Ausgabe 
29.7.1929
 
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Der Lachs hat hier einen besonders feinen Geschmack, He Seezungen, M Schollen und die grauen crevettes, die man zum Frühstück bekommt.

Die alten Häuser stammen aus dem 16. und 16. Jahrhundert, dicht aneinander gedrängt, mit engen, schmalen Wegen, die zwischen ihren Fassaden durchführen. In den kleinen Geschäftchen sind Rouener Fayencen ausgestellt, Reiseandenken, Bilder und Kataloge, und überall liegen vor den Türen der kleinen Weinbars frische Hummern, Hammelherden weiden in der Nähe, man bekommt viel Hammelfleisch hier ... Hier wohnten schon die Römer, die den Druidenkult trieben. Im 11. Jahrhundert wurde das Kloster gegriindet, später ein Gefängnis für Staatsgefangene. Wenn man durchgeht, erschrickt man vor den lebensgroßen Wachsfiguren, die in ihren Zellen sitzen, alles Staatsgefangene, politische Verbrecher. Man sieht Barböe in seiner Zelle am Tisch sitzend, traurig, resigniert; ein gefangener Maler, mit der Restauration beauftragt, ließ sich an einem Seil in einen der Türme herab und entdeckte mit der Laterne eine Menge menschlicher Gebeine derer, die dort verhungert waren; er entfloh entsetzt. Man sieht den sterbenden Dubourg, in seinem Kerker liegend, der hier von den Ratten angefressen wurde, ein schrecklicher Anblick, und das Riesenrad, das die Munition heraufbesörderte, in dem acht Männer hingen.

In der alten Kirche steht eine Mutter Gottes von Lourdes mit schwarzem Gesicht, düster, trotz des goldgleißenden prächtigen Gewandes, schwerfällig und bäurisch, eine Frau aus dem Volk.... In dem kleinen Museum schnurrt der Führer alles herunter. Man beschaut die alten Bilder und feinen Elfen­beinschnitzereien der Mönche, die schwerfälligen Kunstschlösfer, die man vor tausend Jahren vor Festungen und Gesängnisse legte, eiserne Truhen, die heute kaum zehn Männer schleppen könnten, wurden als Schmucktruhen der Könige auf ihren Ausflügen mitgeführt, silberne, kostbare Schnhschnallen der Mönche, Weinkrüge aus Ton, Sonnenuhren, Wärmpfannen für Kranke. In den Klöstern gab es keine Oefen, nur der alte Abt hatte einen Kamin im Speisesaal. Die Mauern dieser Gebäude sind sehr dick. Diese schlichte Gotik in grauem Granit, die man überall hier findet, diese festen Mauern und steinernen Treppen, der reizende Hof, mit bunten Ziegeln gedeckt und roten Granitsäulen, sind wunderbare Beweise einer schöpferischen Kraft. Diese tiefen, unheimlichen Gewölbe, mit den dicken Säulen aus dem Jahre 1215, die Spitzentreppeescalier de dentelles" aus grauem Granit, nur für Schwindelfreie, dieses Refektorium, in dessen schräggestellte Fenster nie ein Sonnenstrahl bringen kann, die Kirche mit der breiten Terrasse, aus der die Gefangenen abends spazieren gingen, erzählen von Pelerinagen, von Wundern und Visionen der Mönche, von blutigen Kämpfen und eingekerkerten Eremiten.

Alle diese eiskalten Kerker, in die man gebückt hineingeht, sind feucht, dumpf, fchreckliche Höhlen mit eisernen Gittern und schweren Schlössern, wie für wilde Tiere, in denen die Staatsgefangenen schmachteten, ohne Licht, ohne Luft, und zur Untätigkeit verdammt....

Es läutet zum Diner im HotelAu bonne Omelette de la mere P. Im großen Speisesaal stehen viele kleingedeckte Tische. Das Menü: Cr firne normandaise, gebackene Merlen mit Zitronentunke, ein Tournedos mit Champignons, Salate, Pornrne srites, ein Käsepudding, das berühmte Omelette, das etwas nach Rauch schmeckt, Blätterteiggebäck, dazu roter Burgunder ... Pension 50 Frs. Die Bretagne ist noch billig.

Abends mache ich einen Rundgang um die Festung, die für die Ewigkeit erbaut scheint. Die Sonne sinkt, alles färbt sich rosa, der Himmel und der Sand und das Meerwasser. Einige Autos, die hier am Strand übernachten, gleichen winzigen Kinderfpielzeugen von hier oben. Auf den Festungsmauern sitzen Engländer, Shagpfeise rauchend oder Aufnahmen machend. An den Buden kaufen sich die Amerikaner Ansichtskarten mit dem Mont St. Michel im Mondschein, süß und kitschig, aber sehr beliebt...

Die Chauffeure spielen Fußball auf dem festen weißen Strand, Schwalben streichen um die Abtei, der Mond zieht herauf, voll und bleich am hellblauen Abendhimmel, wie bestellt für die Amerikaner. Mondschem- nacht aus dem Mont St. Michel. Eine weite silberübergossene Fläche, die einem stummen Meer aus Silber gleicht, umschwimmt diese Stadt. Der Mond leuchtet in mein stilles, weißes, kleines Zimmer. Ich kann nicht schlafen. Die Nacht ist viel zu schön dazu . . . Unten glänzen noch em paar Lichter, in den engen Gassen sitzt man vor den Haustüren, die Spitzengalerie der alten Abtei glänzt zu mir herüber, und alle Sagen, die sich um diese Stadt weben, werden wach. Ferne schwimmt die graue, bretonische Küste, rechts schimmert die grüne Normandie. Sterne funkeln über dem weißen Land, das einem Schneefeld gleicht, das Meer umfließt die schwarze stille Felseninsel fern im Meer, deren dunkle Silhouette sich vom zartblauen Nachthimmel abhebt und die nicht mehr von Menschen bewohnt ist. Es ist so hell, daß man um zehn Uhr abends noch auf dem Balkon lesen kann. Mädchen, bretonische Lieder singend, ziehen durch die engen Gassen, der Ranch aus den Schornsteinen der Hotels steigt wie Opferrauch der Altäre zum Abendhimmel auf. Man fühlt sich langsam in eine Art Verzauberung versinken.

In der Frühe kommen wieder neue Fremdenherden nut neuen Autos an, neue Handkoffer werden auf dem Bahnhof aufgeladen, neue Gäste ^in das alte bretonische Gasthaus und die Mutter P. bäckt unaufhörlich rühmten Omeletten in dem Kamin, in dem das Holzfeuer nie ausgeht. Die Patroneffe empfängt die Gäste, teilt die Zimmer ein. Den Abfahrenden widmet man keine Aufmerksamkeit mehr, sie werden mit zerstreuter Höflich­keit bedient, dieser Höflichkeit für anderthalb Tag ... Es ist Hochsaison, Reisezeit, der kleine Zug schüttet neue Gäste aus, die alle das Haus der wfire P. schluckt. Reue Pfannkuchen werden angerührt, die Tische gedeckt, neue Pfirsiche schüttet die Patronesse in die Porzellankörbchen. Uno die fetten Guides, die gar keine Bewegung haben in der Abbey, in der Kirche, dem Mufeum, leiern dasselbe her. Wie in einer Mühle geht das so, Tag Tür Tag im Sommer. Selbst im Winter hat man hier keine Ruhe, sagt Madame . . . Und das Meer gleitet fort und kommt wieder, still, umfängt den Mont St. Michel zärtlich und sanft plätschernd, hebt die Boote auf feinen Rücken und trägt sie fort, weit--weit--in blaue Fernen ...

Künstliches Blut.

Von Dr. Th. A. Maaß.

Das Nervensystem des menschlichen Körpers wirf) gern als eine außerordentlich ausgedehnte und sicher funktionierende Telegraphenanlage bezeichnet.

Gute und schnelle Nachrichtenübermittelung ist gewiß wertvoll. Aber von dem Telegramm, das die herrlichste Lebensmittelsendung in Aussicht stellt, wird kein Hungernder satt. Die Sendung muß auch wirklich eintreffen. Versagen die zu diesem Behufe benötigten Transporteinrichtungen, dann ist der Wert alles Hin- und Hertelegraphierens äußerst illusorisch. Wird zwar sür kurze Zeit die Lebenshoffnung, nicht aber auf die Dauer die Lebensfähigkeit aufrecht erhalten. Der auf die Lebensmittel-Zufuhr von auswärts Angewiesene wird trotzdem verhungern. Der Selbstversorger ist wesentlich besser dran. Wobei allerdings zu berücksichtigen ist, daß kaum jemand in der glücklichen Sage ist, für alle Bedürfnifse des täglichen Lebens Selbstversorger zu fein: Der Landwirt kann beim Versagen der Kohlen­transporte erfrieren, der Zechenbesitzer bei Lahmlegung der Lebensmittek- zufuhr verhungern.

Die für die wichtigsten Lebensfunktionen des menschlichen Körpers (und Geistes) verantwortlichen Organe sind keine Selbstversorger. Sie sind mehr oder minder vollkommen auf die Zufuhr von außen angeWiefen. Nahrungsmittel, Rohstoffe, Brennmaterial, sogar der für alle Verbren­nungsvorgänge notwendige Sauerstoff müssen ihnen zugebracht werden. Ihre Fertigprodukte werden nicht an Ort und Stelle verbraucht, sondern kommen dem Gesamtorganismus nur dann zunutze, Wenn sie dorthin verteilt werden, Wo ein Bedarf vorliegt. Sogar die Abgase der Verbrennung (Kohlensäure) müssen eine weite Transportstrecke zurücklegen, bis sie durch die Lungen den Körper verlassen können.

Die bedeutungsvollen Wechselbeziehungen der Organe, die Beein­flussung der Tätigkeit des einen durch die des anderen, wird heute viel weniger der nervösen als der stofflichen Verbindung zugeschrieben: Die von dem einen produzierten Reizstoffe gelangen direkt zu dem anderen und beeinflussen seine Tätigkeit.

All diese unendlich wichtigen und verwickelten Aufgaben hat einzig und allein das große Transportunternehmen des Körpers, der Blut­kreislauf, zu leisten. Sein richtiges Funktionieren ist die Vorbedingung alles Lebens, fein Versagen bedeutet Tod.

Die leider nicht seltenen krankheit- oder todbringenden Störungen des Blutumlaufs können im wesentlichen aus zweierlei Ursachen entstehen. Einmal sind sie in der Kraftzentrale, im Herzen, zu suchen, dessen Arbeits­minderung oder gar -Einstellung zwangsläufig schwerste Beeinträchtigung oder völliges Daniederliegen der Blutversorgung aller Körperorgane zur Folge haben muß. Dann aber können sie auch im Blut selbst zu finden fein, das durch Veränderung seiner Zusammensetzung oder Verringerung seiner Menge nicht mehr imstande ist, seine lebenswichtigen, schwierigen Aufgaben richtig und ausreichend zu erfüllen. Die Blutmenge, die dem menschlichen Körper zur Verfügung steht, ist verhältnismäßig gering, sie beträgt nur etwas über 5% oder 7ig des Körpergewichts. Der gesamte Blutbestand eines erwachsenen Menschen von 70 kg Gewicht beträgt also nicht viel mehr als 3% Liter.

Es ist daher keineswegs erstaunlich, daß schon verhältnismäßig gering­fügige Blutverluste zu empfindlichen, allerdings meist rasch vorübergehenden Störungen des Allgemeinbefindens führen können, große aber unfehlbar zu schwersten Schädigungen oder zum Tode führen müssen.

Die Fähigkeit, einigermaßen bedeutende Blutverluste überleben zu können, verdankt der Organismus der großen Erneuerungsfähigkeit des Bluts. Recht starke Blutverluste werden durch Aufsaugung von Körper- slüssigkeit und erhöhte und beschleunigte Bildung von Blutkörperchen in den hierzu bestimmten Organen ausgeglichen. Hat aber der Blutverlust eine bestimmte Höhe überschritten, so ist der im ganzen schwer geschädigte Organismus nicht mehr imstande, aus eigener Kraft den Verlust wett­zumachen. Seit altersher war es daher heißes Bestreben ärztlicher Kunst, in solchen Fällen hilfreich einzugreifen.

Am bestrickendsten war immer der Gedanke, gleiches durch gleiches zu ersetzen, für das verlorene Blut neues znzuführen.

So ist auch heute noch das Verfahren der direkten oder indirekten Blutübertragung aus den Gefäßen eines gefunben Spenders in die Adern des durch schweren Blutverlust Geschädigten die beste Methode, allerdings nur in der verfeinerten und differenzierten Form, in der sie jetzt zur An­wendung kommt. , .

Früher bestand die allgemeine summarische Auffassung: Blut ist Blut. Danach verwendete man zur Blutübertragung geeignet vorbereitetes Tier­blut oder bestenfalls das irgendeines beliebigen, gerade erreichbaren menschlichen Blutspenders. In dieser verallgemeinernden Form war das Verfahren meist nicht nur vollkommen erfolglos, sondern die erwartete Hellwirkung schlug oft ins Gegenteil um. Diese Mißerfolge waren es, die die Blutübertragung durch lange Zeit der Vergessenheit oder, richtiger, der Ablehnung durch die Schulmedizin anheimfallen ließ. Ihre Wiedererweckung und Rehabilitierung verdankt sie der genauen Erforschung der Eigenheiten des Bluts. Diese zeigte, daß die biologischen Eigenheiten des Bluts selbst innerhalb nächst verwandter Tierklassen so weit voneinander abttuchen, daß das des einen dem anderen gegenüber geradezu zerstörende Eigen­schaften besitzen konnte. Die Verwendung von Tierblut zum Blutersatz beim Menschen war dadurch von vornherein ausgeschlossen.

Darüber hinaus zeigte sich aber, daß auch innerhalb der großen Tier- klasse Mensch so weitgehende Verschiedenheit in der Arteigenhert des Bluts bestand, daß das eines Menschen durchaus nicht immer mit dem des anderen verträglich war. Glücklicherweise sind diese Verschiedenheiten nicht so mannigfach, als daß sie sich nicht in einige Wenige Typenklassen cinorbncn ließen. Diese werben durch die sogenannten Blutgruppen bestimmt und sind nach deren Vorhandensein leicht erkennbar.

Eine gefahrlose und sicheren Erfolg versprechende Blutübertragung ist nur dann weitgehend gewährleistet, Wenn Spender und Empfänger ziir gleichen Blutgruppe gehören. Weitere selbstverständliche Voraussetzung