Fräulein Dorothea faß also jetzt bei einer alten Tante In einem Dorf unfern des Städtchens, nähte an ihrer Aussteuer und wartete auf den Netter, dessen Ring sie schon am Finger trug. Rosa aber tat genau nach den Vorschriften des Rezeptes, schüttelte zuweilen den dicken Kopf uns wischte sich mit den, Aermel das erhitzte Gesicht. Sie war eine Wirtstochter aus dem Städtchen, jung, plump, und mürrisch, war auch nur zu Aushilfe beim Doktor, der in Ruh« paffenden Ersatz für die entschwundene Dorothea suchen wollte.
An allen früheren Silvestertagen mar im Hause eine Krapfenweihestimmung gewesen. Zuerst hatte es ein wenig wie in einer Backstube geduftet, dann hatte das Schmalz angenehm gebriezzelt, dann war ihm, wie Venus aus dem Meere, der holdselige Krapfen entstiegen, dessen Erstling der Doktor stehts vor Eintreffen der Gäste hatte kosten müssen. Jedesmal hatte Dorothea bescheiden gefragt: „Sind si« auch geraten, Herr Doktor?" Und jedesmal hatte er geantwortet: „Du hast dich selbst übertroffen, Do- rel!" Denn er nannte fic „Dorel" und „du", weil sie eben eine Verwandte seiner Seligen war...
Ach ja,. Dorothea! An diesem dämmernden Silvestcrnachmittag wollte er fast ein wenig sentimental werden. Warum war sie von ihm gegangen? Warum hatte nicht er selbst —? Teufel nochmal! Wütend über die eigenen Gedanken sprang er aus dem bequemen Armsessel auf, in dem er behaglich eine Zwielichtzigarre geraucht hatte. Unsinn! Der Mensch soll sich nicht an Gewohnheiten hängen! Gewohnheiten machen alt, Wechsel erhält jung! Es war ganz gut, daß Dorothea gegangen war, jawohl! Rosa würde sie vorläufig ganz gut ersetzen, bis eine andere kam! Das Krapfenrezept hatte sie ja; die Silvesterbowle, die er eigenhändig braute, und die Krapfen ivaren für heute seine einzige Sorge. Alles andere konnte warten dis zum neuen Jahr!
Eben wollte er wieder in behagliche Dämmerstimmung eintauchen, als die Türe des Zimmers aufgerissen wurde und erhitzt, zerrauft, wie ein verzweifelnder Mensch, Rosa eintrat:
„O Gott, Herr Doktor, sie bleiben sitzen!"
„Natürlich bleibe ich sitzen", sagte er etwas gereizt, denn er meinte, sie [prüdje das „sie" mit einem großen S.
„Ach nein, Herr Doktor, die Krapfen —"
„Unsinn!"
„Ein Krapfen sitzt oder steht doch nicht!" entgegnete der mit den küchen- mäßigen Fachausdrücken nicht vertraute Mann.
Rosas Stimme weinte:
„Sie gehen nicht auf!"
„Natürlich nicht. Schränke und Türe gehen auf. — Krapfen niemals!"
Rosa war in Verzweiflung, daß der Doktor sie und ihr Unglück nicht zu. verstehen vermochte.
,,Sie werden nichts! Ich habe sie genau nach dem Rezept gemacht, aber sie werden nichts."
Jetzt begriff der Doktor endlich. Blaß vor Schrecken stand er auf. Rot vor Zorn stand er in der Küche, vor den noch ungebackenen Jammergebilden, die, wie Venus aus dem Meer, dem briezzelnden Schmalz entsteigen sollten. Dick, schwer, verdrossen lagen sie aus den bemehlten Breit, als wollten sie sagen: „Wir rühren uns nicht, und wenn die Welt zugrunde ginge!" Da übermannte den Doktor der Berserkerzorn. Die Faust holte zuin Griff aus. Erschrocken flüchtet« Rosa in die fernst« Küchenecke. Der Doktor aber griff einen der verdrossenen, trägen Krapfen nach dem anderen und warf sie sicher zielend und kunstgerecht an die Wand, allwo sie zunächst faul kleben, um dann langsam, bleischwer an der Wand entlang zu tropfen, daß sie aussahen wie di« Erztränen einer Kolossalstatue...
Dann schrie der Wütend« dem Stallknecht zu:
„Anspannen! Fixl! Den Schlitten!"
„Fahren der Herr Doktor jetzt noch fort? Am Silvester?" „Maulhalten! Anspannen! Ich kutschiere selbst!"
Der Schlitten hielt nach einer richtigen Eilfahrt vor dem Hause, in dem Fräulein Dorothea eben über einem Stück Weißzeug saß und vermutlich au ihre fünfzehnjährige Krapsentütigkeit oder auch an den Vetter in 'Amerika dacht«. Sie überhörte das Klingeln der Schiittenschellen und starrte fassungslos, als sie Doktor Bergmann im bereiften Pelzmantel mit der großen Pelzmütze auf der Schwelle stehen fah.
„Herr Doktor!"
„Dorel, du mußt heim! Gleich, auf der Stelle! Das Kamel Rosa hat die Krapfen verpatzt!"
Dorothea lächelte unmerklich.
„Ich bin doch jetzt hier zu Hause, bei der Tante, Herr Doktor!"
„Unsinn, du fährst gleich mit mir heim, bäckst Krapfen! Ich kann mich doch nicht vor der ganzen Silvestergesellschast durch das Kamel Rosa blamieren lassen!"
„Aber —"
„Nichts aber —"
Sie kannte seine Art, wußte, daß es da keinen Widerstand gab. Sie holte Hut und Mantel, und weil ihm alles, was sie da tat, zu langsam ging fing er sie in seine Arme wie ein ungeberdiges Kind und trug sie wie 'ein 'Frachtstück zum Schlitten. Setzte sie hinein, wickelte sie in die Schlittendecke:
„Jetzt fahren wir heim und du bleibst wieder bei nur!
„Aber ich bin doch verlobt!"
„Unsinn! Mit mir bist du verlobt, verstanden? Heute bäckst du Krapfen und morgen bestelle ich das Aufgebot!"
„Aber mein Vetter aus Amerika!"
„Den soll amt dem Kamel Rosa der Teufel holen!
So kam es, daß auch an diesem Silvester, der so unheilschwanger geschienen hatte, iin Doktorhaus die berühmten Dorotheakrapfen prangten und nach Gebühr belobt und verspeist wurden. Und auch an allen folgenden Silvestern entstiegen sie Venus vergleichbar dem briezzelnden Schmalz,
nur daß nicht mehr Fräulein Dorothea sie buk sondem Frau Doktor Bergmann...
Somit lvär« diese Silvester- und Krapfengeschichte am Ende. Weil aber Frauen bekanntlich immer das letzte Wort haben müssen, hatte sie noch ein ganz kleines, etwas überraschendes Nachspiel, und zwar an dem ersten Silvesterabend von Frau Dorotheas Ehestand, als die Gäste gegangen waren und sie mit ihrem Mann die letzten Krapfen verzehrte und den Rest der Bowle trank. Da erinnerte sich Doktor Bergmann an den Silvesterabend des Vorjahres und sagte:
„Wie konnte nur das Kamel Rosa die Krapfen so gründlich verpatze»? Sie hatte doch dein Rezept!"
„Ja, aber ein falsches!" entgegnete Frau Dorothea lakonisch. Der Doktor sah seine Frau an, in deren Augen wieder Funken von lieber- mut stoben. Ihm dämmerten Zusammenhänge. Und rveil im Wein Wahrheit ist, auch wenn er zu echer Bowle gebraut wurde, fragte der Doktor hellsehend: „War der Vetter aus Amerika auch ein falsches Rezept?"
„Er war das richtige Rezept für dich!" sagte Frau Dorothea und freute sich noch nachträglich der einfachen und wohlgelungenen List. Der Doktor schwieg verblüfft. Erst nach einer Weil« sagte er: „Na, die Sache ist verjährt! Die Hauptsache ist —“
„Daß ich Krapfen backe?" Nein, daß int da bist und da bleibst!"
Er küßt« si» und trank lachend mit ihr das letzte Glas Bowle.
Nußknacker und Mausekönig.
Ein Märchen von E. T. A. H o f f m a n n.
(Schluß.)
An der einen Ecke wurde größer der Tumult, das Volk strömte auseinander; denn eben ließ sich der Großmogul auf einem Palankin vorübertragen, begleitet von dreiundneuuzig Großen des Reichs und siebenhundert Sklaven. Es begab sich aber, daß an der andern Ecke die Fischerzunft, an fünfhundert Köpfe stark, ihren Festzug hielt, und übel war es auch, daß der türkische Großherr gerade den Einfall hatte, mit dreitausend Janitscharen über den Markt spazieren zu reiten, wozu noch der große Zug tuis dem unterbrochenen Opferfeste kam, der mit klingendem Spiel und dem Gesangs: „Auf, danket der mächtigen Sonne!" gerade auf den Baumkuchen zu wallte. Das war ein Drängen und Stoßen und Treiben und Gequieke! — Bald gab es auch viel Jammergeschrei; denn ein Fischer hatte im Gedränge einem Brahminen den Kopf abgestoßen, und der Großmogul wäre beinahe von einem Hanswurst überrannt worden. Toller und toller wurde der Lärm, und man fing bereits an, sich zu stoßen und zu prügeln, als der Mann im brokatenen Schlafrock, der am Tor den Nußknacker als Prinz begrüßt hatte, auf den Baumkuchen kletterte, und nachdem eine sehr hellklingende Glocke dreimal angezogen worden, dreimal laut rief: „Konditor! — Konditor! — Konditor!" — Sogleich legt« sich der Tumult; ein jeder sucht« sich zu behelfen, wie er konnte, und nachdem die verwickelten Züge sich entwickelt hatten, der besudelte Großmogul abgebürstct und dem Brahminen der Kopf wieder aufgesetzt worden, ging das vorige lustige Getöse aufs neue los.
„Was bedeutet das mit dem Konditor, guter Herr Drosselmeier?" fragte Marie. — „Ach, beste Demoiselle Stahlbaum", erwiderte Nußknacker, „Konditor wird hier eine unbekannte, aber sehr grauliche Macht genannt, von der man glaubt, daß sie aus dem Menschen machen könne, was sie wolle; es ist das Verhängnis, welches über dies kleine luftige Volk regiert, und sie fürchten dieses so sehr, daß durch die bloße Nennung des Namens der größte Tumttlt gestillt werden kann, wie es eben der Herr Bürgermeister bewiesen hat. Ein jeder denkt dann nicht mehr an Irdisches, an Rippenstöße und Kopsbeulen, sondern geht in sich und spricht: ,Was ist der Mensch und was kann aus ihm werden?'"
Eines lauten Rufs der Bewundening, ja des höchsten Erstaunens konnte sich Marie nicht enthalten, als sie jetzt mit einemmal vor einem in rosenrotem Schimmer hell leuchtenden Schlosse mit hundert luftigen Türmen stand. Nur hin und wieder waren reiche Bouquets von Veilchen, Narzissen, Tulpen, Levkojen attf die Mauern gestreut, deren dunkel- brennende Farben nur die blendende, ins Rosa spielende Weiße des Grundes erhöhten. Die große Kuppel des Mittelgebäudes sowie die pyra- inidenförmigen Dächer der Türme waren mit tausend golden und silbern funkelnden Sternlein besäet. „Run sind wir vor dem Marzipanschloß", sprach Nußknacker. Marie war ganz verloren in dem 'Anblick des Zauder- Palastes; doch entging es ihr nicht, daß das Dach eines großen Turmes gänzlich fehlt«, welches kleine Männerchen, die auf einem von Ziminet- stangen erbauten Gerüste standen, wiederherstellen zu wollen schienen. Noch ehe sie den Nußknacker darum befragte, fuhr dieser fort: „Vor für« zer Zeit drohte diesem schönen Schloß arge Verwüstung, wo nicht gänzlicher Untergang. Der Riese Leckermaul kam des Weges gegangen, biß schnell das Dach jenes Turmes herunter und nagte schon an der großen Kuppel; die Konfektbürger brachten ihm aber, ein starkes Stadtviertel sowie einen ansehnlichen Teil des Konfitürenhains als Tribut, womit sk sich abspeisen ließ und weiterging."
In dem Augenblick ließ sich eine sehr angenehme sanfte Musik hören; die Tore des Schlosses öffneten sich, und es traten zwölf kleine Pagen heraus mit angezündeten Gewürznelkenstengeln, die fie wie Fackeln in den kleinen Händchen trugen. Ihre Köpfe bestanden aus einer Perl«, Me Leiber aus Rubinen und Smaragden, und dazu gingen sie auf sehr schön ans purem Gold gearbeiteten Füßchen einher. Ihnen folgten vier Damen, beinahe so groß als Mariens Klärck)«n, aber so über die Maßen herrlich und glänzend geputzt, daß Marie nicht einen Augenblick in ihnen die geborenen Prinzessinnen verkannte. Sie umarmten den Nußknacker auf das zärtlichste und riefen dabei wehmütig freudig: „Oh, mein Prinz! —- mein bester Prinz! — o mein Bruder!" Nußknacker schien sehr gerührt, er wischte sich die sehr häufigen Tränen aus den Augen, ergriff bann Marien bei der Hand und sprach pathetisch: „Dies ist die Demoiselle


