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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1929 Montag, den 28. Oktober Nummer 84
Motetto: als der erste Zahn durch war.
Von Matthias Claudius.
Viktoria! Viktoria!
Der kleine weiße Zahn ist da.
Du, Mutter! komm, und groß und klein Im Hause! kommt, und kuckt hinein, Und seht den Hellen, weißen Schein.
Der Zahn soll Alexander heißen.
Du liebes Kind! Gott halt' ihn dir gesund. Und geb' dir Zähne mehr in deinen kleinen Mund, Und immer was dafür zu beißen!
Der Holzhaufen.
Von A. M. Frey.
Witwe Schlei bekam vormittags gegen elf Uhr eine mächtige Fuhre Brennholz ungefähren. Beim Bauern bestellt und nun von ihm ab* geliesert. Er stach mit der Mistgabel in die Klötzchen und warf sie rasselnd vom Wagen vor bas Häuschen, Um zwölf Uhr war er fertig. Da lagen sie nun wir burdjeinanber, zwar ganz nah ben Kellerfenstern, aber noch lange nicht unten im Keller selbst.
Witwe Schlei sah beunruhigt auf ben Bauern, der bie Rechnung präsentiert hatte und nun ben Pferbestrang einhing, weil er gleich nach der Bezahlung losfahren wollte.
Sie holte das Geld und äußerte ängstlich: Wie kriege ich bas Holz nur unter Dach und Fach? Morgast, könntet Ihr nicht —"
„Nein, ich kann nicht, liebe Frau," lehnte der Bauer ab. .„Ich mutz heim. Ist auch Essenszeit."
„Ihr könnt bei mir essen," lockte die Witwe. „Und heut nachmittag, da könnt Ihr bann —"
Der Bauer war schon im Abfahren. „Keine Zeit, nichts zu machen," sagte er nur und rückte zum Abschied am Hut. „Schafft es nur selber," lachte er noch. „Es wird euch nichts schaden."
Witwe Schlei wußte schon, was gemeint fei: ihre fette Veranlagung. Sie war wütend auf den Bauern und seinen rohen Spott, beschloß, nie wieder bei ihm zu bestellen — aber mehr noch war sie in Sorge wegen des Holzberges. Wenn sie selbst auch gleich nach Tisch anfin'g — sie wurde nicht fertig, ehe die Dunkelheit einbrach. Und in der Nacht, bis zum nächsten Morgen, wurde sicher von dem Liegengebliebenen viel fort« lestohlen. Ob sie Witwe Schlump zur Mithilfe herbeiholte? Aber die chwatzte mehr, als daß sie arbeitete, und trank für fünf Personen Kasse. Sich aus der Nachbarschaft eine Dienstmagd leihen — die faul war und die man obendrein bezahlen mußte? Nein! Lieber selber anpacken, daß die Schwarten krachen!
Bekümmert wollte sie sich dem Pickelsteiner zuwenden und wenigstens erst einmal speisen — da meldete sich ein Handwerksbursch ober was er war: ob er nicht eine Kleinigkeit zu futtern bekommen könne.
Witwe Schlei durchblitzte es: dich schickt mir Gott! „Ja —” sagte ste gemacht streng und zögernd. „Ihr könnt vielleicht etwas bekommen, etwas Anständiges obendrein. Aber hinterher sollt Ihr auch ein bißchen was leisten."
Und sie erzählte ihm di« Sache mit dem Brennholz.
Auweh — dachte der Wanderbursch. Aber bann trat er dem Plan boch innerlich näher. — Ein Mittagessen fei nicht genug, begann er zu handeln; da müsse schon etwas Gage bezahlt werden.
„Lohn auch noch!" schrie die Witwe. „Für den Happen Arbeit!"
„Gar nicht so wenig", sagte der Bursch bedenklich. Er maß den Holzhaufen mit ben Angen.
„In einer Stunde könnt Ihr fertig fein," behauptete sie und glaubte selbst nicht entfernt daran.
Da durchblitzt« es ben Wanderburschen seinerseits. Er hatte einen Einfall. „Gut!"' rief er hell. „Ich will feste schuften, und wenn ich in einer Stunde damit fertig bin, soll mirs recht sein. Aber Ihr müßt mir für die Stunde fünfzig Pfennig bezahlen."
In zwei Stunden wird er fertig, macht eine Mark — rechnete die Witwe; das ist di« Sache wert.
„Schön," schloß sie ab. „Dreißig Pfennig für die Stunde höchstens, bas ist mein letztes Wort. Aber wehe, wenn Ihr nicht fleißig seid! Ich sitz' am Fenster und seh euch zu."
Der Bursche sagte gar nichts mehr, er schaut« nur noch nach dem Topf auf dem Herd in der Küche. Witwe Schlei teilte großmütig aus; ein dickes Stück Brot bekam er auch. Den Teller aß er leer, aber das Brot quetschte er heimlich in die Hosentasche.
Dann sprach er: „Ich komm' gleich wieder. Ich will bloß mal um di« Wegecke und dem Schuster einschärfen, er muß meine Stiefel in einer Stunde genagelt haben." Und damit ging er.
Witwe Schlei war so starr ob der Frechheit, daß sie ihm nicht einmal „Gauner elendiger!" nachrufen konnte. Daß sie ihn nie wiedersehe, davon war sie überzeugt.
Aber dem war nicht so. Der Bursch ging um die Ecke — nicht zum Schuster, sondern zum Kameraden, der im Wiesengraben hockte, bettel- ungewandt war und auf des anderen Rückkehr wartete.
„Karl," sagte der Kämmling, „es gibt was zu verdienen." Und er erzählt«. — „Aber nicht so, wie der fette Geizkragen will," enthüllt« er, „wollen wir verdienen, sondern ganz anders. In zwei Stunden soll ich fertig fein mit dem Holzhaufen. Ich sag dir, Karl, ich werd's in fünfen noch nicht schaffen und will dabei doch heftig arbeiten. Denn — paß auf! — was ich zum einen Kellerfenster hineinwerfe, das schmeißt du heimlich zum anderen wieder heraus auf die Straße."
„Das wird schief gehen, Anion", sagte der schüchterne Kerl sorgenvoll.
„Das wird nicht schief gehen", ermunterte der Anton. „Dafür sorge ich sckon. Du kommst ungesehen in ben Keller, ich dirigiere dich. Wir wollen der Alien das Holz so lange rein- und rausroerfen, bis wir beide genug haben. Ich weiß schon, wo sie hockt und späht: am Fenster über der Lucke, durch die ich bas Zeug hinunterschaffe. Zu der Lucke, wo du zu tun hast, kann sie nicht Hinschauen." Dann zog er bas Brot aus der Hosentasche und gab es bem Genossen.
Und indes der sich stärkte, sah auch er die Welt im rosigen Licht und war bereit zum Angriff.
Es glückte, was Anton sich zuerst zurechtgelegt hatte. Karls dünner Körper glitt lautlos durch eine der geöffneten Lucken ins Finstere. Und bann, ehe man zu schaffen anfing, begab sich Anton ins Häuschen zur Witwe, bie ihren beglückten Augen nicht traute und freudestrahlend ein weiches Herz bekam. Er sagte: „Da bin ich zurück, aber ich hab mir's überlegt: unter fünfzig Pfennig die Stunde mach' ich's nicht."
Witwe Schlei bewilligte sofort die erhöhte Forderung. Ihrem erleichterten Gemüt war es unmöglich, abzulehnen.
Dann begann Anion endlich zu arbeiten. Karl aber auch.
Witwe Schlei saß am Fenster, strickte und guckte über die Brille. Anton gefiel ihr zunehmend. Ein netter flinker Kerl, ein beweglicher Junge, wie er sich da unaufhörlich bückte und armweis, mit schwitzender Stirn, bas Holz an bie Lucke trug und hinabfeuerte, daß es dumpf durchs ganze Haus schallte. Was bas ein Gepolter, im Keller und auf der Straße — als seien mindestens zwei an der Arbeit. Weiß Gott, er schaffte für zwei! Was hatte sie gleich im ersten Augenblick gedacht —: den schickt mir Gott? Ja, wirklich, so war es! Der konnte wahrhaftig bequem in zwei Stunden fertig werden.
— Bequem für Witwe Schlei, war gemeint. Aber in zwei Stunden war er nicht fertig — und in dreien auch nicht. Sie fing an, unsicher nach dem Regulator zu schielen. Alle fünf Minuten erwartete sie den letzten Arm voll Holz, aber wenn sie sich vorbeugte, sah sie durch die Scheiden immer noch einen seltsam hohen — einen ansehnlichen Haufen, der sie teils befremdete, teils befriedigte.
Schließlich ging sie hinaus auf die Straße. Anton gönnte sich sogleich eine Pause, als er sie anrücken sah, und das war auch für Karl unten das Zeichen, sich mäuschenstill zu verhalten.
„Na —" versuchte es die Witwe unsicher. Sie wußte durchaus nicht, was sie eigentlich sagen sollte.
„Ja", lachte der Bursch treuherzig und ganz Bereitschaft, weiterzumachen.
„Warum werdet Ihr denn gar nicht fertig?" fragte sie, plötzlich finster, plötzlich sehr mißtrauisch, weil dies doch völlig unerklärlich war. Da tag ja noch und streckte sich bis zur Hausecke ein Riesenhaufen.
„Ich versteh' Euch nicht", äußerte der Bursche gekränkt. „Ihr seht doch selbst, wie ich es mir sauer sein laste. Daß Ihr einen Berg Holz für viel kleiner angesehen habt als er ist, das ist nicht meine Schuld."
„Na ja —" sagte die Witwe wieder ratlos.
„Ihr könnt doch froh fein, wenn da Jo viel Holz ist", meinte der Bursch. „Je mehr Ihr habt, desto mehr haht Ihr."
Das hatte seine Richtigkeit. Witwe Schlei sah es ein. Sie hatte ben Haufen weit unterschätzt. War das nicht zuletzt ein Gewinn? Der Bauer mußte sich zu seinen Ungunften gewaltig vertan haben. Geschah ihm recht, bem Flegel! Welch ein Glück, daß der Bengel dahergekommen war! Sie allein hätte ja eine Woche an dem Holz verstaut. Das heißt, die Hälfte wäre natürlich mittlerweile von der Straße weggeklaut worben. Nein, sie wollte gern bie paar Stunden Arbeit bezahlen.
„Also, macht weiter," befahl sie, „damit Ihr wenigstens vor dem Abend ganz aufgeräumt habt." Und ging wieder ins Haus.
. Anton griff neuerdings zu und wollte sich schon überlegen — da bie vierte Stunde zu Ende ging —, das Spiel nicht lange mehr fortzuführen --als ein Mann in feiner Nähe auftauchte und „Pst!" machte —


