„Weil diese Frau keine glückliche Bestrahlung hat! Ich fühle das, Herr Wiehl — glauben Sie mir! Wenn man ihr das Horoskop stellte — aber ich werde es nicht tun! — so würde es sich erweisen. Ich stabe mich seit Jahren bemüht, alle schädlichen Einflüsse auf mein Haus und meine Arbeit auszuschalten, soweit uns Menschen das möglich ist ... die Fremde würde mich stören! Darum kann ich sie nicht aufnehmen und wenn sie mir Gold böte! Ich hab' sie zur Frau Berg geschickt, da ist es ruhig und still wie hier!"
Warum nur hat er sie zu Hannas Mutter geschickt, frage ich mich; warum nicht zum Lehrer, der doch auch vermietet oder zur Witwe Fuchs? Es ist Zufall, wenn es einen Zufall gibt. Natürlich ist es ein Zufall, denn Onkel Josua weiß nichts von jener ersten Begegnung. Aber ich weiß davon, und der Blick, mit dem die Fremde sich an Hanna Hämmerte, beunruhigt mich. Was kümmert es mich, ob Sidonie Bees- kow eine glückliche Bestrahlung hat ober nicht, es geht nicht um sie! Ich denke an Hanna, die fröhlich ist und voll warmen Lebens, schön und bedenkenlos wie ein Tier! An Hanna, die eine Stunde mit mir durch die Dämmerung geht! Ich will auf meiner Hut sein, denn da ist ein Fremdes, das an unser Leben rührt, eine Gefahr, die ich wittere! —
Ich gehe durch die Wiesen, auf denen Birnbäume und Aepfel sich müde geblüht haben und Kohlweißlinge hin und her taumeln, und biege ein zu den Weiden am See, wo meine alte Werkstatt liegt. Ich werde mich vielleicht beeilen müssen, frischen Ton zu besorgen und meine Geräte bereit zu halten, denn es ist eine Gefahr im Verzüge. Ich darf nicht länger meine Tage im Traum verbringen und mit jeder Linie ihrer Bewegungen und dem Rhythmus ihrer Glieder meine Mappen füllen, die niemand sieht, von denen kein Mensch etwas weiß und Hanna am allerwenigsten! Es ist ein Rankenspiel um einen Traum, aber bei Gott! — es ist keine Gestaltung.
Wenn ich noch einmal Thomas Wiehl fein will, dessen Werke draußen hoch im Preis standen, dann muß es bald geschehen. Wozu anders wäre ich sonst noch hier? — Einmal muß der Traum sich formen, in dem wir leben und weben, oder es ist zu Ende mit uns! Ich bin nicht mehr jung genug, um zu besitzen, und nicht alt genug, um zu verlieren. Aber ich kann, vielleicht, noch einmal Thomas Wiehl fein, der ich war, und meinen Traum gestalten!
Nun ist Sidonie Beeskow bei uns eingezogen. Der Hausknecht vom Löwen hat zwei große Koffer und ihre lederne Handtasche herübergeschafft; man sieht es ihnen an, daß sie aus gutem Hause sind. Mutter Berg findet, daß Fräulein Beeskow alles in allem eine Pensionärin ist, wie man sie sich nur wünschen könne: ein bescheidener Mensch, der feiner Wege geht, selten klingelt und nichts als Ruhe haben will!
Sie hat das blaue Zimmer am Ende des Korridors bekommen, dicht nben meinem, aber wir hören nichts voneinander und begegnen uns selten. Wir müßten schon sehr laut und heftig reden, wenn man im Nebenzimmer ein einziges Wort verstehen sollte. Lärm zu machen, ist gewiß nicht meine Art und, wie mir scheinen will, auch nicht der Ehrgeiz von Sidonie Beeskow.
Wir bilden eine große Familie bei Tisch, fast wie im Hochsommer, wenn die Fremden das Haus füllen, und Mutter Berg hat wirklich alle Ursache, zufrieden zu fein, denn da sitzen bereits Gäste, die mittags und abends Wein trinken und nicht erst lang nach dem Preise fragen! Um euch nur einen zu nennen: den Fabrikanten Zollinger aus Stuttgart mit feiner hübschen, jungen Frau, die ihre Blicke von einem zum andern wirst und sich ersichtlich um Florian bemüht. Ihr Mann hat eine liebenswürdige Überlegenheit, sie gewähren zu lassen, und wenn es ihn an der Zeit zu fein dünkt, fo zieht er mit unmerklichem Lächeln Florian in ein ernstes Gespräch über Frachttarife und Holzzölle und alle möglichen Dinge, denen Florian durchaus nicht widerstehen kann. Er ist ganz offenbar ein kluger Gatte und ein schlauer Fuchs, dieser Herr Zollinger und für Onkel Josua und mich ein Quell geheimer Freuden!
Zumeist kommt Florian als letzter zu Tisch, denn er arbeitet bis zum späten Abend und gönnt sich oft nicht einmal die Zeit, in Ruhe zu essen. Von Fräulein Beeskow hat er kaum Notiz genommen, aber man muß zu Florians Entschuldigung sagen, daß allerdings nicht das geringste in ihrer Erscheinung und in ihrem Wesen liegt, was jungen Menschen Eindruck machen könnte. Sie sehen an ihr vorbei und merken gar nicht, was für ein merkwürdiger Vogel da an unferm Tisch sitzt.
Ach, und im übrigen denkt Florian einzig und allein an sein Sägewerk und allerlei Pläne für die Zukunft! Er spricht mit dem Fabrikanten davon, daß er sich ein Haus bei der Fabrik baiyn wolle. So gut geht es dem jungen Florian, daß er an Bauen denken kann! Frau Zollinger neckt ihn ein wenig, weil ein Haus- ohne Frau doch ein Unding sei, aber Florian schüttelt gleichmütig den Kopf. Eine Frau? — Daran ist immer noch Zeit zu denken, wenn das Haus erst 'mal fertig ist!
Ich kann von meinem Platz aus sehen, wie Hanna sich zurücklehnt bei seinen Worten und ihn spöttisch betrachtet. Es zuckt um ihren Mund, und es liegt auch ein ganz klein wenig Furcht darin, wie immer wenn Hanna sich lustig macht über Florians unbeholfenen Ernst. Eine winzige, weibliche Furcht vor der Tatze des Büren. Ich bin nicht unerfahren und nicht blind; es sind Frauen genug über Thomas Wiehls Weg gegangen!
Sidonie Beeskow sitzt mir gerade gegenüber neben Fräulein von Gillfeldt, die schon seit drei Jahren hier wohnt und von Mutter Berg stets neben die Neugekommenen dirigiert wird, weil sie eine besondere Gabe und Geduld hat, alles Wissenswerte aus den Leuten herauszulocken. Ader ich glaube nicht, daß sie mit ihren listigen Fragen bei Sidonie Beeskow viel Glück haben wird, denn die Fremde ist scheu und auf ihrer Hut; ganz vorsichtig gibt sie Antwort und legt ein Zögern zwischen ihre Worte, wie wenn sie überlege und wäge, was ein liebel« wollender an ihnen beuteln und drehen könne. — Daß sie vor Jahren einmal im Wiener Kamera-Klub photographieren gelernt hat und als
junges Mädchen eine Sammlung von Gipsabgüssen schöner und seltsamer Hände begann, daß sie Beides nach einer Weile aufgab, liegen ließ und heute, wie sie sagt, nicht mehr den Mut aufbrächte, sich hinzu- setzen und eine Sache ganz zu tun — das wundert mich durchaus nicht, von ihr zu hören, aber es geht mir im Kopf herum, und ich gäbe manche Skizze aus meinen Mappen dafür, wenn ich die Hände sehen könnte, die Sidonie Beeskow gesammelt hat!
Fräulein von Gillfeldt ist Künstlerin, wie sie behauptet, und radiert auf kleinen Blättchen jeden malerischen Punkt am See für eine Berliner Kunstanstalt. Ich glaube, sie wird sehr schlecht bezahlt, aber auf ihren Briesen steht: an die Kunstmalerin Freiin Annemarie von Gillfeldt, und darauf ist sie ebenso stolz wie auf ihren Namen. Einmal im Jahr fährt sie zum Familientag aller Gillfeldts nach Hannover- und sie würde lieber drei Monate hungern als auf diesen Tag verzichten. Auf dem Rückweg besucht sie dann Herrn Lewinski, ihren Verleger, und bespricht neue Schlachtfelder, die Rothenburg und Dinkelsbühl heißen. Auf mich sieht sie ein wenig herab, weil Herr Lewinski gesagt hat, Thomas Wiehl sei zwar vor Jahren ein Künstler von Rang gewesen, aber er verstünde nichts mehr aus sich zu machen. Vortrefflich gesprochen! Wenn ich Herr Lewinski wäre, ich würde akkurat dasselbe von mir sagen!
Laßt die Toten ihre Toten begraben und gebt dem Leben, war des Lebens ist. Ich bin kein Freund von Friedhöfen, auch wenn ein Wall von Rosen sie bedeckt und Land und See und die Feme wie ein Märchen der Freude zu ihren Füßen liegen. Wenn ich tot bin, will ich ausgelöscht und vergessen sein; ich will die Welt nicht mehr beschweren mit meiner Mahnung an Vergänglichkeit und eitlen Schnickschnack. Ob dies Leben gut oder -schlimm, arm oder reich war — gleichviel, es war ein Leben, und damit soll es fein Bewenden haben!
Ich hatte Augen zu sehen und Sinne zu fühlen; daß ich sie nutzte, war mein Recht, daß ich lebte, war mein Glück! Wenn das Feuer Der- loschen ist, soll man die Asche in alle Winde streuen und weitergehen. Nein, ich bin kein Freund von Friedhöfen, die den Menschen schwach machen und das Leben vergiften. Die vielgerühmte Weisheit der Totengräber ist eine kümmerliche Wichtigtuerei und nichts weiter!
Wenn ich dennoch bisweilen auf den Friedhof gehe, so habe ich meine besonderen Gründe, und der Gärtner dort oben weiß schon, warum ich komme. Von Trauerweiden und Efeu hält er so wenig wie ich und züchtet viel lieber die schönsten Rosen. Er läßt blutrotes Leden funkeln gegen den blassen Tod, und das gefällt mir an ihm; wir sind mit den Jahren gute Freunde geworden. Von Zeit zu Zeit geh' ich zu ihm hinauf und hole mir ein paar Stecklinge für Frau Bergs Garten, und weil es Hanna in den Sinn kommen könnte, eine Rose in ihren Gürtel zu stecken. Dann gehen wir zusammen von Strauch zu Strauch, atmen die Fülle und den Duft des Ledens. Die Toten stören uns dabei nicht im geringsten!
Der Gärtner hat vor kurzem eine neue und sehr seltene Sorte bekommen, auf die er viel Sorge verwendet, um sie in Blüte zu bringen. Er hat ihr besondere Erde gegeben und kennt ihre kleinsten Bedürfnisse und Wünsche; er spricht von ihr wie von einer Tochter. Da gehen Schritte hinter uns vorbei durch die Allee, und der Gärtner grüßt Sidonie Beeskow. Sie dankt und geht ruhig weiter, die Reihen der Gräber entlang bis zu dem neuen Teil des Friedhofs, der noch nicht bebaut und kaum angelegt ist. Wir schauen hinter ihr drein, und ich frage den Gärtner, woher er die Dame kenne.
„Sie kommt fast jeden Tag hierher," erwidert er — „und gestern hat sie sich eine Grabstätte gekauft ... dort hinten, wo man die schönste Aussicht über den See hat und auf die Berge!"
Ist es nicht ein wenig merkwürdig von meiner Nachbarin, daß sie kaum zwei Wochen hier ist und schon eine Grabstätte kauft? — Doch der Gärtner schüttelt den Kops:
„Daran ist nichts Merkwürdiges, Herr Wiehl — eine Grabstätte kauft sich gar mancher, dem es hier gefällt und der ortsanfäffig werden möchte. Ader viel merkwürdiger ist, daß die Dame bereits zwei Grabstätten besitzt! Jawohl, sie selbst hat es mir erzählt! Eine in Thüringen und eine zweite in Braunschweig. Warum?" — der Gärtner lächelt und hebt die Schultern — „Sie sagte mir, daß ihr die Gewißheit Ruhe gebe,-dort wo es ihr gefiele, eine Stätte für Zeit und Ewigkeit zu haben."
Dennoch bleibt es ein seltsamer Kauf, und es wäre das letzte, was ich täte und worüber ich mir den Kopf zerbräche. Laßt die Toten ihre Toten begraben, irgendwo wird auch einmal Raum fein für mich! Aber daß Sidonie Beeskow fo erpicht auf den Tod und um ihre letzte Ruhe fo besorgt ist, das macht mich lächeln. Und ich leg' es zu dem übrigen, das ich von ihr weiß. Es wird noch mehr hinzukommen, das fühle ich, es wird vielleicht mit der Zeit eine ganze Geschichte werden. Warten wir es ab und haben wir Geduld: ich bin nicht mehr so töricht, daß ich alles gleich am ersten Tag begreifen will!
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Wenn man Onkel Josua und den Pfarrer von Andelshofen rede« hört, fo ist die Welt bis zum Rande gefüllt mit Mystik und unser Leben durchtränkt von rätselhaftem Geschehen. Und wir Menschenkinder, grob von Sinnen und plump, irren ewig weglos durch die silberzart gesponnenen Gewebe unsichtbarer Kräfte. Der Andelshofer ist ein belesener Mann und hat sich eine sonderbare Methode ausgeheckt, foürt Sagen und Märchen nach und den Geschichten von vergrabenen Schätzen und goldenem Kegelspiel im Berge. Mit Wünschelruten und siderischem Pendel ist er am Werk, deckt Gräber der Vorzeit aus und Siedlungen längst vergangener Geschlechter, holt Verborgenes ans Ligfi und läßt Verwestes auferstehen.
(Fortsetzung folgt.) __
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche LIniverfitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


