gesenkter Stirn. So lieh ihn die Frau allein. Ihr «einer Knabe im Schafspelz öffnete nach einer Weile die Tür und lugte hinein, sagte freundlich das Wort, das Soldat bedeuten mochte, erschrak aber, da er Rens knien sah. Da entlief er zu seiner Mutter.
Als RenS abends so lange nicht in den Stall kam, wurde Marcel unruhig. Er fand die junge Frau in der heißen Stube am Spinnrocken, aber die Spindel tanzte nicht. Sie wußte nicht, wo Collignon geblieben war. Aber der Junge deutete ins Freie. „Ach Collignon", sagte Marcel und machte sich auf, den Verliebten zu suchen. Er sah seine taumelnde Spur in den Schnee gebrochen und folgte ihr mit der Laterne tief in die Nacht hinein. Einmal muhte RenS gestolpert sein, denn der Schnee war zerstört. Immer wieder ries Marcel des Gefährten Namen durch die hohle Hand in die Finsternis. Aber der Wind riß ihn fort. Marcel fand den Törichten im Schnee liegen mit geschlossenen Augen, Rauhreif an Wimpern und Haar. Renös Hände aber waren zerrissen vom Frost. Er begehrte nicht aufzustehen. Schlafen, so war ihm, und alles ist wieder gut. Marcel bückte sich zu dein müden bereisten Angesicht und rüttelte Collignon. Aber Collignon mochte nicht. Da teilte Marcel seine Wänne mit ihm und erweckte ihn zum zweiten Male; er hob ihn auf. Der Wind ruhte und Flocken schwebten herab auf die beiden, als sie sich ins Unbekannte, Weiße wandten zu neuer mühseliger Wanderung. .Komm, RenL!" sagte Marcel, und sie gingen.
Da formte sich plötzlich das Finstere, groß und warm kam es von allen Seiten, braune, dampfende Pferde und dunkle feindliche Reiter mit tödlichen Lanzen. „Marcel, die Kosaken!" schrie Collignon und stellte sich vor den Gesährten. Er hielt das kleine rote Buch der Sonette weit von sich und hob begeistert die Hand. Die Lanze fuhr durch seinen Hals tief in Marcel Rossignols Herz. Sie sahen noch einen Augenblick unzähliges Weißes leise und freundlich auf sich herniederschweben. Dann gaben sie sich ganz hin dem süßen unendlichen Schlaf.
Die deutsche Zarin.
Zum 200. ffiebttrfstoge der Großen Katharina.
Von Liane v. G e n tz k o w.
Es müssen besondere Schicksalssterne am Himmel gestanden haben in jener Stunde, als in Stettin die kleine Prinzessin Sophie von Anhalt- Zerbst die großen blauen Augen zum ersten Male aufschlug. Aus einem der zahllosen kleinen deutschen Fürstenhäuser stammend, die politisch nichts bedeuteten, Tochter eines preußischen Gouverneurs, war sie berufen, eine der mächtigsten Frauen der Welt zu werden, eine von den ganz wenigen, die man neben den bedeutendsten Herrschern nennt. Fast jeden Winter ihrer Kindheit verbrachte sie am Berliner Hof, und Friedrich der Große förderte einen Heiratsplan, der zuerst ihr Unglück, dann ihren Ruhm begründete. Mit 15 Jahren kam sie nach Petersburg und wurde durch die regierende Zarin Elisabeth dazu ausersehen, die Braut ihres Neffen und Thronfolgers Peter von Holstein-Gotiorp zu werden, der durch seine Mutter ein Enkel Peters des Großen war. Die Prinzessin trat zur russischen Kirche über, erhielt den Namen Katharina und wurde im September 1745 mit dem Großfürsten Peter, der ein Jahr älter war als sie, getraut. Umgeben von Kälte, Mißtrauen und Abneigung, an einem nur halbzivilisierten, ausschweifenden, intriganten Hof, verheiratet an einen wenig gebildeten, launenhaften, schlecht erzogenen jungen Menschen, der sich in Rußland unglücklich fühlte und aus seiner Abneigung gegen seine Gattin kein Hehl machte, hat die Großfürstin die 16 Jahre ihrer Jugend hindurch eine schwere Lehrzeit durchmachen müssen. An Geist und Begabung dem Hof weit überlegen, arbeitete sie zielbewußt daran, sich weiterzubilden und sich Einfluß zu verschaffen, um einst eine große Rolle spielen zu können. Ihre Memoiren, die einzige ihrer zahlreichen schriftstellerischen Arbeiten, die dauernden Wert hat, schildern lebendig jene Zeit mit ihrem diplomatischen Geschick, alles in einem für sie günstigen Licht erscheinen zu lassen.
Längst hatte sich die Großfürstin ihre Partei geschaffen, als Peter III. 1762 den Thron bestieg und seine Unfähigkeit sofort in Maßnahmen bewies, die allgemeine Unzufriedenheit weckten. Die Zarin fühlte sich bedroht, oder — gab vor, es zu jein: der Zar sollte mit der Absicht umgehen, sie selbst und den kleinen Zarewitsch Paul, an dessen Legitimität er wohl mit Recht zweifelte, zu verstoßen und seine Geliebte Elisabeth Woronzoff zu heiraten. Die Partei der Zarin, an der Spitze die Brüder Orlow, von denen Gregor ihr begünstigter Liebhaber war, ergriffen die Initiative. In der Nacht vom 8. zum 9. Juli 1762 begab sich Katharina von ihrem Lustschloß Peterhos nach Petersburg und gewann die Garde für sich, die ihr huldigte, während in der Kasanschen Kirche ihre Erhebung zur Herrscherin verkündet wurde. Der entthronte Zar, schwach und unentschlossen, fand nicht die Kraft zu irgendeiner Gegenmaßnahme und wurde wenige Tage später durch Alexis Orlow und andere ermordet. Wie es heißt, geschah dies ohne Wissen und Willen der Zarin; jedenfalls haben die Mörder hohe Ehrenstellen eingenommen und Gregor Orlow blieb noch lange Jahre ihr Günstling.
So hatte Katharina den blutbespritzten Thron von Moskau, der von je ohne zu schwanken Verwandtenmörder, Verschwörer und Aufrührer trug, in der fast traditionellen Art bestiegen — durch Revolution und Mord —, und auf den klugen feinen Rokoko-Kopf der deutschen Prinzeß senkte sich die schwere Krone der großen Barbaren Iwan und Peter. Eine Frau als Zar von Rußland! Eine Frau Selbstherrscher des halb- asiatischen Reiches, das ungeheure Zukunftkeime in sich barg! Ein berauschender Gedanke für einen unbändig ruhmsüchtigen Charakter. Das wichtigste Ersordernis für einen russischen Zaren besaß Katharina — absolute Fruchtlosigkeit. So blieb ihr auch das Glück treu.
An Kronprätendenten fehlte es nicht; 1774 tauchte noch einmal der Schatten des ermordeten Peter auf; ein Donkosak gab sich für ihn aus, begeisterte halbwilde Stämme, gewann leibeigene Bauern, stürmte Kasan, bedrohte bereits Moskau. Aber der Enderfolg war auf feiten Katharinas. Schon 1775 war der Aufstand zusammengebrochen und die Rädelsführer hingerichtet.
Ein anderer Prätendent letzt« fett feinem ersten Lebensjahr in Ge- fängnifsen, Iwan, ein Nachkomme von Peter des Großen älterem Bru- der; bei einem Versuch, ihn aus Schlüsselburg zu befreien, wurde er 1764 ermordet. Auch eine geheimnisvolle Frau erschien außerhalb der russischen Grenzen, bezeichnete sich als Tochter der verstorbenen Zarin Elisabeth und fand Unterstützung und Glauben. Durch einen Vorwand auf ein russisches Kriegsschiff gelockt, wurde sie von Alexis Orlow entführt und verschwand spurlos in einem russischen Kerker oder Kloster.
Obwohl Katharina im Gegensatz zu ihrem Gatten es verstanden hatte, bis zu einem gewissen Grade Russin zu werden, warb sie doch stets um den Beifall des westlichen Europas, des Europas der Aufklärung. Sie wechselte schmeichelhafte Briefe mit Voltaire, Diderot, D'Älembert und bezeichnete sich in einem Brief an den berühmten Schweizer Arzt Zimmer- mann mit einer gewissen Koketterie als „Republikanerin". Aber als die Saat aufging, die jene Lieblinge der aufgeklärten Fürsten gesät hatten — als der Sturm der französischen Revolution losbrach, schreibt die Zarin jenes andere Wort, das so viel ehrlicher klingt: „Ich kann nicht an die großen Talente der Schuster und Schneider für Regierung und Gesetzgebung glauben." Mit tiefer Verachtung sah sie auf Ludwig XVI., als er den Eid auf die neue Verfassung leistete.
Bei aller Eitelkeit war Katharinas Vorliebe für Künste und Wissenschaften echt; sie nahm auch Bestrebungen der Frauenbewegung vorweg, als sie zum ersten Direktor der russischen Akademie eine Frau ernannte, die Fürstin Daschkow. An den Aufgaben der Akademie, die darin bestand, die russische Sprache zu vervollkommnen, die Literatur zu fördern und das erste russische Wörterbuch zu verfassen, arbeitete die Zarin praktisch mit. Unbestreitbar sind ihre Bemühungen um die innere Verwaltung Rußlands, um Gerichts- und Schulreformen, um Landwirtschaft, Hebung der Industrie und des Außenhandels. Der von ihr ausgearbeitete Entwurf eines Gesetzbuches von 1769 enthält sehr humane und moderne Ansichten; u. a. sagt sie: Jede Strafe, die den menschlichen Körper ver- stümmeln kann, muh abgeschafft werden ... Die Anwendung der Folter widerspricht der gesunden Vernunft ... Das sicherste aber schwerste Mittel, um die Menschen besser zu machen, ist die Erziehung ... Die Landwirtschaft wird niemals da gedeihen, wo der Bauer kein Eigentum besitzt ... Almosen ersetzen nicht die Verpflichttmg des Staates, jedem Bürger eine sichere Existenz, Nahrung, Kleidung und eine der Gesundheit zuträgliche Lebensweise zu schulden usw.
Sie hatte alle Eignung zu einem bedeutenden Herrscher, aber sie wollte zuviel, ein Fehler, von dem mittelmäßige Naturen verschont bleiben. Ihre Pläne waren teilweise überstürzt und nicht zur Reife gekommen. Ihr ruheloser Ehrgeiz, gestärkt durch ihre blendenden Erfolge in der Außenpolitik, trübte ihren Blick später für die inneren Nöte des Landes. Durch die Teilung Polens, die Türkenkriege, die Rusflfizierung der Ostseeprovinzen vergrößerte sie Rußland um 550 000 Quadratkilometer und chus aus ihrem Reich einen Machtfaktor in der europäischen Politik.
Die Schatten fehlten bei so blendendem Licht nicht. Unnatürlich für eine Mutter war ihr Verhalten gegenüber ihrem einzigen Sohn Paul, den sie eifersüchtig von der Regierung sernhielt und dem gegenüber fie immer eine eisige Kälte zur Schau getragen hat. Haßte fie in ihm wirklich den Sohn Peters III. und würden demnach die Romanows ihren Namen doch zu Recht tragen? Oder erstickte die Herrschsucht bei dieser eigenartigen Frau jede andere Regung?
Da ihr Privatleben dem eines asiatischen Sultans ähnlich war, so hoi zu Unrecht gerade diese Seite ihres Lebens viele berufene und unberufene Federn in Bewegung gesetzt. Uebrigens hat von ihren Günstlingen doch nur einer entscheidenden Einfluß auf sie gehabt — Potemkin, der Orlow verdrängte. Es ist richtig, daß er Millionen für sich verschwendete — aber schließlich verdankte die Zarin gerade ihm ihre außenpolitischen Erfolge. . . ..
So unbeständig sie in ihren Leidenschaften war, so treu und dankbar war sie als Freundin. Ihre nächste Umgebung schilderte sie als die liebenswürdigste Gesellschafterin, heiter, ohne Launen und ohne eine Spur von Despotismus, dazu eine sehr anmutige Erscheinung, deren Reize ihr jahrelang treublieben — eine echte Dame des Rokoko, die den Geist der Salons von Westeuropa nach Halbasien zu verpflanzen suchte.
Als Katharina am 17. November 1796 starb, ging mit ihr eine der markantesten Frauengestalten der Weltgeschichte hin, groß in ihren Vorzügen, groß auch in ihren Fehlern, aber eine Frau, die es verstanden hatte, das angefangene Werk Peters des Großen fortzuführen und aus Rußland, bisher einem Staat zweiten Ranges, jene gefürchtete und mel- umworbene Großmacht zu schaffen, die die Geschichte Europas und der Welt im folgenden Jahrhundert verhängnisvoll stark bestimmen sollte.
Die Sprache der Tiere.
Von Ludwig Zukowsky.
Obwohl die Forschung mancherlei interessante Ausschlüsse über bä Verständigungsweise der Tiere gegeben hat, stehen wir dem -W» dieser wichtigen Lebensäußerung noch verhältnismäßig fern. Die 6° ' schungsergebnisse haben gelehrt, daß vielen Tieren ein durch Lome Y- vorgebrachtes, ausgeprägtes Verständigungsvermögen eigen ist, das °i mals in ihrem Kampf ums Dasein eine bedeutende Rolle fjielt. Forscher haben dieses Verständigungsvermögeu als „Sprache bezeichne'' Solange der Begriff ..Sprache" als willkürliche Aeußerung von w gungen und Gedanken durch artikulierte Laute unter Verbindung ein bestimmten Zwecks aufgcfaßt wird, muh der Verständigungsweist vrei Tiere der Rang einer Sprache zugesprochen werden. Aus der im reiche unzutreffenden Lautsprache hat sich offenbar die heutige geglieoe Wortsprache des Menschen entwickelt. Die Lauiäußerung der Tierei n wie die des Menschen stets einem bestimmten Zweck unterworfen, eve i hängt der Umfang des Lautschatzes innerhalb einer Tierart immer mu o bestehenden Bedürfnis im engsten Zusamenhang. Wenn als Tau { gelten kann, daß vielerlei Naturvölker noch heutigentags in Begnu , Ausdruck soweit zurückstehen,, daß sie nur „Eins, Zwei, Drei und V zu zählen vermögen, so muß sestgestellt werden, daß die Kluft zwu /


