«Achtend zu entfernen:Ein Chevalier de Seingalt hat keinen Anlaß, sich zu verleugnen, Signora. Wie heißen Sie übrigens?"

Gloria Scherer", erwiderte das Mädchen ganz still. Der Chevalier erhob seine Hand und streichelte ihr rotbraunes Haar.

Weshalb haben Sie denn das Schiff verlassen?" kam es aus ihrem Mund.

Weil ich nicht versäumen wollte, Ihre scharmante Bekanntschaft zu machen", lächelte er.

Kennen Sie nicht Frauen genug?"

Für mich sind Sie in diesem Augenblick die Frau!"

Ja, aber nur für diesen Augenblick!"

Er wird sich wiederholen, Gloria, ich werde wiederkommen!"

Er stand neben ihr, sie hatten sich beide erhoben, sie spürte einen Geruch von Rosenöl, der von seiner Haut ausging, und ein süßer Reiz stieg ihr ins Blut. Sie vergaß die Polizei und das Schisf. Es war ein großer und herrlicher Augenblick. Sie kostete ihn aus, aber auch er kostete ihn aus. Da hatte er nun dieses große, schlanke, schöne deutsche Mädchen im Arm, er sah die grauen, rätselhaften Augen zärtlich auf stch geheftet, er küßte sie auf den Mund, noch einmal, vielmals, er trank den Genuß des gefährlichen Glücks lange und leidenschaftlich, aber er vergaß in den Minuten des seligen Taumels keineswegs der zu bleiben, der er war, sein umsichtiger Verstand ging ihm niemals durch, lieber die Schulter des Mädchens hinweg beobachtete er genau das Schiff, es hatte sich schon einige Meter vom Kai entfernt. Da erwachte das Mäd­chen aus der süßen Umklammerung und schrie laut auf:Das Schiff, das Schisf, Chevalier, Ihr Schiff fährt weg, wie furchtbar!"

Aber nein," sagte der Abenteurer,was ist denn schon dabei, keine Aufregung, mein Kind!" Und mit einigen Schritten war er am Ufer, wie ein Hecht schoß der Körper in das blaue Wasser hinein. Sie sah ihm nach, wie er das Schisf erkletterte, sie sah seiner winkenden Hand nach, bis sie im Horizont untergegangen war. Er war fort. Mit langsamen Schritten ging sie nach Hause. Einige der schwarzen Polizeisoldaten rannten an ihr vorüber. Sie lächelte. Vielleicht kam er wirklich wieder ... eines Tages.

Im Lande des silbernen Reiters.

Von E. Schmitt-Hauser.

(Nachdruck verboten.)

Der Zug rattert seinen gleichmäßigen Takt durch die abendlich er­blassende Landschaft: weite grüne Wiesen, goldene Breiten zitternder Hafer; schwerer Roggen steht noch vereinzelt, um eine rostrote Stute hüpft in grotesken Sprüngen ein Fohlen. Land, Land kaum irgendwo ein Dorf, selten nur ein Mensch auf Feld und Weg. Kein Lied, keine Glocke, still, ganz still ist es, bedrückend fast, trotz der freundlichen Abendsonne. Wir sind im Osten. Im Abteil zufällig alles Reisende, die von weither kommen: Wien, Wiesbaden, aus dem liederfrohen Schwa­benland, dem volkreichen Industriegebiet. Erlebnisse und Eindrücke wer­den erzählt. Aber allmählich legt sich die große Stille da draußen über di« bunten Bilder, sie verblassen, man wird stumm wie das schweigende Land. Die Uniform des Schaffners ist polnisch wir sind im Korri­dor, diesem tiefen Riß durch deutsches Land...

Virbalis-Wirballen die Grenzstation ins Land des silbernen Reiters. Litauen, der in Versailles geschaffene neue Staat beginnt. Sein Wap­pen ein silberner geharnischter Reiter mit geschlossenem Visier, gedeckt vom Schild mit dem Doppelkreuz, auf bäumendem weißen Roß hebt sich wirkungsvoll von dem roten Grund ist überall, wo nur immer möglich, angebracht. Der junge Staat prägt sich durch das Symbol ins Auge und Empsinden seines Volkes sehr eindringlich ein. Ein anderes fällt auf: die vielen Uniformen aller Art. Die Zollbeamten an der Grenz« in Khakifarbe mit hohen ReitfUefeln und Sporen machen einen ganz militärischen Eindruck. Paß- und Zollkontrolle geht schnell vor sich. Gepäck der nach Riga reisenden Passagiere bleibt undurchsucht. Sehr scharf wird auf neue Kleidung, Strümpfe usw. untersucht. Hoher Zoll belastet auch die Einfuhr von Luxuswaren, Obst, Spielzeug usw. In der Hauptstadt Kaünas-Kowno bezahlt man für eine Apfelsine 1 Lit = 42 Pf., für ein halbes Pfund Weintrauben 4 Lit = 1,68 Mark! Auf dem Lands find solche Kostbarkeiten überhaupt nicht anzutreffen.

Kaunas war Festung und wurde nach dem Staatsstreich Pilsud- fkis, der Litauen die größte und schönste Stadt Wilna durch Hand­streich entriß, die Hauptstadt des Landes, Sitz der Regierung und aller militärischen und zivilen Verwaltungen, besitzt eine Universität, ist erz- bischöfliche Residenz, kurz das Zentrum des Landes. Die Regierung ist sehr eifrig dabei, durch Neubauten, Straßenverbesserungen, Autoverkehr usw. sie aus dem Niveau der vernachlässigten Kleinstadt einer miß- beliebten Provinz Rußlands, die Litauen früher war, herauszuheben und ihr westlichen Kulturcharakter zu geben. Dem Fremden scheint noch nicht allzu viel getan, aber die Einheimischen versichern, daß der Unter­schied gegen früher außerordentlich fei. In Kaunas kommt der deutsche Reisende noch gut mit der deutschen Sprache zurecht. Der Handel wird zum größten Teil von Juden besorgt, die ausnahmslos deutsch sprechen; selbst in den winzigsten Orten.

Von den innerpolitischen Kämpfen des Landes merkt der Reisende nichts. Der Kriegszustand macht sich nur in strenger Paßkontrolle be­merkbar und durch das Verbot, die Straßen zwischen 1 Uhr nachts und 6 Uhr früh zu betreten.

Die strengen Maßnahmen der Regierung verhindern eine wirkliche Fühlungnahme mit der Bevölkerung, die in ihren Urteilen über Landes­angelegenheiten sich nur sehr vorsichtig äußert. Die deutschen Minder­heiten sind fast noch zurückhaltender. Mit Eifer geht man nur auf die Polenfrage ein das entrissene Wilna und die Bedrückung der litaui­schen Minderheiten in Polen sind im Bewußtsein des Litauers in jedem Augenblick lebendig. Zieht man eine Parallele zur deutsch-litauischen

Minderheitenfrage, wird man entweder schweigend angehört, oder man versicherte, daß es sich um gelegentliche Mißgriffe handelt. Zum Beweise, daß auch die Schulfrage sich weit glimpflicher anlasse, als man in Deutschland glaube, wird darauf verwiesen, daß maßgebende litauische Familien ihre Kinder in das deutsche Gymnasium in Kaunus schickten.

Fährt man tiefer ins Land hinein, fällt die Wirkung der litauischen Agrarreform auf: statt geschlossener Siedlungen kleine Einzelwirtschaften, die auf primitive Weise bearbeitet werden. Die Häuser aus Holz, meist aus rohen halbierten Baumstämmen aufgestellt, deren Zwischenfugen mit Moos verstopft find, ein verwittertes tief heruntergezogenes Stroh­dach, düster, moosbewachsen. Armselig und kümmerlich das ganze An­wesen. Beim Hause der charakteristische Brunnen der russischen Land­schaft, der seinen Hebelarm steil zum Himmel reckt. Was dem aus Deutschland kommenden Besucher an diesen Anwesen besonders aus- sällt: keine Farbe, keine Blume belebt sie. Bei uns blüht selbst am kar­gen Häuschen des armen Landwirts ein Strauch, ein Blumenbrett, irgendwo, und fei es nur ein Streifen am Fensterrahmen, hellt ein bißchen Farbe die Eintönigkeit auf, findet bescheidener Schönheitssinn feinen Ausdruck. Hier nichts, was über die dürftigste Notwendigkeit hinausgeht. Die Bevölkerung ist kinderreich, sehr arm und ohne die Möglichkeit, mehr aus dem fruchtbaren Boden herauszuholen, als die 3)1 en fd) en traft vermag. Schwer zu tragen ist auch noch an der schlechten Ernte des Vorjahres. Man sieht ihre Wirkung an Mensch und Tier. Dieses Jahr ist es besser, und emsig wird auf den Feldern gearbeitet, den Segen einzuheimsen.

Bei Radviliski teilt sich das Eisenbahnnetz. Dergroße" Zug Ber­linRiga braust davon, und der Verkehr ins Innere beginnt. Der west­liche Mensch muß sich umstellen auf östliches Tempo, das Sparten heißt und Gemächlichkeit. Radviliski, wie vertraut dem deutschen Ohr. Hier war jahrelang ein wichtiger Punkt der Heeresverwaltung Ober-Ost... Wenn hier noch irgendein Litauer, den man um Rat fragt, ein deutsches Wort versteht und gar eines erwidern kann, dann ist es eine Kriegs- erinnerung. Sonst hilft man sich mit der Zeichensprache. Am Büfett ver­lange ich ein Glas Tee und glaube das Getränk unter diesem Namen international akkreditiert, aber man schüttelt nur den Kopf. Nun, der Zeigefinger, mit dem ich zuerst auf ein dampfendes Teeglas und bann auf mich beute, verschafft mir den Genuß. Oh, arbatos, sagt die Büfett­mamsell. Liebe Zeit, soll einer wissen, daß der Tee arbatos heißt.

Weit geht der Blick über die flache Ebene, hie und da noch Reste des Waldreichtums, der früher der Landwirtschaft ihren Charakter gab. Der unerbittliche Krieg hat ihn verschlungen. Ms Knüppeldämme über di« elenden Wege endete er, als Heizmaterial im kalten Winter. Das Bahnhofsgebäude klein, aber ein sauberer, weißer Steinbau. Der Warte­saal gibt sich großstädtisch. Weiße Decken auf allen Tischen aus Butterbrotpapier. An der Wand ein Prospekt der schweizerischen Bun­desbahnen mit bunten Bildern von Locarno und dem Züricher See. Ausgerechnet die Schweiz in Radviliski. Die Wirkung auf den Fremden­verkehr im Bergland muß enorm sein.

Krähenschwärme begleiten mit ihrem rab-rab den Zug, der uns end­lich von mühseligen Wartestunden erlöst, noch eine ganze Strecke und vollenden die Melancholie der dunkelnden Landschaft. Auf irgendeinem ... ischki soll ich aussteigen, aber hier ist, wenigstens für mein Ohr, allesischki". Nachdem ich bei der dritten Station, die ausnahmsweise aufwisch" endet, wieder pantomimisch frage, ob ich aussteigen soll, gräbt der Schaffner aus seinen Kriegserinnerungen di« Worte aus: Zwölf, schloffen, schloffen ...

Ich folge dem Rat und schlöffe auf der wunderbar breiten Polster­bank der russischen Eisenbahnwagen bis zum richtigen... ischki", wo der Zug mit nur einstündiger Verspätung eintrifft. Dort stolpere ich in der spärlich erhellten Nacht über einige Gleise, erkenne bann den Gast- freunb, werde auf ein niedriges Wägelchen gehoben, dann warten wir noch geduldig dreiviertel Stunden, ehe der Bahnübergang frei wird. Dann rast der schwarzeJuduk" mit uns los, so daß mir auch noch das Hören vergeht, sehen tue ich ohnehin nichts. Zwei Stunden schmerz­licher Wagenfahrt bringen mich endlich ans Ziel...

Durch Wissen zum Heilen.

Die Fortschritte der modernen Lepra-Bekämpfung.

Von Dr. Th. A. Maaß.

(Nachdruck verboten.)

Kampfhandlungen, bei denen jeder kleinste Teilerfolg Stadt und Welt unter Fanfarengeschmetter mitgeteilt wird, enden gewöhnlich mit einer Enttäuschung. Das kann daran liegen, daß trotz aller Zwischensiege der letzte, entscheidende Sieg ausbleibt. Ader selbst wenn er errungen wurde, wenn ein gewaltiger Vorstoß gelungen, die Stellung des Feindes schwer erschüttert ist, wird er vorn unbeteiligten Beobachter gern mit der Frage ist das alles?" abgetan. Der Vernichtungswille, die Eroberungslust der aus gesicherter Ferne, unberührt von allen Schwierigkeiten und Ge­fahren, dem Kampfe Zuschauenden, ist immer unbegrenzt, ihre Kritik von, erbarmungsloser Härte. Werden ihre, stets außerordentlich hoch ge­spannten Erwartungen durch die Schilderungen erfolgreicher Einzel­aktionen noch weiter angeregt, dann kennen ihre Ansprüche keine Gren­zen mehr: Was auch erreicht wurde, es bleibt hinter dem, was sie er­warten und verlangen können, weit zurück.

Sehr deutlich zeigt sich diese Einstellung bei allem Ringen und allen Erfolgen der Wissenschaft, besonders der Medizin. Die überscharfe Kritik, die hier von Laien an allen Leistungen geübt wird, steht in einem argen Mißverhältnis zu der grenzenlosen Schätzung, die allen Fort­schritten der Technik gezollt wird. Die Bewunderung für diese ist jetzt einmal so eingewurzelt, daß sie auch nicht durch verfrühte Oesfentlichkeit gemindert werden kann.

Wenn hier überlaut das Kreißen von Bergen verkündet wird und schließlich ein winzig kleines Mäuslein entspringt, bann sind all die

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