Mark Stahlbaum, die Tochter eines sehr achiungswerten Medizinalraies und di« Retterin meines Lebens! Warf sie nicht den Pantoffel zur rech­ten Zeit, verschaffte sie mir nicht den Säbel des pensionierten Obersten, so (üg* ich, zerbissen von dem fluchwürdigen Mausekönig, im Grabe. Oh, diese Demoiselle Stahlbaum! gleicht ihr wohl Pirlipat, obschon sie eine geborene Prinzessin ist, an Schönheit, Güte und Tugend? Nein, sag' ich, nein!" Alle Damen riefen:Nein!" und fielen der Marie um den Hals und riefen schluchzend:Oh, Sie edle Retterin des geliebten prinz- lichen Bruders, vortreffliche Demoiselle" Stahlbaum!"

Nun geleiteten dis Damen Marien und den Nußknacker in das Innere des Schlosses, und zwar in einen Saal, dessen Wände aus lauter farbig funkelnden Kristallen beständen. Was aber vor allem übrigen der Marie so wohl gefiel, waren die allerliebsten kleinen Stühle, Kommoden, Sekre­tärs usw., die ringsherum standen und die alle von Zedern- oder Brasi­lienholz mit daraufgestreuten goldenen Blumen verfertigt waren. Die Prinzessinnen nötigten Marien und den Nußknacker zum Sitzen und sag­ten, daß sie sogleich selbst ein Mahl bereiten wollten. Nun holten sie eine Menge kleiner Töpfchen und Schüsselchen von dem feinsten japa­nischen Porzellan, Löffel, Messer und Gabeln, Reibeisen, Kasserollen und andre Küchenbedürfniffe von Gold und Silber herbei. Dann brachten sie die schönsten Früchte und Zuckcrwerk, wie es Marie noch niemals ge­sehen hatte, und singen an, auf das zierlichste mit den kleinen schnee­weißen Händchen die Früchte auszupressen, das Gewürz zu stoßen, die Zuckermandeln zu reiben, kurz so zu wirtschaften, daß Marie wohl ein­sehen konnte, wie gut sich die Prinzessinnen auf das Küchenwesen ver­standen, und was das für ein köstliches Mahl geben würde. Im lebhaften Gefühl, sich auf dergleichen Dinge ebenfalls recht gut zu erstehen, wünschte sie heimlich, bet dem Geschäft der Prinzessinnen selbst sein zu können. Die schönste von Nußknackers Schwestern, als ob sie Mariens geheimen Wunsch erraten hätte, reichte ihr einen kleinen goldenen Mörser mit den Worten hin:Oh, süße Freundin, teure Retterin meines Bruders, stoße eine Wenigkeit von diesem Zuckerkandel!" Als Marie nun so wohlgemut in den Mörser stieß, daß er gar anmutig und lieblich wie «in hübsches Liedlein ertönte, fing Nußknacker an, sehr weitläufig zu erzählen, wie es bei der grausenvollen Schlacht zwischen seinem und des Mauseköntgs Heer ergangen, wie er der Feigheit seiner Truppen halber geschlagen worden, wie dann der abscheuliche Mausekönig ihn durchaus zerbeißen wollen und Marie deshalb mehrere seiner Untertanen, di« in ihre Dienst« gegangen, aufopfern müssen usw. Marien war es bei dieser Erzählung, als klängen seine Worte, ja selbst ihre Mörserstöße, immer ferner und unvernehm­licher, bald sah sie silberne Flöre wie dünne Nebelwolken aussteigen, ja si« selbst schwammen ein seltsames Singen und Schwirren und Sum­men ließ sich vernehmen, das wie in die Weite hin verrauschte; nun hob sich Marie wie auf steigenden Wellen immer höher und höher höher und höher höher und höher.

Beschluß.

Prr puff ging es. Marie fiel herab aus unermeßlicher Höhe. Das war ein Ruck! Aber gleich schlug sie auch die Augen auf, da lag sie in ihrem Bettchen; es rvar heller Tag, und die Mutter stand vor ihr, sprechend:Aber, wie kann man auch so lange schlafen! Längst ist das Frühstück da." Du merkst es wohl, versammeltes, höchst geehrtes Publikum, daß Marie, ganz betäubt von all den Wunderdingen, die sie gesehen, endlich im Saal des Marzipanschlosses eingeschlafen war, und daß die Mohren ober die Pagen oder gar di« Prinzessinnen selbst si« zu Hause getragen und ins Bett gelegt hatten.Oh, Mutter, liebe Mutter, wo hat mich der junge Herr Drosselmeier diese Nacht überall hingefllhrt, was habe ich alles Schönes gesehen!" Nun erzählte sie alles beinahe so genau, wie ich es soeben erzählt habe, und die Mutter sah sie ganz ver­wundert an. Als Marie geendet, sagte di« Mutter:Du hast einen langen, sehr schönen Traum gehabt, liebe Marie; aber schlag dir das alles nur aus dem Sinn!" Marie bestand hartnäckig darauf, daß sie nicht geträumt, sondern alles wirklich gesehen habe; da führte die Mutter sie an den Glasschrank, nahm den Nußknacker, der wie gewöhnlich im dritten Fache stand, heraus und sprach:Wie kannst du, du albernes Mädchen, nur glauben, daß diese Nürnberger Holzpuppe Leben und Bewegung haben kann?"Aber, liebe Mutter", fiel Marie ein,ich weiß es ja wohl, daß der kleine Nußknacker, der junge Herr Drosselmeier aus Nürnberg, Pate Drosselmeiers Neffe ist." Da brack-en beide, der Medizinalrat und die Medizinalrätin, in ein schallendes Gelächter aus.Ach", fuhr Marie bei­nahe weinend fort,nun lackK du gar meinen Nußknacker aus, lieber Baier, und «r hat doch von dir sehr gut gesprochen; denn als wir im Marzipan­schloß ankamen, und er mich seinen Schwestern, den Prinzessinnen, vor­stellte, sagte «r, du seist ein sehr achtungswerter Medizinalrat!" Noch stärker wurde das Gelächter, in das auch Luise, ja sogar Fritz «instimmt«.

Da lief Marie ins andere Zimmer, holte schnell aus ihrem kleinen Kästchen die sieben Kronen des Mausekönigs herbei und überreichte sie der Mutter mit den Worten:Da sie hnur, liebe Mutter, das sind die sie­chen Kronen des Mausekönigs, die mir in voriger Nacht der junge Herr Drosselmeier zum Zeichen seines Sieges überreichte." Boll Erstaunen be­trachtete di« Medizinalrätin die kleinen Krönchen, die von einem ganz unbekannten, aber sehr funkelnden Metall Jo sauber gearbeitet waren, als hätten Menschenhände das unmöglich vollvringen können..Auch der Me­dizinalrat konnte sich nicht satt sehen an den Krönchen, und beide, Vater und Mutter, drangen sehr ernst in Marien, zu gestehen, wo sie di« Krön­chen Her habe. Si« konnte aber nur bei dem, was sie gesagt, stehen blei­ben, und als sie nun der Vater hart anließ, und sie sogar eine kleine Lügnerin schalt, da fing sie an, heftig zu meinen, und klagte:Ach, ich armes Kind, ich armes Kind, was soll ich denn nur sagen?" In dem Augenblick ging di« Tür auf. Der Obergerichtsrat trat herein und rief: Was ist da was ist da? Mein Patchen Marie weint und schluchzt? Was ist da was ist da?" Der Medizinalrat unterrichtete ihn von allem, was geschehen, indem er ihn: die Krönchen zeigte. Kaum hatte der Ober­gerichtsrat aber diese angesehen, als er lacht« und rief:Toller Schnack,

toller Schnack! Das sind ja die Krönchen, die ich vor Jahren an meiner Uhrkette trug, und ich der kleinen Marie an ihrem Geburtstage, als sie zwei Jahre alt worden, schenkte. Wißt ihr's denn nicht mehr?" Weder der Medizinalrat noch die Medizinalrätin konnte sich dessen erinnern; als aber Marie wahrnahm, daß die Gesichter der Eltern wieder freundlich gewor- den, da sprang sie los auf Pate Drofselmeier und rief:Ach, du weißt ja alles, Pate Drosselmeier; sag' es doch nur selbst, daß mein Nußknacker dein Neffe, der junge Herr Drofselmeier aus Nürnberg ist, und daß er mir die Krönchen geschenkt hat!" Der Obergerichtsrat machte aber ein sehr finsteres Gesicht und murmelte:Dummer, einfältiger Schnack!" Dar­auf nahm der Medizinalrat die klein« Marie vor sich und sprach sehr ernst­haft:Hör' mal, Marie, laß nun einmal die Einbildung und Possen, und wenn du noch einmal sprichst, daß der einfältige, mißgestaltete Nußknacker der Neffe des Herrn Obergerichtsrats fei, so werf' ich nicht allein den Nußknacker, sondern auch alle deine übrigen Puppen, Mamsell Klärchen nicht ausgenommen, durchs Fenster."

Nun durfte freilich die arme Marie gar nicht mehr davon sprechen, wovon denn noch ihr ganzes Gemüt erfüllt war; denn ihr. möget es euch wohl denken, daß man solch Herrliches und schönes, wie es Marien widerfahren, gar nicht vergessen kann. Selbst sehr geehrter Leser oder Zuhörer Fritz selbst dein Kamerad Fritz Stahlbaum' dreht« der Schwe­ster sogleich den Rücken, wenn sie ihm von dem Wunderreiche, in dem sie so glücklich war, erzählen wollte. Er soll sogar manchmal zwischen den Zähnen gemurmelt haben:Einfältige Gans!" Doch das kann ich feiner sonst erprobten guten Gemütsart halber nicht glauben; so viel ist aber gewiß, daß. da er nun an nichts mehr, was ihm Marie erzählte, glaubt«, er seinen Husaren bei öffentlicher Parade das ihnen geschehene Unrecht förmlich abbat, ihnen statt der verlorenen Feldzeichen viel höhere, schö­nere Büsche von Gänsekielen anheftete und ihnen auch wieder erlaubte, den Gardehusarenmarfch zu blasen. Nun wir wissen am besten, wie es mit dem Mut der Husaren aussah, als sie von den häßlichen Kugeln Flecke auf die roten Wämser kriegten!

Sprechen durfte nun Marie nicht mehr von ihrem Abenteuer; aber die Bilder jenes wunderbaren Feenreichs umgaukelten sie in süßwogen- dem Rauschen und in holden, lieblichen Klängen; si« sah alles noch einmal, sowie sie nur ihren Sinn fest darauf richtete, und so kam es, daß sie, statt zu spielen wie sonst, starr und still, tief in sich gekehrt dasitzen konnte, weshalb sie von allen eine kleine Träumerin gescholten wurde. Es beggb sich, daß der Obergerichtsrat einmal eine Uhr in dem Hous« des Medi­zinalrates reparierte; Mari« saß am Glasschrank und schaute, in ihre Träume vertieft, den Nußknacker an; da fuhr «s ihr wie unwillkürlich heraus:Ach, lieber Herr Drosselmeier, wenn Sie doch nur wirklich leb­ten, ich wiird's nicht so machen wie Prinzessin Pirlipat und Sie ver­schmähen, well Sie um meinetwillen aufgehört haben, ein hübscher junger Mann zu jein!" In dem Augenblick schrie der Obergerichtsrat:Hei, hei toller Schnack!" Aber in dem Augenblick geschah auch ein solcher Knall und Ruck, daß Marie ohnmächtig vom Stuhle sank.

Als sie wieder erwachte, ivar die Mutter um sie beschäftigt und sprach: Aber wie kannst du nur vom Stuhle fallen, ein so großes Mädchen! Hier ist der Neffe des Herrn Obergerichtsrats aus Nürnberg angekom­men fei hübsch artig!" Sie blickte auf; der Obergerichtsrat hatte wie­der feine Glasperücke aufgesetzt, seinen gelben Rock angezogen und lächelte sehr zufrieden; aber an feiner Hand hielt er einen zwar kleinen, aber sehr wohl gewachsenen jungen Mann. Wie Milch und Blut mar sein Gesicht­chen; er trug einen herrlichen roten Rock mit Gold, weißseidene Strümpfe und Schuhe, hatte im Jabot ein allerliebstes Blumenbouquet, war sehr zierlich frisiert und gepudert, und hinten über den Rücken hing ihm ein ganz vortrefflicher Zopf herab. Der kleine Degen an seiner Seite schien von lauter Juwelen, so blitzte er, und das Hütlein unterm Arm von Seidenflocken gewebt. Welche angenehme Sitten der junge Mann besaß, bewies er gleich dadurch, daß er Marien eine Menge herrlicher Spiel- fachen, vorzüalich aber den schönsten Marzipan und dieselben Figuren, welche der Mausekönig zerbissen, dem Fritz aber einen wunderschönen Säbel mitgebracht halle. Bei Tische knackt« der Artige für die ganz« Ge­sellschaft Nüsse auf; die härtesten widerstanden ihm nicht; mit der rechten Hand steckt« er sie in den Mund, mit der linken zag er den Zopf an krack! zerfiel die Nuß in Stücke. "

Marie war glutrot geworden, als si« den jungen artigen Mann er­blickt«, und noch röter wurde sie, als nach Tische der junge Drofselmeier sie einlud, mit ihm in das Wohnzimmer an den Glasschrank zu gehen. ,'Spielt nur hübsch miteinander, ihr Kinder! Ich habe nun, da alle meine Uhren richtig gehen, nichts dagegen", rief der Obergerichtsrat. Kaum war aber der junge Drofselmeier mit Marien allein, als er sich auf ein Knie niederließ und also sprach:Oh, meine allervortrefflichste Demoiselle Stahlbaum, sehen Sie hier zu Ihren Füßen den beglückten Drosselmeier, dem Sie an dieser Stelle das Leben retteten! Sie sprachen es gütigst aus, daß Si« mich nicht wie die garstige Prinzessin Pirlipat verschmähen wollten, wenn ich Ihretwegen häßlich geworden. Sogleich hörte ich auf, ein schnöder Nußknacker zu fein und erhielt meine vorige nicht unange­nehme Gestalt wieder. Oh, vortreffliche Demoiselle, beglücken Sie mich mit Ihrer werten Hand! Teilen Sie mit mir Reich und Kröne, herrschen Sie mit mir auf Marzipanschloß; denn dort bin ich jetzt König!" Mari« hob den Jüngling auf und sprach leise:Lieder Herr Drossel- meier! Sie sind ein sanftmütiger, guter Mensch, und da Sie dazu noch ein anmutiges Land mit sehr hübschen lustigen Leuten regieren, so nehme ich Sie zum Bräutigam an." Hierauf wurde Marie sogleich Drossel­meiers Braut. Nach Jahresfrist hat er sie, wie man sagt, auf einem goldenen, von silbernen Pferden gezogenen Wagen abgeholt. Aus der Hochzeit tanzten zweiundzwanzigtausend der glänzendsten mit Perlen und Diamanten geschmückten Figuren, und Marie soll noch zur Stunde Köni­gin eines Landes fein, in dem man überall funkelnde Weihnachtsrvälder, durchsichtige Marzipanschlösser, kurz die allerherrlichsten, wunderbarsten Dinge erblicken kann, wenn man nur danach Augen hat.

Das war das Märchen vom Nußknacker und Mausekönig.

Verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. Druck und Derlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.