voll Glanz. Nun war das Licht ausgelöscht.DiePassion wird nicht fertig, wenn du nicht hilfst, mein Weib!" Leise, tiesbewegt, begann die Frau zu sprechen:Du hast uns die Passion neulich auf dem Klavichord vorgespielt. Erinnerst du dich, wie tief es uns ergriff? So völlig hattest du in deiner reiner Seele die Hoheit unschuldigen Leidens widergespiegelt 'und in deinem Werk zum Ausdruck gebracht. Willst du an dir irre werden? Niemand hat den Heiland so begriffen, wie du! Keiner von denen, die bisher Passionen schrieben und aufsührten! Keiner von ihnen hat so ein göttliches Herz!"Gott ist mir jetzt fern!" sagte Bach.Und du bist mir jetzt so nahe wie noch nie in unserem Leben!">So hilf mir, wenn ich dir so nahe bin! Vielleicht bis du Gottes Bote!" Sie biegt fein Haupt an ihre Brust:Ecce homo! Welch' ein Mensch bist du!" Und eindringlich flüstert die Frau:Denk an die Blumen im Garten Gethsemane! Wie sie dufteten in der Nacht! Denk an den Engel vom Himmel, der ihn tröstete! Dann wird dir's lebendig!"Nicht Schön­heit, nicht Trost hat dieser Garten, Anna Magdalena! Die Jünger schlafen! Sie verlassen ihn alle! Er aber hebt an zu zittern und zu zagen und fällt auf sein Angesicht nieder in seiner Not. Ich war nie so verlassen. Ich habe nie gezittert und gezagt. Ich habe immer inbrünstig auf Gott vertraut. Ich kann dies nicht leben!"Du bist dennoch auf dem Wege nach Gethsemane!" Er hört es kaum, ist wieder in Brüten versunken, i vergißt fast, daß sie im Zimmer ist. Aber die Augen der Frau wachen _ brennen in sein Gesicht. Sie faßt plötzlich die halb niedergebrannte Kerze. Es ist wie Verklärung über ihren Zügen.Komm", sagt sie K, ergreift seine Hand, öffnet die Tür zur angrenzenden Diele. Es in Augenblick, als sänken sie in die Nacht. Der Schatten des Leuch­ters füllt den Raum, kurz und gespenstisch flackert die sterbende Kerze über Gruppen von Lebensbäumen und Palmen, die nach der Beerdigung noch die Ecken der weiten Diele füllen. Begräbnisgeruch lagert über dem Kaum. Dort, in der Mitte, wo es so schwarz und leer ist, hat der Sarg gestanden.Sie ist bei Gott", stammelt Johann Sebastian Bach.Ja, aber ehe sie zu Gott ging, hat sie gelitten! Erinnere dich ihrer Qual und ihrer Todesangst!" Wie ein seltsamer Befehl klingt es. Zwei Augen brennen in der Dunkelheit in die des Mannes. Unausweichlich, stark wie Todesflammen. In Anna Magdalenas Seele quillt es empor, Bilder über Bilder. Alles, was ihr Mutterherz zerriß, ist wieder lebendig. Aber sie hat jetzt keine Tränen. Die furchtbaren Bilder schlagen Wurzel im Hirn des Mannes. Er sieht, wie die kleine Brust seines Kindes um Atem ringt, er hört, wie das heisere Stimmchen fleht:Vater, Mutter, ver­laßt mich nicht!" Der Arzt steht am Krankenbett sein Gesichtsaus­druck wird von dem fünfjährigen Kinde ängstlich belauert, feine Hoff- Mngslosigkeit gedeutet. Es schreit auf, klammert sich an die Eltern:Gibt ie» denn kein Mittel, mich zu retten?"

Wie eine furchtbare Vision bannt es den Meister. Aber sie ist zugleich Offenbarung. .In Mit-Leiden blutet das starke Herz. Noch am gleichen Abend schreibt er die große Doppelarie von Gethsemane, in der die Holz­bläser seufzen und mit unerhörter Gestaltungskraft das Zittern und Ragen des Herrn in über dem Generalbaß pochenden Sechzehnteln ge­lebt ist.

Und setzt so den Schlußstein zur größten Passion aller Zeiten und Völker.

Ostern in der bildenden Kunst.

Von Dr. Ulrich Baltzer.

Air sich nach dem Zusammenbruch des alten römischen Reichs in Europa fo etwas wie eine neue Kultur herausbildete, war es die Kirche, die in vielen, wenn nicht in allen Punkten dieser neuen Schöp- hing Ziel und Zweck setzte. So ist es nur natürlich, daß, wie sie alle Tätigkeiten des Lebens befruchtete, sie selbstverständlich und in erster Linie die gesamte Kunst unter ihre Obhut nahm. In keinem ihrer vielen Zweige, vor allem ober nicht in der Malerei konnte etwas geschehen, das nicht von der Kirche und ihren Organen sanktioniert war. Dieser Einfluß konnte sich bis in das Zeitalter der Nenaisiance hinein so mächtig erhalten, weil Kirche und Mnstler sich in einem Kulturkreis Und einem Kulturbedürfnis zusammenfanden und aus ihm heraus in gleicher Weise Dienst an der Menschheit verrichteten. Nach dieser Periode haben nur das Barock und im Anfang des neunzehnten Jahr­hunderts die Kunst der Nazarener solchen Einklang zu schassen gewußt.

Das ganze Mittelalter hindurch war also die Kunst Europas in Uster Linie eine religiöse Kunst und in immer neuen Erfindungen und Anregungen haben die größten und auch die kleineren Mnstler ihre Motive aus der Heiligen Schrift und aus dem Leben der Heiligen ge- lchöpft und das Kirchenjahr mit der Melodie ihrer Mnst zum Besten der Menschheit begleitet. Hinzu kam, daß die Geschichte und die Ent­wicklung des kirchlichen Glaubens, wie sie das alte und das neue Testament überliefern, der produktiven Phantasie der Künstler entgegen fam. Mystik und Mythik, beide für Künstler gleich starke Quellen, stossen hier ost durch keine Dogmata beschwert und ermöglichten vtm Mnstler, ungehemmt fein eigenes Herz sprechen zu lassen. So war dem Mnstler ganz gleich welcher Nation das neue Testament ta erster Linie das Buch der Wunder, der gläubigen Hingabe an Ehristus und feine erlösenden Taten. Und das alles steigerte sich zum größten Wunder, zu der Auferstehung des Gottessohnes zu Ostern und zu seiner späteren Himmelfahrt.

Es ist ein schönes Schauspiel für den künstlerisch empfänglichen Menschen, zu sehen, wie gerade die besten Künstler aller Nationen ron diesem Glauben an Christi Auferstehung beseelt sind und wie sie ihm «ald durch die Gewalt ihrer Farben, bald durch die Macht ihrer Linien "usdruck zu geben sich bemühen.

Mannigfaltig sind die Lichterfcheinungen, von denen die Heilige Schrift erzählt, von natürlichen und übernatürlichen ist in ihr die Rede, und es ist, als ob sie gerade die Mnstler an die Probleme ihrer Mnst heranführen wollte, als ob sie sie aus ihnen heraus entwickeln wollte.

Zu den größten deutschen Meistern, der erst vor nicht viel mehr Sie ungefähr einem Menschenalter wieder in das Bewußtsein seiner

Nation eingedrungen ist, gehört Matthias Grünern äl d. Der Utttefc franke, der schon seinen Zeitgenossen mit der Gewalt seiner Ekstase aber auch mit der Realität seiner Malereien ein merkwürdiges Ge­heimnis war, schuf die große Folge des Jsenheimer Altars und in ihr eine Auferstehung, die ein Phänomen in des Wortes wahrster Be­deutung auch heute noch ist. Zu derselben Zeit, als der verborgene Deutsche fein großes Werk vollendete, malte Michelangelo an der Decke der Sixtinischen Kapelle fein unsterbliches Werk: Hier die höchste plastische Formenklarheit, dort die reine Lichtmalerei, die ohne Zeichnung entstand und die nur durch die Mischung der Farben und in aller­erster Linie durch das Wunder des Lichts wirken sollte und unheim­lich wirkt. Nur auf die Allgewalt des Lichtes ist dieseAuferstehung" gegründet. Wie durch einen Erdbebenstoß hat sich der Deckel des Sarkophages geöffnet, die schwere Platte ist zur Seite gestoßen, die Kriegsknechte liegen betäubt da, Christus schwebt empor. Die Macht feines Aufstiegs hat die grell weißen Leinentücher mit in die Höhe ge­rissen. Gleich dem Feuer eines Blitzes hebt sich sein roter Mantel aus dem Zickzack und eine leuchtende Aureole umgibt Haupt und stigmatisierte Hände des Auferstandenen. Das leuchtet und gewittert von gelben, rosa und blauen Tönen und Halbtönen, die Augen glühen als Mittelpunkt des Gesichts, das Körperliche ist seiner Schwere entkleidet, der Leib ist nicht mehr irdisch, sondern wie von himmlischem Lichte durchflutet. Das Wunder, die körperliche und seelische Transparenz, ist vollendet und um so stärker, je realistischer die Umwelt, die Gestalten der Kriegs­knechte vom Maler konzipiert und durchgeführt find. Wie vom Blitz getroffen find sie zusammen- und hintenüber gesunken und die Gestik ihres Zusammenbruches wird als Ausgleich zu der heftigen Bewegung des Auferstehenden gegeben; beide Bewegungen sind verbunden durch den Lichtgaden des Leichentuches. Gerade durch diesen Ausgleich kommt in das Bild die unheimliche Ruhe, deren es zu seiner religiösen Wir­kung bedarf. Alles wird schließlich eingefaßt von der wunderbaren Nacht- landschaft, von deren tiefblauem gestirnten Himmel sich die Aureole mächtig abhebt.Bewegung ohne bloße transitorische Momente; Mo­mentanstes und dennoch Gesetzlichstes, pulsierender Rhythmus und den­noch monumentale Ruhe."

Etwa vier Menschenalter nach Grünewald lebte ein anderer germa­nischer Künstler, der ähnlich und mit gleicher Leidenschaft wie der Mainfranke das Licht und feine wunderbare Gestaltungs- und Aus­druckskraft liebte und zu benutzen wußte. Das war Rembrandts der Maler des Halbdunkels. Auch er malte eine Auferstehung. Aber nicht Christus ist der Mittelpunkt der Szene, sondern der Engel, der zu feinem Beistand entsandt ist. Er naht von links. Himmlisches Licht, das den finsteren Himmel jäh durchbricht, umgibt ihn und flutet mit keifen Abschwächungen auf Christus. Der Engel hat den Grabdeckel in die Höhe genommen und der Erlöser will sich gerade aufrichten. In überstürzter Hast taumeln und rutschen die Kriegsknechte von der Grabplatte herunter, sie bilden eine chaotische Masse, die sich in den Tiefen der Dunkelheit verliert. Das alles erinnert auch an Grünewald und feine religiöse und erhabene Kunst. Aber der Standpunkt der beiden Mnstler ist doch grundlegend verschieden. Für Rembrandt, den großen Menschen, steht der menschliche Affekt im Vordergrund der Handlung, für Grünewald ist es ein schlechthin religiöser Akt, der im Mystischen wurzelt und an dem der Mensch nur durch die Gnade teil hat.

Und nun eine ganz andere Welt: der Romane, der Spanier Greco malt ein Zeitgenosse Rembrandts die Auferstehung; er nimmt ein auffällig hohes schmales Format. In der unteren Hälfte des überlangen Gemäldes ist die Unruhe sich drängender zuckender Körper, find nackte antike Leiber, und unmittelbar ans ihnen steigt Christus mit ruhiger segnender Gebärde in die Höhe.Greco will ein Wunder malen. Chri­stus, leuchtend wie eine gelbe Flamme, schwebt aus dem Schoß des Todes hervor; weder Grab noch ©arg sind sichtbar. Sein Leib ist nicht ein irdischer, der wieder belebt wurde, sondern ein verklärter, ätherischer. Ja wir haben keinen anderen Ausdruck, es ist ein Astralleib, der unbe­helligt durch Schwert und Degen zwischen den Wächtern durchwandeln kann, von denen einige ist es nicht seltsam wie die Verdammten imJüngsten Gericht" eben aus dem Schlaf erwachen."

Gewiß, der glühende Spanier gleicht dem deutschen Grünewald. Beide haben sie die mystische Hingabe an den auferstandenen Erlöser, an die Macht des Glaubens. Beide benutzen sie auch die göttliche Kraft des Lichts zum Aufbau ihrer Bilder. Ader der Spanier malt die verschlos­sene Welt eines strengen, eines richtenden Gottes, der Deutsche den über­windenden Christus, an dessen Erlösung auch wir dereinst teil haben werden.

Das ist vielleicht das Größte an der deutschen Kunst und gerade an Srer Darstellung der Auferstehung des Herrn: das Göttliche und das enfchliche zugleich und in sich verbunden. Das herrlichste Beispiel gibt Albrecht Dürer in feiner großen Passion. Um das ungeöffnete Grab liegen die Gestalten deutscher Landsknechte, die Körper gelöst, wie sie der Schlaf überwältigte und wie in einem Wunder schwebt über dem allen Christus. Der Himmel reicht hernieder bis auf die Erde, der Schein der Heiligkeit umleuchtet sein Haupt, die Engel erwarten ihn. Die Ver­einigung von Schlichtem, Menschlichem und Erhabenem, Göttlichem ist in einer Losung gegeben, wie sie nur das große vielseitige Genie voll­enden kann. Das ist derselbe Dürer, der also dichtete:

Du, aller Engel Spiegel, Erlöser der Welt! Deine Marter sei für meine Sünden Entgelt.

Denn wer im Leben Gutes tut, den überkommt ein starker Mut, Und ihn erfreut des Todes Stund', da ihm die Seligkeit wird kund. Er fürchtet auch nicht Gott, der richtet, Denn er hat hier fein' Sach' geschlichtet. Durch Buße, womit er erwarb

Gottes Gnad' auf Erden, eh' er starb."