Ausgabe 
30.3.1929
 
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SietzeiierZaiMenblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1929 Samstag, den 50. März Nummer 25

Der Engel am Grabe des Herrn.

Von Heinrich von Kleist.

Als still und kalt mit sieben Todeswunden Der Herr in seinem Grabe lag; das Grab, Als sollt' es zehn lebend'ge Riesen fesseln, In eine Felskluft schmetternd eingehauen, Gewälzet mit der Männer Kraft, verschloß Ein Sandstein, der Bestechung taub, die Türe: Rings war des Landvogts Siegel ausgedrückt: Es hätte der Gedanke selber nicht Der Höhle unbemerkt entschlüpfen können: Und gleichwohl noch, als ob zu fürchten sei. Es kann' auch der Granitblock sich bekehren, Ging eine Schar von Hütern auf und ab Und starrte nach des Siegels Bildern hin: Da kamen bei des Morgens Strahl, Des ew'gen Glaubens voll, die drei Marien her, Zu sehn, ob Jesus noch darinnen sei;

Denn er, versprochen hatt' er ihnen, Er werd' am dritten Tage auferstehn. Da nun die Frau'n, die gläubigen, sich nahten Der Graheshöhle: was erblickten sie? Die Hüter, die das Grab bewachen sollten, Gestürzt, das Angesicht in Staub, Wie Tote um den Felsen lagen sie;

Der Stein war weit hinweg gewälzt vom Eingang; Und aus dem Rande saß, das Flügelpaar noch regend. Ein Engel, wie der Blitz erscheint, Und sein Gewand so weiß wie junger Schnee. Da stürzten sie, wie Leichen, selbst, getroffen. Zu Boden hin und fühlten sich wie Staub, Und meinten gleich im Glanze zu vergehn;

Doch er, er sprach, der Cherub:Fürchtet nicht!

Ihr suchet Iesum, den gekreuzigten Der aber ist nicht hier, er ist erstanden: Kommt her und schaut die öde Stätte an!" Und fuhr, als sie mit hocherhobnen Händen Sprachlos die Grabesstätte leer erschaut. In seiner hehren Milde also fort: Geht hin, ihr Frau'n und kündigt es nunmehr Den Jüngern an, die er sich auserkoren, Daß sie es allen Erdenvölkern lehren Uno tun also, wie er getan!": und schwand.

Tag der Verjüngung.

Ein« Ostergeschichte von Friedrich Frekfa.

Aus den Dörfern des Tales schwangen sich die Klänge her Osterglocken empor zu dem vlaßblauen Morgenhimmel. Zuerst kam die Glocke von Jthe, dann von Schallbrunn, die mit dumpfem Gebell das Helle Ge­bimmel von Jthe zu stören trachtete, aber bald stimmten die anderen Dörfer mit an und endlich erwachte auch die Glocke des ehemals Herzog- lichen Städtchens Glückshausen, das auf fünf Kirchen zugleich die Freuden der Auferstehung verkündete. Ms letzte mischte sich in den auf- steigenden Chor die große Festglockc der Burgkirche, und als sie ihre Stimme erhob, erwachte der Ooerbibliothekar Geheimrat Dr. Birkensahm in seinem sauberen, grünen Schlafzimmer, deffen mahagonifarbene Möbel den behaglli^n Geschmack der fünfziger Jahre verrieten. Der Herr Geheimrat walzte in dem zweischläfrigen Bette behaglich seinen mageren Körper in eine ausgekühlie Stelle. Er griff auf den Nachttisch, setzte die goldumränderte kleine Brille auf die Nase und griff dann zu dem Merk- kalender, in dem er als fürsichtiger Mann eingetragen hatte, was der neue Tag an Pflichten ihm auferlegte.

. Aber schon schalt er sich:Dummkopf, es ist, ja Ostern!" und ver- achtllch legte er das ledergebundene Heft wieder auf den Nachttisch zurück, streckte alle Biere von sich und stöhnte befriedigt:Ostern Ferien!" Dann verschränkte er die Hände hinter dem Kopf und schaute auf die weiße Decke, gleich als ob die schönsten Bilder auf ihr erblühten. Ostern Ferien!" sagte er, und darnach stand er auf, streifte ein paar dunkelgrüne Samchosen über seine Beine, deren Füße er mit großen Filzpantoffeln bekleidete, er zog die Schnur um die Hüften fest, ergriff den mit Katzenfell gefütterten grünsaminen Schlafrock, setzte eine grüne Kappe auf den kahlen Kopf und begab sich, mit den Händen auf dem Rücken, in das kleine Bibliotheks- und Arbeitszimmerchen, das sich gleich zur Linken des Schkafgemaches befand.

Er öffnete das Fenster, schaute von seinem Häuschen, bas unmittelbar neben dem Barockbau der großen und berühmten Bibliothek stand, hinab

in die Tiefe. Unten drängte sich frisch knospendes Gebüsch an die Mauer­steine empor, der Wildbach, der zur Verteidigung des Schlaffes miteinbe- Szen war. von einem der alten, kriegstüchtigen Fürsten, rauschte, ge­

wellt durch die Regengüsse der letzten Tage. Ueber den Buckel des Berges hinab sah er die roten Dächer des Städtchens, über denen blauer Dunst das Kaffeekochen der Bürgerschaft verriet.

Prüfend zog Birkensahm die Luft ein, als wolle er sich überzeugen, daß der Herrgott sie recht dem Ostertag abgestimmt hatte, bann schloß er das Fenster zur Hälfte, nickte in den frischen Zug einen Lehnstuhl, holte sich eine etwas abgeschabte, alte Reisedecke und griff bann In das Fach rechts, aus dem er einen in braune Pappe gebundenen Biedermeierband mit rotem Schildchen entnahm, einen Band der Goeiheschen Gesamt­ausgabe letzter Hand.

Er schlug auf und las, wie er es seit fünfzig Jahren zu tun pflegte, den Osterspaziergang. Und in der Tonfülle des Weimarer Meisters Vom Eise befreit sind Strom und Bäche" mischte sich der abschwin­gende Klang der Glocken draußen.

Vorsichtig, als hätte er einen liturgischen Gottesdienst beendet, schloß er das schmale Buch und stellte es wieder in seine Reihe zurück. Dann faltete er die Hände und dachte ober dämmerte, denn zu klaren Gedanken wuchs es nicht zusammen:Das also ist das Ewige und wir selbst sind das Endliche".

Die Sonne hatte ihn erreicht und sie tat ihm wohl. Er nahm sie in sich auf, wie ein Kind eine Wohltat aufnimmt: beglückt, aber ohne be­sondere Dankbarkeit. An der Türe klopfte es.

herein!" rief der Geheimrat und herein trat in Schwarz gekleidet mit weißem Häubchen und weißer Schürze die Haushälterin, Witwe Hödlinger, die den fürstlichen Oberbibliothekar seit dreißig Jahren ver­sorgte, einstmals in der Hoffnung, sie würde, obwohl ihr Mann nur ein Instrumentenmacher gewesen sei, es dennoch mit der Zeit zur Oberbiblio­thekarin bringen. Aber Birkensahm war nicht von jener Art, die sich durch Listen eines Weibes betören lassen. Er war immer sehr gut und freundlich gewesen zu ihr, aber ihren geheimen Ehrgeiz schien er nicht zu verstehen. Und gemach hatte sie sich daran gewöhnt, in ihm unseren Herrn zu sehen.

Dars ich bas Frühstück auftragen?", fragte sie.

Nein," erwiderte der Oberbibliothekar,erst muß ich mich ankleiden. Aber sagen Sie, sind die Eier gut geworden?"

Die Witwe nickte und tauchte einen Augenblick durch die enge Pforte zurück und kam bann wieder mit dem braunen irdenen Napf, in dem selbstgefärbte Ostereier lagen, rote und grüne und jene scheckigen, die aurch bas Kochen mit Zwiebeln erzeugt werden.

Jedes einzelne nahm der alte Herr in bie Hand und legte es bann wieder zurück. Endlich kniff er ein Auge zu und sah die Wirt­schafterin an:

Und wie war's mit dem Verstecken?"

Drei habe ich versteckt, Herr Oberbibliothekar."

Drei?4, sagte der Alte enttäuscht.Voriges Jahr haben wir fünf versteckt!"

Aber nachher waren sie auch ganz erschöpft, denn der Herr sind doch kein junges Kind mehr!"

Etwas brummelte der Alte, bann nickte er. Die Frau zog sich zurück. Er wusch und rasierte sich, legte seinen schwarzen Leibrock mit einem weißen Halstuch an; nur bie großen Filzgaloschen zeugten von der Be­haglichkeit des Tages. Als er in bas kleine Biedermeierzimmer trat brächte die Wirtschafterin den Osterkuchen, schöne gelbe Butter, Weiß­brot, Eier natürlich, aber der alte Herr schaute sich mißtrauisch um. Dann sagte er zu sich:Karl, erst frühstücken, bann Eier suchen!" Und es war so, als ob es ihm fein Vater gesagt hätte vor sechsundsechzig Jahren, als er noch ein kleiner Knabe war.

Die Wirtschafterin erzählte, es würden drei Paare in der Schloß - kirche aufgeboten und äußerte sich über deren Familienverhältnisse.

Aber der alte Herr war nicht in dieser Zeit. Er sah sich als Knaben sitzen und war ganz verloren in Gedanken, was wohl der Osterhase alles gebracht hatte.

Danach verließ die Wirtschafterin das Zimmer, und vorsichtig strich, ek an den Wänden entlang, um die Eier zu finden. Dann fand er das eine in der Ecke des Fensters und das zweite in einem Fache des Wirtschafts­sekretärs. Aber das dritte fand er nicht. Ganz aufgeregt wurde er. Schließlich rief er die Witwe:Wo ist das letzte Ei versteckt?"

Da kicherte sie und sagte:Ja, das letzte Ei, das können doch der Herr Oberbibliothekar leicht finden." Und wieder suchte er.Helfen Sie mir doch ein bißchen!", bat er.Nein, das wäre unredlich gegen den Oster- Hafen!" sagte die Frau. Wieder irrte er durch das- Zimmer, bückte sich. Nein," rief sie,am Boden ist es nicht. Wie würde ich denn so fein, daß ich dem Herrn Geheimrat, wenn er den guten Rock an hat, am Boden herumkriechen lassen würde!" Und endlich sand er's. Sie hake es in ein' rotes Zwirnnetz getan und unten an der Hängelampe befestigt