Ausgabe 
29.7.1929
 
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SiehenerKimilienblStter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang 1929 Montag, den 29. Juli Nummer 58

Säer.

Bon Hans Franck.

D, daß ich mit vollen Händen so wie du dort Schritt um Schritt Erd und Himmel schreiten mit, deine Würfe zu vollenden

o, daß ich mit vollen Händen, Sämann, so wie du den Samen säte und zumAmen! Amen!" Erd und Himmel sich verbänden!

Ist Bewahren nicht Verschwenden? Nur aus den Vernichtungsbränden steigt der Vogel Morgenrot.

Tod ist Leben, Leben Tod. Nirgend Anfang, nirgend Enden. O, daß ich mit vollen Händen

erfüllenden Ruhe. . ,,,,,, .

Als ich aufwachte, fühlte ich, daß ich ein Erlebnis gehabt hatte. Kem Erlebnis ist stärler als das, woran nur die Seele gebaut hat und wovon die Dinge der faßbaren Welt ausgeschlossen sind. Ich entließ ohne Bedauern alle Gedanken, die mich sonst erfüllt hatten, ich war leicht und frer. Wer die wunderbare Kraft der Loslösung von gegenwärtigen Dingen und das Auf­blühen aus den Wurzeln seines Seins heraus erlebt hat, nimmt auf einmal andere große Zusammenhänge zwischen Mensch und All wahr, als wenn er nur mit kurzsichtigen Augen den kleinen Kreis der Wirklichkeit absucht.

In mir blühte die Kindheit auf: Warme weite Erde, Wälder und Tiere, und ich darin nicht abgesondert, vielmehr ein Teil von ihnen mit ihrer Sprache und dem gemeinsamen Blut der Erde. Aus diesen Erinnerungen lief mein schwarzweißer Terrier auf mich zu, rieb seine kälte Schnauze an meiner Hand und sah mich an. Mir fiel eine Begebenheit ein, die ich durch ihn erlebt hatte. Sicher hat das Tier seinen Sinn für die zarten Erschütterungen m der körperlosen Welt noch nicht verloren, wie der Mensch durch den lauten Lärm des Alltags.

Es war in der Nacht zum ersten August 1914. Die Dunkelheit war schwül und bedrückend, aber ich hatte nicht gewagt, das Fenster zu offnen, denn die unheimlichen Gerüchte von Krieg, Blut und Gefahr hatten meme

denn die unheimlichen Gerüchte von Krieg, Blut und Gefahr hatten meme kindliche Phantasie auf das äußerste gereizt. Mein Gemüt war erschüttert, grauenhafte Pest-, Kriegs- und Hungerbilder quälten meme unbewaffnete Kinderseele. Ich horchte auf die geringsten Geräusche, ich zitterte, ich war in Schweiß gebadet, ich jammerte leise, aber die Erwachsenen nebenan schlissen. Ich litt unter ihren unvorsichtigen, unklaren Anspielungen, dre fie am Tage machten, und niemand erlöste mich. ,

Es mochte die Mitte dieser qualvollen Nacht sein, als mein Hund draußen vor der Haustür leise zu winseln anfing. Ich entsetzte mich vor den sonst so bekannten Lauten, sie klangen unheimlich und schienen Gefahr zu verkünden. Es überlief mich, ich rührte mich nicht. Der Hund heulte lauter und kratzte an der Tür, aber nichts in der Welt hätte mich dazu gebracht, meine Hände unter der Decke hervorzuziehen, sie der Dunkelheit prerszu- geben und das Licht anzuzünden.

Der Terrier.

Von Edith Winkelmann.

Ich habe lange nicht mehr an das alte Herrenhaus an der russischen Grenze gedacht, bas einmal meine Heimat war. Lange Zeit wußte ich nicht mehr, wie glücklich ich einst dort war. Heute weiß ich es wieder, denn ich hatte heute einen Traum, der immer noch nachklingt. Ich sehe meine Um­gebung an, und sie ist mir fremd,.dafür erfüllt mich plötzlich lebendig die Welt meiner Kindheit. t ~ ,

Das war mein Traum: Ein warmer, dämmernder Sommerabend schloß die Erde ein, und ich saß aus dem Balkon des alten Gutshauses. Zwischen den dunllen Parkbäumen schaukelte der Vollmond wie eine helle Glaskugel, die eine Hand von oben in sansten Wellen schwingen ließ. Fleder­mäuse huschten leicht durch die Luft und vermehrten die Stille durch ihre lautlose Bewegung. Ich fühlte den Kopf meines kleinen Terriers aus meinen Knien und hatte sein festes Ohr zwischen meinen Fingern. Aus der Erde stiegen und vom Himmel fielen Brückenbogen aus silbernem Netzwerk, die sich bei mir trafen und deren Pfeiler ich war. Ich war die Mtte und hielt die flimmernden Fäden mit unirdischem Glück fest, ich umfaßte die Ber­einigung von Himmel, Erde, Mensch und Tier, die alle einen unsagbaren Frieden in mich einströmten. Das All war in mir mit seiner heiligen gesetz-

Jch horchte verzweifelt, endlich hörte ich meinen Vater nebenan schel­tend ein Streichholz anstreichen und atmete befreit auf. Als er leise die Tür zu meinem Zimmer öffnete und der rote Lichtschein auf mein Bett fiel, richtete ich mich auf. Mein Vater erschrak vor dem abgezehrten Gesicht mit den brennenden Augen.Was fehlt dir denn?'

Mein Gott, der Krieg, der Krieg! «

Ich sprach so gequält, daß er ratlos war.

Dreh dich um und schlafe! Es gibt keinen Krieg, und damit basta!" Er brummte und schalt auf den Hund.Hör nur einer den Rumtreiber draußen! Warte, Freundchen, das Geheul wird dir schon vergehen!"

Er ging durch den langen Flur und schloß die Haustür auf, ein quiekender Schmerzlaut jagte mir, daß der Hund unsanft über feine Ungehörigkeit belehrt worden war. Ich erwartete jetzt seine trippelnden Schritte auf den Holzdielen, aber niemand kam, statt dessen begann das Tier stärker zu heulen als vorher. Aus den Ställen hörte ich das Rasseln der Ketten, einzelne Kühe brüllten ängstlich, ich sprang aus dem Bett und lief dem Lichtschein nach. Ich sah die dunkle schwere Gestalt meines Vaters suchend vorgeneigt, vor den Stufen der Treppe aber saß ein kleiner Schatten mit aufwärts gerichteter Schnauze und schickte langgezogene Klagetöne nach Osten. Dann lief er einige Schritte fort, blieb stehen und sah meinen Vater auffordernd an. Mein Vater wurde unruhig, ich sah, wie er den Kops schüttelte. Er ging hinein und zündete die Laterne an, die immer im Flur bereit stand. Er bemerkte mich nicht, ich war nur ein schmaler Schatten an der Wand.

Es war eine dunkle Sommernacht, in der man nur die Umrisse der Bäume und Gebäude gegen den Himmel sah, doch konnte der Mond nicht weit sein, denn der Horizont hatte einen hellen Schimmer. Man muß die merkwürdige Gespensterluft eines östlichen Gutshofs um Mitternacht einmal erlebt haben, um begreifen zu können, daß ich tapfer war, wenn ich in einiger Entfernung über den Hof folgte. Der weiße Hof lag im Dunkel, der Schein der Laterne ließ für Augenblicke Leiterwagen, Stalltüren, Pflüge, Mauern auftauchen, um sie sofort wieder in die Finsternis zurücksinken zu lassen. Ich fühlte von allen Seiten Feindseligkeit, gierige kalte Hände schienen von überall nach meinen nackten Beinen zu greifen, und ich machte mich so schmal vor Entsetzen, daß ich wie auf einer Wolke von Angst schwebte. Schreien durste ich nicht, mein Vater hätte mich zurückgeschickt, und ich wollte lieber sterben, als den tröstenden Lichtschein verlassen, um allein umzukehren. So folgte ich zitternd und lautlos bis an das schmale Tor zwischen Schafstall und Scheune, wo der Hund endlich stehen blieb und mit gesträubtem Rückenhaar durch die Latten spähte.

Dieses Tor führte auf endlose Wiesen hinaus, die sich weit nach Ruß­land hinein erstreckten. Jetzt lag ein dichter weißer Rebel auf ihnen. Mein Vater hob die Laterne und sah scharf hinaus. Der Hund gab keinen Laut mehr, sondern drückte sich zitternd an seinen Herrn. Plötzlich zuckte mein Vater zusammen und fuhr zurück. Ein solches Zeichen von Erschrecken hatte ich bei ihm noch nie gesehen, und meine Ängst nahm zu. Ich beugte mich weit vor und sah etwas Seltsames:

Aus dem geduckten und geballten Nebel vor uns lösten sich unaufhörlich schwere Gestalten. Sie wuchsen bis zur Höhe eines Mannes, blieben eine Zeitlang mit gesenktem Haupte stehen und folgten dann wandernd einer endlosen Reihe gleicher Gestalten, die chnen in der Richtung nach Osten vorangingen. Es war ein unübersehbarer Zug, dessen Spitze am Horizont verschwand, während immer neue Gestalten emporwuchsen. Es war em ungeheures Nebelheer, das in schwebender Lautlosigkeit in die weite Oeds von Rußland zog.

Ich weiß nicht, wie lange wir ohne Regung da gestanden haben. Plötz­lich ging der Mond auf, die Nebelwanderer fielen zusammen, nichts als zäher, gestaltloser Nebel wälzte sich am Boden hin. Aber ein paar hundert Meter von uns entfernt ergoß sich blutroter Schein über den Himmel, in regelmäßigen Abständen schickten Brände stelle Flammen empor, furchtbare Zeichen drohenden Schicksals. Der Hund winselte, ich seufzte, mein Vater blieb ruhig.

Die Russen haben ihre Wachthäuser angesteckt, der Krieg ist aus- gebrochen!" ,

In mir erstarrte alles. Ich fühlte, daß eine Welt, die ich liebte, eme friedliche, sichere Welt, zusammensiel, und ich spütte die furchtbaren Stöße der Geburt einer neuen Zeit über die Erde beben.

Wir schliefen in dieser Nacht nicht, denn wir fühlten, daß wir nicht nur Abschied von der Sicherheit eines beglückten Lebens, sondern auch Abschied von unserer Heimat nehmen mußten.

Ms wir aus der Flucht wenige Tage spater zum letzten Male auf das alte Herrenhaus zurücksahen, schlugen aus den Fenstern Flammen heraus, bösen Händen gleich, die uns zum Abschied winkten. Nur der Giebel war noch unversehrt, und seine Weinranken spielten tm Winde. Zu meinen Füßen kauerte zitternd mein kleiner, mit uns heimatlos gewordener Terrier und der Wagen holperte stoßend über die von schweren Kanonen aufgewühl­ten Wege.