Verantwortlich: Dr. HanS Thtzriot. Druck und Verlag: Drühl'sche Univerf itätS-.Buch- und Steindruckerei, V. Lange, Dietzen.

Un^rrn Birnbaum.

Von Theodor Fontane.

(Fortsetzung.)

Aenastiaungen und Aergernisse wie die vorgeschilderten kamen dann und wann vor, aber im ganzen, um es zu wiederholen, war die Bauzeit eine glückliche Zeit für unsern Hradscheck gewesen. Der Laden war nie leer die Kundschaft wuchs, und das dem Grundstück zugehörige, draußen an'der Neu-Lewiner Straße gelegene Stück Ackerland gab m die em Sommer einen besonders guten Ertrag. Dasselbe galt «uch von dem Gar­ten binterm flaus; alles gedieh darin, der Spargel prachtvoll, dicke ©tau­gen mit gelbweißen Köpfen, und die Pastinak- und Dillbeete standen hoch in Dolden. Arn meisten aber tat der alte Birnbaum, der sich wehr als eit Jahren anstrengte.Dat 's de Franzos, sagten die Knechte Sonntags im Krug,de deiht'wat för em", und als die Pfluckenzelt glommen, rief Kunicke, der sich gerade zum Kegeln eingefunden hatte:Hör Hradscheck, du könntest uns mal ein paar von deinen Franzofenbirnen bringen. Franzosenbirnen! Das Wort wurde sehr bewundert, lief raschvoni Mund zu Mund, und ehe drei Tage vergangen waren, sprach kein Mensch mehr von HradschecksMalvasieren", sondern blog noch von denFranzosen- birnen" Hradscheck selbst aber freute sich des Wortes, weil er daran er­kannte, daß man, trotz aller Stichelreden der alten ^eschke, mehr und mehr anfing, die Vorkommnisse des letzten Winters von der scherzhaften Seite zu nehmen.

Ja, die Sommer- und Baumonate brachten lichtvolle Tage für Hrad- scheck, und sie hatten noch mehr Licht und noch weniger Schatten gehabt wenn nicht Ursel gewesen wäre. Die füllte, wahrend alles andere glatt und gut ging, seine Seele mit Mitleid und Sorge, nut Mitleid, weil er sie liebte' (wenigstens auf seine Weise), mit Sorge, weil sie dann und wann ganz wunderliche Dinge redete. Zum Gluck hatte sie nicht das Be­dürfnis, Umgang zu pflegen und Menschen zu sehen, lebte vielmehr ein- gezogener denn je, und begnügte sich damit, Sonntags in die Kirche zu gehen. Ihre sonst tiefliegenden Augen sprangen bann aus dem Kopf so begierig folgte sie jedem Wort, das von der Kanzel her laut wurde, das Wort aber auf das sie wartete, das kam nicht. In ihrer Sehnsucht ging sie bann, nach ber Predigt, zu dem guten, ihr immer gleichmäßig geneigt bleibenden Eccelius hinüber, um, so weit es ging, Herz und Seele uor ihm auszuschütten und etwas von der Befreiung oder Erlösung zu Horen, aber Seelsorge war nicht seine starke Seite, noch weniger seine Passion und wenn sie sich der Sünde geziehen und in Selbsianklagen erschopft hatte, nahm er lächelnd ihre Hand und sagte:Liebe Frau Hradscheck, wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen. Sie haben eine Neigung sich zu peinigen, was ich miß­billige. Sich ewig anklagen ist oft Dunkel und Eitelkeit. W r haben Christum und seinen Wandel als Vorbild, dem wir im Gefühl unfern Schwäche demütig nachstreben sollen. Aber wahren wir uns vor Selbst­gerechtigkeit, vor allem vor der, die sich in Zerknirschung äußert. Das ist die Hauptsache." Wenn er das trocken-geschäftsmäßig, ohne Pochos und selbst ohne jede Spur von Salbung gesagt hatte, ließ erbie Sache sofort wieder fallen und fragte, zu natürlicheren und ihm wichtiger bunkenden Dingen übergehend,wie weit der Bau sei? Senn er wollte nvchstes Frühjahr auch bauen. Und wenn dann die Hradlcheck, um ihm zu Willen zu fein, von allen möglichen Kleinigkeiten, am liebsten und eingehendsten aber von Meinungsverschiedenheiten zweischen ihre rnMann und Zimmer- meister Buggenhagen geplaudert hatte, rieb er sich schmunzelnd und ^r sich hinnickend die Hand und sagte rasch und in augenscheinlicher Furcht, das Seelengespräch wieder aufgenommen zu sehen:Und nun, hebe Frau Hradscheck, muß ich Ihnen meine Nelken zeigen."

Um Johanni wußte ganj Tschechin, daß die Hradscheck es nicht mehr lange machen werde. Keinem entging es. Nur sie selber sah es so schlimm nicht an und wollte von keinem Doktor hören.Sie wrsten ja doch nichts. Und bann ber Wagen und das viele Geld." Auf das letztere,das viele Geld", kam sie jetzt überhaupt mit Vorliebe zu sprechen, fand alles un­nötig oder zu teuer, und während sie noch das Jahr vorher für ein Poly- sander-Fortepiano gewesen war, um es, wenn nicht ber SImtsratm m Friedrichsau, so doch wenigstens'der Domänenpächterm auf Schloß Soli- kant gleich zu tun, so war sie jetzt sparsam bis zum Geiz Hradscheck ließ sie gemähten, und nur einmal, als sie gerade beim Schotenpalen war, nahm er sich ein Herz und sagte:Was ist bas nur I^t, Ursel? Du rinnst dir ja jeden Dreier von ber Seele. Sie schwieg, drehte die Schlussel hin und her und palte weiter Als er aber stehen blieb und auf Antwort zu warten schien, sagte sie, während sie die Schlüsiel rasch und heftig bei- feite setzte:Soll es alles umsonst gewesen sein? Oder willst du ... Weiter kam sie nicht. Ein Herzkrampf, daran sie jetzt häufiger litt, über­fiel sie wieder, und Hradscheck sprang zu, um ihr zu helfen.

Ihre Wirtschaft besorgte sie pünktlich und alles ging am Schnürchen, wie vordem. Aber Interesse hatte sie nur für eins, und das eine war der Bau Sie wollt' ihn, darin Hradschecks Eifer noch übertreffend, in mag- lichster Schnelle beendet sehen, und so sparsam sie sonst geworden war, so war sie doch gegen keine Mehrausgabe, die Beschleunigung und rascheres Zustandekommen versprach. Einmal sagte sie:Wenn ist nur erst oben bin. Oben werd' ich auch wieder Schlaf haben. Und wenn ich erst wieder schlafe, werd' ich auch wieder gesund werden." Er wollte sie beruhigen und strich ihr mit ber Hand über Stirn und Haar. Ader sie wich ferner Zärtlichkeit aus und kam in ein heftiges Zittern. Überhaupt war es jetzt öfter so, wie wenn sie sich vor ihm fürchtete, 'mal sagte sie leise:Wenn er nur nicht so glatt und glau wär. Er ist so munter und spricht soviel und kann alles. Ihn ficht nichts an ... Und die drüben in Neu-Lewin war auch mit einem Male weg. Solche Stimmungen kamen ihr von Zeit zu Zeit, aber sie waren flüchtig und vergingen wieder.

Morgen, Ursel, ist alles fertig."

Und wirklich, als der andere Tag da war, bot ihr Hradscheck mit einer gewissen freundlichen Feierlichteit den Arm, um sie treppauf in eine der neuen Stuben zu führen. Es war bie, bie nach ber Kegelbahn hinauslag, jetzt bie hübscheste, hellblau tapeziert und an ber Decke gemalt: ein Kranz von Blüten und Früchten, um den Tauben flogen und pickten. Auch bas Bett war schon heraufgeschafft unb ftanb an ber Mittelwand, genau da, wo früher bie Bettwand ber alten Giebel- unb Logierstube gewesen war.

Hradscheck erwartete Dank und gute Worte zu hören. Aber bie Kranke sagte nur:Hier? Hier, Abel?"

Es sind neue Steine", stotterte Hradscheck.

Ursel indes war schon von ber Türschwelle wieder zurückgetreten und ging den Gang entlang, nach ber andern Giebelseite hinüber, wo sich ein gleich großes, auf den Hof hinaussehendes Zimmer befand. Sie trat an das Fenster und öffnete; Küchenrauch, mehr anheimelnd als störend, kam ihr von der Seite her entgegen und eine Henne mit ihren Küchelchen zog unten vorüber; Jakob aber, ber holzsägend in Front einer offenen Remise stand, neckte sich mit Male, die beim Brunnen Wäsche spülte.

Hier will ich bleiben."

Und Hradscheck, ber durch den Austritt mehr erschüttert als verdrossen war, war einverstanden und ließ alles, was sich von Einrichtungsgegen­ständen in der hellblau tapezierten und für Ursel bestimmten Stube be­fand, nach der andern Seite hinüberbringen.

*

Und siehe da, Frau Hradscheck erholte sich wirklich und sogar rascher, als sie selbst zu hoffen gewagt hatte. Schlaf kam, ber fcharfe Zug um ihren Munb wich, und als die schon erwähnten Manövertage mit ihrer Dragonereinquartierung tarnen, hatte sich ihr Aussehen und ihre Stim­mung derart verbessert, daß sie gelegentlich die Wirtin machen und mit den Offizieren plaudern konnte. Das Hagere, Hektische gab ihr, bei der guten Toilette, bie sie zu machen verstaub, etwas Distinguiertes, und ein alter Eskadronchef, der sie mit erstaunlicher Ritterlichkeit umcourte, sagte, wenn er ihr beim Frühstück nachsah und mit beiden Händen den langen blonden Schnurrbart drehte:Famoses Weib. Auf Ehre. Wie die nur hierher kommt?" Und bann gab er seiner Bewunderung auch Hradscheck gegenüber Ausdruck, worauf dieser nicht wenig geschmeichelt antwortete: ,Ha, Herr Rittmeister, Glück mutz der Mensch habenl Mancher kriegt s im Schlaf." *

Das alles war Mitte September.

Aber das Wohlbefinden, so rasch es gekommen, |o rasch ging es auch wieder, und ehe noch das Erntefest heran war, waren die Kräfte schon so geschwunden, datz die Kranke die Treppe kaum noch hinunter konnte. Sie blieb deshalb oben, sah auf den Hof und machte sich, um hoch etwas zu tun, mit der Neueinrichtung sämtlicher Oberzimmer zu schaffen. Nur die Giebelstube, nach der Kegelbahn hin, vermied sie.

Hradscheck, der immer noch an die Möglichkeit einer Wiederherstellung gedacht hatte, sah jetzt auch, wie'» stand, und als der heimlich zu Rate gezogene Doktor Oelze von Abzehrung und Nervenschwindsucht gesprochen, machte sich Hradscheck auf ihr Hinscheiden gefaßt. Daß er darauf gewartet hätte, konnte nicht wohl gesagt werben; im Gegenteil, er blieb seiner alten Neigung treu, war überaus rücksichtsvoll und Nagte nie, baß ihm die Frau fehle. Er wollt' auch von keiner anderen Hilfe wissen und ordnete

selber alles an, was in der Wirtschaft zu tun nötig war. Vieles tat et

selbst.Js doch ein Mordskerl", sagte Kunicke.Was er will, kann er.

Ich glaub, er kann auch einen Hasen abziehen und Sülze kochen.

An dem Abend, wo Kunicke so gesprochen, hatte die Sitzung in M Weinstube wieder ziemlich lange gedauert, und Hradscheck war noch keine halbe Stunde zu Bett, als Male, die jetzt oben bei der Kranken schlief, treppab kam und an seine Tür klopfte.

Herr Hradscheck, steihn's upp. De Fru schickt ml Se sulln rupp- koamen." . ___,, , .

Und nun faß er oben an ihrem Bett und sagte:Soll ich nach Kustnn schicken, Ursel? Soll Oelze kommen? Der Weg ist gut Sn drei Stunden ist er hier."

Sn drei Stunden ..."

,^Oder soll Eccelius kommen?" .

Nein," sagte sie, während sie sich mühevoll ausrichtete,es geht nicht.

Wenn ich es nehme, jo sag ich es."

Er schüttelte verdrießlich den Kopf.

Unb sag' ich es nicht, so ess' ich mir selber bas Gericht

Ach, laß doch bas, Ursel. Was soll bas? Daran denkt ja keiner. Und ich am wenigsten. Er soll bloß kommen unb mit dir sprechen. Er meint es gut mit dir und kann dir einen Spruch sagen."

Es war, als ob sie sich's überlege. Mit einem Male aber sagte sie: Selig sind die Friedfertigen; selig sind die reinen Herzens sind; selig sm» die Sanftmütigen. All die kommen in Abrahams Schoß. Aber wohin kommen wir?" , , v

Ich bitte dich, Ursel, sprich nicht so. Frage nicht so. Und wozu?, D- j bist noch nicht soweit, noch lange nicht. Es geht alles wieder vorüber. | Du lebst unb wirst wieder eine gesunde Frau werden."

Es klang aber alles nur an ihr hin, unb Gedanken nachhangend, 6« schon über ben Tod hinausgingen, sagte sie:Verschlossen ... Und wae aufschließt, das ist der Glaube. Den hab' ich nicht ... Aber is noch ein anderes, das aufschließt, das sind die guten Werke ... Horst du. Du mutz ohne Namen nach Krakau schreiben, an den Bischof oder an seinen Bit - Und mußt bitten, daß sie Seelenmessen lesen lasten ... Nicht für tW Aber du weißt schon ... Und laß den Brief in Frankfurt aufgeben. W geht es nicht unb auch nicht in Küstrin. Ich habe mirs abgespart öle» letzte halbe Jahr, und du findest es eingewickell in meinem Wascheschranr unter dem Damasttischtuch. Ja, Hradscheck, das war es, wenn du dachte!-, I ich sei geizig geworden. Willst du?" 1 (Fortsetzung folgt.)