und sang: „Bemooster Bursche zieh ich In der Tür stand der Oberbibi
an ihn, und da er sie suhlte, einen Menschen, der ihm nahe war, strich er über das Haar, über den Nacken, ein-, zwei-, dreimal. Endlich kam er zu sich und sagte: „Wollen uns gut vertragen bis zum nächsten Ostern." Sie schaute ihn mit großen, glänzenden Augen an. „Auf morgen", sagte er, strich ihr noch einmal ums Sinn, ging in sein Schlafgemach und legte sich nieder. Die Witwe dachte aber noch lange nach: wird es nun morgen sein, daß ich Oberbibliothekarin werde? Davon stand aber nichts in den Träumen des alten Mannes geschrieben, der in seinem Bette sanft zwischen feiten schaukelte, bis seine Seele von einer Welle ergriffen wurde, die sie hinansführte in die Nacht der Auferstehung.
vn v« vn ^berbibliothekar und schaute ihm nach;
,Lugend" seufzte er ohne etwas zu denken. Die Witwe aber drückte sich
dagegen wehrle und behauptete, er sek noch jung genug, um das allein machen zu können. Und dann gab er der Witwe einen Kuß auf die Wange und lief hinaus in die Mondnacht. Er schwang sein Stöcklein und sang: „Bemooster Bursche zieh ich aus".
-Ei« sind eint Schlimme!" sagte er. Sie wurde ganz rot und ging be- friedigt hinaus. „Eine Stimme" hotte er zu ihr gesagt, das hatte er
Ganz andächtige Äugen machte di« Frau und sah ihn dankbar an. Er freute sich. „Sie sind wirklich jünger geworden, Hödlingerin", sagte er. „Sie können fast einen alten Knaben noch zu dummen Streichen verführen", und er zwinkert« mit den Augen zusammen.
Sie wurde ganz rot: sollte doch noch der Tag kommen, wo sie Ober
bibliothekarin wurde?
Nun, sie hatte nach dem Osterlamm nur noch ein Apfelkompott mit Preiselbeeren geben wollen, aber soviel Güte mußte belohnt werden, und rasch lief sie in di« Küche und bereitete in aller Eile ein Omelette ans Enteneiern, das sie mit Rum abbrannte.
Der Geheimrat aß es, still in sich versunken. Er dachte an die süßen Speisen, die er bei der Großmutter bekam. Eier aß er dann soviel, daß er zwei Stunden hinterher stillsitzen mußte, um nicht zu platzen, wie die Kinder sagten.
Danach ging er in das klein« Mauergärtchen, in dem er drei Schritte auf und ab gehen konnte. Hier war es auch schön heiß. Er wurde müde und setzte sich, aber die Witwe hatte Obacht gegeben und brachte die alte Reisedecke, in die sie ihn hüllte, damit er sich nicht erkälte. Und so sah er da, verloren in die andere Zeit, es war Ja Ostern. Da war eines gewesen. Das war nun her — wieviel« Jahr« war's denn her? O, vierzig, fünf- undvierzig, achtundvierzig Jahre! Da war er Bibliothekar geworden in der Hauptstadt und er wollte sich mit der Tochter des Oberbibliothekars zu Ostern verloben, kam am Sonntag mit einem großen Blumenstrauß In Papier in das Haus geschritten, das in einer der vornehmen Bitten* (tragen der Stadt lag. Das Mädchen öffnete ihm, sah seinen Zylinder und den Strauß und fragte: „Um Gottes willen, wollen Sie Fräulein Irene besuchen? Fräulein Irene werden Sie nicht finden und —" „Was ist?" fragte er, „was ist gewesen?" Da schluchzte das Mädchen und sagte: „Sie ist mit dem relegierten Oberlehrer davon am Karfreitag, und der Herr Geheimrat tft ihr nachgereist und die Frau hofft, es wird noch olles gut."
Er hatte in die Westentasche gegriffen und dem Mädchen das fitbeme later« tuet gegeben, wie er es sich vorher vorgenommen hatte, als er feinen llrauß unter den Mantel getan und war wieder fortgegangen. Und das Mädchen war die Frau des tollen Oberlehrers geroorben und der — Ja, Gottes Wege sind wunderbar — der hatte später trotz allem einen großen Namen erworben in der Politik, im Parlament. Schade um das Mädchen Irene.
„Der Herr Archivrat ist gekommen!", meldet« die Witwe und schien sich noch um fünf Jahre verjüngt zu haben, denn der Archiovat hatte sie um die Hüfte gefaßt und hatte ihr gesagt: „Alles aus Ostertollheit, Höd- Cngerin, Sie sind aber immer noch rund und fest. Das ist ja ein wahrer Staat."
Die beiden alten Herren setzten sich bei zwei Flaschen Burgunder in die Ecke der Bibliothek, während der Himmel sich rötete und di« fernen Dachziegel von Glückshausen zu glühen begannen. Und sie spielten ihre zwei Schachpartien wie an jedem Sonntag und Feiertag. Eine gewann unfehlbar der Oberbibliothekar, und die zweite gewann diesmal der Archivar.
Es war dunkel geworden. Die grüne Arbeitstampe wurde entzündet. Sie rauchten ihre Zigarren.
„Gott," sagte der Herr Archivar, „als wir damals in Heidelberg studierten und von da nach Tübingen wanderten, den Neckar hinauf, weißt du noch?" — Sie lachten beide, denn sie dachten an ein Wirtshaus mit einer feschen Wirtin und ihrer Tochter, und der Herr Archivrat hatte der Wirtin schön getan und der Oberbibliothekar hate das Töchterchen gestreichelt, nur gestreichelt. Der Archivrat war böse gewesen, und noch heute neckte er den Oberbibliothekar damit, daß er damals die Partie gewonnen hatte.
Der Oberbibliothekar schüttelte den Kopf und sagte: „Nun, jetzt beginnt das Turnier." Und der Archivrat griff in die Rocktasche und buchte stchs sorgfältig eingewickette Eier hervor und der Oberbibtiothekar wählte sich sechs aus dem irdenen Topf und nun begannen sie das Spiel der Knaben um die (Eier. Sie stießen erst vorsichtig, dann schneller werdend, mit den Spitzen aneinander und westen Spitze di« andere eindrückte, der hatte das andere Ei zu dem seinen dazugewonnen. Nun, biestnal gewann der Oberbibtiothekar die Parti« und mit vier Eiern behauptete er den Sieg.
„Das Abendessen ist gerichtet!" meldete die Hödlingerin, und die beiden Herren gingen zu Tisch.
„Hödlingerin, Sie müssen mithalten", sagte der Archivrat und tat feinen Arm um ihre Hüfte, und der Oberbibliothekar verfehlte nicht, auch Den seinen um ihre Hüfte zu tun. Da war die Witwe ganz glücklich und setzte sich zu den beiden alten Knaben und sie aßen ein Lammragout und «inen guten Ostersisch und grünen Salat. Danach kam der Osterkiichen und ein paar Flaschen Rheinwein. Und der Archivar ging an die Wand und nahm eine Guitarre und fang Studentenlieder. Und der Oberbibliothekar hielt mit. Zwischen ihnen beiden saß gerührt, Tränen in den Augen, die Witwe, denn auch sie hatte sich an den Wein gehalten.
Endlich fangen sie wie drei Eulen auf einer Stange das Lied: „Am Brunnen vor dem Tore".
Draußen schlug die Schloßglocke zwölf. „Es ist Zeit", sagte der Archivar, und sie erhoben sich und geleiteten ihn in das kleine Treppen- vorgemach. Der Oberbibliothekar half ihm in den Mantel, obgleich er sich
PaMon.
(Eine Dach-Novell«.
Bon Sophie Lederer-Eben.
Man schrieb das Jahr 1729.
Frau Anna Magdalena Bach saß, in Schwarz gekleidet, am Fenster auf eichenem Podest, dessen breite Stufen in einen schmalen, langge- streckten Raum hinabführten. Der lag in sinkendem Schneelicht. Die Diele war blank gescheuert, blank die zinnernen Wandleuchter und Weinkrüge an den Wänden. Bon den Stufen des Podestes duftete Kalmus. Denn es war bald Ostern. Schwer ruhte Anna Magdalenas Gestalt in breitem Lehnstuhl; ihre schmale Künstlerhand stützte tief, müde die etwas zu hohe Stirn, von der das dunkle Haar glatt zurückgestrichen war. Wie dichte Trauerschleier lagen die Wimpern über lebenssehnsüchtigen, verweinten Augen, die sich wie halt- und trostsuchend an polyphon geführte Stimmen klammerten und an die frommen Worte, die darunter geschrieben waren. Sie las in ihrem saffianledergebundenen ,Maniatenbüchlein", dos Johann Sebastians, ihres Mannes, feste, liebevolle Hand verriet. Für die Tochter des Kammermusikers Wülken aus Weißenfels, die schon als Kind an den Quartettabenden ihres Vaters mitgeroirtt und dann eine berühmte Sängerin geworden, war es ein Kleines, die Stimme zu entziffern und innerlich zum Klingen zu bringen. Aber sie wollten heute, in Trauer und Rot, nicht zu ihrer Seele sprechen. Vier Tage war es her, daß man ihr ältestes Kind begraben hatte — nun schon das dritte in sechs Jahren! Die anderen beiden, lebensschwach, waren sanft einge- fchlafen. Aber die kleine Mario — die war so schwer gestorben! Reich — sie mochte nicht weiterlesen in dem Trostbuchlein! Immer wieder muhte sie ihr Herz zerfleischen mit der Erinnerung an die Erstickungsangst und bte Todesqualen des Kindes, das an der Bräune zugrunde gegangen war. Das Ungeborene unter ihrem Herzen, — trug sie es wieder für den frühen Tod? O, — es war nicht leicht, das Eheweib eines der Bache zu fein! Geburten folgten da auf Geburten, — Verluste auf Verluste! Bachs erste Frau, mit ihrem zarten Körper, hatte das alles in den frühen Tod gebettet! — Und während sie dies dachte und meinte, sah sie durch die verschlungenen Gänge des Vorgartens Philipp Emanuel kommen, — den Sohn der Ersten, — federnd in Schlankheit. Gleich darauf schmiegte er sich bittend an ihr Knie: „Nicht mehr meinen, Mutter! Emanuel erträgt es nicht!" Sie küßte das seidige Haar. „Laß dich vorn Vater trösten, gute Mutter!" Er hob das Kantatenbüchlein auf, das bei feiner stürmischen Umarmung von ihrem Schoß herab geglitten war, reichte es ihr. Und mit einem Ausdruck, der fein feines, langgestrecktes Gesicht um Jahre älter erscheinen ließ: „Niemand tröstet roie der Vater" — Änna Magdalena war wieder einsam. Aber ihre Augen waren heller. Die sonnige, liebreiche Art Philipp (Emanuels hatte etwas in ihr freigetaut. Innerlich ruhiger versenkte sie sich in das meisterlich planvolle polyphone Gebäude der Kantate: „Gottes Zeit". Mit schauernder Andacht hörte Jie die tiefen Stimmen die Mahnung an den Tod rufen; aber die süße Klarheit und Reinheit der Knabenstimmen jubelte ihr die Verkündigung vom ewigen Leden entgegen. Fülle und Kraft eines starken Mannesherzens überfluteten sie. Ja — (Emanuel hatte recht: wer vermochte so zu trösten roie er, dem Leden und Tod sich zu einem einzigen Ring, zu einer einzigen freudigen Bejahung ewigen Ledens zusammengeschlossen? Er kannte kein Auf und Nieder! Er war wie ein Gott! Das war oft schwer für sie, — fein Weid, seine Gefährtin! An den Sterbebetten der Kinder hatte er aufrecht gestanden, wo sie zusammendrach! Rätselvoll — verschlossen — ihr fast fremd in seiner Lebenszuversicht angesichts des nahenden Todes! Nein, — nicht mit Worten tröstete ein Starker roie er! Er tat es durch fein ewiges Werk.
Sie ertrug die Einsamkeit nicht länger mit dieser Fülle im Herzen! Sie mußte zu ihm, der wenige Zimmer von ihr entfernt an der Passion zu den Worten des Matthäus arbeitete, die er im November begonnen und nun fast vollendet hatte. Am Karfreitag würde sie ihre Erstaufführung in der Thomaskirche erleben.
Anna Magdalena erhob sich, tastete sich in Dunkelheit über ein paar Schwellen, strich mit den schmalen Fingern an Gobelinwänden entlang, Sinti, ohne anzuklopfen, roie ein Schatten, im Studierzimmer ihres annes. Die oben auf dem hohen Schreibpulte brennende einzige Kerze erhellte die Decke. Der untere Teil des Zimmers lag verschaltet. So sah sie ihn nicht gleich: er saß unbeweglich da, — man konnte die großen, regelmäßigen Zuge nur ahnen. Der Blick war unter den starken Brauen hervor wie ins Wesenlose gerichtet, die Hände gefaltet. Betete er? Seine Augen waren schon schwach. Als er seine Frau erkannte, streckte er die Hände nach ihr aus. „Wie schön, daß du kommst. Mein Gebet rief dich! Und mit sinkender Stimme: ,Lch stecke in meiner Passion! Seit vielen Tagen! Ich kenne mich nicht mehr!" „Wie!" rief Anna Magdalena bestürzt und erschüttert von dem Ausdruck seines Gesichtes: „Nie hat deine Intuition versagt!" „So tut sie es jetzt! Die Passion wird nicht fertig! Ich finde Gethsemane nicht!" — Anna Magdalena war gekommen mit Augen.
Koch nie getan.
(Er aber setzte sich wieder nieder in seinen Stuhl, zündete di« Pfeife an und dachte, roie listig der Großvater die Eier im ©arten zu verstecken pflegte. Sa, war bas eine Freude, wenn sie zu sechsen überall nachschauten. Aber einmal, damals waren es zwölf, war er in den Goldfischteich gefallen und mußte zur Strafe nach Hause und ins Bett gehen.
Nun ging er ein wenig spazieren in der Sonne und freute sich über die Menschen, di« geschäftig und festlich vom Tal ins Schloß hinauf- kamen und die Aussicht genoffen. Er ging zum Gärtner und kaufte einen Strauß Anemonen. Die brachte er zum Mittag feiner Wirtschafterin mit. Ganz andächtige Augen machte di« Frau und sah ihn dankbar an


