Ausgabe 
30.9.1929
 
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unendlich vielen blinden Technikanbeter willens und fähig, dem Mäus- lein Größe und Ansehen des Elefanten beizulegen.

Und doch vollbringt gerade die Medizin oft Leistungen, die es an Weltbedeutung mit allen Wolkenkratzern, automatischen Maschinen, Fern- sebern und Tonfilmen aufnehmen können. Harren auch viele ihrer Probleme noch der,, im Interesse der leidenden Menschheit sehnlichst er­wünschten Endlösung, so ist das was in den letzten Jahrzehnten, be­sonders im Kampfe gegen bodenständige oder zeitweise auftretende Seuchen erzielt wurde, allen Spitzenleistungen auf anderen Gebieten mindestens ebenbürtig.

So ist es der Heilkunde in erbittertem, von der europäischen Oeffent- lichkeit kaum beachteten Ringen gelungen, über einen der ältesten und sichtbarsten Feinde der Menschheit, den Aussatz, zu triumphieren.

Wenn sich dieser Kampf für uns so unmerklich abspielte, mag das daran liegen, daß wir unser Hauptaugenmerk stets den Dingen widmen, die die eigene Person betreffen und bedrohen, und unser Interesse an allgemeinen Menschheitsfragen im Quadrat der Entfernung vom eigenen Ich abnimmt.

Der Aussatz, die Lepra, ist nun glücklicherweise heute in Europa ein seltener, in absehbarer Zeit hoffentlich ganz unbekannter Gast. Aber Europa ist nur ein kleiner Abschnitt der bewohnten Erde, beherbergt nur einen kleinen Teil der 1,8 bis 1,9 Milliarden Erdenmenschen. Er­staunen und Erschütterung wird es auslösen, daß vor wenigen Jahren noch jeder Fünfhundertste von diesen, also insgesamt 3 bis 4 Millionen Menschen von der furchtbaren Krankheit heimgesucht wurden. Die rie­sigen Menschenreservoire Ostasiens, Indien und namentlich China, Brut­stätten so vieler Krankheiten und Seuchen, sind auch der hauptsäch­lichste Herd der Lepra.

Welche Bedeutung die Krankheit, die nicht einmal vor Kaiserthronen halt machte, Konstantin der Große soll an ihr gelitten haben und ihr erlegen sein, früher auch in Europa hatte, möge aus einigen geschichtlichen Daten erhellen. So wurde beispielsweise im 11. Jahr­hundert ein besonderer Orden der Lazaristen gegründet, dessen einzige Ausgabe Pflege, Betreuung und Bewachung der Leprakranken war, und dessen Großmeister durch lange Jahre ein Aussätziger sein mußte. Die zahlreichen Erkennungs-, Abwehr- und Absperrungsmaßnahmen, die zum , großen Teil aus einer gewissen Ueberschätzung der fraglos vorhandenen i starken Ansteckungsgefahr entsprangen, wie die Klapper der Miselsüch- figen, ihre Verbannung aus der menschlichen Gemeinschaft usw., legen genügend beredtes Zeugnis ab.

Während die Krankheit in Deutschland seit Mitte des 17. Jcchr- r Hunderts praktisch als erloschen anzusehen mar, ein unbedeutendes durch Einschleppung aus Rußland erfolgten Wiederaufflackern im Jahre 1848 blieb glücklicherweise unbedeutend und räumlich begrenzt, blieb der Osten, Südwesten und namentlich der Norden viel langer heimgesucht. So sollen im Jahre 1862 in Norwegen auf eine Bevölkerung von nur zwei Millionen noch 2000 Leprakranke gekommen fein, also jeder tausendste Mensch von dem entsetzlichen liebel befallen gewesen sein. Auch die Insel Island beherbergte bis in neueste Zeit eine recht beträchtliche Zahl Aus­sätziger. Es ist überflüssig, den Verlauf der Krankheit, vom Auftreten der J ersten durchaus harmlos anmutenden Erscheinungen, bis zu furchtbarsten '' Zerstörungen, zum langsamen geistigen und körperlichen Verfall, zu schil­dern. Die Literatur aller Zeiten, von Hartmann von Aues Armen Heinrich" bis zur Jetztzeit, hat das Thema in den ver­schiedensten Variationen behandelt. Wählte es immer wieder, weil sie in dieser Unerbittlichkeit des Schicksals, in der langsamen, bewußt und ret- * tungslos zum qualvollen Ende führenden Entwicklung der Erkrankung, in der freiwilligen oder erzwungenen Absonderung des Befallenen aus dem Kreise der Äesunben, Stoss zu tiefsten und erschütterndsten menschlichen Konflikten fand.

Wie oft ist das Recht, ja sogar die Pflicht des Arztes diskutiert worden, solches Leid, dem gegenüber alle Heilkunst völlig machtlos, dessen langsam grausiger Lauf bis zum bittersten Ende genau vorauszusehen durch den Tod abzukürzen.

Gäbe es aber noch irgendein Argument, das für die, aus tausenderlei schwerwiegender Gründe aller Art unbedingt abzulehnende, und doch immer wieder geäußerte Forderung spräche, so wäre es durch die Ge­schichte des Aussatzes ein für allemal aufs Gründlichste widerlegt. Denn an gleicher Stelle, wo noch vor nicht zu langer Zeit als einziger Be­freier des Aussätzigen aus der furchtbaren Umstrickung, der finstere Tod stand, steht heute die strahlende Lichtgestalt der Heilung. Sie war nicht plötzlich da, als ein Geschenk gütiger Vorsehung, sondern wurde langsam, Schritt vor Schritt, aus der nebelhaften Ferne der Hoffnung auf den festen Boden der Erfüllung geführt. Das Leitwort alles medi­zinischen Strebens,durch Wissen zum Heilen" war auch hier Weg­weiser zum Gipfel.

Genaueste Durchforschung des Wesens der Lepra, ihres Erregers, ihrer Aerbreitungswege, kritische Sichtung der zum Teil Jahrtausende alte Heilstrebungen, Versuche auf diesen weiterzubauen, oder vollkommen neue, wissenschaftlich begründete Heilvorgehen zu finden, führten zu dem alle Erwartungen weit übersteigenden Erfolge: Der schnellen und soweit dieser Ausdruck in der Krankheitsbekämpfung überhaupt zulässig ( >st sicheren Heilbarkeit des Aussatzes!

1 . Die Entdeckung des Erregers fällt an die große Aera der damals noch

jungen bakteriologischen Wissenschaft, das letzte Viertel des 19. Jahr­hundert.

Mit der sicheren Feststellung des bakteriologischen Ursprungs der Lepra, mit der Erkennung und Isolierung ihres Erregers, war allen Heilbestrebungen die große Richtungslinie gegeben. Sie mußte auf Ver­nichtung der im Blute kreisenden oder an und in den Organen sest- angefiebelten Mikroorganismen zielen. Damit war auch über alle die Verfahren der Stab gebrochen, die sich nur gegen ein äußerliches Symptomen der Krankheit, die H a u t e r s ch e i n u n g e n, richteten. Soweit diesen, wie der Sonnen-, Licht- und Strahlenbehandlung oder j "en, von den Japanern viel benutzten, heißen Bädern, über ihre rein

örtliche, falsche Hoffnungen vorspiegelnde Wirkung, überhaupt ein wirk­licher Heilwert zu kommt, kann er nur recht eng beschränkt sein: Diese Verfahren können nur einige wenige, an der Körperobersläche gelegene Ansiedlungen der Erreger zerstören und bestenfalls die natürlichen Ad- wehrkräfte des Organismus stärken.

Niemals aber kann es auf diesem Wege gelingen, der unzählbaren Hauptmacht der im Körper kreisenden oder in seinen tiefsten Tiefen verankerten Krankheitskeime Herr zu werden. Andererseits aber waren auch die Versahren, die häufig in der Bekämpfung der durch Bakterien verursachten Krankheiten großartigste Dienste leisten, die Behandlungen mit Serum oder abgeschwächten Bakteriengiften hier nicht von vollem Erfolge begleitet. Die in einzelnen Fällen deutliche Heilwirkung, blieb in anderen gänzlich aus ober war zum mindesten zu unvollkommen, um in dieser Behandlungsmethode die Befreiung der Menschheit von ihrer furchtbaren Geisel begrüßen zu können. Bessere, wenn auch keineswegs ideale Erfolge zeitigte die Anwendung verschiedener vom Körper leicht aufzunehmender Verbindungen der Schwermetalle, besonders des Goldes.

Der siegreiche Angrisf, der zum großartigen Erfolg führte, geschah aus ganz anderer Richtung. Schon lange spielte in der uralten indischen Medizin das Chaulmoogra-Oel, aus verschiedenen Hydnocarpus- und Gynocardia-2lrten gewonnen, eine bedeutende Rolle. Reben vielen anderen Heilwirkungen wurde ihm eine solche gegen den Aussatz zuge­schrieben. Die zielbewußte Arbeit von Forschern aller Nationen konnte nicht nur die Richtigkeit dieser Ueberlieferung bestätigen, sondern es ge­lang ihr auch, auf dieser Grundlage süßend, die erste wirklicheHeil- m e t h o d e der Lepra auszuarbeiten. Der Weg der Chaulmoogra-An- roenbung ist durch einige Marksteine in einzelne Etappen zerlegt.

Die Versuche, die Wirkung zu erhöhen und sicherer zu gestalten, in­dem das Del selbst nicht mehr äußerlich ober burch ben Magen, sondern in direkter Einspritzung unter die Haut gereicht wurde, gehen bis vor die Jahrhundertwende zurück. Ungefähr ebenso alt sind die Bestrebungen, aus dem Del das wirksame Prinzip rein darzustellen, um dadurch zu einem besser anwendbaren Präparat zu gelangen. Vollen Erfolg fanden diese Bemühungen im Jahre 1907. Damit war die Leprabehandlung wieder einen großen Schritt vorwärts gebracht.

Eine weitere ganz außerordentliche Verbesserung, Beschleunigung und Erhöhung der Zuverlässigkeit erfuhr sie im Jahre 1915. Damals gelang es nämlich, das wirksame Chaulmoograprinzip in einer Form darzu­stellen, die seine gefahrlose direkte Einspritzung in die Blut­bahnen erlaubte. Durch diese Anwendung wurde die Behandlung und Heilbarkeit so vorwärts gebracht, daß der Aussatz damit aufhörte, eine unentrinnbare Plage des Himmels zu sein.

Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, daß, je früher die Behand­lung einsetzt, ihr um so vollerer und schnellerer Erfolg beschieden fein wird. Es ist auch leider außer Frage, baß bort, wo die Krankheit in jahrelangem Wühlen schon zu schweren Drganzerstörungen ge­führt hat, keine Methode der Welt imstande sein kann, diese wieder aus­zugleichen. Aber selbst in diesen verzweifelten Fällen konnte dem wei­teren Fortschreiten der Krankheit oft Einhalt geboten werden, und ein in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzendes Moment die von dem Kranken ausgehende Ansteckungsgefahr gebannt werden.

Stärker als alle Worte überzeugen Tatsachen: Die Leprastation in Kulion auf ben Philippinen konnte in ben letzten Jahren von ihren fechsiausendunheilbaren" Aussätzigen mehr als Tausenb geheilt ent­lassen. Wobei ihnen nur bie Verpflichtung auferlegt wurde, sich in regelmäßigen Abständen zu einer Nachuntersuchung vorzustellen. Bei die­sen ergab sich das schöne Resultat, daß nach systematischer Chaulmoogra- behandlung die Entseuchung des Körpers eine so vollkommene und durch­greifende war, daß Rückfälle nur recht selten zu beobachten waren.

Die Behandlung dauert etwa ein Jahr. Das ist im Hinblick auf den großartigen, lebensrettenden und Siechtum vorbeugenden Erfolg eine kurze, aus verschiedenen anderen Gründen aber eine reichlich lange Zeit. Es ist daher von außerordentlich hoch zu veranschlagendem Werte, daß es in jüngster Zeit Dr. M u i r von der Tropenmedizinischen Schule in Kalkutta gelang, die Behandlungsbauer auf die fast unglaublich kurze Zeit von sechs Wochen zusammenzubrängen. Das Mittel, mit bem er dies erreichte, war das von Tag zu Tag in seiner medizinischen Bedeutung höhergeschätzte Jod. Es gibt wohl in unserem ganzen Arzneischatz keinen anderen Stoff, der es an Vielseitigkeit des Anwendungsgebiets und an Spannweite der verwendbaren Mengen mit diesem aufnehmen kann: Bruchteile von Milligrammen muß der Mensch zu seiner Gesundhaltung mit der Nahrung täglich aufnehmen. Das Fehlen dieser winzigen Menge er­zeugt ober begünstigt bie K r o p f b i l d u n g, ihr künstlicher Zusatz ver­hindert das Entstehen dieser Krankheit.

Während nun bie allgemeine Erfahrung besagt, baß Stoffe, die schon in so kleinen Mengen deutliche Heilwirkung haben, bei verhältnismäßig geringfügiger Steigerung der Dosen zum vernichtenden Gift werden, liegt es beim Jod ganz anders. Steigerung dieser hochwirksamen Minima um das Zehntausendsache und mehr, verleihen ihm noch keine zerstörenden Gifteigenschaften. Von der großen Widerstandsfähigkeit des Gefamtorga- nismus gegen derartige, auf die Lepraerreger vernichtend wirkende Rie- fenbofen Jod macht Dr. Muir bei feinem Kampfe gegen ben Aussatz Gebrauch. Ausgehend von der Wirkung kleinster I o b k a l i g a b e n , ging er nach und nach dazu über, die fast unglaublich klingende Menge von 14 Gramm innerhalb eines Tages direkt in die Blutbahn der Lepra- kranken einzuspritzen und damit die vor kurzem noch unvorstellbare schnelle Heilung herbeizusühren. Selbstverständlich ist ein so drastisches Verfahren nicht ohne Gefahren. Der rapide Zerfall der Lepraknoten, bie. Ueberschwemmung des Organismus mit den aus diesen gelösten Erregern und deren Eiftprodukten erfordern strengste Individualisierung und sorg­fältigste Beobachtung durch ben auf biefem Spezialgebiet erfahrenen Arzt.

Ob die Zukunft nun das langsame und ungefährlichere Chaulmoogra- verfahren oder das schnelle, aber schwerer zu handhabende und gefähr­lichere Jobkaliverfahren, ober eine Kombination von beiden als Methode der Wahl bei der Aussatzbekämpfung anerkennen wird, bleibt abzuwarten.