Ausgabe 
30.9.1929
 
Einzelbild herunterladen

Jedenfalls kst der schon den ägyptischen Pharaonen und Moses als Sinn­bild furchtbarster Schicksalsfügung bekannte Aussatz heute eine verhältnis­mäßig leicht und sicher heilbare Krankheit geworden. Derarme Heinrich" von heute bedarf nicht mehr des Blutopfers einer unschuldigen Maid, um von seinem Leiden befreit zu werden!

Das beispiellose Abenteuer des Hans pfaall.

Bon Edgar Allan Poe.

(Schluß.)

Die Beschreibung der Flügel des Fledermausmannes auf Seite 21 ist nichts anderes, als eine wörtliche Abschrift von Peter Wilkins Bericht über die Flügel des fliegenden Insulaners. Schon allein diese Tatsache hätte Verdacht erregen müssen, sollte man meinen.

Auf Seite 23 finden wir folgendes:Welchen fabelhaften Einfluß muß unsere 13mal größere Kugel auf diesen Satelliten ausgeübt haben, als er noch unfertig im Schoß der Zeiten ruhte, als untätiger Gegenstand chemi­scher Affinitäten." Das ist ja sehr schön, aber niemals hätte ein Astronom eine solche Bemerkung gemacht, am wenigstens in einem wissenschaftlichen Blatte. Denn in dem beabsichtigten Sinne ist unsere Erde nicht nur 13mal, sondern 49mal größer als der Mond. Dieselbe Entgegnung ist auf alles in den nächsten Seiten folgende anzuwenden, wo als Einleitung zu irgendwelchen Entdeckungen auf dem Saturn der philosophische Korre­spondent zu einer schulbubenhaften Beschreibung des Planeten übergeht. Dies im EdinburgerJournal of Science!"

Aber besonders ein Punkt hätte die Täuschung verraten müssen. Angenommen, daß wir wirklich die Möglichkeit hätten, Tiere auf der Oberfläche des Mondes zu sehen, was müßte dann zuerst dem Beob­achter von der Erde aus auffallen? Sicher weder ihre Gestalt, noch ihre Größe, noch sonstige Merkmale, sondern ihre sonderbare Stellung. Es würde uns scheinen, als ob sie mit den Fersen nach oben und dem Kopf nach unten liefen, wie die Fliegen an der Stubendecke. Der wirkliche Beobachter hätte einen unwillkürlichen Schrei des Erstaunens ausge- stoßen, obgleich er durch fein Wissen schon darauf vorbereitet war; der erfundene Beobachter hat diese Tatsache nicht erwähnt; er spricht davon, den ganzen- Körper solcher Wesen gesehen zu haben, obgleich er nach­weislich nur den Durchmesser ihrer Köpfe bemerkt haben kann. Schließ­lich muß noch festgestellt werden, daß die Größe und besonders die Kräfte der Fledermausmenschen (z. B. ihre Fähigkeit, in einer so dünnen Atmosphäre zu fliegen, wenn der Mond überhaupt eine solche hat), sowie die meisten anderen Phantasiegebilde bezüglich des Lebens der Tiere und Pflanzen im Widerspruch zu allen sachgemäßen Beobachtungen über diese Dinge stehen, und daß die Analogie hier oft zu abschließender Beweis­führung kommt. Vielleicht ist es auch kaum nötig, hinzuzufügen, daß alle Vermutungen, die Brewster und Herschel im Anfang des Artikels über eine Ueberteitung von künstlichem Licht durch den Brennpunkt der Seh­weite" zugeschrieben werden, zu jener Art von bilderreicher Sprache gehören, die man am besten mitSalbaderei" bezeichnet. Es gibt eine wirkliche und sehr bestimmte Grenze für optische Entdeckungen bei Sternen. Eine Grenze, deren Natur nur genannt zu werden braucht, um verstanden zu werden. Wenn tatsächlich das Schleifen von großen Linsen alles wäre, was man dazu braucht, hätte der menschliche Scharfsinn schon längst diese Aufgabe erfüllt und wir besäßen sie in allen nötigen Grö­ßen. Aber leider steht im Verhältnis zur zunehmenden Größe der Linsen und ihrer raumdurchdringenden Kraft auch die Abnahme des Lichtes vom Objekt infolge der Strahlenstreuung. Und gegen diesen Uebelstand gibt es kein Heilmittel innerhalb der menschlichen Fähigkeiten; denn die Dinge sind nur sichtbar durch das Licht, das direkt oder zurückgestrahlt von ihnen ausgeht. Das einzige künstliche Licht, das Herrn Locke also helfen könnte, wäre dasjenige, das er selbst zu werfen fähig wäre, aber nicht auf denBrennpunkt der Sehweite , sondern auf den wirklichen Gegenstand, der gesehen werden soll, nämlich auf den Mond. Es war leicht auszurechnen, daß, wenn das Licht, das von einem Stern kommt, so zerstreut ist, daß es so schwach wird wie das Licht, das von allen Sternen in einer klaren Nacht ohne Mondschein ausgeht, der Stern nicht mehr für irgendeinen praktischen Zweck sichtbar ist.

Das Teleskop des Earl of Ross, das kürzlich in England gebaut wurde, hat ein speculum mit reflektierender Oberfläche von 4071 Qua­dratmeter; während das Herfchel-Telefkop nur eine solche von 1811 hat. Das Metall des Earl of Ross hat 6 Fuß Durchmesser, ist an den Kanten 5! Zoll und in der Mitte 5 Zoll dick. Das Gewicht ist 3 Tonnen, die Länge des Brennpunktes 50 Fuß. Ich habe kürzlich ein sonderbares und ziemlich geistreiches kleines Buch gelesen, dessen Titel lautet:

Lhomme dans la lune ou le voyage chimerique fait au monde de la Lune, nouvellement decouvert par Dominique Gonzales, Avanturier Espagnol, autrement dit le Courier volant. Mis en notre langue par J. B. D. A. Paris .. .*

Der Autor erklärt, fein Werk aus dem Englischen eines gewissen D'Avisson (Davison?) übersetzt zu haben, obgleich eine schreckliche Zwei­deutigkeit in dieser Behauptung liegt.

Jen ai eu, sagt er,^original de M. DAvisson, medecin des mieux versez qui soient aujourdhuy dans la connaissance des Beiles Lettres, et sur tout de la Philosophie Naturelle. Je lui ai cette Obligation entre les untres, de mavoir non seulement mis en main ce Livre en anglois, mais encore le Manuscrit du Sieur Thomas DAnan, gentilhomme Ecossois, recommandable pour sa vertu, sur la Version duquel jadvoue que jay tir6 le plan de la mienne.

(Ich habe das Original davon erhalten, sagt er, von Herrn D'Avisson, dem heute am besten über die Wissenschaft und besonders die Natur-

* Der Mann im Mond oder die phantastische Reise in die Mond­welt, neu entdeckt von Dominique Gonzales, spanischen Abenteurer, auch Fliegender Kurier genannt. In unsere Sprache übersetzt von I. B. D. A. Paris ..."

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl

Philosophie unterrichteten Arzt. Ich verdanke ihm dies unter anderem daß er mir nicht nur dieses englische Buch gegeben hat, sondern auch das Manuskript des Herrn Thomas D'Anan, eines schottischen Cdel- mannes, der wegen seiner Tugend empfehlenswert ist, und ich gestehe daß ich mich bei Abfassung meiner Schrift auf die {einige gestützt habe.")

Nach einigen unwichtigen Abenteuern, etwa in der Art des @j[ Blas, die die ersten 30 Seiten ausfüllen, erzählt der Autor, daß er, als er auf einer Seereise erkrankte, von der Schiffsmannschaft mit einem Neger­sklaven auf der Insel St. Helena ausgesetzt wurde. Um die Möglichkeit Nahrung zu finden, zu vergrößern, trennen sich die beiden und leben [o weit wie möglich voneinander entfernt. Dadurch kommen sie dazu, Vögel zu züchten, die ihnen als Brieftauben dienen. Nach und nach lernen diese Vögel, Pakete von gewissem Gewichte zu tragen, und dieses Gewicht wird allmählich vergrößert. Schließlich kommt der Autor auf den Ge­danken, die Kraft einer großen Anzahl dieser Vögel zu vereinigen damit sie ihn selbst in die Höhe tragen. Eine Maschine wird zu diesem Zwecke erdacht, und wir erhalten eine ausführliche Beschreibung bauen an der Hand eines Stahlstiches. Darauf sehen wir den Senior Gonzales mit Spitzenkrause und einer großen Perücke rittlings auf etwas sitzend das einem Besenstiel sehr ähnlich steht, und hochgehoben durch eine Menge wilder Schwäne (ganzas), von deren Schwänzen Schnüre zu der Ma­schine reichen. Die verschiedenen Ereignisse, die in der Erzählung des Tenors aufgeführt werden, stützen sich alle auf eine wichtige Tatsache die dem Leser fast bis zum Schluß vorenthalten wird. Die ganzas, mit denen er so gut bekannt wurde, waren keine Bewohner von St. Helena, sondern vom Mond. Seit Menschengedenken war es ihre Gewohnheit' jedes Jahr nach irgendeinem Punkte der Erde zu wandern. Natürlich mußten sie zur gegebenen Zeit wieder in ihre Heimat zurückkehren, und als der Autor einmal ihre Dienste zu einer kurzen Reise braucht, wird er unerwartet steil in die Höhe getragen und kommt in sehr kurzer Zeit beim Satelliten an. Hier findet er u. a., daß die Bewohner unendliche Freude genießen, daß sie keine Gesetze kennen, ohne Schmerzen sterben, daß sie 10 bis 30 Fuß hoch find, 5000 Jahre leben und einen Kaiser haben namens Jrdonozur; daß sie 60 Fuß hoch springen können, und, da sie nicht den Gesetzen der Schwerkraft unterworfen sind, mit Fächern umher- fliegen.

Ich kann es mir nicht versagen, ein Beispiel der allgemeinen Philo­sophie dieses Buches zu geben.

Ich muß Ihnen nun erklären," sagt Gonzales,wie der Ort aussah, auf dem ich mich befand. Alle Wolken waren unter meinen Füßen, oder wenn Sie wollen, zwischen mir und der Erde ausgebreitet. Was die Sterne anbetrifft, so sahen sie, da es dort, wo ich war, keine Nacht gab, immer gleich aus, nicht glänzend wie gewöhnlich, sondern blaß, (o ähnlich wie der Mond am Morgen. Aber wenige waren sichtbar und diese zehnmal größer (soweit ich es beurteilen konnte), als sie den Be­wohnern der Erde erscheinen. Der Mond, der in zwei Tagen voll sein sollte, war von schrecklicher Größe.

Ich darf nicht vergessen zu sagen, daß die Sterne nur auf der Seite der Kugel zu sehen waren, die dem Mond zugekehrt war, und daß sie um so größer erschienen, je näher sie ihm waren. Ich muß Ihnen auch mitteilen, daß, gleichviel ob es ruhiges oder stürmisches Wetter war, ich mich doch immer genau zwischen Mond und Erde befand. Davon wurde ich durch zwei Umstände überzeugt meine Vögel flogen immer in gerader Linie, und immer, wenn wir versuchten auszuruhen, wurden wir unmerklich rund um die Erdkugel getragen. Denn ich stimme der Lehre des Kopernikus bei, der behauptet, daß sie nie aufhört, sich von Osten nach Westen zu drehen, nicht auf den Aequmoktialpolen, die ge­wöhnlich Weltpole genannt werden, sondern auf den Zodiakolpolen, eine Frage, über die ich mir vornehme, ausführlicher zu sprechen, wenn ich Muße habe, mein Gedächtnis aufzufrischen bezüglich der Astrologie, die ich in meiner Jugend in Salamanka gelernt, aber wieder vergessen habe."

Trotz der Schnitzer ist das Buch nicht ohne Anspruch auf Beachtung, da es eine naive Probe gibt von den in damaliger Zeit geläufigen astro­nomischen Lehren. Eine davon behauptet, daß dieSchwerkraft" nur eine kurze Zeit über der Oberfläche der Erde anhalte; und infolgedessen hören wir, daß unser Reisenderrund um die Erdkugel getragen wird" u(«.

Es sind noch mehr Reisen nach dem Monde geschrieben worden, aber keine wertvollere als die eben erwähnte. Die von Bergerac ist ganz be­deutungslos. Im dritten Bande der American Quarterly Review findet sich eine recht ausführliche Kritik über eine gewisseReise" von der erwähnten Art; eine Kritik, von der schwer zu sagen ist, ob der Astor darin mehr die Torheit des Buches oder feine eigene gänzliche, Unwissen­heit in der Astronomie beweist. Ich vergaß den Titel des Buches, aber die Mittel" der Reise sind noch viel schlechter erdacht als sogar dieganzas" unseres Freundes Tenor Gonzales. Beim Graben in der Erde findet dort der Abenteurer ein gewisses Metall, auf das der Mond eine starke Anziehungskraft ausübt. Sogleich baut er daraus einen Kasten, der, nach­dem man ihn von feiner Befestigung auf der Erde losgemacht hat, so­fort mit ihm nach dem Satelliten fliegt. DieFlucht des Thomas O'Rourke" ist ein nicht ganz so erbärmliches jeu desprit, das ins Deutsche übersetzt wurde. Thomas, der Held, war tatsächlich Wildhiitrr eines irischen Edelmannes, dessen Ueberspanntheit zu allerlei Erzählungen Stoff gab. Die Flucht wird auf dem Rücken eines Adlers unternommen aus Hungry Hill, einem hohen Berge der Bantry Bai.

In diesen zahlreichen Broschüren ist die Absicht immer satirisch, da eine Beschreibung der Sitten auf dem Monde im Vergleich zu den unfrigen beabsichtigt wird. Nirgends wird der Versuch gemacht, die Einzel­heiten der Reise selbst glaubwürdig zu gestalten. Die Autoren scheinen alle gleichmäßig unwissend in der Astronomie zu fein. In Hans Pfaall ist die Absicht originell, da der Versuch gemacht wird, dieverisimilitude in der Anwendung wissenschaftlicher Prinzipien (insofern die absonderliche Art des Vorwurfs es gestattet) bei der tatsächlichen Reise von der Sri* zum Monde durchzuführen. ~

'fche Universitäts-Buch- und Steindruckerei. N. Lange, Gießen.