GietzenerKmiilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1929
Montag, den ZV. September
Nummer 76
Verhaßtes Ich.
Von Edmund Finke.
Ich bin zu schwer. Ich bin zu leicht.
Von meinen Ufern ist kein Regenbogen geschmeidig über diese Welt gezogen.
Ich gehe neben meinem eignen Abgrund her.
Ich bin zu leicht. Ich bin zu schwer.
Ich bin zu leicht. Ich bin zu schwer.
Zu tief verstrickt ins Ich und doch bedenken mich Worte nur, sie weiter zu verschenken. Wozu? Warum? Da eins dem andern gleicht? Ich bin zu schwer. Ich bin zu leicht.
Ich bin zu schwer. Ich bin zu leicht.
Ich schwebe festgehalten zwischen beiden Räumen, wo Menschen Ich sind und ihr Ich nur träumen, bin grenzenlos begrenzt und ungefähr.
Ich bin zu leicht. Ich bin zu schwer.
Casanova und Gloria Scherer.
Von Hermann Linden.
An jenem Nachmittag, als der Chevalier de Seingalt, vor drei Stunden den Vleikammern entsprungen, gesucht und gehetzt von Häschern, in äußerster Rot und Bedrängnis war, sah er die Tochter des Schuhmachers Scherer. Gefaßt von der Liebe zu seiner Vaterstadt, wollte er noch einmal vor dem Verlassen einen Blick auf das noch immer karnevalstolle Venedig werfen und war daher aus der Tiefe des Schiffes in das ihn der Koch, ein guter Freund, versteckt hatte, rasch nach oben ge- klettert. Da ging sie vorbei, Gloria Scherer, hutlos, einen kleinen Korb im Arm und di« süße Fröhlichkeit ihres Angesichts und die gazellenhafte Leichtigkeit ihres Ganges ergriffen ihn so, daß er Gefahr und Polizei vollkommen vergaß, über das Landungsbrett sprang und hinter dem Mädchen einherlief, obwohl jeder Schritt des Pflasters Todesgefahr für chn war, denn er war ein der schwarzen Kunst angeklagter Mann.
Die Tenöre der Gondoliere schwangen sich in weichen Arien über die Paläste und Lagunen. Der geflügelte Löwe auf dem Markusplatz funkelte in der Sonne wie brennendes Gold. Das Rokoko hatte sich in feiner ganzen eleganten spitzenreichen Schönheit öffentlich ausgestellt, durch die Schlitze der Larven glitten die Augen ineinander, ohne daß man wußte, wem sie gehörten. Unbeschwerte Seligkeit trieb blühenden Unsinn, dessen Entschuldigung seine Grazie war.
Hastig ging der Chevalier, der als Fischer verkleidet war, sich im Gehen eine froschgrüne Larve vor das braune Gesicht bindend, hinter dem Mädchen her und erreichte sie gerade in dem Augenblick, als ein langer Zug singender junger Stutzer sie in ihre Mitte nahm, um einen Tanz um sie herum aufzuführen. Das Mädchen schien aber dazu keine Lust zu haben, wohl nur, weil sie kein« Zeit hatte, und versuchte den jungen Männern zu entkommen, was ihr aber nicht gelang. Casanovas Stern hatte es gut mit ihm gemeint, er hatte den Anlaß, den er sich wünschte. Der Sprung, mit dem er in die Gruppe hineinschnellte, war von solcher enormen Wucht, daß drei der Dandics zu Boden flogen und die übrigen in einer Seitengasse verschwanden. Der Chevalier zog einen Fuß nach hinten, machte eine feine Verbeugung, als hätte er eine Dame von Welt vor sich, und bot dem Mädchen seine Unterstützung und Be- glcltung an. Gloria nahm sie lachend an. Nachdem sie einige Minuten schweigend gegangen waren, die der Chevalier henutzte, um einen tiefen, prüfenden Blick in die großen grauen Augen an seine Seite zu tun, blieb das Mädchen vor einem Palazzo stehen. „Warten Sie einige Minuten, Signor", flüsterte sie, ein leises, zuckendes Lächeln' um die Mundwinkel, „ich will nur schnell dem Marchese Gonzaga seine Schuhe bringen, dann können wir noch ein bißchen spazierengehen." Casanova mckte und setzte sich auf die eiserne Stange des Lagunengeländers. Die ^ .ftzuten zerrannen, mehr, als er gedacht hatte. Da saß er nun, der jWyrige leichte Vogel, angeklagt der Alchimie und anderer finsterer Runste und vieler Betrügereien, der Tod war bereits auf seinen Schatten getreten, aber er hatte ihm einen Stoß zu geben verstanden, daß er wie- Oer ’bs Unsichtbare versank. Er betrachtete seine Hände, sic waren hart und hager geworden in der Hitze der Bleikammern. Seit drei Stunden war er aus ihnen entkommen. Ueberall streiften die Häscher umher, um lyn zu suchen. Ein Preis war auf seinen Kopf ausgesetzt. Gut versteckt
zijcher, gingen sie mit schlechter Haltung auf icht sein, Casanova galt ': Häscher, daß er der
Ijatte er in der Tiefe des Schiffes gesessen, der böse Geist hatte ihn wieder nach oben gelockt. Und da war dieses Mädchen vorbeigeqangen, dieses schone große, schlanke, fremdländische Mädchen mit dem fröhlichen Gesicht und den grauen, geheimnisvollen Augen, das Wesen Weib hatte wieder wie immer mit Btttzesschnelle Macht über ihn gewonnen. Was bedeutete das Leben, der Tod, die Vleikammern, die Häscher, die Gefahr gegenüber dem Versäumnis, ein solches Mädchen ungekannt davongehen zu lassen? Trotz solchen Gedanken unterließ er nicht in diesem Augenblick, sich das Halstuch vors Gesicht zu schlagen, denn es kamen schwarze Polizeisoldaten in die Gasse hereingeschwenkt, die jeden Gehenden und Sitzenden argwöhnisch musterten. An ihm, einem simplen Fischer gingen 11--:z
einem kurzen Blick vorüber. Ein Mensch, der in so r " ' ' -
dem Geländer hockte wie er, konnte der Gesuchte niu, als eine brillante Denkmalsfigur, nur vergaßen die Häscher, daß 'er der Sohn einer Schauspielerin war, wenn auch einer schlechten. Jedenfalls gingen sie vorüber und der Chevalier reckte sich wieder gerade und nahm das Tuch vom Gesicht. Gloria Scherer kam aus dem Haus, eilig bestürzt ein wenig zerzaust. Der Marchese scheint mehr als seine Schuhe gewollt zu haben, dachte Casanova. Sie gingen wieder den Weg zurück und standen bald auf der kleinen Piazetta am Dogenpalast. Casanova warf einen verstohlenen Blick auf die Säulenreihe des Baus, an den zwei dunkeln Säulen, zwischen denen die Todesurteile verlesen wurden, blieben die Augen mit einem höhnischen Ausdruck haften. Sie setzten sich auf eine Treppe. Er nahm die Larve ab.
„Mussen Sie nicht wieder zurück auf Ihr Schiff?" flüsterte Gloria, mit der Hand auf den Schoner weisend, an dem eben die letzten Segel hochgebunden wurden. Der Chevalier war erstaunt.
„Woher wissen Sie denn, daß ich von diesem Schiff kam?" fragte er. einen Finger drohend erhoben.
„Ach, man hat doch Augen im Kopf", lächelte Moria zurück.
„Und die hat ein Gott mit eigner Hand eingesetzt!" sagte der Chevalier galant.
Schweigen. Einige verirrte graue Tauben flogen vorbei. Die Luft dröhnte von den tausend Liedern, die überall gesungen wurden.
Gloria Scherer sah den Mann an ihrer Seite einmal aufmerksam an. Eigentlich war das ein recht sonderbarer Fischer, dachte sie, so einen hatte fie noch nie gesehen. Wohl hatte er jene starke, sehnige Gestalt, die zu seinem schweren Beruf erforderlich war, auch hatten seine Hände etwas Hartes und Verbranntes, als hätten sie viel in heißer Sonne gearbeitet: dennoch hatten die Hände etwas Herrenhaftes. Aber der Kopf, der Kopf was hatte der Mann für einen interessanten Kopf. Er stieg aus dem gelben Hemd heraus, kühn und scharf wie der Kopf eines Adlers, das Gesicht war braun wie eine Vronzeplakette, das Mächtigste in diesem Gesicht waren die Augen, sie saßen wie schwarze, glühende Diamanten unter den Lidern; wenn sie sich öffneten, strömte eine Glut heraus die fast schmerzend war. Da sagte das Mädchen auf einmal schnell: .Sie sind auch kein richtiger Fischer, Signor!"
Ueberrascht antwortete der Chevalier: Kind?"
„Was denn, mein schönes
„Nun, vielleicht sind Sie am Ende sogar der Kapitän!"
Da lachte der Abenteurer, und Gloria wurde rot vor Verlegenheit.
„Reden wir lieber von Ihnen, mein schönes Kind," sagte er, „ich kann nun die Frage umdrehen: Sie sind auch keine Italienerin, nicht wahr?"
„Mein Vater ist ein eingewanderter Deutscher aus Augsburg. Aber meine Mutter ist eine Venezianerin, er hat sie in Augsburg kennengelernt. Sie war an einem Wandertheater, aber sie hat nicht viel gekonnt und da war sie froh, daß sie einen Mann gefunden hatte, der ihr versprochen hatte, mit ihr nach.Venedig zurückzureisen."
„Ihr Vater ist Schuhmacher?" fragte der Chevalier in langsamem Ton.
„Ja, wir haben sehr gufe Kundschaft hier", erwiderte Gloria leise. Wieder lachte der Chevalier so laut und seltsam wie vorhin.
„Nun, dann find wir ja in der Branche verwandt!", rief er, „nur hoben meine Vorfahren etwas früher damit aufgehört, für die andern Schuhe zu nähen. Mein Großvater war der letzte der Casanovas, der so etwas tat."
Da legte die schöne Gloria erregt ihre Hand auf den Arm des Chevalier und rief: „Was für einen Namen haben Sie da genannt, Signor?"
„Den Namen meiner Familie", sagte Casanova einfach.
„Unseliger," hauchte fie, „sind Sie der Chevalier de Seingalt, der seit Jahren das Tagesgespräch unserer Stadt ist, der vor drei Stunden, wie man sagt, aus den Vleikammern entsprungen ist, den die schwarzen Häscher Überall suchen? Sehen Sie, sehen Sie, da kommen schon wieder einige!"
Casanova band sich schnell seine grüne Larve vor das Gesicht und flüsterte zu seiner Begleiterin hinüber, ohne Anstalten zu machen, sich


