Flrmdernfang.
Bon Irmgard v. Faber du Faur.
Hinter dem Wald liegt das Dorf. Es liegt eingebettet zwischen seine Felder in einem grünen friedlichen Umkreis, den die blaue Ferne gegen den Himmel umreißt. Die Häuser aus rotem Backstein mit dem tragenden Fachwerk dazwischen sind breit und niedrig und tragen eine schöngeformte Kappe aus Stroh, unter der sie wohlbehütet hervorschauen. Sie liegen weit auseinander, jedes von seinen Wirtschaftsgebäuden, wie es sie eben nötig hat, umgeben. Die Straße zwischen ihnen ist breit, darauf wandern die Kühe des Dorfes morgens und abends, schwarz und weiß, ein großer ruhsamer Zug. Die Pferde setzen ihre schönen Hufe auf sie, wenn sie zur Weide gehen im fröhlichen Schritt, und die Fohlen, jung und übermütig, um die Stuten springen, oder wenn sie eingeschirrt am Wagen kommen und mit seinen Rädern tiefe Rinnen fahren. Auch die weiße Gänseherde hebt den Staub der Dorfstraße auf. Wenn es geregnet hat, find die blondhaarigen Bauernkinder da, rühren mit ihren braunen Füßen die Pfützen auf, spritzen sich an und lachen. Im Dorf ist ein voller, schwerer erdwarmer Geruch. Das Erdreich haucht seinen starken Brodem und das Heu aus der Scheune und der Dung vor dem Stall. Das aufgetürmte Brennholz bringt den Waldduft dazu von Sonne und Harz. Die Tiere tragen jedes einen befonderen Dunstkreis um sich, und die Blumengärten schütten ihre süßen Schwaden dazwischen
Auf einem First ist ein Storchennest mit jungen Störchen. Der alte Storch steht auf dem Dach. Er zeichnet sich sehr merkwürdig mit seinem Weiß und Schwarz und roten Beinen gegen den Himmel ab, steht so seltsam wie ein Traum, lauschend in sich geneigt wie ein Träumer.
Biele Stimmen sind über dem Dorf wie viele Glocken, die läuten den ganzen Tag und geben alle zusammen Ruhe. Die Rinder brüllen aus den Ställen und von den Weiden. Die Tauben gurren, Enten und Gänse sind den ganzen Tag nicht still, der Hahn und die Hühner wissen es auch nicht bester, zwitschernde Schwalben durchstreichen die Luft, Hunde und Katzen tun hin und wieder das ihre, dazu rauscht der Wind in den Bäumen, die Fliegen summen und die Bienen läuten tief und sonnenfeierlich. Die Menschen rufen fich auch manches zu, aber viel zu sagen ist nicht ihre Art. Man hört mehr ihre Tätigkeit als ihre Stimmen: Sensedengeln, Hammerfchlag, Peitschenknall, Wäfcheklopfen vom Ententeich her, und der Pumpbrunnen vmß viel knarren vom Morgen bis in die Nacht. Die Menschen auf dem Dorf arbeiten viel und schwer, sie legen sich totmüde abends nieder und doch scheinen sie nicht mehr zu tun, als ein Baum, der dasteht und grünt und seine Früchte bringt. Denn was sie tun, ist notwendig tmb in seinem Sinn leicht zu überblicken: sie sorgen für sich, ihre Kinder und ihre Tiere. Was sie tun, ist einfach. Sie machen alles, wie man es immer machte, und wie es gut war. Sie tun, was der Tag fordert, und lassen fich damit genügen. Sie gehorchen dem Zwang und haben doch bis ins kleinste zu jeder Stunde die freie Wahl. Neben dem Nützlichen ehren sie auch das Unnützliche: die Schwalben, den Storch, die wunderlichen Vögel, die kommen und gehen. Sie pflegen die schönen unnützen Blumen im Garten. Sie backen Kuchen zu ihren Festen, die Frauen der kleinen Besitzer gemeinschaftlich im großen Backofen des Dorfes. Sie bringen am Sonntag, wer vom Hause ins Kirchdorf geht, chren Toten Blumen aus dem Garten aufs Grab. Der Nebel des Abends verkündet ihnen einen neuen heiteren oder grauen Tag.
Die Nacht löscht früh alles Licht aus. Dann liegt das Dorf dunkel im schimmernden Korn. Hier und da brüllt ein Rind aus dem Schlaf. Geisterhaft, kaum erkennbar steht der Storch vor dem Nachthimmel auf seinem Dach. Hebet die schwarzen Bäume fährt der Sternwagen auf.
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Weiße Wellen zeichnen den Strand in der Nacht. Dort liegen die dunklen Schiffe, Seite an Seite auf den Sand gezogen, breite Fischerboote mit einem Mastbaum. Wie alte Sagen streicht es um die Schiffe, wenn sie schwarz und schwer in den Nachthimmel ragen, uralte einfache Form, Ding, Schicksal und Gleichnis. Der Mond tritt einen Augenblick hell aus den Wolken. Da laufen dunkle Gestalten die Dünen herab zu den Schiffen. Männer, die kleine vollgepackte Handkarren ziehen. Dort hilft ein Hund, schwarz und weiß, wird ausgespannt und springt um seinen Herrn. Der nimmt aus dem Karren die hohen Wasserstiefel, in die er hineinsährt, die Netze, die er im Boot i verstaut. Ein Junge füllt einen Sack mit Sand als. Ballast. Andere kommen noch verspätet die Dünen herunter zu ihrem Schiff gerannt und haben es eilig. Jetzt helfen alle Männer, die am Strande find, zusammen ein Boot ins Wasser schieben, eins nach dem andern, alle Boote, die heute nacht i fahren. Das große Segel hebt fich hinauf. Der Hund am Strand heult. Das Wasser rauscht unter dem vordringenden Bug. Bier Mann sind an Bord. Einer am Steuer, einer am Segel. Die beiden Jungen auf den Bänken dazwischen ziehen fich die schweren Mäntel über den Kopf und legen sich auf die Seite. Jetzt ist für sie nichts zu tun, und doch müssen sie um Mitternacht aus dem Schlaf. Denn die Leute wollen morgen -rische Flundern | haben.
Die beiden anderen schauen nach Wellen und Wind. Ein Boot überholt । sie, und im Borbeifahren tönt ein Spottwort herüber. Der Alte am Segel antwortet. Der eine von den Jungen hört nichts davon, der andere richtet sich auf seinen Händen auf, schaut dem Segel nach und rollt sich wieder zusammen zu seinem Schaukelfchlaf. Der Wind ist ungünstig. Sie müssen kreuzen. Sie setzen das Focksegel auf. Sie verkleinern es wieder. Der Mond ist in den Wolken untergegangen. Die Lust ist düster. Das Land ist ver- fchwunden. Nur der Leuchtturm zeigt mit feinem Blinken die Richtung. Das andere Schiff ist im Dunkeln verloren.
Die Wellen steigen und finken. Das Meer ist rund, finster und wüst. Darüber steigt der Himmel auf und wölbt fich verfchlosfen, das Schiff schwankt auf und ab und geht einen Weg, der nicht da ist. Es ist winzig klein geworden. Die Menschen darin schweben in'einer grauen Unendlichkeit. Der Wind weht eisig kalt. Jetzt find fie wohl in der richtigen Höhe und fangen an, ihre Netze zu suchen. Endlos hebt sich Welle hinter Welle, die kleine Fahne, die die Netze bezeichnet, ist nicht zu sehen. Es ist schwer ihren Ort zu bestimmen, es ist noch zu dunkel, vom Land ist nichts sichtbar.
Nun taucht das Boot wieder auf, das nahe von ihnen seine Netze gelegt hat. Das gibt einen Anhalt. Sie kreuzen eine Stunde und länger. Neber dem östlichen Himmel liegt ein rötlicher Schein. Die Gesichter der Fischer werden
erkennbar. MKS nimmt Farben an. Das Meer hebt fich kn grünen Wellen. Ein roter Berg taucht dahinter empor, steigt langsam, steigt und hebt sich als eine große rote Kugel über die Flut. Die grünen Wellenberge schaukeln blutrote Matten. Langsam beginnt die rote Kugel in ihrer Mitte zu scheinen wie ein Feuer und steigt als ein leuchtendes Licht, steigt und verschwindet hinter violetten Wolkenmassen. Wer der Tag ist da. Die beiden am Steuer und Segel suchen wieder vergeblich das andere Boot. Da endlich ragt etwas über die Flut, eine kleine verblichene Fahne, aber sie denken: es ist die der anderen. Sie fahren hin. Es ist doch die eigene. Sie nehmen sie herein und ziehen den Anker herauf. Jetzt werden auch die beiden Jungen wach. Die Arbeit beginnt. Das Segel wird eingezogen. Der Mastbaum wird umgelegt. Einer setzt sich ans Ruder, die drei anderen ziehen die Netze triefend und schwer herauf und arbeiten fie sich aus den Händen.
Ein Retz folgt nach dem anderen, aus dünnem braunen Garn, das tückisch die Fische verwirrt. In manchem Retz hängt viel Muschelzeug und Tang, und nur hie und da eine Flunder oder ein Dorsch oder Knurrhahn.
Dem alten Fischer, der das Segel bedient, gehört das Schiff nicht. Ihm gehört nur die Hälfte der Netze. Wie seine Netze au der Reihe find, zählt er die Flundern, wie fie heraufkommen, sechzig in einem Retz find viel, oft bleibt es darunter. Er überschlägt den Gewinn, denkt an den Winter mit zugefrorener See, wo oft für Wochen kein Schiff hinauskann. Es ist ein llägliches Leben. Schon sein Batet ist nach ein paar schlechten Landungen, die ihm stundenlang das Eiswasser um die Brust trieben, von seinen kleinen Kindern weggestorben. Sein Bruder ist auf einem Fischkutter verschollen. Er fährt jede Nacht hinaus und hat kaum das Leben.
Jetzt sind alle Netze innen. In den letzten war kein großer Fang. Der Anker mit der schwimmenden Fahne wird wieder hinabgelassen, und die neuen Netze werden gelegt, wieder eine lange Kette unten ans dem Grund, Netz an Netz, hin und wieder oben ein verblichenes Fähnchen, daß sie morgen den Ort erkennen werden. Wenn kein Rebel ist, geht es wie heute. Sonst können sie stundenlang suchen.
Sie richten den Mastbaum wieder aus, jeder nimmt seinen Platz ein, und segeln heimzu. Sie holen ihr Frühstück heraus, das braucht keine große Zeit. Dann gehen sie daran, die Flundern aus den Netzen zu nehmen und in die« mitgebrachten Kisten zu werfen. Die Fische leben nod), aber was können sie tun. Sie schnellen ein paarmal in die Höhe und bleiben zuckend liegen. Es sieht aus, als schämten sie fich, so vor den Blicken zu liegen, denn sie sind für den Grund geschaffen und nicht für das Licht, die armen platt- gedrückten Gesellen mit ihrem kleinen, hilflosen Fischmund. Wenn sie noch richtig fallen, aber die Menschen werfen sie auch so, daß fich unten nach oben wendet, und da kommt es an den Tag, fie haben auf der unteren Seite keine Sput von Farbe, fie festen aus wie mißgebildet und Leichen von Fifchen und dazu auglos. Ihre beiden Augen sitzen auf der farbigen, fchönbraunen Seite, aber auch da sitzen sie ungleich, als hätte sie ein Kind mit ungeschickten Fingern hineingesteckt, und als hätten sie nicht viel den armen Geschöpfen zu sagen. Und doch hatten sie ein Leben da unten auf dem Grund, wie jedes Geschöpf der Welt, ihr Dasein, in dem ein Retz aus Not und Freude sie festhielt und worinnen ihnen wohl war. Aber jetzt hat sie ein anderes Netz gefaßt. Was jetzt noch ist, dafür gibt es keine Sinne mehr, außer dem Schmerz.
Das Land ist nal), iveiße Dünen mit blaugrünent Schilsgras. Menschen kommen heruntergelaufen. Sie sahen die Boote kommen und bringen die Karren zur Bergung des Fanges. Der schwarz und weiße Hund heult aus und springt ins Wasser zu seinem Herrn, der ihn in der Nacht verließ und nun im Tagesschein nach schwerer Mühe zurückkommt.
Das Gefängnis im Meer.
Ein Reifebrief von Mont 6t. Michel.
Bon Liesbet Dill.
Man statte mir in Paris versichert, es fei unmöglich von Rouen nach dem St. Michel zu fahren, man müfse wieder über Paris zurück. Aber ich wollte Paris nicht mehr sehen und erst recht nicht mehr Rouen. Ich komme mit viel Umsteigen endlich abends nach Pondardon wo uns die kleine Bahn mitnimmt, nach dem Mont St. Michel. Schon von weitem steigt die Stadt aus dem Meer auf, die alten Häuser, aufeinander getürmt, eng um die Abtei geschart, die sie trotzig überblickt, eine Festung, von den Engländern emst erstürmt, mit einer blutigen Geschichte. Der Kontrast dieser trotzigen, die Horizontale des Meeres vertikal durchstoßenden Erscheinung des Mont St. Michel in diefer stillmelancholischen Landschaft, mit der Abtei, in der die Verkörperung des Gottesgedankens einen festungsartigen Zuschnitt erhalten hat, ist geradezu überwältigend. Diese ungegliederten, festungsartigen Baumaffen, selsverwachsen und wie aus Felsen gehauen, steigen empor in den Himmel in transzendentaler Aufgelöstheit und Erlösung.
Das Auge schweift vom Horizont des Meeres an den vertikalen düsteren Massen empor bis zu den im Aetherblau zerfließenden feinen Türmchen mit ihren Spitzen und Nadeln aus grauem Granit.
Das Bähnchen hält. Abend ists und kühl, das Meer hat sich zurückgezogen, die Stadt liegt in einem Meer von weißem Schlamm, durch okii die Krevettenfchifser mit ihren Netzen stelzen. Ein Hausknecht türmt die Koffer auf feinen Handwagen und führt die Fremdenherde nach dem alten Hotel, das in der engen Gaffe am Eingang der Stadt liegt. In der bretonischen Vorhalle bäckt eine alte Frau über einem offenen Kammfeuer m langstieliger Pfanne ihre berühmten Omelettes, die Spezialität des Haukes. Ueberall liegen große rote Langusten, frisch aus dem Meer gefischt. . . w Patronesse komplimentiert uns über enge steile Treppen, über Hofe uno Straßen, schwindelnd hoch, in die Dependance. Mein helles ZimmeraM ist sehr einfach, aber mit einem winzigen Balkon und dem weiten freien Blick aufs Meer. Tief unter mir liegt die Stadt. .
Im Wappen der Ritter des Mont St. Michel find Muscheln und t Bischofsstab. In der Ferne bewegen sich kleine graue, wollige puni - Schafherden, die auf mageren Weiden heimwärts ziehen, der voran. Wenn das Meer steigt, ist der Mont St. Michel eine Jnftl, die . diesem silbernen Meer schwimmt, jetzt ist es niedrig, !l baise, sagt die pat nesfe, es ist eine Schlammfläche, lose zitternd vor dem Meer, das langsa den weichen Sand durchsickert. ----Die Bewohner leben vom Fischlang.


