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Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang |929 Montag, den 3V. Dezember Nummer 102

Zum neuen Jahr.

Von Eduard 9R6rite.

Wie heimlicherweise Ein Engelein leise Mit rosigen Füßen Die Erde betritt, So nahte der Morgen. Jauchzt ihm, ihr Frommen, Ein heilig Willkommen, Ein heilig Willkommen! Herz, jauchze du mit!

In ihm sei's begonnen, Der Monde und Sonnen An blauen Gezeiten Des Himmels bewegt! Du, Vater, du rate!

Lenke du und wende!

Herr, dir in die Hände Sei Anfang und Ende, Sei alles gelegt!

Janus.

Versuch einer Treujahrspredigt.

Don Wilhelm Schäfer.

Daß wir an jedem 1. Januar Neujahr feiern, also den Beginn eines neuen Kalenderjahres, ist eine römische Erbschaft. Anse re ger­manischen Vorfahren fingen das Jahr mit der Wintersonnenwende an, und die Kirche hat jahrhundertelang versucht, mit ihreni Heiligen- jahc das bürgerliche der Römer zu verdrängen. Willkürlich, wie es nach dieser Feststellung scheint, ist natürlich nur der Beginn des Jahres, nicht sein Verlauf selber; denn unsere Erde braucht die 865 Tage, ihren Kreislauf um die Erde zu vollenden, und was sie an Stunden, Minuten und Sekunden mehr braucht, dafür schieben wir zum Ausgleich alle vier Jahre einen Schalttag ein.

Richtiger wäre es ohne Zweifel, das Kalenderjahr, da es nun einmal das Erdjahr ist. mit einem seiner Schnittpunkte, dem kürzesten oder längsten Tag, also mit der Winter- und Sommersonnenwende oder mit einer der Tag- und Nachtgleichen zu beginnen, statt mit Dem ganz willkürlichen Tag der Römer; wir wollen aber zufrieden sein, daß es Cäsar gelang, durch den Julianischen Kalender das irdische Jahr mit den: himmlischen bis auf den Minutenrest in Ord­nung zu bringen, den erst die gregorianische Verbesserung beseitigte. Schon dieser Minutenrest hat sich im Jahre 1700 so summiert, daß die evangelischen Stände in Deutschland, die sich bis dahin gegen den gregorianischen Kalender gesträubt hatten, zum Ausgleich nach dem 18. Februar den 1. März folgen lassen mußten.

Daß die Römer den ersten Kalendermonat Januar hießen, geschah ihrem Janus zu Ehren; der Gott allen Anfangs, dem die erste Stunde & Tages und der erste Tag im Monat gewidmet war, mußte auch den ersten Monat des Jahres regieren. And daß sie den ersten Januartag mit der feierlichen Einsetzung der Konsuln, ihrer Jahresregenten, verknüpften, geschah zum Nutzen und zur Weihe ihrer wohlgeordneten Bürgerlichkeit. Nicht nur die Erde, auch ihr Staat fing ein neues Lebensjahr an; Grund genug, mit Opfer und Gebet den Schutz der Götter durch die neuen Konsuln anrufen zu lassen; Anlaß auch, den 'Beamten des Staates am Neujahrstag Glückwünsche darzubringen.

Diese Glückwünsche sind für uns als der einzige Neujahrsgebrauch übriggeblieben; nur sind wir damit demokratisch, besser persönlich geworden, sie jedem einzelnen darzubringen, der in unserem Lebens- lreis Bedeutung hat. Die eigentliche Feier aber liegt, wenn die Sonne des Neujahrstages aufgeht, schon hinter uns; denn weil wir den Kalendertag nach der nun alkgemein gültigen Vereinbarung auch dies war nicht immer so mit der Nachsonnenwende, also dem Augenblick zu zählen beginnen, wo die Sonne sich aus ihrer tiefsten Versunkenheit wieder dem Horizont zuwendet, welchen Augen­blick wir zutrefsenderweise Mitternacht nennen; so feiern wir Neujahr in der Minute, zu der die Ahr dem vorhergehenden Tag zwölf fchlägt oder nach unserer neuesten Verbürgerlichung vierundzwanzig schlagen sollte.

Natürlich bleiben wir, um die Stunde zu erwarten, am 31. Dezem­ber solange auf; und weil dieser letzte Dezembertag im Kirchenkalender Silvester, nach dem ersten Papst dieses Namens, heißt, feiern wir Neujahr, ob wir Katholiken, Protestanten oder Juden sind, eigentlich als Silvester, mit welchem Humor sich die Kirche Wohl zufriedengeben darf, weil Silvester i. eben jener Papst ist, dein die Konstantinisch« Schenkung, also der Beginn der römischen Kirchengewalt, zugesprochen wurde.

Wir feiern Silvester wartend, wie es das evangelische Gleichnis von den zehn Jungfrauen sagt, von denen die fünf klugen für Oel auf ihre Lampen sorgten, den Bräutigam zu erwarten, und die fünf törichten es vergaßen. And wenn wir auch nicht gerade Oel auf unsere Lampen schütten, so ist es ganz gewiß an keiner Stelle nur Nach­lässigkeit, daß wir trinkend dasitzen, bis dem alten Jahr die Stunde schlägt. In jeder Seele wird jenes Etwas angerührt, darin wir unS von heute zu morgen dem Ewigen verbunden fühlen und dem Gestern eine wehmütige Betrachtung gönnen, diesem Gestern, das mit dem zwölften Stundenschlag nicht nur einen Lebenstag, sondern ein Lebensjahr vollendet hat und mit dem Sekundenzeiger der Ahr in ein anderes Jahr, nicht nur in den Morgen hineintickt.

Wenn aber die Mitternacht stunde schlägt, ist alles Heute ver­ronnen, dann gibt es nur noch gestern und morgen, nicht nur an Silvester. And der alte Volksglaube, der dann für eine Stunde die Geister über die Lebendigen regieren läßt, hat mehr als das tiefste Dunkel der Nacht für sich. Wir können erdenübermütig oder erden- traurig fein, die Stunde zu durchwachen: aber ihr Gebot ist, daß dann das Bewußte ins Anbewuhte gefunken ist, daß der Mensch sich aus seinem Gestern in sein Morgen schläft, das Heute den Geistern des Anbewußten überlassend, dahinein er selber getrost feine geschlossenen Augen legt.

And so dürfte die Erinnerung an Janus, den römischen Gott des Neujahrstages, auch uns eine Bedeutung geben. Wir wissen aus seinen Standbildern, daß er zwei Gesichter hat, eins nach vorn und eins nach hinten, weil er Janitor, der Türhüter alles Lebens ist. Als Türhüter hat er hinaus- und hineinzuschauen auf das, was kommt, und das, Was geht, auf das Gestern und Morgen, weil et Das Heute ist, die Zeiten zu scheiden. Denn das Heute, das wir so selbstsicher unsere Gegenwart nennen, ist nicht nur in der Mitter­nachtsstunde die kurze Schwebe zwischen Gestern und Morgen, es ist in jeder Sekunde, die wir bewußt erleben, der Funke zwischen den Zeiten, der durch uns hindurchspringt, so schnell, daß alles Gefühlte schon wieder zerronnen ist, und daß unsere Sinne nur die Signal- zeichen der sausenden Zeit geben. Das Morgen wissen Wir nicht, und das Gestern gehört uns nicht mehr, unser sind nur die jagenden Sinnbilder des Heute. Darum der Traum der Ewigkeit über allen irdischen Dingen; denn die Seele allein ist, sie will das Sein unter dem Sinnbild der Sinne.

Der menschlichen Seele zu einem irdischen Heute zu helfen, hat ihr Prometheus den Funken des Geistes gebracht, der, den Götter» geraubt, auf Erden die Anseligkeit ist und dennoch uns Menschen Gegenwart gibt. Erst im Bewußtsein seiner selbst nimmt der Mensch von seinem Dasein Besitz: es ist sein Schwebestand über der Zeit und ob wir nichts wissen können in allem Bewußten sein Doppelgesicht über das Gestern und gegen das Morgen.

Darum, wenn wir in der Neujahrsnacht sitzen und auf den zwölften Stundenschlag warten der selber als ein Takt unseres Geistes, in die Ewigkeit fällt; denn die Wolken, die draußen am Himmel hin- ziehen, die Bäche und Bäume, die Tiere des Waldes und des Stalles, alles was lebt außer uns, weih von der Stunde nichts, selbst wenn es den Stundenschlag hört, wenn wir die Lampen gefüllt haben: so warten wir wohl in der Zeit unserer Sinne; aber der Geist, der uns warten heißt, und der das Oel unserer Lampen ist, der feiert sein eigenes Fest, daß er der Schwebestand sein kann über der Zeit, daß er der Türhüter seiner eigenen Gegenwart ist und Janus, den Gott mit dem Doppelgesicht, als Sinnbild seiner selbst grüßt.

Wenn die Römer Krieg hatten, standen die Tore am Janustempel geöffnet; denn fein Tempel selber war nur ein Tor am Forum, durch Das die Bürger hinauszvgen. Solange sie draußen waren, mußte es offen bleiben, damit der Türhüter des Kommenden und Gehenden feines Amtes zu walten vermochte. Erst wenn die Heere zurückgekehrt waren, wenn Reichsfriede war, wurden die Tore geschlossen. Das Schicksal von gestern zu morgen war nicht mehr im Fluß, es galt wieder das Heute, und der Alltag wollte sein Recht haben, welches Recht das Als ob ist, daß seiner Gegeirwart das Leben gehöre.

Wer von uns kann die Tage, Monate, Jahre des Krieges ver­gessen, da uns der brausende Fluh von gestern zu morgen die Gegenwart raubte, obwohl wir alle nur von der Gegenwart lebten; über da war kein Alltag. Weit auf standen die Tore des Janus, und alle unsere Herzen als Türhüter wachten und waren des Schick--