Ausgabe 
30.8.1929
 
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Ms dem Kopfe zu behaltens als ob ein Priester mit dem Sakrament durch die katholischen Mainzer Gassen käme, so feierlich geehrt wie nie im Leben ging das Fräulein vom Stein mit ihrem Besen durch die ent­blößten Häupter hin. Und ob ihr fast die Arme obfielen, sie kehrte, weil sie den Atem der Feierlichkeit suhlte, und wieviel Hunderten sie mit ihrem Leidensgnng ans innerste Herz rührte, als ob aus dem Volk nicht von den Fürstenhösen vielleicht doch einmal die Kraft und der Mut zum Kehraus aufstehen könnte!

Die Trommler dursten nicht aufhören und auch der Büttel vermochte nichts gegen den Befehl, so daß Hunderte von Franzosen aus den Fen­stern ingrimmig das Schauspiel erblickten und den Sinn der Handlung erkannten. Bis endlich der Leutnant der Wache nach dem Lärm sah und kurzerhand den Zug kassierte.

Es wurde keine Gewalttätigkeit begangen an dem Tag und auch dem Fräulein, das auf der Wache fast ohnmächtig hinsank, weil es zuviel für feine Kräfte gewesen war, konnte nichts Widerfätzliches nachgewiesen wer­den; aber es ging bis in die Nacht hinein eine Unruhe in den Mainzer Straßen, daß der Gouverneur selber nach der Ursache sah. Der freilich kannte den Namen Stein und wußte gleich, was für einen Vogel er da im Käfig hatte; doch auch, was für eine Ungeschicklichkeit mit ihm be­gangen war, so daß der Kommissär schon am Abend selber seinen Ver­weis erwartete.

Die Sache schien wichtig genug, dem Kaiser Meldung zu machen; auch wurde das Fräulein vom Stein danach mitten im Frieden als Kriegsgefangene mit allen Ehren nach Paris gebracht. Sie war krank, als sie dort anlangte, bevor der badische Gesandte ihre Ungefährlichkeit auf Diplomatenwegen beweisen konnte; auch unternahm sie nichts mehr zum Werk der Freiheit, weil ihre Kräfte hinfällig waren; trotzdem blieb ihre Tat lebendig, bis der Kehraus begann. Doch heißt es, daß Marianne vom Stein den Kehrbesen in den Jahren danach noch manchmal gern in die Hände genommen hätte, wenn nicht auch ihrem Bruder des Staubes zuviel gewesen warf.

Engelbert Humperdinck.

Zu seinem 75. Geburtslage.

Bon Anton Maye r.

Engelbert Humperdincks 75. Geburtstag am 1. September 1929 gibt uns Veranlassung, eines allzu früh Vergessenen zu gedenken; die mitleidlose Zeit ist über seine Werke hinweggeschritten und hat in ihnen etwas zerstampft, das wert gewesen wäre, erhalten zu bleiben. Der außerordentliche Erfolg vonHänsel und Grete 1", einer sympa­thischeren Oper, als es etwaCavalleria rufticana" oberBajazzo" sind, deren Leierkastenmelodieu desIntermezzo" und desLache, Bajazzo" immer noch häufig auf unseren Opernbühnen zu hören sind, ist voll­kommen verklungen, und von Humperdincks anderen Schöpfungen ist es ganz still geworden höchstens, daß das melodramatische Märchen von denKönigskindern", nicht gerade sein glücklichstes Werk, auf die Bühne gebracht wird und wegen des Textes Schiffbruch leidet.

Humperdinck war Norddeutscher, Mecklenburger: in Neustrelitz ist er geboren. Aus dem Konservatorium in Köln und der Musikschule in München studierte er und bewies seine Begabung auf die einzige Weise, in der man sie auf ähnlichen Instituten und kurz nach ihrem Verlassen beweisen kann: er gewann sämtliche verfügbare Stipendien, nämlich die nach den Komponisten Mozart, Mendelssohn und Meyerbeer genannten cs ist übrigens eigentümlich, aus wie verschiedenen Regionen der Musik die Paten der Stipendien stammen, die ihm sozusagen seinen Lebensunterhalt gewährten; später blieb er in seinem Schaffen ganz einheitlich und diesen Paten, denen er eigentlich zu Dank hätte ver­pflichtet fein müssen, ganz abgewandt. In den Jahren 1879 bis 1881 war er in Italien, dem alten klassischen Kunstlande der Musik und Malerei, und folgte den Spuren der früheren mitRompreifen" des Pariser Konservatoriums bedachten Schülern, wie B e r l i o z, in der Stadt der Päpste. Nach einem vierjährigen Aufenthalt in Deutschland kam er einem Ruf als Lehrer an das Konfervatorimn zu Barcelona nach, dem er bis zum Jahre 1887 angehörte. Von Spanien aus kehrte er an die Stätte feiner ersten Studienjahre, nach Köln, zurück, um dann wenige Jahre später eine neue Lehrstelle, und zwar am Konservato­rium in Frankfurt, anzunehmen, wo ihm 1896 der Professortitel ver­liehen wurde. Endlich, im Jahre 1900, fand er feinen Weg nach Berlin; bis 1920 wirkte er als Vorsteher einer akademischen Meisterklasse an der Hochschule und wurde auch Mitglied der Akademie. 1921, kurz nach feinem siebenundsechzigsten Geburtstage, ist er gestorben.

Es ist merkwürdig an diesem Leben, daß es zum allergrößten Teil der Lehrtätigkeit geweiht war. Humperdinck beherrschte sein Fach aus das beste und zeigte sich vielleicht gerade deswegen als ein fo guter Ver­mittler musikalischer Weisheiten, weil das Elementar-Schöpferische in ihm weniger stark ausgeprägt war als das feine Nachcmpfinden und Ver­stehen größerer Gestalter und jenes merkwürdigen Musikstoffes, dessen Kenntnis gute Wirkungen, begründete Effekte und angenehme Melo­dien entstehen läßt, ohne den Menschen zum Höchsten, zur genialen Ge­staltung, zu führen. Man könnte die musikalische Materie noch am ehesten mit dem zu knetenden Ton in der Hand eines Bildhauers ver­gleichen; der weiche Stoff gibt, hat der Künstler die in ihm liegenden Möglichkeiten erkannt, die gewünschten Formen in reizvoller Weise, je nach Art der betreffenden spezifischen Begabung wieder, ohne daß der Bildner die Kräfte Michelangelos oder Rodins besitzen müßte; so formte sich auch der Musikstaff zu mannigfachen Gebilde», und zwar ist die Kunstfertigkeit, diese hervorzubringen, durchaus erlernbar. Es ist ganz auffällig, daß wirklich große Genies, wie Mozart, Beethoven, Wagner niemals in diesem Sinne Lehrer gewesen sind: unter ihren Händen formte sich der Musikstosf nicht zu jenen mehr ober weniger gefälligen Gebilben, sondern wuchs zu ganz unberechenbaren riesenhaften Werken, die mit menschlicher Krast gar nicht zu übermitteln sind, sondern eben nur durch sich selbst wirken können. Alle drei genannten Meister haben, wie einige andere der ganz Begnadeten auch, keine Schüler, sondern

nur Nachahmer und Epigonen gehabt; nach Humperdincks Tode hat sich indessen an der Berliner Hochschule der Fall bereits zweimal wieder­holt, daß außerordentlich begabte, mit dem Musikstoff auf bas innigste vertraute Komponisten, benen die geniale Gestaltungskraft im letzten Sinne fehlt, mit ihrer Lehrtätigkeit die besten Erfolge erzielt haben Ferruccio Busöni und Arnold Schönberg. Es ist kein Wort dar­über zu verlieren, daß ihre musikalische Linie mit Humperdincks Aus­druck nicht das geringste zu tun hat; als Anreger gehen sie auch natürlich weit über ihn hinaus, besonders Busoni. Gemeinsam ist aber allen dreien, daß sie keine Nachahmer und Epigonen haben, sondern Schüler.

Humperdincks Kunst hat sich an Wagner gebildet er war selbst ein Epigone, aber ein sehr geschmackvoller, was man sonst nicht eben von allen Epigonen »behaupten kann. Der große Wurf,Hänsel und Gretel", gelang ihm, indem er Wagners gigantische Prinzipien und deren Durchführungen auf die Verhältnisse einer Märchenoper übertrug und im Gegensatz zu den orchestral in der reichsten Weise durchgesiihrten und kontrapunktisch keineswegs unkomplizierten Stellen einfache und ent­zückende Kinderlieber brachte, die jeder kannte und schmunzelnd mit- Smmen konnte:Suse, liebe Suse, was raschelt im Stroh"; undEin ännlein steht im Walde".

Kindern und Erwachsenen war es eine Freude, die altvertrauten Melodien nun in pikanter Rhythmisierung und origineller Instrumen­tation zu hören. Viele mögen diese anspruchslosen Liedereinlagen den dramatischen Teilen vorziehen; man sollte aber nicht vergessen, wieviel melodische Erfindung in diesen Partien liegt, schon im Vorspiel mit dem durchgehenden Thema des ganzen Werkes, imHexenritt" mit feinem polternden Humor, in den Hexenfzenen und schließlich in der berühmten Abendgebetsszene mit der Himmelsleiter und Engelapotheose: mag die Instrumentation zu dick fein - gewiß hätte Mozarts Partitur hier anders ausgefehen mag die Melodie (das Vorfpieltherna) nicht von höchstem Adel der Erfindung fein: es ist soviel echt Musikantisches in diesen Dingen, daß man alles grämelnbe und gelehrte Kritisieren lassen, und, Epigonentum hin, Nachwagnerei her, sich am Wohlklang der Kom­position und an ihrer guten Struktur freuen sollte. Das Publikum ist ja sonst nicht so wählerisch und nimmt die banalsten Operettenschlager mit Vergnügen auf: hier ist eine ernsthafte Musik, ohne schwer zu fassende Genialität, sehr anständig gearbeitet und voller guter Einfälle warum sollten wir zu stolz für sie fein?

Humperdinck hat den Erfolg vonHänsel und Gretel' niemals wie­der erreicht; seine späteren Werke verloren sogar in ihrer Reihenfolge immer mehr an Anziehungskraft für das Publikum.Häufel und Gretel" war 1893 als Protest in die Hochflut desVerismo", der ita­lienischenWahrheitsoper" die natürlich genau so unrealistisch war, wie alle andern auch, da ohne Verneinung des Realismus keine Oper bestehen kann; man übersetzt denn auchVerismus" besser mitBlut- rünftigfeit" geschlagen und hatte dieKonjunktur" der Opposition für sich.Die Königskinder" (1898) fanden diese nicht mehr vor und litten außerdem an dem unglückseligen Zwitterwesen des Melo­drams, an dem schon Mozart mit feinerZaide" scheiterte. 1902 ging Dornrösche n" ganz unbemerkt vorbei, und allerdings war es nun auch genug mit den Märchen; man soll kein Genre übertreiben. Sehr unverdientermaßen aber ist die 1905 zuerst ausgeführteHeirat wider Willen" in Vergessenheit geraten; das Werk steckt voll der feinsten Harmonik und Melodik. Seine Handlung spielt im französischen Rokoko und leidet an einem unzulänglichen dritten Akt am Königshof; die beiden ersten sind dagegen fluffig und amüsant. DieHeirat wider Willen" zeichnet sich besonders durch gut geformte Gesänge aus, wie das entzückende ves-Dur-Bries-Lied im ersten Akt (Kommen Sie, Teure, ich will Sie erwarten"), die k^-Dur-Arie Montforts im Gefängnis, das sehr großartig aufgebaute Quintett am Schluß des zweiten Aktes und das den französischen Rokokostil auf das granziöseste imitierende Schäferlied der Heldin im letzten Auszug. Aber auch ebenso sind viele Schönheiten, zu finden, die eine Ausführung lohnen würden. Nicht un­erwähnt bleibe Humperdincks reizende Musik zuWas ihr wollt" mit den Narrenliedern, sowie zahlreiche andere Schaufpielmiisiken wie die zumStur m".

Das Schlangenschiff.

Bon Richard H u e 1 s e n b e ck.

Auf meiner Frachtdampferfahrt nach Ostasien hatte ich oft (Belegen­heit mit dem ersten Offizier zu plaudern, den wir in Schanghai wegen schwerer Krankheit ausbooten mußten und der dann, wie ich bei der Rückkehr gehört habe, bald daraus gestorben ist.

Er erzählte mir, er fei einmal mit einem kleinen Frachtdampfer ge­fahren, der für einen europäischen Zoo Tiere transportierte. Cs gab einen Elefanten, mehrere Leoparden, viele Affen und eine Kiste mit einem Kobrapaar, das in sich zusammengerollt, scheinbar leblos aus Stroh, Erde und Pflanzenresten starrte. Die Mannschaft liebte den Ele­fanten wie ein Kind, taufte ihn Bobby, gab ihm Reste eigener Mahl­zeiten zu fressen und streichelte ihm den Rüssel. Die Leoparden, die sich ziemlich gesittet benahmen, beachtete man wenig; die Eisenstäbe zwischen ihnen und dem Schiff trennten zwei Welten. Man hätte nichts von ihnen gewußt, wenn nicht hin und wieder ein seltsam scharfer Schwaden durch die Takelage gezogen wäre, der vom Monsum nicht herrühren konnte: der Raubtiergerueh. Die beide» eingeborenen Tierhüter steckten übrigens ohne Furcht die Hände in die Käfige; der Hindu behauptet von keinem Tier, es fei wild, er sagt, cs werde erst wild durch die Menschen, die mit ihm umgehen. Die Affen lebten sich schon am ersten Tag in eine Clownrolle hinein, die von allen freudig mitgefühlt wurde. Sie liefen teilweise frei an Bord herum, stahlen wo sie konnten, nahmen Prügel und Schelle gleichmütig hin, schossen Kobolz, enterten die Masten und mußten hin und wieder mit der Feuerspritze zur Räson gebracht werden. Der Höhepunkt der Komik wurde erreicht, als eine Meerkatze dem Kapitän die Mutze vom Kopf riß, gerade in dem feierlichen Moment, als dieser die Mittags­höhe aufnehmen wollte. Es folgte eine Disziplinauslockerung, die aus dem