ihre Bilder, dis nie einseitig auf Schul« und Technik eingeschworen waren, sondern kaleidoskopartig das Gewand anzogen, das ihr der Himmel eingab. 3m Pastellzauber rauschte ihr weiches Frühlingskleid, lichtblau, zartgrün mit weißen Tupfen. Bor Regentagen glich sie getuschtem Aquarell, lieble unverwischte Farben, klare Uebergänge vom weißen Wolkenhut über das Zinnoberamulett des Hirtenhausdaches, das Weidengrün der Halskrause bis zu dem saftgrünen Rocksaum und den hellen Wasserschuhen. Sonntags war ihr Anblick ein Oelgemälde mit breiter Pinselführung und dick aufgestrichenen Farben, Deckweiß auf dem Himmel, dem Graswuchs und dem Wasserspiegel. Wenn zur frühen Herbstzeit die Sonne sank, dann hätte ich Futurist sein mögen, um das schreiende Farbenspiel ihres Gewandes zwischen Karmin, Orange, Violett, Blau, Grün und Gelb auf der Leinwand festzuhnlten. Die Farbenkünstler mögen auf ihre Expressionen recht stolz sein, doch sollten sie nicht die Wahrheit verkennen und neidlos der unerreichbaren Meisterin, der Natur den unsterblichen Ruhmeskranz überlassen. Gegen sie sind alle Menschenwerke stümperhafte Kopien.
Die Physiognomie einer Landschaft verrät nicht nur Seelenanalyse, die ist auch Lebensgeschichte. Hinter den Weiden, wo die Sandberge die Geest verdecken, ist die Grenze des Urstromtales, das vor urdenklichen Zeiten in ungezähmter Wildheit von einer Deichlandschaft nichts wußte. Stromabwärts entreißt ein ratternder Bagger dem Grunde des Flusses und damit aller Vergessenheit einen eichenen Einbaum, der fliehende Kelten ans östliche Ufer und wanderlustige Germanen an di« entvölkerten Gestade trug, der von feiner Zeit mehr erzählen könnte als alle Prä- Historiker zu schreiben wissen. Unter mir schlängelt sich eine Beeke durch Hecken und Weiden, um ihr mooriges Wässerlein nach der Mündung in der großen Flut des Stromes zu reinigen. Hier ist der Deich unterbrochen. Ein paar morsche Eichenstllmpfe ragen aus dem hohen Schilf. Es find die Reste eines Steges, der seit mittelalterlichen Zeiten den Schiffen, die ihre Kähne am Uferrand stromauf zogen, als Laufbrücke diente. Damals wertete man die Zeit noch nicht als Geld und fühlte sich frei von der Hetze des 20. Jahrhunderts. Mit den Siedlungen in der Tiefe des Stromlandes begann auch der Kampf der Menschen gegen die steigenden und fallenden Fluten, begann auch die Geburt des Deiches. Im Bereiche der schützenden Wälle ist mehr gekämpft und gestritten worden gegen die Gewalten der Natur als in jeder anderen Landschaft des Flachlandes. Der Deich sah Brücken die Ufer binden, Fluten sie wieder niederreißen, Heerzüge auf Flößen und Kähnen, Kaufherren auf Seglern und stakenden Schiffen, Rennvierer und Motorboote, Rad- und Turbinendampfer, Vergnügungsschiffe und Frachtschlepper, eine Buntheit des Lebens, wie sie auf keiner anderen Verkehrsader reizvoller und anmutiger zu schauen ist. Der Staub der Heerstraße, die Eintönigkeit des Schienenstranges, die Uferlosigkeit des Luftweges verblassen gegen das Lai-.dschastsbild des Deiches.
So spülen die Wellen Geschichte an den Rand des Deiches, fangen die Bilder dieses Landschaftstyps in ihrem Spiegel auf und netzen an steiler Böschung einen ununterbrochenen Gänseblumenteppich. lieber ihm streicht ein Möwenpaar landeinwärts und trügt auf weißen Schwingen den Muß des Meeres zu den Wellen des Stromes. Kibitzscharen segeln über den Deichrücken, ihr Ruf vermischt sich mit dem Gekrächze fliehender Raben. Ein Fisch springt im Wasser auf und schnappt nach einem gaukelnden Luftbissen. Am jenseitigen Ufer stolziert ein Reiher und verscheucht aus dem Weidengeslecht ein brütendes Wasserhuhn.
Das Gänseblümchen in meiner Hand ist welk geworden und läßt das Köpfchen hängen. Aus dem Wasser steigt weißer Dampf auf und kriecht am Deich empor. Er löscht die Sterne des bunten Gänseblumenteppichs und vermählt sich mit dem Wiesennebel. Ich sinke aus meiner Verlorenheit in die Wirklichkeit des bümmemben Abends, erhebe mich von meinem weichen Sitze, der feucht und kalt geworden ist und schaue über Deich und Flut. Grau in Grau ist die Welt, eine Schwnrzweißzeichnung, deren Konturen die Künstlerin Natur verwischt hat. Es ist still um mich. Vom gegenüberliegenden Ufer brüllt eine Kuh und schreit nach der sich verspätenden Melkerin. Aus meiner Hand fällt das sterbende Marien- blümchen in den Schoß seiner schlafenden Geschwister. Leben und Tod, Tag und Nacht, Strom und Himmel liegen einander in den Armen, um zu ruhen. Die Seele der Landschaft schläft.
Moderne Bildtelegraphie.
Von Professor Dr. Hermann Großmann, Berlin.
Das Problem der elektrischen Bildübertragung auf groß« Entfernungen ist in den letzten Jahren nicht nur wissenschaftlich, sondern auch technisch einwandfrei gelöst worden. In jüngster Zeit hat auch bereits eine weitgehende praktische Verwendung dieser für das gesamte Nachrichten- und Zeitungswesen in ihrer großen Bedeutung noch gar nicht abzusehenden Erfindung stattgefunden. Führend auf diesem Gebiet sind erfreulicherweise deutsche Erfinder und Unternehmungen gewesen. Dis Siemens- und Halske-A.-G. und die Telefunkengesellschaft, über deren neueste Fortschritte im folgenden berichtet werden soll, können hier als di« Pioniere einer Technik angesehen werden, deren weitgehende Anwendungsmöglichkeit bereits in den nächsten Jahren zur Tatsache werden wird.
Mit Hilfe der Bildtelegraphie ist es bekanntlich möglich geworden, in wenigen Minuten Bilder zu übertragen oder zu telegraphieren. Zweck der Bildtelegraphie ist es, nach einem am Sendeorte vorliegenden Bild, einem Schriftstück, einer Zeichnung, auf elektrischem Weg« in kürzester Zeit am Empfangsort ein dem Original völlig entsprechendes Abbild zu schaffen, dessen weiterer Verwendung dann keinerlei Schwierigkeiten mehr entgegenstehen. Es bedurfte jedoch sehr eingehender unb gründlicher wissenschaftlicher Studien hinsichtlich der Zusammenhänge zwischen den Licht- und Elektrizitätserscheinungen, wie auch der Konstruktion geeigneter, äußerst empfindlicher, aber gleichzeitig im Betriebe sicher arbei-
Derantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl
tender Apparate, bevor man dazu übergehen konnte, brauchbare, sch^g und genau arbeitende Geräte für die Bildtelegraphie zu schaffen.
Nachdem am 1.Dezember 1927 auf der Strecke Berlin —Wie« die erste zwischenstaatliche Anlage für elektrische Bildübertragung noch dem System Siemens-Karolus-Telefunken dem öffentlidxi: Verkehr übergeben worden war, erfolgte schon im April des nächste« Jahres mit den gleichen Apparaten in England die Einrichtung eines Bildtelegraphenverkehrs zwischen London und Manchester. Diese Lin« kann als das erste Glied eines großen Netzes angesehen werden, das doi' der englischen Presse vorgesehen ist, um die Redaktionen aller größer«, englischen Zeitungen mit bildtelegraphischen Nachrichten zu versorge». Seit kurzer Zeit besteht ferner auch zwischen Berlin und London sowie Paris ein Bildaustausch auf dem Drahtwege. Es ist sonach, da weiter» bildtelegraphische Verbindungen zwischen Berlin und anderen Haupv städten in Kürze eröffnet werden dürften, ein europäisches Bild, telegraphennetz im Entstehen begriffen. Man benutzt für dich Verbindungen ein neues Bildgerät der Siemens & Halske-A.-G., das an Leistungsfähigkeit die bisherigen Apparate noch erheblich übertreffen dürfte. Die technischen Verbesserungen dieses neuen Gerätes betreffen den mechanischen Aufbau, die Abtastung des Bildes am Sender, die Empfangseinrichtungen, die Synchronisierung, die Phaseneinstellung, die Verstärker usw. Natürlich sind die empfindlichen Photo- und Kerr-Zellen beibehalten worden. Mit Hilfe des neuen Bildgerätes kann man positive und negative Bilder nach Wunsch empfangen, und es lassen sich ans, gezeichnete Bilder innerhalb der Abmessungen von 18 Zentimeter Breite und 25 Zentimeter Länge übertragen. Das neue Bildgerät wird auch bereits in größerem Umfange im englischen Zeitungsdienst, im offen! lichen Telegraphendienst Japans und in Australien verwendet. Bei de« europäischen Verbindungen benutzt malt zur Beförderung der Bildtele- gramme die Fernsprechkabel.
Die Vielseitigkeit in der Anwendungsmöglichkeit der bi(bte(«gr«, phischen Übertragung ist in der Tat als ganz außerordentlich zu be> zeichnen. Ganz abgesehen von der Verwendung der Bildtelegraphie in Zeitungen und Zeitschriften erscheint auch die getreue Wiedergabe von handschriftlichen Aufzeichnungen besonders wichtig. So können z. B. Aus rufe und Reden von Staatsmännern und Wissenschaftlern und andere« führenden Persönlichkeiten in ihrer Handschrift gegebenenfalls auch in Verbindung mit dem Bild des Betreffenden verbreitet werden und so zu rechter Zeit eine besonders tiefgreifende Wirkung ausüben.
Auch für kriminalistische und forensische Zwecke eignet sich das Verfahren besonders gut. Bildnisse und Fingerabdrücke für Steckbriefe zur Identifizierung von Verbrechern, Handschriftproben, Abbildungen mit gefälschten Dokumenten, Aufnahmen vom Tatort eines Verbrechens ufro, können bei telegraphischer Uebermitttung besonders zur raschen Aufklärung eines Verbrechens beitragen. Ebenso kann man im Wirtschaftsleben von der bildtelegraphischen Uebermitttung von Schecks, Ärebitbriefeii Rechnungsauszügen, Kursnotierungen, ja selbst von ganzen Zeitungs- seiten, mit Vorteil Gebrauch machen, und selbst stenographische Niederschriften übertragen, die im gewöhnlichen Telegrammverkehr nicht befördert werden dürfen. In Ländern wie China und Japan lassen sich nunmehr auch ohne Schwierigkeiten Mitteilungen in der Originalschrift übermitteln, was bisher ebenfalls unmöglich war. Auf die Bedeutung der Bildtelegraphie für die Statistik fei hier nur kurz hin- gewiesen. Wegen der unbedingten Originaltreue werden BildtelegrmiM von Vertragsentwürfen, behördlichen Schriftstücken, Patentzeichnungm oder Patenturkunden bei Verhandlungen, die an entfernten Orten gleichzeitig geführt werden müssen, wertvolle Dienste leisten können. So fönnett z. B. Projektentwürfe in kürzester Zeit einer für die Entscheidung maßgebenden Persönlichkeit, die sich an einem anderen Orte befindet, über mitten und von ihr eventuell mit Angabe von Aenderungen umgehend der Ausgangsstelle zurückgesandt werden. Welche Bedeutung gerade diese Uebertragung von Zeichnungen z. B. bei der Montage in fernen Länder« haben kann, ist ohne weiteres verständlich. Anfragen, Bemusterung und Bestellung können so in wenigen Stunden erledigt werden, wozu früher wegen der notwendigen brieflichen Uebermitthmg oft Tag« erforderlich waren. Auch Mitteilungen wissenschaftlicher Natur lassen sich bildiele- graphisch in Fällen übermitteln, wo die üblichen Zeichen- oder Typen- drncktelegraphie versagt, wie z. B. bei chemischen oder mathematische« Formeln. Es steht außer Zweifel, daß mein bei Berichten über Vorträge auf wissenschaftlichen Kongressen oder auch bei wichtigen, schnell zu erledigenden Druckkorrekturen von wissenschaftlichen Arbeiten die Biidieie- graphie benutzen wird. Auch für die Heilkunde kann das Verfahre« wichtig werden, wenn man z. B. in eiligen Fällen eine Röntgenaufmihme einem Arzt übermitteln will.
Das Verfahren selbst eignet sich, wie schon erwähnt, zur Uebertragung von Bildern über Draht als auch auf drahtlosem Wege, wobei das V1 übertragende Bild selbst keiner besonderen Vorbereitung bedarf. Rätiirii« darf man von der Bildtelegraphie nicht verlangen, daß das übertragene Bild etwa bei schlecht leserlicher Schrift deutlicher sei als das Driginal- Bei der Aufgabe eines Bildtelegramins bei der Post find übrigens keine besonderen Formalitäten zu erfüllen, sondern das Bild wird wie M andere Telegramm am Schalter aufgegeben.
Auch im Bildfunk-Ver suchsbetrieb auf iveiie E”is^ mtngen hinaus sind neuerdings durch die Telefunkengesellschaft erhebliche Fortschritte erzielt worden. Zwischen Berlin und Buenos-Aires, also * eine Entfernung von über 12 000 Kilometer hat man bereits Faksinwe- Bildübertragung durchführen können, ohne, daß irgendwelche technisch«« Hindernisse sich als störend erwiese,^ hoben. Durch verschiedene 93erbe||e- rungen im Bau und Betrieb von Strahlwerser-Antennen hat man am die früher beobachteten Schwunderscheinungen, atmospärische «Störung«’1 und Doppelzeichen weitgehend auszuschalten vermocht.
'sche UniversitätS^Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieß«"-


