Der Beamte schien selber von dem UnglM Kowalews gerührt zu sein. In der Absicht, ihn ein wenig zu trösten, suchte er nach den passenden Worten für sein Mitgefühl. — „Es tut mir wirklich sehr leid, daß Ihnen diese Geschichte passieren muhte. — Ist Ihnen vielleicht ein Prieschen gefällig? Es vertreibt Kopfschmerzen und trübe Gedanken. Selbst bei Hämorrhoiden tut es gut." — Indem er dieses sagte, hielt er Kowalew seine Schnupftabakdose hin. Der geöffnete Deckel zeigte das Bildnis einer Dame mit Hut.
Dieses unbedachte Anerbieten brachte Kowalew ganz aus der Fassung. „Ich begreife nicht, wie Sie in dieser Weise scherzen können", sagte er voll Schmerz und Zorn. „Sehen- Sie denn nicht, daß mir eben das fehlt, womit ich schnupfen könnte? Hol der Teufel Ihren Schnupftabak! Er widert mich an, und wäre es selbst ein echter Rapps und nicht dies gemeine Kraut, das Sie mir anbieten." —Und damit verließ er die Expedition der Zeitung und begab sich zum Polizeikommissar des betreffenden Reviers. Er trat zu ihm ins Zimmer gerade in dem Augenblick, als der Kommissar sich, zu einem Schläfchen ausstreckte und die Worte sprach: „Oh, wie süß "werde ich jetzt zwei Stündchen schlafen!" — woraus man bereits ersieht, daß eben dieser Augenblick für das Kommen des Kollegienaffesiors kein günstiger war.
Dementsprechend empfing der Kommissar ihn nicht gerade herzlich. Die Zeit nach dem Mittagessen, erklärte er, sei nicht dazu da, polizeiliche Nachforschungen anzustellen. Die Natur selbst habe es so eingerichtet, daß man nach dem Essen ein wenig ruhen müsse (dem Kommissar waren, wie Kowalew bemerkte, die Aussprüche der alten Weisen nicht unbekannt), — und überhaupt, — einem anständigen Menschen hätte man die Nase nicht abgerissen.
Das traf die Braue nicht, das traf ins Auge! — Kowalew konnte alles verzeihen, was bloß persönlich ihn betraf. Sobald es aber an Rang und Titel ging, kannte er keinen Spaß. So war er auch der Meinung, daß zum Beispiel in Theaterstücken wohl manches vorkommen durfte, was vielleicht für jüngere Offiziere nicht günstig war. Vom Major aufwärts aber durfte niemand lächerlich gemacht werden. — Dieser Empfang nun von feiten des Kommissars war mehr, als er vertragen konnte. Er bebte an Haupt und Händen und sprach mit dem Ausdruck höchster Würde: „So gestehe ich denn, daß, nach so beleidigenden Bemerkungen Ihrerseits, ich weiter nichts hinzuzufügen habe ..." und ging hinaus.
Es dämmerte bereits, als er nach Hause kam, — todmüde von all dem vergeblichen Suchen. Seine Wohnung erschien ihm trübselig und widerte ihn an. Im Vorhaus, auf dem fleckigen Sofa, lag sein Diener Iwan auf dem Rücken und spuckte an die Decke, wobei er mit einiger Gewandtheit immer denselben Fleck traf. Diese Seelenruhe des Menschen machte ihn rasend. „Immer Dummheiten treibst du, Schwein!" rief er und schlug ihn mit der Mütze über die Stirn.
Iwan sprang auf und beeilte sich, seinem Herrn den Mantel abzunehmen.
In seinem Zimmer angelangt, warf sich der Major müde und verdrossen in einen Lehnstuhl, seufzte mehrmals und sprach schließlich zu sich selber:
„Mein Gott, mein Gott! Womit habe ich dies Unglück verdient? Wenn's der Arm oder der Fuß wäre, es wäre nicht so schlimm. Aber ohne Nase ist der Mensch, weiß der Teufel, was: Nicht Huhn, nicht Vogel, — nicht Fisch, nicht Fleisch, — einfach zu nichts nutz, als: ihn zu nehmen und zum Fenster hinauszuwerfen. Und wäre sie mir noch im Kriege abgehauen worden oder im Duell, oder ich selbst wäre die Ursache gewesen! Aber so, — um nichts und wieder nichts, weg, verschwunden, hin! ... Aber nein, es kann nicht sein," — fuhr er nach einer Weile des Nachsinnens fort, — „es ist zu unwahrscheinlich, daß eine Nase verkorengehen kann, es ist einfach nicht zu glauben. Dies ist gewiß nur ein Traumgesicht, eine böse Phantasie. Habe ich vielleicht im Versehen den Spiritus ausgetrunken, mit dem ich mir nach dem Waschen das Gesicht abzureiben pflege? Iwan, der Narr, hat ihn nicht weggeräumt, und so habe ich in der Zerstreutheit danach gegriffen."
Um sich davon zu überzeugen, ob er nicht betrunken sei, kniff sich der Major so schmerzhaft, daß er aufschrie. Dieser Schmerz machte es ihm zur Gewißheit, daß er wach und nüchtern sei. Vorsichtig näherte er sich wiederum dem Spiegel und knisf die Augen zu, in der Hoffnung, die Nase könnte etwa doch an ihrem Platze sein. Aber im nächsten Augenblick sprang er zurück mit dem Ausruf: „Welch ein possenhafter Anblick!"
In der Tat, es war unbegreiflich. Wenn es ein Kopf gewesen wäre, oder ein silberner Löffel, oder die Uhr, oder sonst etwas derart, — aber daß es dies sein mußte, was verlorenging, und noch dazu in der eigenen Wohnung! ... Alle Umstände in Betracht ziehend, gelangte der Major Kowalew zu einer Mutmaßung, die er schließlich - für die wahrscheinlichste hielt, — nämlich: daß an all diesem niemand anderes schuld sein könne als die Frau Oberstleutnant Podtotschina, dieselbe, die den Wunsch hegte, er solle ihre Tochter heiraten. Freilich, ein wenig mit ihr tändeln, das tat er gern, — aber einer entscheidenden Aussprache war er aus dem Wege gegangen. Und als ihm die Frau Oberstleutnant geradeheraus erklärt hatte, sie wolle die Tochter mit ihm verheiraten, da war er mit seinen Komplimenten vorsichtig ein Stückchen abgerückt. Er sei noch zu jung, hatte er gesagt, er müßte erst noch fünf Jahr dienen, vor dem Zweiundvierzigsten sei es doch zu früh. — Und darum also, aus Rache sicherlich, hatte sie beschlossen, ihn zu verderben, und hatte irgendwelche alten Zauberweiber auf ihn losgelassen. Denn, daß ihm jemand die Nase abgeschnitten hätte, das war nicht anzunehmen. Niemand war bei ihm im Zimmer gewesen. Der Barbier Iwan Jakowlewitsch hatte ihn erst am Mittwoch rasiert, und während des ganzen Mittwochs, ja auch noch den ganzen Donnerstag über hatte er seine Nase gehabt, — dessen entsann er sich ganz genau. Außerdem hätte er doch einen Schmerz verspüren müssen, auch hätte die Wunde nicht so schnell heilen können, daß sie glatt wurde wie ein Pfannkuchen. Er erwog im Geist allerlei Pläne: sollte er die Frau Oberstleutnant auf gericht
lichem Wege zur Verantwortung ziehen, oder sollte er selbst zu ihr hingehen und sie entlarven? Seine Grübeleien wurden unterbrochen durch den Lichtschein, der durch die Türritzen drang und ihm anzeigte daß Iwan das Licht im Vorzimmer schon angezündet hatte. Bald zeigte sich denn auch Iwan selbst, die Kerze in der Hand. Das Zimmer wurde hell. Die erste Bewegung Kowalews war: nach dem Taschentuch zu greisen und jene Stelle zuzudecken, an der es noch gestern eine Nass gab, — daß dieser dumme Mensch nicht die Maulsperre kriegte vor Schrecken, wenn er eine solche Seltsamkeit an seinem Herrn entdeckte.
Iwan war kaum wieder hinaus, als sich vom Vorzimmer her eine unbekannte Stimme hören ließ. „Wohnt hier der Kollegienassessor Kowalew?" — fragte die Stimme.
„Herein!" rief Kowalew, indem er aufsprang und die Tür öffnete, „der Major Kowalew ist hier."
Ein Polizeibeamter trat herein, von angenehmem Aeußeren. Ein bräunlicher Bart schmückte seine runden Backen. Es war derselbe, der zu Beginn dieser Geschichte am Ende der Jsaksbrücke gestanden hatte.
„Sie haben beliebt, Ihre Nase zu verlieren?"
„So ist's!"
„Sie ist gefunden."
,,Was Sie sagen!" rief der Major. Die Freude beraubte ihn fast der Sprache. Er starrte mit weitaufgerissenen Augen den Quartalausseher an, dessen volle Lippen und Wangen im flackernden Licht der Kerze glänzten. — „Auf welche Weise?" —
„Durch einen seltsamen Zufall. Sie wurde gefaßt, als sie eben entwischen wollte. Sie saß bereits im Postwagen, der nach Riga fährt. Und ihr Paß lautete auf den Namen eines höheren Beamten. Und das Sonderbare ist, daß ich selber sie zuerst für einen Herrn ansah. Zum Glück aber hatte ich meine Brille bei mir, und da erkannte ich sofort, daß es bloß eine Nase war. Ich bin nämlich kurzsichtig, müssen Sie wissen, und so, wie Sie dort vor mir stehen, sehe ich nur, daß Sie ein Gesicht haben, aber sonst unterscheide ich weder die Nase, noch den Bart, noch sonst eine Einzelheit. Meine Schwiegermutter nämlich sieht auch so schlecht." Kowalew war außer sich vor Freude. „Wo ist sie denn? Wo? Ich laufe sofort hin."
„Beunruhigen Sie sich nicht. Ich weiß, daß sie Jhiren unentbehrlich ist. Ich habe sie mitgebracht. Und sonderbar ist noch dieses: daß der Hauptbeteiligte an dieser Sache der Barbier, der Gauner, ist, der am Wosnessenski-Prospekt wohnt. Er ist bereits arretiert. Schon längst ist er mir verdächtig vorgekommen als Trinker und Dieb. Noch vor drei Tagen hat er in einem Laden ein Päckchen Knöpfe gestohlen. Ihre Nase ist noch genau so, wie sie war." — Und damit langte der Quartalaufseher in seine Tasche und holte die in Papier gewickelte Nase hervor.
„Sie ist's!" schrie Kowalew, „sie, wirklich sie! — Ach bitte, bleiben Sie doch heute bei mir zum Tee."
„So gern ich es täte, aber leider ist es unmöglich: ich muh von hier aus sofort zum Zuchthaus ... Die Lebensmittel find alle so sehr teuer geworden ... Bei mir im Hause wohnt auch noch meine Schwiegermutter, — und dann die Kinder, der Aelteste berechtigt zu allerlei schönen Hoffnungen, ein gescheiter Bengel. Aber wo soll man die Mittel für eine richtige Schulbildung hernehmen?" ...
Nach dem Weggang des Ouartalaufsehers verharrte der Kollegienassessor eine Weile in einem merkwürdig unbestimmten Zustande, und es dauerte mehrere Minuten, ehe er wieder richtig sehen und fühlen konnte: so sehr hatte ihn die unerwartete Freude erschüttert. Er nahm behutsam die wiedergefundene Nase in seine beiden gehöhlten Hände und betrachtete sie genau.
„Sie ist's, tatsächlich, sie ist's!" sprach er vor sich hin. „Siehe, da ist auch das kleine rote Bläschen auf der linken Seite. Gestern ist es hervorgesprossen." Er hätte vor Freude fast laut gelacht.
Aber nichts auf der Welt ist von Bestand, und darum ist auch die Freude in der zweiten Minute nicht mehr so lebhaft wie in der ersten. In der dritten Minute wird sie noch schwächer, und schließlich, unmerklich, geht sie wieder in einen gewöhnlichen Gemütszustand über, — so wie auf dem Wasser Ringe, die durch das Hineinwerfen eines Steinchens entstanden, allmählich wieder in der glatten Fläche verschwimmen. — Kowalew begann zu überlegen, und es wurde ihm klar, daß die Sache hiermit noch nicht erledigt sei: Die Nase war wiedergefunden, jetzt aber galt es, sie wieder an ihren richtigen Platz zu bringen.
„Aber wie, wenn sie an diesem Platz nicht hält?!"
Mit dem Gefühl unbeschreiblicher Angst stürzte er an den Tisch und holte sich den. Spiegel. Daß die Nase ja nicht schief zu sitzen käme! Seine Hände zitterten. Vorsichtig, behutsam legte er die Nase an ihre Stelle an. Aber, o Entsetzen! Die Nase blieb nicht hasten ... Er hielt sie an den Mund, erwärmte sie mit seinem Atem und hielt sie von neuem an die glatte Stelle zwischen seine Backen. Aber die Nase wollte auf keine Weise dranbleiben.
„Na, na, so steh doch, du Narr!" sprach er zu ihr. Aber die Nase war wie aus Holz und fiel auf den Tisch. Es klang, als wäre ein Pfropfen hingefallen. Das Antlitz des Majors verzog sich wie im Krampf. denn möglich, daß sie nicht halten will?" fragte er sich angstvoll. Aber wie oft er sie auch an ihre richtige Stelle anlegte, — alle feine Bemühungen blieben vergeblich.
Er rief den Diener Iwan und schickte ihn nach dem Doktor, der im selben Hause wohnte. Dieser Doktor war ein stattlicher Mann, hatte einen wunderschönen, pechschwarzen Backenbart, eine frische, gesunde Frau, aß stets zum Frühstück rohe Aepsel und behandelte mit besonderer Sorgfalt seine Zähne, die er jeden Morgen dreiviertel Stunden lang nm fünferlei verschiedenen Bürsten bearbeitete. Der Doktor war sofort M Stelle. Nachdem er sich erkundigt hatte, wann das Unglück passiert sei, faßte er den Major Kowalew am Kinn, hob es und versetzte feinem Patienten mit Daumen und Zeigefinger einen so heftigen Stüber auf jene Stelle, wo sich vorher die Nase befunden hatte, daß dieser, zurückzuckend, mit dem Hinterkopf gegen die Wand schlug. (Schluß folgt.)
Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universickät4-Buch- und Stein bruckerei, 2i. Lang«, Dietzen.


