Ausgabe 
29.4.1929
 
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SietzenerKmilienblStter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang 1(929 Montag, -en 29. April Nummer 55

Die Grenadiere.

Bon Heinrich Heine.

Rach Frankreich zogen zwei Grenadier, die waren in Rußland gefangen.

Und als sie kamen ins deutsche Quartier, sie ließen die Köpfe hangen.

Da hörten sie die traurige Mar: daß Frankreich verloren gegangen, besiegt und zerschlagen das große Heer, und der Kaiser, der Kaiser gefangen.

Da weinten zusammen die Grenadier' wohl ob der kläglichen Kunde.

Der eine sprach:Wie weh wird mir, wie brennt meine alte Wunde!"

Der andre sprach:Das Lied ist aus, auch ich möcht mit dir sterben, doch hab ich Weib und Kind zu Haus, die ohne mich verderben."

Was schert mich Weib, was schert mich Kind, ich trage weit bessres Verlangen;

laß sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind, mein Kaiser, mein Kaiser gefangen!

Gewähr mir, Bruder, eine Bitt':

Wenn ich jetzt sterben werde, so nimm meine Leiche nach Frankreich mit, begrab mich in Frankreichs Erde.

Das Ehrenkreuz am roten Band sollst du aufs Herz mir legen; die Flinte gib mir in die Hand und gürt mir um den Degen.

So will ich liegen und horchen still, wie eine Schildwach, im Grabe, bis einst ich höre Kanonengebrüll und wiehernder Rosse Getrabe.

Dann reitet mein Kaiser wohl über mein Grab, viel Schwerter klirren und blitzen;

dann steig ich gewaffnet hervor aus dem Grab, den Kaiser, den Kaiser zu schützen.

Novelle in Weitz.

Von Ernst P e n z o l d t.

Der kleine Trommler Rens Collignon marschiert als letzter der Nach­hut der Großen Armee in Rußland. Er hat seine große Bürenmütze längst verloren und trägt eine Haube von Schnee über den braunen Haaren. Denn es schneit seit drei Tagen in großen freundlichen Flocken vom Himmel. Ren« Collignon ist sehr müde und feine große bunte Trom­mel so schwer, daß er fürchtet, zurückzubleiben. Die Soldaten vor ihm sind alle wie er beschneit und müde von der Wanderung. Ein Geruch von Brand ist noch in ihren Kleidern und Haaren. Rens Collignon ist aber schon ganz von Sinnen und nur noch Marsch, gequälter Rhythmus. Er ist verstummt und beinahe bereit, hinzusinken mit den großen freundlichen Flocken, aufzugehen im Weißen, und er spürt, daß ihm leichter wird. Gib mir die Trommel, Rens Collignon", hört er neben sich sagen und wird einen Augenblick wach von seinem Namen. Der andere tritt hinter ihn; er hat die große Trommel genommen. Dann ist es wieder still wie vorher, endlose Wanderung im Weißen. Und immer kommt es noch leise, Weiß an Weih, vom Himmel im Weißen versinkend. Sonst ist aber nichts ringsherum, kein Dorf, kein Tier, kein Baum. Da wendet sich plötzlich Rens Collignon um, daß er ihn sehe, der für ihn seine Trommel trug. Und jener trug sie wirklich noch, obgleich es doch so unsinnig war, zu denken, daß man je wieder trommle. Collignon sah den andern an und erkannte ihn freundlich. Doch geriet er dabei ins Taumeln und fiel seit­wärts, Als er im Schnee lag, begehrte er nicht mehr aufzustehen. Schla­fen, so war ihm, und alles ist wieder gut. Er sah noch einen Augenblick Unzähliges leise und leicht senkrecht auf sich herabschweben, dann schlos- sen sich seine Augen, ganz gab er sich hin dem süßen gefährlichen Schlaf. Nicht gleich nahm es der andere wahr. Schläfrig und stumpf war er wie alle. Nun aber bückte er sich hinab zu dem müden, beschneiten Gesicht und rüttelte Collignon:Aufstehen, du! Wach auf!" rief er. Er griff ihm ins Haar und versuchte ihn hochzureißen.Collignon," brüllte er,vorwärts, oder ich lasse dich liegen. Collignon, die Kosaken kommen! Es ist letzt nicht Zeit zu sterben!" Aber Collignon mochte nicht.Schlafen", sagte er

unwillig leise. Schon waren die Soldaten so weit, daß sie im Blicke zer­gingen. Und dann sah man nur noch rings den ewig fallenden Vorhang sanfter, vergänglicher Flocken. Sie schwebten unendlich herab, Weißes zu Weißem. Der also Vereinsamte warf die Trommel von sich und schlug zornig mit dem Riemen den schlafenden Collignon. Schon verschneiten die Spuren, als der Trommler sich regte. Er schrie laut auf, denn die Hiebe brannten auf seinen frierenden Händen. Der andere aber war stark und hob ihn statt der Trommel, bereit ihn zu tragen, wenn er nicht gehen wollte. Ein Schluck Branntwein machte Collignon vollends wach. Dann trug ihn der Geführte auf dem Rücken mit sich, den schwindenden Spuren des Heeres zu folgen. Da aber Collignon merkte, daß es dunkler wurde, erschütterte ihn das Vergängliche und, da er noch ein Knabe fast war, begann er leise zu weinen. Der andere sagte kein Wort. Als er einmal rastete, fragte ihn Collignon, wie er denn heiße: Er nannte sich: Marcel Rossignol. Es hatte zu schneien aufgehört, und als die Ebene blau vom Abend wurde, sagte Collignon, daß er jetzt wieder gehen könne, und nahm sich zusammen. Nach einer Weile aber, da es schon finster war nur der Schnee leuchtete matt merkten sie, daß sie die Spur verloren hatten, im Kreise gegangen waren.Ist das nicht deine Trommel, Col­lignon", sagte Marcel und stieß mit seinem Fuß an einen großen Schnee­pilz. Sie war es.Nicht weinen jetzt", brummte Marcel. Es genügt, daß wir leben, auch fern und ganz verlassen ..."Aber um meinetwillen .. begann Collignon. Marcel setzte sich auf die Trommel.Was willst du? Wir könnten ebenso gut auf dem Marktplatz von Aubigny sitzen, und es hat eben geschneit. Macht es dich furchtsam, daß es nun nicht so ist?" Sie waren ja nun unendlich verlassen in der weiten Ebene.Was ist dein Beruf, Collignon?" fragte Marcel.Dichter", antwortete schüchtern der Trommler. Er sagte es, obgleich es doch unsinnig war, es jetzt zu denken, hier bei der großen bunten Trommel in Schnee und Nacht, ganz nah am Tode, und er lächelte. Marcel schrieb ihre Namen groß in den Schnee und teilte sein Brot mit Rene, ehe sie sich aufmachten, weiterzugehen. Sie schwiegen wieder lange. Einmal ragte ein Arm, eine starre Hand aus dem Schnee, wie ein Ast beschneit. Sie sahen es beide und verschwiegen ihre Gedanken. Marcel begehrte nur immer ein kleines Licht in der Ferne zu sehen oder einen Hund zu hören. Manchmal meinte er wirklich einen kleinen Schimmer im Hintergrund der Nacht zu schauen. Aber es war wohl nur Sehnsucht, die es erschuf, als sei es. Er hörte auch Schlit­tenglöckchen und dachte an warme dampfende Pferde so stark, daß sich das Finstere formte und groß und warm auf ihn zukam. Da packte ihn Col­lignon:Ein Pferd!" schrie er. Da raste es schon dunkel vorbei und war wieder Nacht. Später aber begegnete ihnen ein Baum; da war es nicht mehr so einsam. Dort rasteten sie, daran gelehnt und wärmten einander. Jeder meinte, der andere schlafe, und wachte mit Mühe. So wachten sie beide.

Als es hell wurde, sahen sie, daß sie nahe bei einem Bauernhof ge­nächtigt hatten. Collignon sah ihn zuerst, und sie gingen hin. Sie klopften an und ein kleiner Junge im Schafpelz öffnete. Er erschrak nicht vor ihnen, sondern sagte etwas auf russisch, dasSoldat" bedeuten mochte, und ließ sie freundlich ein in die heiße Stube. Es ist wohl seltsam, dem Tode entronnen zu sein, dachte Marcel, und es ist nicht anders, als ob eine Tür geht. So selbstverständlich und gar nicht wunderbar ... Sie sahen eine junge Frau in der Stube stehen, eine Schale heißer, dampfender Milch in den Händen. Es gelüstete sie sehr, davon zu trinken. Sie gab ihnen beiden und sie lachten, da sie sich nicht verstanden. Es war aber keine Feindschaft gegen sie, so elend waren Renö und Marcel. Vom Ofen kletterte der Bauer herab, und Knechte und Mägde sahen neugierig durch die kleinen Fenster herein. Draußen war Sonne. Marcel trug Rens, der Kim Sitzen schlief, auf das Ofenbett, und beide schliefen tief bis zum

;d. Als Collignon erwachte, sah er das Gesicht der jungen Frau über sich geneigt. Sie machte sch, sch, wie einem Kinde. Marcel sah es und staunte ob des Hellen Haares der jungen Frau, so blond war sie, fast weiß. Nun trugen auch die beiden Soldaten zottige Schafspelze und halfen den Knechten ein wenig. Sie wohnten auch im Stall mit den Pferden ganz nahe. Abends saß Marcel noch wach auf der Futterkiste und sah heiter zu, wie Collignon schlief. Am Tage saß die junge Fran in der Stube und ließ geschickt die Spindel tanzen. Rena Collignon saß bei ihr und las ihr, obgleich sie ja nichts davon verstand, seine Sonette mit lauter Stimme vor. Er hielt dabei das kleine rote Buch weit von sich und hob begeistert die Hand empor. Die junge, Frau lächelte:Oh, sagte sic, als er stolz geendet, und bewunderte ihn, weil er lesen konnte. Auch Marcel mußte lächeln, der gerade dazu kam. Dann aßen sie alle zu­sammen aus einer Schüssel in der engen, heißen Stube. Am Mittag ober spannte der Bauer den Schlitten an, heimlich die Kosaken zu holen.

Der kleine Franzose Collignon aber hatte ein feuriges Herz. Ach, es war wunderbar, dem Tod entronnen zu sein und zu lieben. Die junge Frau aber lachte ihn aus, als er entzückt und bebend vor ihr nieder- kniete. Sie stand auf und wärmte die Hände am Ofen, als sei niemand da. Renö Collignon kniete noch, die Hand auf dem feurigen Herzen mit