Jahrgang (929
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Ich und du.
Von Friedrich Hebbel.
Wir träumten von einander und sind davon erwacht, wir leben, um uns zu lieben, und sinken zurück in die Nacht.
Du tratst aus meinem Traume, aus deinem trat ich hervor, wir sterben, wenn sich eines im andern ganz verlor.
Auf einer Lilie zittern zwei Tropfen rein und rund, zerfließen in Eins und rollen hinab in des Kelches Grund.
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Pallasch und Wehrgehenk reiß ich vom Pflock, stoß den Panduren zur Seite, daß er taumelt, und renn in die Nacht.--Alarm! — Und
dann wie ein Schrei das Signal.
Flüche, Geschrei und Befehl. Die Pferde wiehern in den eiskalten Morgen. Einer hält mir den Bügel, und ich springe aufs Roß. Durch das schlafende Dorf geht das Jagen. Sieben Reiter voraus, und neben mir die Standarte. Ein Bauer glotzt vor dem Brunnen. Ich verhalte mein Pferd und rufe ihm zu: „Die Straße nach Malplaquet?" Er zuckt mit den Schultern. Ich hebe den Arm. Da sitzt er dem Fähnrich im Sattels Und weiter die Jagd.
Sonne steigt aus der Nacht, und ich reite. Im Dröhnen der Hufe, im Klirren der Waffen und Kreischen der Sättel lacht meine Freude. Achtundzwanzig Jahre bin ich alt, Caroli und Eugenii wildester Rittmeister- Und hinter mir zwei Kompagnien Caraffa und eine Küfstein. Die Sehnsucht wird wach, ich wende den Blick und sehe die Standarte.
Still! Was sang mir mein Blut? — Von Caraffa Obrist! Was sind das für Worte? Bin ein Geringer nur in der Eugenii großen Armada,
und die vermögenden Vettern zu Wien sind mir gram ob meines tollen
Lebens. Wissen nicht, daß mein wildes Tun nur das Branden meinet
heißen Seele ist, deren klare Wellen sich an den Klippen meiner Sehnsucht brechen. Was sollen die Träume?
Und müder führ' ich den Ritt. — Was hilft's? Aus den Eisen des Pferdes tönt's wie ein Lied, und dahinter im Chor von zwölfhundert Hufen: Von Caraffa Obrift, von Caraffa Obrift!
Endlos zieht vor uns eine Schlange von Staub. Ferne kriecht ein« zweite. Dort reiten die Briten. Wehr dich, Franzos!
Dumpfe Schläge fallen über die Wälder und Heiden. Troß sperrt di« Straße. Da bieg ich ins Feld. Befehl und Signal! Breit wird die Jagd hinter mir.
Das Bäuerlein jammert und schreit. Da hält ihm der Reiter die Tatz« aufs Maul. Da wimmert es (eis. Was tümmert’s mich viel? Eugenius ruft, was schiert mich da eines Bauern Fell! Und er weist uns den Weg Weit voraus jagt der Fähnrich mit ihm und hält feine Last im Arm wie eine köstliche Frau.
Wolken von Pulver und Staub branden über die Hügel. Ich suche bi« Mühle. Spät ist die Stunde und steigt gegen Mittag. Wildes Getöse vor uns und rollender Donner. Weiße Nebel wehren den Blicken.
Horch! Wildes Dröhnen von Rossen! 211s ritten viel tausend. Nutz brechen sie los. Aus dem Kamm eines Hügels quillt ein rasendes Band. Sturm zerreißt das Gewölk und weitet den Blick, lieber Heiden und Wiesen endlos das Band und der Schrei von Trompeten. Wütende Blitz« aus den Höhen vor uns. Sie mähen die tausend. Da wink ich: Küfstein. Ich höre den Ruf der Trompete und sehe Getümmel am Hügel. Vorbei!
Aus den Hügeln und Wäldern des Feindes Farben und funkelndes Gold und das Brausen des Rittes. Wolken von Reitern zerreißen das Band, und ich sehe die Not. Steil wie ein Sprung stößt die Standarte Caraffa empor, die Säbel zucken ihr nach, und wir fliegen. Die Hügel hinan wie tosende Flut, und die Säbel tanzen wie Flammen. Lanzest fallen mich an, und ich stürze. Hufe stampfen ringsum.
Blaue Schleier wehren den Blicken, goldene Lilien glitzern. Ich seh« die Fahne des Königs und stehe. Ein Degen kreuzt meine Klinge. Der Schlag eines Faustrohrs dröhnt. Gewühl um mich her, und helles Schlagen der Waffen. Da stoße ich zu und halte die Fahne. Ein ledig Pferd seh ich scharren. Ich eile ihm zu. Und weiter der Ritt und wildes Getümmel und Fluchen. Da hebt sich der Sieg.
Trompeten rufen, und ich wende mein Roß. lieber die Hügel zieh« ich hin. Zwölfhundert Hufe mir nach, und das Banner des Königs im Arm. Wie ein Wölklein lacht's über mir. Es ballt sich, flattert und rauscht. Die Seide knistert im Winde. Die Lilien glühen im Abend. Im Tale des Kaisers Armada. Rufe flattern uns zu. Sie sehen Standarte und Fahne, unb es grüßt durch das Heer: Vivat Caraffa!
III.
Der Abend ist müde und schwer. Auf offenem Feld ist das Lager- 2(m Morgen der erste Befehl. Chateau la Rase das Quartier. Unb langsam reiten wir lang. Tief in den Forsten das Schloß. Da sitzen wir ab."Ich klopfe den Staub von den Stiefeln, streich mir den Schweiß aus der Stirne und steige die Treppe zum Schloß. Sie schwebt wie ein Traum üb ernt Teich. Weiße Schwäne pflügen fein Wasser, gelbe Mauerst spiegeln die Wellen. Wie begraben in späten Rosen liegt dieses Haus- Unten am Teiche dämpfen die wilden Reiter die Stimmen. So einsam liegt er und still.
Ein alter Diener neigt sich langsam vor mir und ich folge. Durch weite* Gänge führt mich der Weg. Ein Zimmer von Gold, tiefem Blau unb dunklem Getäfel nimmt mich zu Gast. Und ich ruhe. Nach Stunden regt sich die Tür. Der Alte tritt ein und meldet, daß feine Herrin warte. Staunend hebe ich den Blick. Wie seltsam rührt es mich an, daß Menschen in diesem Schweigen (eben. Hörte ich recht? Seine Herrin?
Das Lied der Standarte Caraffa
Novelle von Alfons v. C z i b u l f a.
I.
Ich reite.--
Rot ist der Wald und die Schatten Gold. Sonne zwischen den Buchen von Blut. Sonne ringsum. Nur in mir ist Nacht, unb mübe schlagen die Hufe der Rosse, müde wie mein krankes Herz.
Lius des Laudons Feldlager kommen wir her, von der syrmischen Donau. Von dort, wo sie breit wie ein Meer unb blau wie der Himmel ist. Ich weiß nicht, ob es Tage ober Jahre sind, seit ich der großen Stadt entfloh, drin mir mein Urteil ward. Wo ich die Frage tat: „Liebst du mich nicht mehr?" Ihre Worte fielen: „Es ist vorbei, was soll das Fragen?" Und ich wieder sprach: „Weißt du, daß es meiner Seele Tob ist, wenn du von mir gehst?" Unb ihre Antwort kam: „Was soll bas Reden--
geh!"
Seither ist die Nacht in mir und das langsame Sterben. Er, der nehmen darf, sitzt reich und stolz aus feinem böhmischen Schloß, und muß mein rotes Herz dem Feind entgegentragen.
Und immer die Frage: Warum? — — Warum dieses Ende? — Diese eine Frau habe ich geliebt, gab ihr mein Leben unb meine Seele,
und alle Güte trug ich ihr entgegen.
Alles ist fern, nur die Qual ist nah. Ferne das Lachen der Reiter hinter mir, ferne die Farben des Herbstes unb die Schönheit fremben Landes. Ferne auch die Dörfer, vor deren grauen Hütten sich die Bauern hinter ihren Popen neigen. Demütig wie die Weiden über die dunklen Spiegel dieser Bäche. Ferne die kalke Stimme des kaiserlichen Kommis- farius, der uns begleitet, kaum beit Dreispitz vor den Bauern vom Schädel rückt und sein leierndes Sprüchlein beginnt: „Im Namen unseres allergnädigsten Kaifers Josephus ..." .
Ich reite. Und meine Seele fragt: „Wofür?" — Die Sonne sinkt in die Arme eines blauen Berges, meine Augen sehen den roten Ball, doch mein Herz ist ohne Fühlen. — — Und wieder die Frage: „Wofür?--
Warum diese Qual, die wie eine Strafe ist?"
Dumpfer pocht der Hufschlag hinter mir. Wie ferner Trommelklang aus einem andern Leben. Mir ist es, als versänken Bäume, Wald und Berge rings umher. Nur meines Pferdes Kopf und Hals schneiden schwarz und groß die abendliche Weite.
Ich sinke, und nur eine Frage steht über der Welt: Wofür?
II.
Da klingt der Huffchlag eines wilden Reitens an mein Ohr, der Ruf eines Postens unb Waffenklirren, unb ich hebe ben Blick. Schwarz ist bas Zelt um mich. Fernher ber Lärm bes Lagers unb das Schreiten ber Wache. Einer Fackel Schein leuchtet blenbenb durch ben Spalt. Jost Häfele, mein Stallknecht, steht vor mir. Hinter ihm einer von bes Prinzen Eugenii Panburen. Schüttelt ben Dreck von ben Tschismen, baß bie Sporen klirren. Da bin ich voni Lager, reib mir ben Schlaf aus ben Augen und greif nach bem ädjreiben. Jost Häfele hebt bie garfel emgor, und ich lese: Den 10. Octobris 1711. An den Freiherrn von Mell auf Jaunitz unb Hrabek--unb bann ben Befehl.
Daß ber Satan ben Panburen reite! Weiß bie Hölle, bei welchen Troßweivern er um Ehr unb Seligkeit gewürfelt hat, statt zu recken! Und wenn er feine innocentiam auch zehnmal asfirmieret, so kann s nicht anders fein. Denn ber große Eugenius schickt feine Befehle nie zu spat. 311 ber zehnten Morgenstunbe sollen bie zwei Kompagnien Caraffa und eine Küfstein an der Mühle von Malplaquet stehen. Bier schlagt die Uhr vom nahen Franzofenborf, unb zwölf Meilen lang ist ber Weg!
SiefjenerSamilicnblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
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