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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1929 Sreitag, den 29.Nsvemder Nummer 93
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Kleiner Borasch.
Bon Paul Appel.
Du sinnst Vergehen, Weil ein harter Winter die Gassen schlägt Und Laub von Bäumen rieselt Deinen Schultern zu?
Siehe des Borasch kleines Blau am Gartenrand! Auf Winkelkraut geboren, adelfromm. Wärmt es des Gitters scharfen Schnitt In scheuen Schlingen, Einfach einsam, Beichte bietend jeder Stirn.
Sieh nur der Kelche Helle Anmut!
Fühle das kleine Blau, in Demut zierlich! Es naht und schmiegt sich deinen Augen, Klingt durch der Stäbe kurzes Ziel Und wandelt, lächelnd dem Vergehen, Deiner Seele zu, Im Angesicht der Sonne Kus; Und das Ermessen der verbundnen Kraft, Zu der wir beten.
Zufälle! Zufälle!
Von Norbert Jacques.
Die drei Begebenheiten, die jetzt zu lesen sind, habe ich dem Leben abgeschrieben, ohne etwas hinzuzutun. Sie sind Bekannten von mir und mir selber widerfahren, und ich weiß nicht, ob sie einfach und eindeutig als von Zufällen komponierte Erlebnisse zu deuten sind, oder ob sie nicht doch einen Weg in ein anderes Land gehen, in dem die Dinge unseres Lebens in einen Zusammenhang eingereiht werden, der Absichtslosigkeit nicht kennt ... ob sie nicht von einem Sinn beherrscht werden, der mit unsichtbarer Kraft unsere Handlungen oder das, was uns begegnet, in ein ewiges Fließen einbettet, in das immer wieder unser Dasein unabhängig von unserem Willen oder der bewußten Mitwirkung unseres Willens in letzter Absicht mündet.
In der Zeit, in der ein Teufel auf Deutschland losgelassen zu sein schien, der Zeit, die man mit dem Schreckenswort „Inflation" kennzeichnet, war das Leben an der Grenze unter dem Zauberblick der gesunden und festen Geldwährung jenseits noch wesentlich erregender, als das der Bewohner des Binnenlanoes: denn diese hatten nicht täglich unter den Augen, daß es Völker mit geordneten Verhältnissen gab, denen nicht die Bestandsbedingungen von einer Stunde zur anderen wegrutschten.
Die Grenze war für jedermanns Einbildungskraft wie eine erste Stufe ins Paradies, und der Schweizer Franken, die Guinee, der Dollar klangen in einer himmlischen Sphärenmusik herüber — unerreichbar zumeist. Aber damals gab es Menschen, denen scheinbar diese Himmelskonzerte osfen- standen.
Und so zog die Grenze auch aus dem Binnenland Persönlichkeiten an, die aus dem Unglück des einen und aus dem guten Zustande des anderen Landes Geldquellen herausschlugen, dafür aber um so zündender auf die Phantasien derer wirkten, die es sahen und nicht nachmachen konnten.
In dieser Zeit war es, daß die Frau unseres Hausarztes in Lindau eines Tages bei einem damals bekannten Politiker einen Besuch machte. Das Haus, das dieser Mann bewohnte, war eine große Villa, die unmittelbar am Ufer des Bodensees lag, von der Straße aber durch eine Gartenanlage getrennt war.
Die Besucherin verabschiedete sich und war im Begriff, durch die Tür, die zum Garten und zur Straßenseite ging, das Haus zu verlassen, und stand noch in der Tür. Mit einemmal stürzte jemand durch den Flur, der bis zur Seeseite durchging, hinter der Dame her. Mit einer Hand faßte er sie an der Schulter, und mit der anderen fuhr er gewaltsam und mit einem rohen Stoß in den Ausschnitt der Bluse hinein und lief sofort zur Tür hinaus weiter.
Von der Plötzlichkeit und Gewaltsamkeit des Ueberfalls halb ohnmächtig an die 2Land gesunken, wähnte die Dame, sic sei von einem Unbekannten mit einer Waffe ins Herz gestochen worden. Aber sie erholte sich bald, als sie spürte, daß sie überhaupt nicht verwundet worden war.
Da stand ein Polizeibeamter vor ihr, der sie fragte, ob sie nicht einen Mann habe durchgehen sehen. Sie berichtete aufgeregt, was sich zugetragen hatte.
„So schauen Sie doch bitte einmal in Ihrer Bluse nach", drängte der Beamte, als er von dem Griff erzählen härte. Die Dame faßte hin. Cs geriet ihir ein Päckchen in die Hand, das sie herauszog. Der Polizist riß
es auf. Es waren Schweizer Banknoten, viele Tausende von Franken, nach damaligem Begriff ein großes Vermögen. Der Beamte lief in den Gurten, auf die Straße. Der Fremde war fort. Der Polizist hatte ihn in jener Zeit, wo man gegen alles Fremde mißtrauisch war, am See anhalten wollen. Der andere war aber geflüchtet, in das Haus geraten, durchgelaufen, auf die Dame gestoßen und hatte auf die geschilderte, etwas heftige und ungewöhnliche Weise ihr das Geld zugesteckt. Er wurde nie gefunden. Nie hatte sich jemand später um das Geld gekümmert. Es ist nie aufgeklärt worden, wer der Besitzer war, weshalb er es der Dame in die Bluse steckte, weshalb er floh, woher das Geld kam oder wohin es sollte.
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Es gibt Dinge, die irgendwo im Unbekannten ihren Ablauf nehmen und durch Jahrzehnte und Menschenleben hindurch in einer Vorbestimmung, deren Mechanik unerkenntlich bleibt, deren Sinn und Zusammenhang aber bei Gelegenheit augenfällig werden, auf bestimmte Menschen weitergehen.
Ich besitze einen Ring. Ich weiß von ihm eigentlich nichts, als daß er 1778 der Liebe zweier Menschen zueinander entstammte, was an den eingetriebenen Symbolen und Initialen zu erkennen ist. Aber daß er mit mir einen besonderen Zusammenhang haben muß, zeigen die Hartnäckigkeit und die Sonderbarkeit und Häufung im Zufälligen, mit denen er zu mir sich zurückfand, als ich ihn am ersten Tage, wo ich ihn besaß, verlor.
Anfang Dezember 1917 sah ich bei dem hannoverschen Antiquar einen Barockring aus einem hellen Gold und von einer besonderen Merkwürdigkeit und Schönheit der Arbeit. Ich kaufte ihn, um ihn als Geschenk meiner Frau mit nach Hause zu nehmen.
Es war ein Wintertag mit viel neugesallenem Schnee, und ich steckte ihn, glaube ich, gleich an meinen Finger, zog wohl die Handschuhe drüber und ging zu Fuß durch die Eilenriede nach der Seehorststraße, in der ich bei einem Freunde wohnte. Ich vergaß bei der Wanderung durch die strenge Kälte auf den Ring. Doch während des Essens fiel er mir plötzlich wieder ein. Ich schaute meine Hand an, dort war er nicht. Durchsuchte meine Taschen. Vergeblich. Ich hatte den Ring verloren.
Ich verließ Hannover am selben Abend. Da wegen der Zeitumstände, des Schnees ufw. keine Aussicht bestand, ihn wiederzubekommen, meldete ich den Verlust nicht an und gab mir überhaupt keine Mühe mehr mit dem Ring, vergaß ihn.
Im Sommer darauf traf bei mir am Bodensee ein Päckchen ein, darin lag er.
Es war folgendes geschehen: Meine Freunde, denen ich den Ring beschrieben hatte und gezeichnet, hatten, ohne es mir mitzuteilen, den Verlust in einem Inserat angezeigt. In diesem Inserat hatten sie nicht ihre Namen, sondern nur ihre Wohnung angegeben. An einem Junitag kam ein junges Mädchen ins Haus und zeigte den Ring vor. Sie erzählte, sie sei Verkäuferin in einem Laden, in dem die Herrschaft ihre Blumen kaufe. Sie habe im Dezember ein Inserat gelesen mit der Wohnungsangabe und aus jener Ursache gewußt, wer die Aufgeber seien. Sie habe dessen Inhalt behalten und habe vorgestern die Kammer ihres Bruders, der Anstreicherlehrling sei, aufgeräumt. Da habe in der Lade des Tisches zwischen anderen Sachen dieser Ning gelegen, auf den nach ihrer Erinnerung die Beschreibung zu passen schien. Von dem Jungen, den sie zur Rede gestellt, erfuhr sie, er habe ihn im März, als der Schnee weggeschmolzen war, in der Eilenriede im Schmutz gefunden. Sie möchte also anfragen, ob dies vielleicht der verlorene Ning sei.
Es war mein Ring. Er hatte sich durch Winter und Schnee, aus dem Sumpf des aufgeweichten Weges, durch die Unmoral der Zeit, durch die linehrlichkeit oder den Leichtsinn oder die Besitzgier eines jungen Burschen Über die Ehrlichkeit seiner Schwester, die weitere Zufälligkeit, daß meine Freunde Kunden ihres Ladens waren und das Inserat zu mir zurückge- sundeu.
Es ist ein Ring, den genau vor 150 Jahren ein verliebtes Herz dem anderen geschenkt hatte. Ich hatte ihn der Frau schenken wollen, die ich liebe. Der erste Kreislauf ist also geschlossen und dir, o geliebter Ring, steht von meiner Hand hinaus ein schöner Weg frei in die Jahrhunderte der Liebe.
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Die erstaunlichste Zufallsgeschichte aber, bei der es um ein Leben ging, erzählte mir Dr. R., der Dozent an der Universität von Quito in Ecuador, und ein bekannter Botaniker ist. Dr. R. ist geborener Qesterreicher, war ursprünglich aktiver Offizier, studierte dann in Wien Medizin und hat sich bei Ausbruch des Krieges wieder reaktivieren lassen.
Bei den Kämpfen um Przemysl, die er als Leutnant mitmachte, wurde er gefangen genommen, einem Transport eingereiht, der nach Moskau kam, und dort in einer Kaserne eingekerkert.
Eines Morgens kommt ein Soldat in feine Zelle und sagt ihm, er sei zum Tode verurteilt worden. Der Soldat habe Befehl, den Leutnant gleich in den Hof der Kaserne zu führen, wo er mit zehn anderen zusammen erschossen werden sollte. .


