umgeben und bildete ein Reich für sich: denn die Komture! war retchs- unmittelbar und übte das Asylrecht aus. Gegenüber, durch eine Treppe zugänglich, befindet sich, die alte Michaelskapelle umgebend, ein Fried­hof, wo die Pilger begraben wurden, die in Marburg starben, und der später als allgemeiner Begräbnisplatz diente. Von den Flügeln des Todes beschattet, ist der abgeschiedene Platz von der Zeit übergangen.

Das Grab der Elisabeth im Chor eines der Kreuzarme der Kirche enthält ihre Gebeine nicht: ein seltsames Geschick hat sie verstreut, als sollten sie, seit nicht mehr Wallfahrer aus aller Weit zu ihr kommen, der Welt wiedergegeben werden. Philipp der Großmütige war auf dem Reichstage zu Worms gewesen, wo Luther widerrufen sollte, hatte aber dort noch keinen entscheidenden Eindruck empfangen, was sich schon durch seine Jugend erklärt: er war damals erst siebzehn Jahre alt. Ms Nachkomme Elisabeths durch ihre Tochter huldigte er ihr wie seine Vorfahren und veranstaltete Prozessionen zu ihren Ehren. Erst später, als er sich ein­gehend mit der neuen Lehre beschäftigt hatte, entschied er sich für sie und nahm nun an der der Stammutter seines Hauses dargebrachten Heiligen­verehrung Anstoß. Seine Ueberzeugung muß echt und stark gewesen sein, daß sie seine Anhänglichkeit an die dem Familienstolz schmeichelnde Ueberlieferung zurückdrängte. Um die Wallfahrten zu ihrem Grabe ganz und für immer zu unterdrücken, begab er sich eines Sonntags im Jahre 1539 mit großem Gefolge in die Kirche und ließ trotz des Pro­testes von feiten des Londkomturs ihre Reliquien aus dem Sarge und aus dem Wandschranke in der Sakristei herausnehmen. Er befahl dann seinem Statthalter, Georg von Kolmatzsch, sie mit anderen Knochen zu vermischen und zu begraben. Als Philipp acht Jahre später in die Ge­fangenschaft des Kaisers geriet, und dieser ihm drohte, er werde ihn nach Spanien abführen lassen, wenn er ihm nicht die Gebeine der heiligen Elisabeth ausliefere, gestand der Statthalter, daß er damals jenen Befehl des Landgrafen nicht ausgeführt habe, und der Wille des Kaisers konnte infolgedessen erfüllt werden. Dieser gab die Reliquien dem damaligen Landkomtur zurück, der sie im Chor, wie es heißt, beisetzte, aber für gut fand, die Stelle zu verheimlichen. Im 17. Jahrhundert grub man em Skelett aus, das für ihres erklärt wurde, und das als Geschenk des Land­grafen von Hessen-Darmstadt an den Kurfürsten von Köln kam. Anderen Nachrichten zufolge waren die Gebeine Ende des 16. Jahrhunderts nach Wien gekommen. *

Nicht ihr Entstehen, aber ihr Aufblühen verdankt die Ansiedlung am Fuße der vermutlich im 11. Jahrhundert von Otto von Nordheim er­bauten Burg der holden Heiligen. Denn aus ihrer Lage konnte sie weder für den Ackerbau noch für den Handel Vorteil ziehen, und sie wäre vermutlich das bescheidene Anhängsel einer abseits liegenden, nur ge­legentlich benutzten Burg geblieben, wenn nicht Elisabeths Grab und die Niederlassung des Deutschen Ordens Wallfahrer aus allen Ländern ein Zusammenströmen von Menschen und auch die Landesherren nach Mar­burg geführt hätten. So wie Elisabeth auf das Erblühen von Marburg, so scheint ihre Kirche auf seine Gestalt gewirkt zu haben. Die ganze Stadt, wie sie den Bergrücken, den das Schloß auf der Höhe in eine Spitze auslaufen läßt, hinaufsteigt, hat etwas von einer gotischen Kirche. Von allen Seiten her hebt sie sich aus dem Tal herauf, rückt und klettert, schwingt und stemmt sich und bezeichnet die erkämpften Stellen mit Giebeln und Türmen, bis sie endlich mit der Krone zusammenwächst. Auch die einzelnen Häuser sind von dem Geist des Ausschießens ergriffen: sie sind besonders schlank und hoch und müssen es ja auch sein, damit eins über das andere hinwegsehen kann. Die Schlankheit der Häuser und die Schwungkraft der Straßen, deren Stelle oft Treppen vertreten, geben der Stadt etwas Junges und Stürmisches.

Vielleicht ist auch die Wissenschaft mit ihren Vertretern hier ewig jung oder verjüngt sich alljährlich, wenn die Natur ihr Füllhorn wendet, und der Flieder seine lila Dolden um das rosige Renaissanceportal am Schlosse schlingt, wenn die Kastanien ihre blühenden Kuppeln über den schiefer­geschuppten Häusern entfalten und unten durch das hügelige stromdurch­flutete Land Wanderlust in die blaue Ferne strebt.

Tessiner Reisetagebuch.

Von Max Geisenheyner.

schlugen die Deckel hoch und zeigten ihre Waren. Mit meiner Enten- quietsche brach ich uns Bahn, und die freundlichen, gar nicht ausdring­lichen Tessiner Landstraßengestalten waren so entzückt darüber, daß pe nicht zu einer Enttäuschung über die mißlungene Geschäftsanbahnung kamen. Sie machten vergnügte Gesichter, als hätten wir ihnen den ganzen Kramladen abgekauft.Ah, bitte bambino" meinte der eine und winkte mir mit einem bunten, seidenen Tuch aus seinem Kasten nach. Auf dein Wege konnten gerade drei Personen nebeneinander gehen. Er führte dicht am Fuß des Monte Brs entlang, stieg auswärts, senkte sich und immer war der blaue See zur Rechten, links der Fels mit seinen Blumen, Büschen und Bäumen. Eine gute Stunde mußte man wandern, vorbei an einer Osteria in einer künstlichen Grotte mit sauber gedeckten Tischen und einem Büfett, beladen mit Chianti, Würsten, Früchten, Schnäpsen und weißen Broten. Noch einmal eine Steigung hart am Felsen und dann ein herrlicher Blick auf den See mit Lugano im Hintergrund und der Paradestellung seiner schönen Hotels. Auf den flankierenden Bergen die Dörfer mit ihren schrägen Ziegeldächern und zierlichen Kirchtürmen. Als hätte das alles ein genialer Architekt hingesetzt, bewußt und nach strengen Gesetzen ausbalanciert. Und doch wuchsen diese Orte aus weiter nichts als einem einheitlichen traditionellen Gefühl, aus einem unbe­wußten Zusammenhang von Mensch, Haus und Landschaft, ein Zusam­menhang, der vielen Deutschschweizern abgeht, sonst ständen ihreBur­gen" nicht so gräßlich dazwischen, wie Zuckerbäckereien eines wahnsinnig gewordenen Konditors. An der Steinwand, an der scharfen Ecke des Felsens, saßen ein paar Deutsche, betrachteten aus Ferngläsern das Panorama und ließen sich die Sonne aufs Gesicht scheinen. Damit aber der Bauch nicht zu kurz dabei käme, hatten sie die Westen aufgemacht, [o daß auch der blanke, oberste Knopf der Unterhose noch miterwärmt wurde. Dann kam Gandria. Man nehme den Klang dieses Namens in sein Ohr auf. Wer an den See von Lugano fährt und Gandria nicht gesehen hat, ist nicht wert, daß die Sonne ihn bescheint. Aber er muh so ein bißchen Schmugglergelüste im Blut haben. Nicht etwa, daß er in dieser Branche tätig sein sollte. Nein, es genügt, wenn er noch in die Romane seiner JugendzeitDie Brut des Schmugglers" oderDer Weg zur Tiefe" ver­liebt ist. Ganz hingeduckt an dem klotzigen Fluß des Monte Bre, lag dieses Räuberparadies für einen Film. Als stiege man in einen hundert­räumigen Keller hinunter, auf breiten und schmalen, steilen und slachen Steintreppen. Unser Reisegefährte, der Maler, wäre am liebsten gleich dageblieben, hätte gern mit einem Manne aus Gandria das Gewand ge­tauscht und sich in der Kunst des Schmuggelns unterrichten lassen. Er hätte es auch sicherlich gelernt, denn heutzutage gehört zum Bildermalen mindestens ebensoviel Mut wie zu dem romantischen Geschäft der Berge.

Auf halbem Wege ging es plötzlich zwei Stockwerke tief hinunter und bann wieber vier in bie Höhe. Von ben Bewohnern war kaum etwas za sehen. Ein paar harmlose, alte Weiber mit Kiepen auf bem Rücken, konnten unmöglich als Schmugglerbräute angesehen werben. Einen An­sichtskartenlaben gab es mit einem Fensterchen, in bem der ganze Borrat ausgebreitet war. Dahinter öffnete sich ein gewaltiger, steinerner Saal von großer Tiefe. Seine ganz Möbelausstattung bestand aus einem wackligen Sofa, das ganz weit hinten bie Wanb bezeichnete, bereu Fen­ster zum See hinausführten. Es roch ein bißchen kühl unb ein wenig dumpf, aber alles war sauber, orbentlich, hatte Charakter, Kraft und Trotz. Von ber engen Straße kam man ohne weiteres auf einen Balkon, ben ein Eifengitter umzog. Hier war man geborgen in ber großen Stille.

Unten rauschte ber See eintönig, ein Raubvogel kreiste hoch im Blau, bie Berge hatten ihren blauen, silbernen Dunstschleier umgelegt, ein Huhn gackerte. In der Ferne schnurrte ein Motorboot. Wir tränten sausten, roten Tessiner Wein. Er ist zu jeder Tageszeit bekömmlich und steigt nicht in den Kops, ist ein wohlgezogenes Kind des Landes, artig und be­scheiden. Am besten bleibt man in seiner Gesellschaft bis zum Abend sitzen, bei guten Gesprächen von wenig Worten. Wenn bann bie Berge wie große, graue Schiefertafeln durcheinanbergefchichtet dastehen und die Lichter ber Dörfer barauf wir mit gelber Leuchtkreibe eingezeichuet sind, bann erst ist es Zeit, aufzubrechen unb alle romantischen Gelüste in einen fröhlichen Abend in Lugano aufzulösen, derweil die Schmugglersuch­boote mit ihrem Mondscheinauge lange, weiße Streifen über den vee werfen ...

III.

In Lugano gibt es hübsche Lüden. Man muß stehen bleiben, ob man will oder nicht. Daher ist es gut, etwas früher von zu Hause wegzugehen, wenn man ein bestimmtes Ziel hat. Vor allem sind die Kolonnaden ge­fährlich. Selbst bie kleinste Salami ist in bunkles, goldenes ober silbernes Papier eingewickelt. Jrgenb etwas kauft man immer ein unb stets bas, was man eigentlich gar nicht haben wollte. Meine Reisegefährten waren schon ein Stück vorausgegangen. Es sollte heute nach Ganbria gehen. Da sah ich neben den bunten, üppigen Gemüsestänben des Marktplatzes an die Säule einer Kolonnade angelehnt, sitzend, eine alte Frau, bie mit einer Hand eine leise quietschende, an einem kurzen Stock befestigte K,n- derspielzeug-Ente rotierte, während sie gleichzeitig in der anderen Hand eine Zeitung hielt und eifrig las. Als ich ihr bewundernd lange zusah, hielt sie mir die gestielte, gelbe, flauschige, kleine Quietsch-Ente entgegen und schon hatte ich sie. Nun aber schnell im Sturmschritt hinter den andern her. Sie standen schon und winkten entrüstet. Mein Entchen in der Faust drehend, die blaue Baskenmütze über bem braungebrannten Schübel, ben arg versauten aber nun erst wahrhaft eleganten Trench Coat flatternd um den Leib geschlungen, erreichte ich gerade noch die ab- fahrende Tram. Sie rasselte bis zum Fuß des Monte Brä. Hier loste sie gleich neben der Haltestelle ein gewaltiger Autobus ab, der ein Stuck den Berg hinan fuhr. .

Run zweigte von der breiten Fahrstraße ber kleine Felsenpfad am Meere ab. Der Fußweg begann. Ein paar Handelsmänner standen da, große Küsten unter dem Arm, mit Ketten, Ringen und Medaillons. Sie Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Bruhl'sche

Alpenrosenbrief.

Von Josef Schänderl.

Komm: meine Sehnsucht schwillt über jeden Rand, seit ich die Berge nicht mit dir empfand. Straff wie ein Bogen lieg ich gespannt.

Komm: wie ein Pfeil fliegt, schwirren wir los zu zweit, stracks in der Berge Herz, hoch in die Einsamkeit, zur kühnsten Halde, bis hell ein Adler schreit in rote Rosen sollst du gebettet sein, wild wie ein Bergbach

braufts über dich herein, in blanke Felsen tlammre dich ein!

LiniverfitLts-Buch. unb Steindruckerei, A. Lange, Gießen.