Ausgabe 
29.4.1929
 
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Sie machen sich ja lächerlich. Ich kenne die Geseke besser wie Sie. Aus die Komödie läßt sich kein Richter ein. Jin übrigen Verde ich meine Schuldigkeit tun."

Eine milde Wut erfaßt das Mädchen.

Ehnder tüt' ich mitsamt meinem Kind verhungern, als daß ich von dir ein' Pfennig nahm'. Weißt du, was meine Hausfrau, die Belloffen, spricht? .Spuck dem Schuft ins Gesicht.' Alleweil bin ich fertig mit dir!"

Mit letzter Kraft sich aufrecht haltend, schägt sie schauernd ihr Tuch zusammen und wankt hinaus.

3.

Die Belloffen hatte ungeachtet ihres hohen Alters zwei Laufdienftc im Städtchen zu versehen, den einen beim Antiquar Süß, den andern beim Lehrer Bollhardt. Als die Lene Launsbach mit ihrem Bübchen zu ihr zog, jagte sie dem Antiquar, der ein Krippenbisser war, auf, dem Lehrer blieb sie treu. In ihren Jahren war's nicht mehr gefährlich, sein Herz an einen Mann zu hängen. Ja, ja, das schwätzte man so hin In der Aelte war man auch noch gedürstig, nur daß man's in sich hinein- würgen muhte. Spaß beifeit! Für den Bollhardt wär' sie durchs Feuer gegangen. Das war ein Mann nach ihrem Geschmack. Dem sah die Ge­scheitheit aus den Augen und war menschenfreundlich und gut. Bei dem konnte man sein Herz ausschütten und fand immer ein offenes Ohr. Und erst sein Theo! Der vaterte sich, hatte mit elf Jahren eine Vernünftigkeit wie ein ausgewachsener Mensch. Das merkte man, wenn er von Sachen sprach, über die sich andere Kinder gewißlich keine Gedanken machten. Fragen stellte der kleine Bursch, daß man um die Antwort verlegen war. Und wenn er von seiner Mutter selig im Himmelreich erzählte, trat einem das Wasser in die Augen. Freilich könnt' er auch lustig sein. Theater spielen war sein ein und alles. Eine kleine Bühne mit Kulissen hatte ihm fein Vater geschenkt und allerlei seltsame Puppen dazu. Das war eine Seligkeit! Hatte sie die vier Stüberchen in Ordnung gebracht, kom­mandierte der Theo: ,Frau Belloff, setz' dich, jetzt spiel' ich dir was vor!' Dann kamen die Puppen angehopst und disputierten miteinander, zu possierlich. Zuletzt gab es einen Mordsspektakel. Der Theo bekam einen Kopf, rot wie Zinnober, und die Schweißtropfen liefen ihm über die Backen. Manchmal war auch der Herr Bollhardt dabei und wisperte ihr gemütlich zu:Frau Belloff, was sagen Sie zu dem Hanswurst? Q Q"

Der Lehrer wohnte am Markt in einem uralten Haus, dessen Fassade mit reichem Schnitzwerk und grotesken Fresken eine der Sehenswürdig­keiten des Städtchens bildete. Das Innere war völlig verwahrlost. Vier morsche Treppen führten in die Wohnung Vollhardls hinauf. Dieser nahm die engen, niedrigen Gelasse um der schönen Aussicht willen mit in den Kauf, die er hier in beträchtlicher Höhe genoß. Von den Fenstern flogen seine Blicke über die Stadt weit in die liebliche Landschaft hinaus. Bei klarem Wetter erkannte sein scharfes Auge das heimatliche Dorf.

Bollhardt war eines Kleinbauern Sohn. Ungewöhnlich begabt, tat er sich in der Dorfschule dermaßen hervor, daß Pfarrer und Lehrer der Meinung waren, wenn dem Jungen die Gunst widerfahre, eine höhere Lehranstalt ober gar die Akademie besuchen zu können, werbe er in der Welt etwas Außerordentliches leisten. Sie wandten sich an einen Oeko- nomen, der ebensowohl wegen seines Reichtums als auch wegen seiner kirchlichen Gesinnung in Ansehen stand. Dieser bot die helfende Hand. Von dem Pfarrherrn gründlich vorbereitet, wurde Bollhardt in das Gymna­sium der Provinzialhauptstadt ausgenommen und bestand das Matnri- tätsexaiuen. Daß er sich dem geistlichen Berufe widme, war seines Schutz- Herrn Wille. Der Abiturient erhob keinerlei Einwand dagegen und bezog als Student der Theologie die Universität. In strengem Kirchenglauben aufgewachsen, mußte er nun die Erfahrung machen, daß die wisienschaft- liche Doktrin der überlieferten Lehre von der Inspiration und Autorität der Bibel offen entgegentrat, daß sie die freie Kritik der kanonischen Schriften für sich in Anspruch »ahm. Alles in unserer Zeit, trug man ihm vor, dränge zu einer geschichtlichen und menschlichen Auffassung der Per­son Jesu hin. Aufgabe der Theologie sei cs, die Religion aus ihrer über- weltlichen Höhe in die realen und sittlichen Interessen des Lebens zu leiten und mit dem Kulturleben der Gegenwart zu versöhnen.

Für die Gemütstiefe und Gewissenszartheit Vollhardls war es be­zeichnend, daß er sich drei Jahre lang in schweren inneren Kämpfen wand. Endlich raffte er sich auf und legte seinem Gönner ein freies Be­kenntnis ab. Er sei in seinem Kirchenglauben wankend geworden, er fühle sich außerstande, dermaleinst von der Kanzel seiner Gemeinde das Evangelium nach den Geboten der Kirche zu verkünden.

Der Patron, aufs höchste aufgebracht, daß sein schönes Geld verloren und sein frommer Wunsch vereitelt war, zog die Hand von seinem Schütz­ling ab. Dieser sah sich aller Mittel bar und von jeder Möglichkeit ent­fernt, einer anderen Fakultät sich zuzmvenden. Nun galt es, rasch zu handeln. Er bewarb sich um die Stelle eines Volksschullehrers, absol­vierte eine Probedienstzeit, worauf er seine Bestallung erhielt. Seit neun Jahren waltete er im Städtchen feines Amts und unterrichtete im Geiste der Liebe, denn die Kinder waren ihm ans Herz gewachsen. Da er im Rufe eines Freidenkers stand, spionierte der Stadtpfarrer nm ihn herum, doch fand Bollhardt einen Rückhalt an dem Schulinspektor, der seine Fähigkeiten kannte. In einer Ehe von kurzer Dauer war ihm kein Glück beschickten gewesen. Bei voller Hingabe an seinen Beruf blieb^ihm Zeit, seinen Neigungen nachzugehen. Er sammelte Volkslieder und -vagen und gab ein stattliches Buch heraus. Ohne ein Sonderling zu sein, mied er die Kneipen, weil er das Kannegießern am Biertisch haßte. Seine Bücher daheim waren seine Freunde, und wenn es ihn unter die Menschen trieb, mischte er sich am liebsten unter das Volk, aus dem er selbst hervorge­gangen. Er hatte eine Freibibliothek begründet, die sich regen Zuspruchs erfreute. Da stand er abends am Ausleihtisch, gab jeglichem, der kam, Be­scheid. Hier bot sich bann auch Gelegenheit, ein verständiges Wort an den Mann zu bringen.

Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt.

Ein Jahr nach Gründung der Bibliothek kündigte Bollhardt öffentliche Borträge an. Die Spießer und Honoratioren schmähten, ein gnädiges Ge­schick habe dasVolk" hierorts vor dem Aufklärungsdusel bewahrt; nun müsse der leidige Schwärmer kommen und die Alarmtrampete blasen. Vollhardt hatte sich nichts anderes vorgesetzt, als Interesse für die Schätze der deutschen Literatur ,311 wecken. Und das gelang ihm in vollem Maße. Zuerst stellten sich schüchtern ein paar kleine Leute ein, bald reichte das Lokal nicht mehr aus, die Zuhörerschaft zu fassen. Die Philister, die Voll- Hardt verhöhnt hatten., schwiegen still. Das Geheimnis seines Erfolges be­stand darin, daß er das Vertrauen seiner Pfleglinge besaß. Auch diese hatten ihre geistigen Bedürfnisse; allein sie offenbarten sich nur dem, der ihr Seelenleben, der ihr Stammeln verstand. Herkunft und Kenntnis des geringen Standes kamen Vollhardt dabei zustatten. So war er ganz in feinem Element. Das Schicksal hatte ihn aus dem Volk heraus im Kreis­lauf zum Volk zurückgeführt. Die Wegstrecke mit ihrer Bitternis hatte er überwunden. Trübsinn und Unfriede waren ihm fremd. Er stand nicht hoch und doch trug ihn dos Bewußtsein empor, auch an seinem Platz der Menschheit zu nützen.--

Es war an einem Sonntagvormittaa, daß die Bellosfen mit Staub­tuch und Besen im Arbeitsstübchen des Lehrers hantierte. Auf dem kunst­losen Schreibtisch lagen allerlei Bücher und Zettel zerstreut. Behutsam fuhr sie zwischen durch, daß alles an feiner Stelle bleibe. Vor Jahresfrist war es ihr passiert, daß sie ein Schriftstück fortgeräumt und hinterher nicht mehr gefunden hatte.Frau Belloff," sprach der Herr Vollhardt selbigmal,'s war nur ein Stück Papier. Da wär' am End' nichts dran gelegen. Aber was drauf stand, das schüttelt man nicht aus dem Aennel. Wer weiß, ob ich's wieder zusammenbring'!" Und war betrübt hinaus- gegnngen. Sie hält' sich gerabverroppen" können. Dem guten Mann das anzutun! Und sie suchte, bis sie schier durmelig war. Ja Prostemahl- zeii! Das Papier mar fort. Seit der Zeit hatte sie Manschetten vor dem Schreibtisch und rührte nicht um die Welt mehr etwas an.

In derlei Sachen war der Herr Vollhardt häklig wie er überhaupt in feinem Haushalt auf Ordnung hielt. Seine und des Theo Wäsche legte er selbst in den Schrank. Die Waschgret, die Schlaubergern, nahm manch­mal Chlor. Das war der Ruin für die Leinwand und gab Löcher und Risse. So was machte den Lehrer fuchsteufelwild. Kniffe und Pfiffe waren ihm verhaßt. Und daß er feine Sach' zufammenhielt, darin hatte er gewißlich recht. Am Effen knappte er sich nichts ab. Das schickte ihm die 'Adlerwirtin so reichlich, daß es abends noch langte. Obwohl er ein schmales Einkommen hatte, schenkte er unter der Hand viel fort. Freilich immer auf feine Art. Einmal kam ein armer Schlucker. Der gab sich für einen Lehrer aus. Er I)abe- feine Stelle verloren und wolle nach Amerika. Noch fehle ihm das Reifegeld. Der Herr Vollhardt faß gerade bei Tifch und lud denKollegen" ein, mitzuhalten. Beim Effen fragte er ihn freu, und quer und hatte bald heraus, daß der Schnorrer fein Seb tag' fein Schulmeister war. Er ließ ihn ruhig fertig effen. Dann nahm er ihn ge­hörig ins Gebet. Der Mann fing ein Geheul an, zum Erbarmen. Er fei von Haus Schneidergefell, die Not habe ihn in die Lüge getrieben. Er habe sich redlich um 'Arbeit bemüht, in feinen Kleiderfetzen weife ihn: jeder Meister die Tür. Da holte der Herr Vollhardt einen 'Anzug herbei und obendrein ein paar feste Stiefel. Flugs zog sich das Schneiderlein um und war nicht mehr zum Wiedererkennen. Den Tag darauf fand er in Krainfeld Arbeit und schrieb einen wunderschönen Brief. Den las der Herr Vollhardt und tat so vergnügt, als ob ihm das leibhafte Glück über den Weg gelaufen sei.

Mit denbesseren" Leuten im Städtchen verkehrte der Lehrer nicht. Seine Kollegen hielten sich von ihm fern, weil er im Geruch eines Demo­kraten stand. Schade um den gescheiten Mann! Das Damoklesschwert hing über seinem Haupt. Da brauchte bloß ein anderer Schulinspektor zu kommen, schnapp! ging's ihm an den Kragen. Dann forschte man wohl von oben: wer von seinen Kollegen ist Gutfreund mit ihm? Ja, hieß es, der geht zu ihm und jener. So, so! Das genügte, einen ums Amt zu bringen. Schade um den gescheiten Mann! Aber wie die Dinge nun ein­mal lagen, keine Vertraulichkeit mit ihm.

Der einzige Mensch, der Vollhardt besuchte, war Herr Ambrosius Daquö, Fabrikant des weitbekannten russischen Magenlikörs, genannt Daquewitsch. Das war ein fideler Sechziger, dessen Verstand und Men­schenkenntnis die mangelnde höhere Bildung ersetzten. Abgesehen von seinem Destillat liebte Herr Daquö auch sonst einen guten Tropfen. Die­weil ihm derRachenputzer" seines Freundes Vollhardt sozusagen ein Loch in den Magen fraß, hatte er ein für allemal ausGesundheitsrück- sichten" um die Erlaubnis gebeten, bei den abendlichen Besuchen seinen eigenen Wein trinken zu dürfen. Regelmäßig schickte er sein Faktotum mit einem Korb feiner Marken voraus. Der Lehrer profitierte davon und becherte mit. Zuweilen kneipten die beiden durch. Die Bellosfen war da­hinter gekommen, doch schwieg sie fein still. Der Herr Bollhardt lebte so eingezogen, hatte Tag für Tag feinen Plack. Warum sollte der nicht einmal über die Stränge schlagen? Dann wußte sie aus eigner Er­fahrung: So'n kleiner Schwipps war nicht zu verachten. Da' fühlte mein sich federleicht und aller Sorgen ledig.

Das Arbeitsstübchen war blitzblank. Eben ging die Sellosfen daran, das Schlafzimmer in Ordnung zu bringen, als Vollhardt mit seinem Buben hereintrat. Der stattliche Mann mit dem freien Blick, der Junge, feinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten die beiden konnten sich sehen lassen. Sie hatten den schönen Morgen benutzt und einen weiten Gang gemacht. Theo, der kleine Possenreißer, ließ allerlei Schnickschnnn los. Gegen ihre sonstige Gewohnheit ging die Alte heute nicht daran! ein. Dem Lehrer, der jede Falte in ihrem Gesicht kannte, fiel ihr ge­nehmen auf, und er fragte freundlich:

Frau Belloff, wo fehlt's?"

(Fortsetzung folgt.)

Druck und Verlag: Brühl'sche Aniverf itäts-Buch-- uttb Steindruckerei, D. Lange, Gießen.