N., durch die unerwartete Eröffnung betäubt und der Sinne beraubt, folgt ohne Widerrede. Erst allmählich auf dem Gang durch die Flure der Kaserne klärte sich ihm der Verstand wieder. Er wurde sich nicht einmal des Furchtbaren bewußt, dem er entgegenging, und da äußerte sich die Angst vor dem Bevorstehenden auf die bekannte Weise ...
Man kam an einer Abortanlage vorbei, die in einem der Flure eingebaut war, und R., dessen Vater ein hoher Beamter in Krakau gewesen war, wo er seine Jugend verbrachte und russisch gelernt hatte, bat den Soldaten austreten zu dürfen.
Der Soldat erlaubte dies und sagte, er warte im Flur auf ihn.
Als R. die Anstalt wieder verlassen wollte, sah er, was ihm beim Eintreten in der Aufregung nicht aufgefallen war, daß sie mehrere gleichartigen Türen hatte, und er erkannte nicht mehr die, durch die er herein- gekommen war. Er ging aufs Geratewohl durch die nächste Tür und war in einem Flur, den er nie gesehen hatte. Er schritt diesen Flur entlang, kam an eine Tür, die aus einen Hof führte. Der Hof war vollkommen verlassen und menschenleer. Er gewahrte in der abschließenden Mauer ein Tor, das offenstand.
R. ging über den Hof zu diesem Tor, sah in eine Straße und trat zwischen die Menschen, die ihren Geschäften nachgingen.
Benommen von dem Unerwarteten dieser Vorgänge, zweifelnd ob er nicht alles in einem Traum erlebe, und jeden Augenblick darauf gefaßt, angehalten und zuriickgesührt zu werden, ging er die Straße entlang, bog in eine andere ein und entfernte sich immer weiter von der Kaserne.
Niemand hielt ihn an, niemand folgte ihm, niemand fragte ihn, niemand kümmerte sich um ihn, und suchte ihn.
Er lebte ungehindert einige Tage in Moskau, sagte sich dann ober, daß er trachten müsse, diesen Zwischenzustand zu ändern, war in großer Not, wie er das anstellen könnte, und kam zu keinem Entschluß.
Da begegnete er auf der Straße einem alten Bekannten, einem russischen Arzt, der zugleich wie er an der Universität in Wien studiert hatte. Diesem, der als Militärarzt Dienst tat, erzählte er seine merkwürdige Rettung durch die falsche Tür. Der Russe verhalf ihm dazu, als Arzt in ein österreichisches Kriegsgefangenenlager nach Sibirien zu kormnem Dort blieb er drei Jahre bis zum Ende des Krieges ungestört und wurde eines Tages nach Oesterreich zurückgeschickt.
Hochössn, Händler und Schleusen.
Dmuiden, Hollands jüngste Industriestadt.
Von Georg B i e f e n t h a l.
Man nehme drei Symbole der Macht: Cuxhaven, Gelsenkirchen, Geestemünde, und vereine sie zu einer Miniatur; lasse dazu den Namen butterweich auf der Zunge zergehen, so daß daraus „Ei ’meube" wird — das ist Hmuiden, ein Weltzentrum des Fischhandels, Vorhafen von Amsterdam und Mündung der großen holländischen Lust- und Speiseröhre: des Nordseekanals. Kommt der Sturm von Osten, dann dröhnt das Klingen der Hochöfen über die Stadt, der einzigen niederländischen Hochöfen. Und fern an der Peripherie recken sich die Schornsteine der van Geldernschen Papierfabriken.
„Mushrooms growths" nennt der Amerikaner jene Städte, die — der Name sagt es — „wie Pilze aus der Erde schießen". Und ein „mushroom growth" ist für ihn, der seinen „Trip to Europe" üblichermaßen mit Holland beginnt, Pmuiden — jetzt wundert er sich, nicht weit von den idyllischen Dörfern der Zuiderfeeküste, von den Tulpenfeldern und stillen Grachten der großen Städte, neben dem ganz Unamerikanischen also, auch solches zu finden. Denn Vmuideu wächst in einem Tempo, das ihm behagt.
Vor fünfzig Jahren wurde der Nordseekanal gebaut. Damals stand hier nur das Haus des Schleusenwächters, der seinerseits wieder das Märchen von den einsamen Dünen erzählt, die Zufluchtsorte waren für Melancholiker aus Zandwoort und Scheveningen. Jetzt erlebt er noch den Bau der neuen Schleusen. Die werden, wenn sie 1930 fertig sind, die größten der Welt fein, größer als die Panama-Schleusen, nämlich 400 Meter lang und 50 Meter breit, mit einem Tiefgang von 15 Meter. Der Nordfeekanal mündet in einem Delta, jetzt wird für die Schleuse ein dritter Wasserarm gebaut: seit sieben Jahren arbeiten sie hier, haben 20 Millionen Kubikmeter Sand ausgegraben und die Landschaft in eine Art Gebirge verwandelt, gruppiert um eine mächtige Talsohle, in der ein Wald von Be- tonpsählen wächst. Schon stehen die Wände und die Verschalungen aus Granit — Spundwände aus Dortmund, Granit aus Sachsen und eins der drei Schleusentore schwimmt schon herum, hoch wie ein Haus und fast ebenso lang und breit, das paßt natürlich dem alten Schleusenwächter gar nicht. Es ist ihm zu ungemütlich geworden, in den Straßen der jungen Stadt Überwiegt der rotbraune Serienbau aus Klinkersteinen-Zweckbauten moderner holländischer Architekten, die in dieser Art jetzt ganze Städtchen, etwa Hilversum, oder Vororte wie die in Amsterdam, errichten.
Der Bau der Hochöfen wurde bereits während des Krieges projektiert, als man Holland von der Zufuhr fremden Roheisens unabhängig machen wollte. Man hat die schwarten, eisernen Ungeheuer nicht recht populär machen können bei der Masse des holländischen Kleinbürgertums, dessen ganze Liebe noch immer dem Acker und der See gehört. Zudem ist man vielfach gezwungen, unter recht ungünstigen Bedingungen zu arbeiten. Erz und Kohle müssen bei teurer Fracht von fern herangeschafst werden, Kohle zum größten Teil aus Limburg, aber auch aus Deutschland. Aber man wird darauf aufmerksam gemacht, daß Ozeandampfer von 12 000 Tonnen und mehr bis zu den Werken vordringen können, ohne daß ihre Fracht — rostrotes Erz aus Spanien und Nordafrika, schieferblaues aus den nordischen Ländern — auf Flußdampfer umgeschlagen zu werden braucht. Das lebende Material mußte ebenso von jenseits der Grenze herbeigeholt werden wie das tote: die Arbeiter, in erster Linie die Spezialisten, sind Deutsche oder haben doch wenigstens lange in Deutschland gelernt. Auf dem Wege zum eigenen Auto haben fie’s hier vorläufig zum eigenen Fahrrad gebracht. Man braucht gar keine Kontrolluhr: wenn der Pförtner die abgestellten Räder nachzählt, und es sind 250 bei jeder Schicht, dann stimmt's, dann sind sie alle am Werk.
Man hat Pech gehabt mit den Hochöfen. Da brach die große Bunker
brücke und ist heute noch nicht wieder hergestellt, dann mußte einer der beiden Hochöfen plötzlich „überholt" werden, jetzt arbeitet nur noch der andere, der pro Tag 300 Tonnen Spezialeisen produziert.
Das sind — ästhetisch gemeint — nicht jene Werke, wie wir sie aus Westfalen kennen, aus dem Ruhrrevier. Hier stehen die schwarzen Türme gegen das Gran eines Meeres, und wenn der Arbeiter auf dem Podest auch nur eine Minute Zeit hätte, dann sähe-er nicht nur, daß eine Schalttafel mit Hebeln und Uhren vor ihm steht, daß dahinter Erzkörbe auf- roärtsgleiten und Kohlen über Transportbändern wandern, er hörte nicht nur, daß hinter ihm der Ofen dröhnt — er würde auch entdecken, daß zwischen den Eisengerüsten und hinter den Wolken aus Staub und Ruß das Meer glänzt, er würde den Wellenschlag sehen und den weißen Schaum, den Streifen am Horizont und fern das Segelschiff. Der Wind, von der Nordsee herübergeblasen, wirbelt die schmutziggraue Schlacke auf, treibt sie vor sich her und verwandelt den Hof, wo das glühende Eisen in Formen fließt und langsam erkaltet, in eine phantastische Schneelandschaft, das Meer schickt mit dem Kühlwasser winzige Muscheln in die Röhren, da setzen sie sich fest, wachsen und verstopfen alles. Beinah ein Idyll.
Gleich um die Ecke, fünf Minuten hinter Koks, Eisen, Elektrizität, Ammoniak, beginnt der Wald, es ist, wenn man so sagen darf, ein deutscher Wald, mit Buchen, Eichen, jungen Birken, Farnkraut. Nur die Ruhe über den Wipfeln fehlt, in diesem Bannkreis dröhnt und pfeift der Ofen, und man muß schon, ihm zu entgehen, bis zu den fernsten Dünen her- unterlaufen.
Trotzdem lebt Umuiden weniger vom Schleusenbau und von den Hochöfen — Pmuiden lebt von Fischen. Und von dem, was so dazu gehört, also z. B. von Kühleis, denn da wären die großen Eisfabriken, deren Produktion täglich viele tausend Kilo erreicht, und in deren Kühlräume so ganz nebenbei Millionen zartester Exporthühnereier ihren Sommerschlaf halten.
Es hat also einer die Absicht, sich in Pmuiden als Fischhändler niederzulassen, en gros natürlich, und tatsächlich ist es kein schlechtes Geschäft, nur eben ist die Zulassungskarte zum Fischmarkt in Dmuiden mindestens ebenso schwer zu erhalten wie die zur Berliner Börse. Aber schön, er hat die Beziehungen, man hat ihn gewogen, gewogen und nicht zu leicht befunden, hat ihn mit Männerhandschlag in den Verein der Fischgroßhändler aufgenommen, und er trägt wie seine Kollegen mit Stolz jene Medaille im Knopfloch, durch die er eben als Kolleg« ausgewiesen ist, und die im Zeichen Umuidens mehr Ansehen verleiht als der Hausorden der Dränier, und schließlich zieht er in eins jener winzigen Bureaus, die wie Bade- zellen die erste, zweite, dritte Galerie der Markthallen rings umgeben. Nun muß er bas Frühaufstehen lernen, der Betrieb beginnt noch weit vor Morgengrauen. In der Nacht haben die Fischerkutter festgemacht. Nicht nur Holländer. Auch wetterfeste Norweger, Deutsche, Franzosen, Engländer, die von ihren Reedereien jeweils dorthin dirigiert werden, wo gerade die günstigste Marktlage ist, mal nach Geestemünde, mal nach Grimsby, mal nach Fmuiden. Manche kommen von großer Tour aus Island, haben so für 10 000 Gulden Ware an Bord. Zwischen ihnen grüne Boote mit braunen Segeln, das sind die Fischer von Urk, dem Inselchen in der Zuidersee, die immer den Spott der anderen auszuhalten hoben, weil sie sich nur Sonntags waschen. Dafür aber sehen sie aus, wie ein fischfangender Holländer eben auszusehen hak: hohe schwarze Mützen haben sie und rote Blusen mit goldenen Knöpfen.
Um zwei Uhr morgens werden die großen Jalorsien l)ochgezogen, die die Kais von den Hallen trennen. Die Leuchtfeuer des Vorhafens blinzeln sacht, der Scheinwerfer ohrfeigt unentwegt den Mond, im Lichte der Bogenlampen beginnt das Löschen der Fracht. Fischberge, schon während der Fahrt sortiert, werden an Deck geschaufelt, leere Körbe fliegen hinüber, werden eins zwei gefüllt, drei vier über Laufplanken in die Halle gezogen — was haben sie mitgebracht? Kabeljaus und Schellfische haben sie mitgebracht, Heringe aus Kattwyk, den Heil und den Steinbutt, zu fünf Gulden das Stück und 95 Pfund schwer, Schollen haben sie mitgebracht, Rochen und Haie, den Salm und di« Seezunge, und bauen cs appetitlich und zierlich auf — beim bann erscheinen die Miehmacher, Vorposten ber Käufer. Sie durchwandeln die Halle gemessenen Schrittes, stochern indigniert in den Fischkästen und murmeln was von schlechtem Fang. Die Fischer werden ungemütlich, „was die Augen des Kabeljaus glänzen nicht mehr?! Herr!!"— Die Duellanten messen sich.
Die Leuchtfeuer blinzeln nicht mehr, ber Scheinwerfer ohrfeigt nicht mehr ben Mond, es wird Tag, Regentag, und drinnen ist ber Fischabschlag in schönstem Gange. Da sind die Silberbetreßten, Beamte des Staates, die den Verkauf regulieren. Die Händler versammeln sich um ihr Objekt, ber Mann mit ber silbernen Tress« ruft einen Preis, der viel zu hoch ist, etwa 50 Cent für das Kilo Kabeljau, und bann zählt er rückwärts, so schnell seine Zunge nur kann, 49, 48, 47, 46, ... noch verharren die Händler in Schweigen ... 35, 34, 33, halt, schreit einer. Und das ist der Käufer. Das alles geht rasend schnell, bar bezahlt wird nichts, die Händler haben vorher einen Betrag deponiert, der Fischer bekommt eine Quittung, ber Staat seine Prozente — unb in vier Stunden sind insgesamt 200 OOö Kilo Fische verkauft, für etwa 50 000 Gulden.
Unten in den Kellereien, wo sich staut, ivas nicht sofort exportiert, sondern gebacken, geräuchert, gesalzen wird, enthüllt sich auch das Geheimnis des Seelachses. Junge Haifische, gehäutet, zerkleinert und in zierliche Glasdosen gefüllt — da hätten wir Seelachs. Dieser und jener Händler ist Gulden-Millionär — gewesen, im Krieg, als das blockierte Deutschland jeden Preis mit Handkuß zahlte. Nur haben sie dann ihr Geld in deutscher Mark angelegt, um es während ber Inflation ebenso schnell wieder zu verlieren.--
Inzwischen haben ein paar Fischsonberzüge, die auf bem Bahnhof nebenan bereit standen, den Kauf über die Grenze gerollt, was heute früh in Vymuiden ausgeladen wurde, kommt morgen schon in Süddeutschlanb und in ber Schweiz, in Oberitalien und in Frankreich auf den Markt. Der Rest den Belgiern! Was man morgens nicht los wird, holt mittags ein Paketboot nach Antwerpen. „Die effen alles!"
Wer weiß, wie sich die Prnuidener amüsieren, und welch geheimen Lastern sie fröhnen! Abends jedenfalls sind die Straßen so leer, daß der Polizist erschrickt, wenn ein paar Holzpantinen von fern daherklappern.


