zweifelsohne so geheimnisvoll, dnmit Witwe Schlei ihn nicht bemerke.
Der Mann deutete durch Gesten an, daß er wisse, es hocke einer heimlich im Keller, — und daß er die ganze Gaunerei durchschaut habe.
Verflucht! sagte sich Anton, jetzt ist alles hin! Er wollte schon vorerst einmal fliehen und Karl seinem Schicksal überantworten, da packte ihn der Fremde hastig, doch durchaus nicht unfreundlich am Aermel und flüsterte schnell: er wolle eigentlich nicht stören — nur mitmachen. Er könne sich gut dem Betrieb einfügen. Nichts wolle er verraten, wenn man auch ihn zu etwas kommen lasse. Er sei der Nachbar — arm und verfeindet mit diesem reichen Biest, der Witwe Schlei. Und da sei noch eine Kellerlucken, nach seinem Anwesen zu; durch diese Lucke könne man zur Abwechslung das Holz auch einmal wandern lassen. Er nehme es dort in Empfang und bringe es gern in Sicherheit.
Witwe Schlei merkte, daß nicht gearbeitet wurde. Sie öffnete das Fenster. Aber schon hatte Anton sich wohl oder übel mit wildem Nicken einverstanden erklärt mit des Nachbars Vorschlägen und war wieder am Holzauflesen, indes der Nachbar um die Ecke glitt und die Oeffnunq der dritten Lucke durch Karl im Keller veranlaßte.
Alles in Ordnung; Witwe Schlei schloß beruhigt das Fenster.
Ja — nun begann ein bemerkenswerter Turnus mit den Klötzen: hinein in den Keller, und gleich durch zwei Löcher wieder hinaus! Jetzt hatte am meisten der Karl zu tun, er mußte seinen Freund Anton und gleichzeitig Witwe Schleis Nachbarn aus der Finsternis heraus bedienen. Aber auch oben begann es zu dämmern und finster zu werden und der Nachbar trug übers Gartengrundstück ungeschoren Korb um Korb davon, in seine Klause.
Alle waren befriedigt — nicht nm wenigsten Witwe Schlei; sie sah endlich den Holzhaufen unbezweifelbar kleiner werden — denn immer weniger wurde ja das, was Karl dem Anton zurückkommei? ließ, weil er in der Hauptsache den Nachbarn versorgte mit Material, das nicht wiederkam.
Schließlich war es so, daß Anton das letzte Häufchen Holz hinabwarf, welches Karl unten säuberlich zusammensuchte und dem Dritten als letzte Gabe hinten heraus weiterreichte.
Kein Stück Holz war mehr auf der Straße. Im Keller freilich war auch kerns Dort war nur noch Karl — der sich hinausschwang zum Loch und dem Genossen durch Zeichen zu verstehen gab, er werde ihn drüben im Graben erwarten, wie heute schon einmal.
, Anton aber ging zur Witwe und bekam echs Stunden Arbeit bezahlt.
, »Wollt Ihr nicht bei einem Bauern in der Nähe im Heu schlafen," fragte sie, „und morgen wiederkommen und mir die Scheite im Keller aufschichten? Es kann nicht so durcheinander liegenbleiben. Ich will Euch noch beschäftigen, ich bin einverstanden mit euch."
„Nein", murmelte der Bursch und verbarg ein Schütteln, denn ihn begann zu grausen. „Das Aufschichten müßt Ihr schon selber machen, und dazu mögt Ihr euch ja Zeit lassen.
„Richtig", sagte sie, sehr zufrieden, weitere Ausgaben doch vermeiden 3« können. „Gute Nacht."
„Gute Nacht", erwiderte der Bursch und lief schon.
Oie Spinne von Oongga.
Von Friedrich Koch-Wawra.
. Es wurde Nachmittag, Abend, Mitternacht. Am Firmament glitzerte ein Meer von kleinen Perlen und über dem Palmenwäldchen leuchtete in strahlender Pracht das Kreuz des Südens. Und noch immer saßen wir mit Mynheer van Straelen vor dem Pfahlgebäude, das die Malaien von Dongga ihren Gästen einzuräumen pflegen.
„Jawohl, meine Herren, es ist so wie ich sage. Sieben sind hinein- gegangen, und der Himmel soll mich in meinem eigenem Frikassee schmoren, wenn ich je einen wiedergesehen hätte. Ich verwette mein altes Leben darauf und das Ihrige dazu, daß der deutsche Professor heute noch lebte wenn er auf mich gehört hätte. Aber nein, er wollte in die Höhle blieb darin. Darum Hände weg von einem solchen Abenteuer, das steben ehrenwerten Gentlemen die vorwitzigen Hälse gekostet hat."
„Ihr Wort in Ehren, Mynheer van Straelen, aber sagen Sie uns um alles in der Welt, was jenen ehrenwerten Herren eigentlich die Hälse gekostet hat. Daß durch die Temperaturunterschiede in den unterirdischen Sangen schreckhafte Zerrbilder entstehen, ist eine längst bekannte Sache. Aber das braucht doch Niemanden das Leben zu kosten."
„Nichts für ungut, junger Herr! Ich war einmal in der Schlucht. Es mögen 30 Jahre her sein jetzt. Das Grausen packt mich, wenn ich heute daran denke. Machen Sie sich nicht lächerlich, Mynheer, mit Ihren Temperaturunterschieden! Mir saß der Tod im Nacken. Ich zitterte am ganzen Körper, als ich das Licht des Tages wiedersah. Im Übrigen denken Sie an Soejadongga. So nennen die Malaien die Schlucht: Soe- zadongga — Tal des Todes!"
Still und tief war die Tropennacht. Aus der niederen Hängematte drangen die gleichmäßigen Atemzüge meines Gefährten Sascha. Die schwarzen Heimchen zirpten nicht mehr. Aber ich schlief nicht auf meinem Kissen. Soejadongga— Tal des Todes! Es stand bei mir fest, daß >ch morgen, während der Abwesenheit meines Gefährten in Soejadongga eindringen würde...
Cs war ein heißer, sonnenheller Morgen, als Sascha mit dem Hollander Olivier van Straelen auf die Jagd ging. Als sie eine gute Stunde weg waren, traf ich meine Vorbereitungen für den großen Augenblick, wo ich sicher, aber gleichmütig in meinen Stiefeln zu sterben haben wurde. Ich gürtete die Pistole um, steckte die elektrische Lampe mit einer neuen Batterie zu mir und barg mit besonderer Sorgfalt die kleine Jn- lektionsspritze mit unserer gesamten Dosis Morphium, die genügt hätte, um einen Elefanten um die Ecke zu bringen, in meiner Brusttasche. So brauchte ich keine Gefahr zu fürchten. Wurde ich wirklich von der Außenwelt abgeschlossen, oder die bösen Soejadongga-Geister bereiteten mir einen qualvollen Tod, so konnte ich mich mit dem Medikament in den Adern gemächlich zum ewigen Schlaf niederlegen.
Mein Weg führte steil bergan, und mehrmals hielt ich kurze Rast um einen Blick seitwärts auf die scharfen Gipfelzüge der „Säge" zu werfen, die wie eine Insel aus trotzigem Urgestein inmitten schiefer- blauer Palmenwalder lag. '
...Die Sonne stand hoch am Himmel, als ich vor dem Eingang zur Hohle Soeiadongga ankam. Eine muffige Luft, wie in dem verkampfer- ten Verlies eines Althändlers, kündigte mir an, daß ich die Schwelle zu Soeiadongga bereits überschritten hatte. Vorsichtig tastete ich mich an der Wand der Schlucht entlang. Der Lichtschein aus dem oberen Spalt war so schwach, daß man in dem geräumigen Gang kaum eine Pferdelänge weit sehen konnte. Einmal hielt ich die Hand an den Mund und rief etwas. Da kam ein Widerhall von irgendwoher. Als ich zum erstenmal die elektrische Lampe aufflammen ließ, bot sich meinen Augen ein unvergeßliches Bild: Ich stand an der Wand eines großen glitzernden Hohlraumes, der in feinem Innern einen tiefen, spiegelklaren See barg Da — was war das? Dort lag ein Kahn. Zur Hälfte im Wasser, mit einem Stein beschwert. Durch mehrere Lecks war das Wasser eingedrungen Wer mochte ihn benutzt haben? Ich tastete mich weiter durch einen Gang, dessen Wände sich fettig anfühlten. Ein rötlicher Lichtschein von oben her schien mir wie ein Gruß von der Außenwelt. Da —mein Gott! Ich fühlte, wie mir das Blut in den Adern erstarrte. Vor mir stand ein Mann mit einem unförmigen bleichen Gesicht. Wie festgebannt stand das Wesen in der Mitte des Ganges. Jetzt bewegten sich feine breiten Lippen, feine Hände wollten nach mir greifen. Da wurde mir siedend heiß meine Sinne versagten den Dienst. Das Letzte, was ich fühlte, war, wie ich mit dem Kopf an der Gipswand hinunterglitt...
Als ich ans der tiefen Ohnmacht erwachte, empfanden meine wieder- belebten Sinne sofort die drohende Gefahr. Ich kroch am Boden weiter und während ich mit fieberhafter Eile der Stelle zustrebte, wo das rötliche Licht von außen her in die Höhle drang, stieß ich mit dem Kopf an Steine und spitze Ecken. Nur heraus aus diesem Felsenkessel! Heraus!
Ich rannte gedankenlos den Weg zurück, den ich gekommen war. Dem Stand der Sonne nach zu urteilen, mußte ich wohl an die zwei Stunden dort oben gelegen haben. Als ich im Malaiendorf ankam, traf ich sogleich Mynheer van Straelen.
„Wo ist Ihr Kamerad?" fragte er.
„Mein Kamerad? Ja, der muß doch bei Ihnen fein. Sie sind doch zusammen auf der Jagd gewesen."
„Nichts von Jagd, Mynheer. Es war viel zu heiß. Bei solcher Hitze kommen die Affen nicht heraus. Nach zwei Stunden waren wir schon zurück, und da ist er weggegangen, wollte hinauf zur Höhle, He, he, dachte mir’5 doch gleich, daß Sie auch dort sein würden! Haben Sie ihn denn nicht getroffen?"
Ich hatte keine Ruhe mehr. Sascha war gewiß in die Höhle ein- gebrungen.
Mynheer van Straelen erklärte sich zu jedem Dienst bereit. Nur in Soejadongga einbringen, das könnte er nicht.
_ „Das ist, weiß Gott, kein Zeichen von Schwäche, junger Freund. Sie haben ja den Boten des Todes mit eigenen Augen gesehen. Nehmen Sie das als Warnung hin und versuchen Sie nicht, das Geheimnis von Soejadongga zu entschleiern, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist. Das einzige Opfer der Schlucht, das ich selbst gesehen habe, war der deutsche Professor vor sieben Jahren. Einer von uns fand die Leiche am Ausgang der Höhle. Schneeweiß war sein Gesicht und die Adern traten hervor wie schwarze Linien. Keine Wunde war an seinem Körper, keine einzige. Sieht so ein Mensch aus, der eines natürlichen Todes gestorben ist?"
Letztes Rot lag auf goldenen Berghäuptern, als ich zum zweitenmal vor dem engen Felsspalt stand.
„Keine zehn Pferde bringen mich in die Höhle hinein!" jammerte der Holländer.
Die Sorge um meinen Kameraden gab mir die Kraft, den Gedanken seiner Rettung ins Werk zu setzen. Vorsichtig tastete ich mich durch die Schlucht. Unberührt lag der Kahn an seiner Stelle. Kein noch so kleines Zeichen verriet, daß jemand außer mir die Stille des Berg- schlundes gestört habe. Ich ging weiter durch den Gang mit den fettigen Wänden. In der Rechten die entsicherte Pistole, in der linken Hand die Lampe mit dem Scheinverstärker. Diesmal sollte mich nichts aus der Fassung bringen. Der erste „Bote des Todes", und mein Schuß würde ihn zur Strecke bringen, wenn er ein leibhaftiger Mensch wäre. Da kam noch einmal das Grauen über mich. Einen kurzen Augenblick nur, dann war ich Herr meiner Sinne.
Dort lag ein Mensch am Boden, das Gesicht zur Erde gekehrt. Ich rannte hinaus... Ins Freie. Lief über Klippen und Steingeröll.
„Hallo, Mynheer van Straelen!" Der Holländer tarn mir entgegen. Wir gingen zusammen der Stelle zu, wo Sascha Wassiljewitsch lag. Van Straelen hielt sich in respektvoller Entfernung. Aber schließlich half er mir tragen.
„Dort liegt noch eine Pistole. Mynheer. Nehmen Sie sie mit!"
Es war die Waffe meines Gefährten, die entsichert am Boden lag. Dis Ahnung, daß mit dieser Waffe ein Kampf stattgefunden haben mochte, trieb mich zu höchster Eile an, meinen Kameraden ins Freie zu schaffen.
Bis in die späte Nacht hinein saß ich am Boden und hielt die Hand meines Kameraden, die Hand — eines Toten.
Am Abend des folgenden Tages wurde Sascha unweit der Stelle, wo er des rätselhaften Todes gestorben war, begraben. Kein Wundmal bedeckte feinen Körper. Nur zwei kleine Pünktchen auf feiner Wange, wie die Bißwunde einer Schlange, waren als Besonderheit zu bezeichnen. Im übrigen war seine Haut von einer ausfallend weißen Farbe, und die Adern im Gesicht sahen aus wie schwarze Stränge...
Ich habe mit vielen Borneo-Kennern über die Geheimnisse der Felsschluchten gesprochen. Keiner vermochte sie zu erklären.
Als ich gegen Ende des Jahres 1922 mit meiner Dissertation beschäftigt war, kam mir ein Buch zu Gesicht: Jan Eoolmans, die Eroberung


