hohen Stromdeiches herunterfällt, und philosophiere. Mein schwellender Sitz stellt alle kunstgewebten „Perser", die beim Feste des Propheten aus schwarzglänzenden Maueraugen ihr sattes Braurot der morgenländischen Sonne zum Gruß entbieten, in den »Schatten. Als Feind aller Systeme erwarte ich intuitiv die Eingebungen, die, nach meinem erhabenen Platze zu urteilen, infolge des weiten Blickes über die meine Füße umschmeichelnde Landschaft kommen müssen. Bis zu ihrer Ankunft zähle ich mechanisch die kleinen, weißen Sterne meines grünen Polsters und bin bereits bei der Zahl fünfunddreihig dem Wesentlichen wie in einer Narkose entrückt. Ich gebe mich ganz dem Spiele der Gedanken hin. lieber mir schwimmen flaumige Wolken aus blauem Himmelmeere, und unter mir segeln ihre Spiegelbilder in der gleichfarbigen Flut des mächtigen Stromes; selbst um mich weht der Hauch des Wolkenzuges über die grünen Fäden meiner deutschen Tournciimatte und streicht über ihre rosa- weißen Blüten. Eine innere Welle drängt mich zum lyrischen Gedicht. Ich widerstehe ihr und philosophiere mit einem Gänseblümchen zwischen ■ den spielenden Fingern.
Kräuter und Unkräuter sind keineswegs [chöpsungsbedingte Verschiedenheiten, sondern eine von der Kultur gewollte Spaltung. Das jüngste Gericht über Wert und Unwert des Lebenden vollzieht die Zivilisation seit Tausenden von Jahren bereits in dieser Welt und scheidet die Schase von den Böcken. Was dem menschlichen Leibe dienlich ist — der Umweg über die Kuhpanzen einbegriffen — nennt der Weg Kraut, das Ungenießbare, Giftige, Geschmacklose heißt er Unkraut und sagt ihm Fehde an. Er ahnt dabei den ohnmächtigen Griff in wehende Windmühlenflügel und wittert den Feind dahinter; darum personifiziert er alles Unkraut mit dem Bösen und nennt es die Saat Beelzebubs. „Wenn ich einmal der Herrgott wär'", wie es in dem bekannten Trinkliede lautet, so schuf' ich ganz gewiß kein großes Faß, schonen Rücksichtnahme auf die Belange der Gegenwart, die im Zeitalter des Sportes mehr auf Prohibition als Destillation, Gärung und Sud eingestellt isst sondern fände den Triumph meines erfüllten Wunsches in einem augurenhciften Lächeln über die Unzulänglichkeit der Menschen, die hinter die Dinge aller Welt zu kommen streben und in der Relativität ihrer Hirne stecken bleiben.
Das Gänseblümchen in der Hand schaut mich fragend an. „Kraut oder Unkraut, das ist hier die Frage". Hamlets Redewendung mag auf der Bühne eindrucksvoller klingen. Ihre weltweise Bedeutung ist jedoch nicht größer als das parodistisch anmutende Gänseblümchenwort, das dem Shakespearezitat nachgebildet ist. Wenn der gehörnte Langbart meckernd um Deichrande angepflockt seine Spiralen tanzt und schnuppernd an den Marienblümchen vorbei Bocksbartsalat und Hornkleegemüse rupft, die milchschwere Kuh mit plumpen Läufen die kleinen Sternaugen in den Kot tritt und ihre Siebe der Esparsette und den Butterblumen zuwendet und der watschelfüßige Gänsetrab die nach ihm genannte Blume nur ästhetisch würdigt, so möchte man sie Unkraut taufen. Wenn man aber sieht, wie ein alles fressender Ochse wahllos jegliches Grün vertilgt und die kleinen Marienaugen als Alltagsfutter taut, so ist es eben Standpunktsache, wenn man Kraut sagt. Kommen gar die kleinen Kinder ans den Deich und spielen mit Marienblumenkränzen im Haar Ringelreihen oder pflanzt man die kelchgesüllte Spielart auf Rabatten im Garten, so enthebt man den lieblichen Blütenstern der Kraut- und Untrautmaterie und sichert ihm einen gebührenden Platz im Bereiche unserer nach Schönheit durstenden Seele, veredelt ihren Wert und öffnet ihm das Tor der Kunst.
Alles dies hätte mir einfallen können auf einem Spaziergange durch die Schrebergärten, auf dem Feldwege zwischen grünen Saaten, nm Rande der Vorstadtwiese, überall, wo die Mariensternchen den Schoß der Mutter Erde bekränzen. Daß dies meinem Gänseblumenteppich über dem rauschenden Strome, unter der weiten Himmelskuppel, inmitten einer Landschaft, dem dieser Teppich größere Traulichkeit verleiht als ein deutscher Wollperser unserer Wohnstube, vorbehalten blieb, liegt daran, daß ich erkennen muhte, ohne Erika ist keine Heide denkbar, ohne Wollgras blüht kein Moor, ohne Löwenzahn ist keine Wiese vorstellbar, ohne Wegerich zieht keine Straße ihre Sandschaftsbänder und ohne Gänseblümchen ist für mich der Deichteppich kein Sandschaftsbild, sondern nur ein Damm gegen Hochwasser, ein dem Winde ausgesetzter Grashang, ein Weideplatz für Hornvieh und Geflügel.
Der Stromdeich ist ein Landschastsbild eigenwilligen und selbstbewußten Charakters. In seinen Ausmessungen ist er nur der Landstraße vergleichbar. Er erschöpft sich in einer Dimension, ist an den Strom gebunden wie die Bergeshöhe an das Tal und duldet keinen Wald und keine Siedlung, höchstens ein Fährhaus oder eine Baumgruppe, eine Weidenkette oder einen Viehstall in feinem Weichbilde. Sein Antlitz spiegelt feine Seele wieder. Jede Landschaft hat ihre Seele; sie ist unsichtbar wie die des Menschen, aber stärker an den Himmel gebunden, deren Stimmungen sie im Reflexlicht offenbart. Ich sah sie in heiterer Morgenruhe, als alle Wellenkämme, Eräserfpihen und Mariensternchen „Das ist der Tag des Herrn" jauchzten. Oft traf ich sie träge im Mittags- jchlaf, spürte den zitternden Atem in brütender Sommerhitze und wurde von ihrer Müdigkeit übermannt. Sie peitschte mir manchmal den Zorn der Wolken um die Ohren, brauste auf, warf wilde Wasserspritzer um sich her, gurgelte und gluckste, tobte und raste, daß ich den Mantel ums Gesicht schlug und ihr enteilte. Ihren Stimmungen und Launen entsprachen


