ToTel gewärtig. Xhtb als die Tor« zusielen, rasselnd und grausam, als das Gestern verronnen und das Morgen verschlossen war: wie Run das Heute da über uns her, und wie wollte der Alltag seine Gegenwart haben! Wer noch fragte danach, was an dem Heute rechter Besitz und was Raub an den eigenen Stunden wäre? Der aus dem Gestern ins Morgen zuckende Funke wollte nichts wissen als sich, und die Sxele verlor ihr Sein in den Sinnen, die von uns 'Besitz nahmen, als wären wir Wolken und Bäume, Bäche und Tiere!

Das stolze Reich des Menschengeistes, dem wir so gläubig getraut hatten, mit all seinem selbstgewissen Bewußtsein des abendländischen Menschen kam ins Wanken. Heute ist heut! hören wir rufen auf allen Straßen, wo die Lichtreklamen zum dreisten Genuß des Tages locken. And dies ist die 2lntwort vieler Enttäuschten: Ob es tausendmal nur ein Als ob, ein Dlinkwcrk der Sinne ist, was uns im Augenblick lockt, so ist es doch das einzige, was und gehört! Der Geist aber Hat uns nur auf die dürre Weid« einer Erkenntnis geführt, die, da wir nichts wissen können am Ende noch weniger stichhaltig ist als unser Heute!

Schon haben wir den Kassandraruf voin Antcrgang des Abend­landes gehört. And als wollte uns ein Gegenbeispiel die Sicherheit nehmen, kommt immer lockender die Kunde vom Glücksland über dem Sßen Wasser. Kein Zweifel, di« abendländische Bildung fängt an, selber fragwürdig zu werden, wenn wir vom Erdenglück der Amerikaner hören. Denn sie brauchen das alles anscheinend nicht, was wir als das Schneckenhaus unserer Kultur mit uns schleppen: sie haben den Staub ausgeklopft und abgeschüttelt, der als die Erbschaft der Alten seit zwei Jahrtausenden sich auf unser Dasein abgelagert Hat. Sie leben dem Tag als dem Heute, und weil alles, was bei uns eng. verhockt und altmodisch wurde, bei ihnen weit, frei und vernünftig ist wie die Lobpreiser sagen, die kurz oder lang drüben waren so hat anscheinend im Dasein der Reuen Welt unserer! Alten die Strmde geschlagen.

Fieberhaft sind wir beschäftigt, unsere veraltete Wirtschaft in ihrem Sinn zu rationalisieren: nicht weniger aber beginnt ihre Kultur abzufärben: längst schon tanzen wir ihre Tänze, hören im Grammo­phon ihre Jazzmusik, ahmen ihre Magazine und illustrierten Blätter nach und fangen an, uns das ernste Buch abzugewöhnen. Der Lag, tn Len die Amerikaner so freundlich und fröhlich hineinleben, wenn He ihr Geschäft hinter sich haben, will sichtlich auch unser Lebenstag werden, weil uns unsere abendländische Kultur in ihrer Krise frag- wiirdig geworden ist. Diese Fragwürdigkeit kann nicht durch die Besinnung einer Reujahrsnacht geändert werden; Wohl aber kann uns diese Besinnung sagen, daß es weniger die Krise der Kultur als die Krise einer Zeit ist, die kurzatmig wurde. Immer und überall, wo das Heute sich breitmacht, und dies ist die Signatur unserer Seit, geht ihr der Atem aus, zur Kultur, die nur von gestern und morgen leben kann und deren Todfeind das Heute ist; denn das Heute will seinen Tag breit und selbstgewih in die Welt legen, als ob es kein Gestern und Morgen gäbe.

Wenn aber Reujahr ist, wenn sich in einer Sekunde der Rächt zwei Jahre berühren, deren eines ein vollgeschüttetes Gestern, das andere ein verhülltes Morgen ist: dann gibt es zwischen ihrer Be­rührung kein Heute mehr und keine Möglichkeit für den Alltag. Dann ist Krieg, und die Tore des Janus sind weit aufgetan, das Gehende und Kommende aus- und einzulassen. Mag darum Silvester, das unfreiwillige Fest des Papstes, noch so laut gefeiert werden: das Heilte muh den Stundenschlag zwölf der Ewigkeit hören und dem Geist einen Augenblick seines Schwebestandes über den Zeiten gönnen.

Dann weiß er, daß es nicht Jahr«, daß es Jahrhunderte, daß es Jahrtausende finb, die sich in dieser Stunde berühren: alles Ge­wesene bis in das Dämmerlicht der ersten Vergangenheit und alles Kommende bis in die letzten. Schleier der Zukunft. Richts, was geschah, kann anders als wirkend in dieser Strmde gedacht werden, und nichts, was sein wird, ist von ihr unberührt. Wenn er keine andere Der- antwortung spürt als die Mahnung der eigenen Seel«, die der Träger Des Seins unter dem Lampenlicht seiner Bereitschaft ist: ihr tarnt er sich nicht entziehen.

Daß dem Reichsfrieden des Alltags die Tore des Janus nicht zugemacht werden, dies ist der Sinn, wenn wir mit unseren Gläsern Dastehen, andern Wein als sonst zu trinken, weil wir gleich jenen Jungfrauen die klugen und törichten Türhüter der Ewigkeit sind.

Mein Neujahrswunsch an mich selber.

Bon Jean Paul*).

Da» neue Jahr öffnet feine Pforte: das Schicksal steht zwischen bren- nenden Morgenwolken und der Sonne auf dem Äschenhügel des zusam­mengesunkenen Jahrs und teilt die Tage aus: um was bittest du, Na- talie? _ , ,

Um keine Freude ach alle, die in meinem Herzen waren, haben nichts darin zurückgelassen als schwarze Dornen, und ihr Rosenduft war bald zerlaufen neben dem Sonnenblick wächst die schwere Gewitter­wolke, und wenn es um uns glänzt, so bewegt sich nur das wider- fcheinende Schwert, das der künftige Tag gegen den freudigen Busen zieht.----Nein, ich bitt' um keine Freuden, sie machen bas durstige

Herz so leer, nur der Kummer macht es voll.

Das Schicksal teilet die Zukunft aus: was wünschest du, Natalie?

Keine Liebs Oh, wer die itedjenbe weiße Rose der Liebe an das Herz drücket, dem blutet es, und die roartne Freudenzähre, die in ihren Rosenkelch tropfet, wird früh kalt und dann trocken am Morgen des Lebens hängt die Liebe blühend und glänzend als eine große rosenrote

*) AusSiebenkäs".

Aurora km Himmel oh, tritt nicht tn di« glimmende Wolke, sie besteht aus Nebel und Tränen. Nein, nein, wünsche keine Liebe: stirb an schönern Schmerzen, erstarre unter einem erhabenern Giftbaum, als di« kleine Myrte ist.

Du kniest vor dem Schicksal, Natalie: sag' ihm, was du wünschest!

Auch keine Freunde mehr! Rein wir stehen alle auf ausgehöhl- ten Gräbern nebeneinander und wenn wir nun einander so herzlich an den Händen gehalten und so lange miteinander gelitten hoben: so bricht der leere Hügel des Freundes ein, und der Erbleichende rollt hinab, und ich stehe mit dem kalten Leben einsam neben der gefüllten Höhle. Nein, nein; aber dann, wenn das Herz unsterblich ist, wenn einst die Freunde aus der ewigen Welt beisammenstehen, dann schlage wärmer die festere Brust, dann weine froher das unvergängliche Auge, und der Mund, der nicht mehr erblassen kann, stammele: nun komm zu mir, geliebte Seele, heute wollen wir uns lieben, denn nun werden wir nicht mehr getrennt.

O du verlassene Natalie, um was bittest du denn auf der Erde?

Um Geduld, und um das Grab, um mehr nicht. Aber das versage nicht, tut schweigendes Geschick! Trockne das Auge, dann schließ' es! Stille das Herz und dann brich es! Ja, einstnrals, wann der Geist in einem schönern Himmel seine Flügel hebt, wann das neue Jahr in einer reinem Welt anbricht, und wann alles sich wieder sieht und wieder liebt: dann bring ich meine Wünsche... Und für mich keine denn ich würde schon zu glücklich fein ...

Krapfrn.

Line Silvestcrgeschichte.

Bon Carry Brachvogel.

Soweit die deutsck)e Zunge klingt, pflegt man Silvester zu Punsch oder Bowle die liebliche Erscheinung zu verspeisen, die der Norden Pfann­kuchen, der SüdenKrapfen", benennt. Doch Name ist Schall und Rauch, und weder im Norden noch im Süden buk jemals ein weibliches Wesen solche Silvesterkrapfen wie Fräulein Dorothea, das Hausfräulein Doktor Bergmanns, der als Bezirksarzt in einem süddeutschen Städtchen saß, um das im Umkreis Dörfer und Marktflecken gelagert waren. An jedem Sil­vester sah der Doktor, ein noch stattlicher Witwer von etlichen fünfzig, die Honoratioren des Städtchens samt ihren Ehehälften als Gäste bei sich, und an jedem solchen Silvester waren die Damen von Lust bewegt, während sie die Krapfen speisten, und von Weh, weil sie bedachten, daß keine unter ihnen, auch nicht die tüchtigste Hausfrau, jemals solche Krapfen zustande brachte. In sanfter Kuppelwölbung leuchteten sie bräun­lich wie altes, englisches Küpser, waren im Innern flaumig gelb wie ein eben aus dem Ei geschlüpftes Küchlein und das Marmeladehäufchen unter der fünften Kuppelwölbung schien ein demütig-sehnsuchtsvolles Auge zu fein, das sprach:Ich weiß!" Selbstverständlich hatten alle Hausfrauen schon Fräulein Dorothea um das Rezept dieser Krapfen gebeten, und ebenso selbstverständlich hatte Fräulein Dorothea es unter stets neuen Ausflüchten jeder verweigert. Sie behauptete, das ganze Geheimnis fei, daß sie selbst bereitete Hefe dazu verwendete, und im Hause habe, wie die Not der Kriegszeit es gelehrt hatte. Das war aber nur eine Ausrede oder bewußte Irreführung, denn die also belehrten Hausfrauen bereiteten ganze Tröge von Hefe eigenhändig, ohne daß ihnen je einen Dorothea-Krapfen gelungen wäre. Im Doktorhause aber erschien in der letzten Stunde des alten Jahres die Schüssel mit den hochausgetürmten braunen Kuppelchen, auf denen wie frischgefallener Schnee vanilledurchdufleter Zucker schim­merte ... ,.

Solche Krapfen hatte Fräulein Dorothea in Treue fünfzehn Jahre lang gebacken, jetzt aber, im sechzehnten, stand eine andere in Doktor Bergmanns geräumiger Küche und studierte das Rezept, das Dorothea der Nachfolgerin großmütig hinterlassen hatte. Rosa hieß die Neue, war in keiner Hinsicht dem entschwundenen Fräulein Dorothea ebenbürtig, die eine entfernte Verwandte der seligen Frau Doktor, ein gebildetes und seines Fräulein vorstellte und trotz ihrer etlichen Vierzig sehr appetitlich aussah mit ihrer gesunden, rundlichen Frische, ihren schönen Zähnen, ihrem reichen braunen Haar und den dunklen Augen, die gar gescheit und ernsthaft in die Welt schauten und in denen doch immer wieder Funken von Uebermut und Schelmerei blitzten.

Und auf ihren Ruf hatte Fräulein Dorothea mehr geachtet als manch feine Tochter in der Stadt und darum hatte sich der Klatsch nie mit ihr beschäftigt, obgleich sie noch jung gewesen, als sie die Pslege der kranken Frau Doktor und die Führung des frauenlosen Hausstandes übernom­men hatte. Damals, ein oder zwei Jahre nach dem Tod der Frau Doktor, hatten wohl die meisten gemeint, Fräulein Dorothea würde an die Stelle der Verstorbenen rücken, hatten den Doktor mit dem hübschen Hausfräu­lein geneckt und ihm wohl auch gesagt, daß Fräulein Dorothea wahr­scheinlich auch nichts sehnlicher wünsche, als Frau Doktor Bergmann zu werden. Er hatte nur den Kopf geschüttelt und sich nicht weiter um das Gerede und die Neckerei gekümmert. Warum sollte er sich wieder verhei­raten? Ging es ihm nicht ausgezeichnet gut, fast so gut wie bei Lebzeiten der Frau, die er herzlich geliebt und in ihrer langen Krankheit mit zärt­lichster Sorgfalt umgeben hatte? Nichts, gar nichts. Wenn Fräulein Do­rothea je auf seine Hand gerechnet hatte, so stand sie sich selbst im Wege, denn sie macht« ihm den Witwerftand zu leicht, zu bequem.

Fünfzehn Jahre lang hatte sie so getan, im sechzehnten aber war sie anderen Sinnes geworden. Nicht, daß sie an Vorzüglichkeit oder muster­hafter Sorgfalt nachgelassen hätte, aber sie wollte heiraten. Irgendein Vetter aus Amerika, von dem sie sonst kaum je gesprochen, hatte ihr ge­schrieben, daß er im Frühjahr herüberkommen und sich eine Frau hin­überholen wollte. Wenn sie Lust hätte leider hatte sie Lust.Hol's der Teufel, wenn's ans Heiraten geht, werden die vernünftigen Frauenzim­mer verrückt!", hatte der Doktor bei sich geflucht. Er fluchte zeitweise gerne und hatte Anfälle wahren Berserkerzorns, wenn etwas durchaus anders ging, als es ihm gesiel. Ganz slammernd vor Zorn war er bann, gewalttätig und stark wie ein Riese...