Schiff eine Art Zirkus mochte und vomSalon" (wo die Leitung tagt), beforgt konftotiert wurde.

Mit wirklich geringer Sympathie beobachtete man das Kobrapaar, und gerade die Weltabgewandtheit, die es zur Schau trug, steigerte die Abneigung. Matrosen sind primitive Leute! sie glaubten den Tieren ein­fach nicht, sie hielten sie für hinterhältig, bösartig, bissig, mochten die Hindus einwenden, was sie wollten. Diese behaupteten nämlich, wenn man den Kobras zur Abendzeit eine Schale Milch hinstelle, mache man sie sich zu Freunden.

Der Lauf der Dinge gab den Matrosen Recht! denn eines schönen Tages man schwamm auf der Höhe von Minikoi waren die Kobras aus ihrer Kiste verschwunden. Der Proviantmeister entdeckte es, eher als die Hindus, die mit ihrer dummen Ruhe von nun an die helle Wut der Besatzung erregten.

Das Schiff geriet in ungeheure Aufregung. Die Aussicht, eine Kobra, deren Bitz in kurzer Zeit tödlich ist, zwischen den Bettlaken zu finden, erfüllte selbst den Mutigsten mit klapperndem Entsetzen. Eine systema­tische Suche nach den Bestien blieb erfolglos. Weder zwischen den Win- schen, noch unter den Persennings oder in den vielen Winkeln und Ecken, die der Gang der Ruderkette auf dem Hinterdeck bildete, war irgend etwas zu entdecken. Das Suchen, das man noch einigemal wiederholte, gestaltete sich überdies zu einer Tragigroteske, weil niemand vorangehen wollte und die Hindus, die den Mund so voll genommen hatten, sich ängstlicher als die andereir benahmen. Wunderbar blieb, daß der Käfig der Schlan­gen unverletzt war, so daß man sich nicht vorstellen konnte, wie sie die Freiheit gewonnen hatten.

Was tun? In der ersten Nacht, nach dem Unglück, saß alles mit an- gczogenen Beinen auf dem Bett, von Schlaf keine Rede. Am anderen Tage stolperten übernächtige, aufs höchste gereizte Leute an Deck herum. Es blieb nur eins: umkehren und so schnell wie möglich einen Hafen an- laufen. Eine Deputation von Matrosen und Heizern begab sich zum Kapitän, um zu verlangen, was unumgänglich notwendig erschien. Der Kapitän aber, der gerade eine Differenz mit seiner Gesellschaft beigelegt hatte, zögerte, um seinen Auftraggebern großen Schaden zu ersparen. Vor der Schisfsnase lagen drei Wochen Himmel und Wasser. Man hätte also nach Kolombo zurückdampfen müssen. Konnte man den Leuten zu- muten, bis Suez mit den unaufgefundenen raub- und bißlustigen Kobras, zu fahren? Und wenn wirklich was passierte? Wer war verantwortlich, aus wessen Schultern kamen die verlorenen Menschenleben? Der Kapitän bewegte sich tagelang in richtigem Schüttelfrost. Er war Zögerer von Geblüt, konnte sich nicht entschließen; mal war er bereit, das "Schiss zu wenden, mal dachte er an die vielen Tausende, die man ihm vorrechneir würde. Eine verfluchte Lage. Der Schiffsfunker, ein Mann namens Hart- haus, gab der Mannschaft wegen seiner seltsamen Gewohnheiten mancher­lei zu Lachen. Er wurde allgemein als Bücherwurm, Schreibteufel, Bureaufritze oder Hellseher bezeichnet. Während er die Hörer an die Ohren hielt, las er Goethes naturwissenschaftliche Schriften; wenn mau mit ihm zusammensaß, suchte er das Unterhaltungsthema in der Weise abzuwandeln, daß es statistische und wissenschaftliche Form annahm. Harthaus interessierte sich für viele gelehrte Dinge, obwohl Leute, die ernsthaft etwas verstanden, meinten, er sei ein blutiger Dilettant. Seine Gewohnheiten waren denkbar kleinlich, er versäumte nie, mit lieber» schuhen an Bord zu gehen, er schlief auf einem gestickten Kissen und besaß eine Sparbüchse, auf der in grellen Farben ein Förster zur Jagd auszog. An den Wänden seiner Kammer hingen die Köpfe berühmter Leute und unter ihnen stand je ein Spruch, den Harthaus aus den Klassikern ge- flnubt und nach seiner Ausfassung geändert hatte. 'Man lachte über ihn, hielt ihn für etwas irrsinnig, kam aber zu ihm, um in Dingen, die das gewöhnliche Wissen überstiegen, Rat zu holen. Man konnte nicht sagen, er sei unbeliebt.

Daß Harthaus zum mindesten eine schwere seelische Schlagseite besaß, zeigte sich, als die Flucht der Schlangen bekannt wurde. Er verriegelte sich in seiner Kammer und konnte selbst durch Befehl des Kapitäns nicht zum Borschein gebracht werden. In der 'Rächt stieß er minutenlang Schreie aus, die in der Stille der tropischen Nacht den Menschen die Haare zu Kopf stehen ließen. Man hörte dumpfen Lärm in der Funker- fnbine: es flog was gegen die Wand, Holz wurde gebrochen, Teller zer­splitterten. Die Erregung und Wut der Leute fliegen ins Ungemieffene, Meuterei rückte in nächste Nähe. Die Salongäste traten mit umgeschnall- tem Revolver aufs Deck, verfolgt von der murrenden Mannschaft. Nach außen hin blieb das Schiff trotz größter Spannung friedlich wie am ersten Tag, der Ozean gleichmäßig blau und die Furche, die das Ruder zog, binmantenperlenb und wunderbar. Der Dienst lief ab wie eine Uhr, der Steuermann trat an fein Rad, ein wenig bleicher als sonst, aber pünktlich auf die Minute. Der Kapitän hatte sich längst eine neue Mütze aufgestülpt, vorsichtig betrat er die Brücke, vorsichtig, den Blick schuh» wärts gewandt, ging er auf und ab, nahm das Fernrohr und legte es über die Reling. Bon Wenden war keine Rede mehr, in acht Tagen mußte Suez in Sicht kommen. Die etwas bessere Stimntung flammte eines Abends wieder zu hellster Erregung auf, als ein Trimmer in seiner Soje aufschrie und behauptete, von einer Kobra gebissen worden zu sein. Er hatte sich aber nur mit einer Nadel gestochen, die beim Hosenflicken im ett liegen geblieben war. Der Kapitän zitierte ben Mann auf die Brücke unb machte ihn schrecklich herunter, obwohl der Trimmer einwand, daß seine Schreie im Lergleich mit den nächtlichen Schreien des Funkers kaum Aergernis erregen konnten.

Die Sache mit Harthaus wuchs sich zu einem großen Skandal aus. Nachdem er tagelang getobt hatte, erschien er verstört und haarsträhnig M der Messe; man gab ihm zu essen, fragte ihn, was er habe, erhielt aber feine Antwort. Harthaus schloß sich wieder ein und begann sein Theater Bon neuem, bis es schließlich dem Kapitän, der selbst am Rand seiner Selbstbeherrschung stand, zuviel wurde. Die Funkbude wurde aufge- gesperrt &er m'*'3 wehrende Funker herausgeholt und ins Hospital

Die ärztlichen Funktionen wurden vom vierten Offizier ausgeübt, der >n ruhigen Zeiten gern mit der angeeigneten Wissenschaft protzte, jetzt

ober bescheiden erklärte, er verstehe nichts von Krankheiten. Trotzdem erhielt er vom Kapitän den Auftrag, zum Funker ins Hospital zu gehen, mild auf ihn einzureden und ihm, wenn möglich, eine beruhigende Tablette zu geben. Der Kapitän hatte einige Sromtabtetten bei sich, weil er an Schlaflosigkeit zu leiden pflegte, in der Apotheke fand sich außer Rizinusöl nichts Wesentliches. Die Schiffahrt war damals zur Zeit der Erzählung des ersten Offiziers unvergleichlich primitiver als heute, wo für Kranke jeder Art gesorgt ist.

Die Versuche des Vierten, Harthaus Tabletten beizubringen, endigten mit einem Fingerbiß, den er von dem wild um sich schnappenden Funker erhielt. Man gab es schließlich aus, helfen zu wollen und beschränkte sich darauf, alle 'JJlorgen einen Napf mit warmem Essen durch eine Tiir- spalte ins Hospital zu schieben.

Das Ende der Fahrt rückte näher und näher, eines Tages lag Port Twesik vor dem Schifssbug. Harthaus wurde von herbeitelegraphierten Sanitätern ins Irrenhaus abgeholt. Das Schiff sollte so lange in Qua­rantäne liegen, bis die Kobras gefunden waren. Man begann unter den erdenklichsten Vorsichtsmaßnahmen den ganzen Kasten auszuschweseln, ohne daß man auch nur einen Schlangenschwanz zu Gesicht bekam. Erft nach Wochen entdeckte man eine tote Kobra im Ausguck. Von der anderen hat niemand je wieder etwas erfahren.

Die Nase.

Bon Nikolaj W. Gogol.

(Fortsetzung.)

Gestatten Sie die Frage, wie ist Ihr Name?"

Was hat der Name damit zu tun? Ich kann meinen Namen nicht nennen. Ich habe viele Bekannte: Frau Staatsrat Tschechtarewa, Frau Oberstleutnant Palageja Grigorjewna Podtotschina ... Gott verhüte, daß man hiervon erführe! Sie können einfach schreiben: ein Kollegien- Assessor, oder besser noch der im Range eines Majors stehende ..

Und der, den Sie suchen, war Ihr Leibeigener?"

Was für ein Leibeigener! Nun ja, gewissermaßen, aber bas wäre noch nicht so schlimm. Davongelaufen ist mir ... nun, meine Nase."

Hur! Welch seltsamer Name. Und hat diese gewisse Nase Sie um eine große Summe bestohlen?"

Nase, Nase! Sie verstehen mich nicht. Meine eigene Nase ist verschwunden, unbekannt wohin. Der Teufel hat seinen Spott mit mir getrieben."

Ja, wie denn? Auf welche Weise verschwunden. Ich verstehe nicht recht."

Auf welche Weise, das eben, kann ich Ihnen nicht sagen. Die Haupt­sache ist, daß sie jetzt in der Stabt spazieren fährt unb sich für einen Staatsrat ausgibt. Unb darum bitte ich Sie, veröffentlichen Sie sofort, daß, wer diesen Herrn festkriegt, ihn unverzüglich zu mir bringen soll. Bedenken Sie, in der Tat, wie soll ich auskommen ohne diesen so sehr bemerkenswerten Körperteil? Das ist nicht dasselbe, wie wenn mir, sagen wir, die kleine Zehe am Fuß fehlen würde. Man zieht den Stiefel an, unb niemand merkt, daß was nicht da ist. Ich bin alle Donnerstage bei der Frau Staatsrat Tschechtarewa. Die Frau Oberstleutnant Pala­geja Grigorjewna und ihre reizende Tochter sind gleichfalls meine guten Bekannten. Und nun urteilen Sie selbst, wie soll ich denn jetzt ... ich kann mich ja nirgends mehr blicken lassen."

Der Beamte dachte nach, was an seinen fest zusammengekniffenen Lippen zu sehen war.

Nein, eine solche Anzeige kann ich in meinem Blatt nicht bringen", sagte er schließlich nach einem längeren Schweigen.

Wie? Warum nicht?"

So. Die Zeitung könnte ihren guten Ruf verlieren. Wenn da jeder schreiben wollte, ihm sei seine Nase baoongelaufen. Ohnehin schon wird immer behauptet, es würden durch die Zeitung allerlei falsche Ge­rüchte unb Unsinn verbreitet."

Aber wenn doch meine Nase tatsächlich verschwunden ist!"

Ist sie verschwunden, gehen Sie zum Arzt. Man sagt, es gäbe solche Leute, die einem jede beliebige Nase anzusetzen verstünden. Uebrigens scheinen Sie mir, wie ich bemerke, ein rechter Spaßvogel zu sein."

Ich schwöre Ihnen, so wahr mir Gott heilig ist! Bitte, wenn's schon so weit gekommen ist, so will ich's Ihnen zeigen."

Wozu die Umstände" erwiderte der Beamte, indem er seine Prise nahm.Uebrigens, wenn es Sie nicht bemüht," suhr er mit einer Be­wegung der Neugierde fort,so wäre es doch interessant zu sehen."

Der Kollegienassesfor nahm das Tuch vom Gesicht.

In der Tat, außerordentlich seltsam!" sagte der Beamte, eine vollkommen glatte Stelle, glatt wie ein srischgebackener Pfann­kuchen. Glatt bis zur Unwahrscheinlichkeit!"

Nun, wollen Sie immer noch streiten? Jetzt sehen Sie wohl selbst ein, daß hierüber etwas geschrieben werden muß. Ich werde Ihnen sehr dankbar dafür sein, und ich freue mich, daß dieser Anlaß mir das Ver­gnügen Ihrer Bekanntschaft verschafft hat."

Etwas darüber zu schreiben, ist. freilich keine große Sache", sagte der Beamte.Aber ich verspreche mir davon keinen großen Nutzen für Sie. Wenn Sie schon durchaus wollen, geben Sie es einem, der eine gewandte Feder führt, daß er es beschreibt als eine seltene Natur­erscheinung. Und dann lassen Sie es drucken in derBiene des Nor­dens" (hier nahm er nochmals eine Prise), zu Rutz und Fromm der Jugend (hier rieb er sich die Nase) ober so, aus allgemeinem Interesse."

Der Kollegienassesfor verlor alle Hoffnung. Er schlug die Augen nie­der, und dabei fiel fein Blick auf den unteren Teil einer Zeitung, wo allerlei Vergnügungen angezeigt waren. Ein Lächeln wollte sich in fein Gesicht schleichen, denn er hatte den Namen einer Schauspielerin, einer bekannten Schönheit, entdeckt. Und seine Hand griff unwillkürlich in die Tasche, ob er auch genügend Geld bei sich habe, denn ein Mann von seinem Rang konnte natürlich nur auf einen teuren Platz gehen. Aber der Gedanke an die Nase verdarb wieder alles!