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tätigteit gesehen haben; aber Ludwig, der fie kannte wie ein Bruder, ging immer auf sie und ihre Wünsche ein. Er war einverstanden, als sie wäh­rend eines Hungerjahres am Fuße der Wartburg ein Hospital mit acht­undzwanzig Betten errichtete und selbst die Kranken darin pflegte. Als er das Kreuz nahm und sie verlieh, die ihr drittes Kind erwartete, er­füllte fie der Abfchiedsfchwerz ganz, und doch war ihr zuweilen der Ge­danke gekommen, daß sie, wenn er nicht wäre, er und die Kinder, daß sie dann die Welt verlassen und Gott, das heißt den Armen und Kran­ken, dienen würde. Da er starb, war ihr Weg ihr vorgeschrieben; die Be­mühungen ihres mütterlichen Oheims, des Bischofs von Bamberg, sie wieder zu verheiraten, wies fie energisch zurück. Sogar der Kaiser, Fried­rich II. von Hohenstaufen, soll um sie geworben haben und von ihr mit Bezug auf ihr Gelübde zurückgewiesen fein.

Auch das Gute, das von der Religion Geforderte, durfte man damals - nur mit Einwilligung der Kirche tun. Schon zu Ludwigs Lebzeiten und mit (einem Einverständnis stand Elisabeth ihr Beichtvater zur Seite, Kon­rad von Marburg, ein vornehmer, angesehener Mann, vermutlich aus. dem ältesten Marburger Burgmannengeschlecht, das wie die anderen un« , terhalb der Burg wohnte. Er förderte ihren Hang wohlzutun, widersetztes sich ihr aber auch, wenn sie darin zu weit zu gehen schien; so lieh er es zum Beispiel nicht zu, daß sie auf ihr ganzes Vermögen verzichtete, da. ihr der Besitz ja ermöglichte, Gutes zu tun.

Wohl auf Konrads Betreiben, der feinen Heimatort liebte und ihm auch das Stadtrecht verschaffte, wies Ludwig feiner Frau Marburg als Witwensitz an; dorthin ging sie, nachdem sie die Gebeine des verstorbenen Landgrafen im Kloster Reinhardsbrunn beigefetzt hatte. In Marburg ließ sie in Fachwerk ein Hospital errichten, das sie dem heiligen Franziskus weihte, und das sie mit zwei Wienerinnen bezog. Nach zwei Jahren eines.; Lebens unermüdlicher Aufopferung starb Elisabeth vierundzwanzigjährig?- Ob es wahr ist oder nicht, daß von ihrem Leichnam Wohlgeruch ausging,' ein jenseitiger Hauch umgab sie und hätte fie dem Volke als Heilige kenntlich gemacht, wenn sie auch nicht vom Papst nach dem üblichen Prozeß und bezeugten Wundern kanonisiert wäre.

Konrad von Marburg hatte bei allen Handlungen Elisabeths mit- , gewirkt. Sein Verhalten, und was in feiner Seele vorging, ist nicht leicht zu erklären; denn während er zuweilen um ihrer Gesundheit willen ihren Hang sich zu opfern mäßigte, befahl er ihr, die beiden Dienerinnen, die zugleich Freundinnen waren, zu entlassen und anstatt ihrer zwei häß­liche, schmutzige alte Frauen anzunehmen, um sich in Geduld und Demut zu üben. Vielleicht befolgte er damit die unmenschliche, wenn auch weise Maßregel der Kirche, die es denen, die sich Gott gelobt haben, verbietet, ihr Herz an einzelne Menschen zu hängen; Elisabeth hatte wohl die zärt­liche Gewohnheit des Liebhabens, soviel ihr auch schon entrissen war, und wieviel Erbarmen sie auch über die Leidenden ergoß, nicht ganz abtun können. Man könnte glauben, daß ihr Tod seine Strenge noch ver­schärft habe; denn zwei Jahre danach begann er in Marburg Ketzer aus­zuspüren und zu verfolgen, wodurch er Haß erweckte und fein eigenes Ende herbeiführte. Unter denen, die er der Ketzerei anklagte, befand sich der Graf Heinrich von Sayn. Um dem schimpflichen Feuertode zu ent­gehen, bekannte sich der Gras schuldig und demütigte sich; aber die Rache behielt er sich vor. Auf einer Reichsversammlung in Mainz, wo auch Konrad von Marburg mar, erhob er Anklage gegen ihn und verlangte Untersuchung. Da Konrad um Aufschub bat, wurde zunächst nicht auf des Grafen Klage eingegangen; einzig der Erzbischof von Trier sprach zu Heinrichs Gunsten. So ungerechtfertigt geblieben, überfiel der Gras den von Mainz heimkehrenden Konrad und tötete ihn, der kläglich um fein Leben bat. Er wurde in der Hofpitalkapelle des Marburger Franziskus- klosters begraben, und feine Gebeine wurden später in die Elisabeth- kirche übertragen.

Ein Jahr nach Elisabeths Tod war es, daß ihr Schwager, Ludwigs jüngerer Bruder Konrad, im Kampfe mit dem Erzbischof von Mainz Fritzlar zerstörte und mit dem Banne belegt wurde, von dem er sich nur durch schwere Buße lösen konnte. Von diesem merkwürdigen Manne könnte man glauben, daß er Elisabeth nahegestanden habe, oder daß ihm zur Zeit seines Umschwungs der Sinn für das Ueberirdifche ihres Wesens aufgegangen fei; denn namentlich er war es, der, nachdem er in den Deutschen Orden eingetreten war, ihre Kanonisation und den Bau der Kirche über ihrem Grabe betrieb. Am 1. Mai 1236 wurden die Gebeine der neuen Heiligen mit großer Feierlichkeit im Beisein Kaiser Fried­richs II. und seiner jungen Frau Isabella erhoben. Auch ihre Ver­wandten, ihre drei Kinder, die thüringischen Landgrafen und Gräfinnen, andere Fürsten, Grafen, Edelleute, Bischöfe waren in großer Zahl ge­kommen. Der Kaiser, der büßermäßig gekleidet und barfuß war, aber die Krone trug, stieg zuerst in die Gruft hinab und half den Bischöfen, die Leiche aufzuheben, die in der Nacht vorher von Franziskanerbrüdern in Purpur eingehüllt war; so wurde sie dem Volke zur Schau gestellt. Beim Hochamt fang der Erzbischof von Mainz die Messe.

Sinnvoll und schön ist es, daß da, wo Elisabeth lebte und starb, heute der Stadtteil der ärztlichen Wirksamkeit ist, wo sich Kliniken aller Art befinden. Von dem Hospital zwar, das Elisabeth errichten ließ, und wo sie ihr kurzes Leben beschloß, ist nichts übriggeblieben; es wurde abge­brochen, als der Bau der Kirche so weit fortgeschritten war, daß die zum Hospital gehörige Kapelle und das Grab der Heiligen darin aufgenom­men werden konnten. Der Name Firmaneiplatz erinnert noch an die Jnfirmaria, ein Haus für kranke Ordensbrüder und Pilger, das im Siebenjährigen Kriege bei der Beschießung durch die Franzosen ab- brannte. Beim Hinwegräumen des Schuttes der dazugehörenden Kapelle fand man in einem Reliquienbehälter ein zu einem Ringe gewundenes goldblondes Haar, von dem man annimmt, daß es Elisabeths sei, um so mehr, als sie auf mittelalterlichen Bildern stets blond dargestellt wurde. Oestlich von der Kirche stehen noch einige feste Giebelhäuser von den Ge­bäulichkeiten des Deutschen Ordens; denn Elisabeths Schwager Konrad gründete hier eine Kommende, deren Komtur er wurde, und der auch die Elisabethkirche gehörte. Auf ihrer anderen Seite ragt in das Geäst von Bäumen hinein ein bohes Kruzifix, das die Grabstätte des letzten katho- » lijchen iibfomturs czeichnet. Einst war der ganze Platz von Mauern

lohenden Wildheit geradeaus in den blauen Ausschnitt des Tores. Sein Änblirf war ebenso überrasthennd wie befremdend. Was mochte er nur treiben? War er verrückt geworden? Er beachtete mich nicht. Ohne mir öen kleinsten Seitenblick zu gönnen, wiewohl ich dicht bei ihm stand, verharrte er in feiner Haltung, und selbst, als ich ihn vorsichtig am Arm berührte, weil ich glaubte, er fei gestorben oder eingeschlafen, rührte er Heb nicht. Unverwandt blickten feine Augen dem schwarzsilbern hin- iooenben Wasser nach, den tausenden kleinen Wellen, fein Gesicht hatte ben Ausdruck einer starren Ekstase, einer versteinerten Glut. Unheimlich lab er aus. Unter seinen Augenbrauen hingen die Schatten wie Gewitter­wolken die Stirn wuchs empor, fahl wie Kristall und Tropfstein, sein haar schien mit der Wölbung der Höhle zusammenzurauchen zu undurch­dringlicher Finsternis. Dunkel und zottig wie zwei abwärtshängende Wurzelspitzen war sein Walroh-Schnizrrbart.

Ich ließ ihn sitzen, den seltsamen Mann, störte ihn nicht weiter. Mich on ^r Wasserrinne entlang tastend, verlieh ich den Marmortifeh und fand im Hintergrund der Höhle den Ursprung der Wasserleitung. Ich wandte mich dann seitwärts, noch einmal zurückblickend aufNopoleon". Noch immer hockte er an seinem Zaubertisch, und sein Langschädel zeichnete sich von dem geringen Stück Himmelsfarbe, die ich noch wahrnehmen konnte, ^^Surth^c'ine Seitenschlucht verließ ich bald die Höhle, wieder hinaus- tretend in den heißen, blendenden Nachmittag. Ich durchzog den Aspho- bilqarten, und die Blütenflammen, knisternd vom Gezirp der Zikaden- beere umloderten mich und fchlugen über mir zusammen.

Als ich nach einiger Zeit nach Ajaccio in mein Hotel zuriickkam, fragte mich her Wirt aufgeregt, was zwischen mir undNapoleon" vorgefallen fei Napoleon" habe ihm voll Entrüstung erklärt, nie wieder mit mir an einem Tisch fitzen zu wollen. Ich sei ein ganz furchtbarer Mensch. Ich erzählte dem Wirt mein Erlebnis, und der gute Mann wußte nicht, was er davon halten sollte. Ferat aber wirf) mir aus.

Ich vergegenwärtigte mir noch einmal das Hohlenbild. Hatte der sonderbare Mensch an dem Ovsertisch den Geist NapoleonsI. beschworen? Wie eine Art von Barbarossa kam er mir vor, der in seinem korsischen Snfftouferberg sah und in die alte Zeit hinunterlauschte. Oder hatte er «ich in seiner abwegigen Träumerei in der Gestalt Napoleons I. selber oesehen und die hinausrollenden Wasser waren seine Kriegsheere, die er in die Welt schickte beim Wirbel- und Geigenklang der Zikaden, seiner Schlachtmusik? Und so hatte er vielleicht, von seinem unterirdischen Feld- herrnsitz aus, Napoleons Kriegsplan, die Welt zu erobern, vollenden wollen, ich aber mochte ihn durch meine Hinzukunft in feinem wahn- vollen Werk gestört haben, ...

So dachte ich, und ich sich ihn nicht wieder ,

Marburg und die Heilige Elisabeth.

Von Ricarda Huch.

Der offenbar gute Erfolg ihrer Essay-Sammlung aus der Geschichte der deutschen Städte hat Ricarda Huch ermutigt, in einem neuen Bande:N eue Städtebilder (Verlag Grethlein & Co., Leipzig 199) eine gründliche Nachlese zu hal­ten. Auch das Studium dieses neuen Bandes kann uns nicht veranlassen, unser Urteil über diese Art Städte-Monographie, die in leider recht vielen Fällen an dasDünngedruckte" im Baedeker erinnert, zu revidieren. Um so williger geben wir zu, daß einige wenige Essays sich über dieses Niveau beträchtlich erheben, Essays, in denen die große Gestaltungskunst der Dich­terin sich an einem adäquaten Stoff voll entfalten konnte. Als vielleicht bestes Beispiel greifen wir im folgenden einige Ab­schnitte aus dem Essay über unsere Nachbarstadt Marburg heraus.

Im Jahre 1207 tarnen Heinrich von Ofterdingen und der Zauberer und Gesangsmeister Klingsor nach Eisenach, wo Landgraf Hermann von Thüringen auf der Wartburg Hof hielt. Ritter und Bürger tarnen Kling« for zu begrüßen und fragten den Sternkundigen, was er in den Äschen des Himmels gelesen habe; da sagte er, in dieser Nacht werde dem König Andreas von Ungarn eine Tochter geboren werden, die Elisabeth heißen und dem Sohne des Landgrafen die Hand zur Ehe reichen werde. Ihre Heiligkeit werde von Marburg aus durch Deutschland und die Welt strahlen und die ganze Christenheit erfreuen.

Vierjährig wurde die Königstochter nach Eisenach an den Hof des Landgrafen gebracht, um mit ihrem künftigen Gatten, der damals elf Jahre alt war, zusammen auszuwachsen. Zwei Jahre später wurde ihre Mutter, Gertrud, aus dem ausgezeichneten Geschlecht der Grafen von Meran, von ungarischen Edelleuten ermordet, und bald daraus verfiel Ludwigs Vater in Geisteskrankheit und starb, infolge von Streitigkeiten mit Mainz mit dem Banne beladen. Die verlobten Kinder, die sich lieb hatten, werden trotzdem eine frohe Zeit miteinander gehabt haben. Ob aber die Kleine nicht im stillen Heimweh in sich ftug? Ober ob ihr als Crde von der Mutter, deren Schwester als Königin von Polen eine Heilige wurde, Heimweh nach dem Himmel angeboren war? Es ist über­liefert, daß fie ein heiteres Temperament hatte, gern lachte und tanzte; so hatte sie vielleicht einen tätigen Geist in zartem Körper, war fie durch- filüht von dem göttlichen Trieb zu Helsen, zuzugreifen, wo es nottut, der sich mehr bei lebhaften als bei träumerischen ober sentimentalen Naturen finbet, wenn er auch mit zeitweiliger Melancholie wohl zu vereinen ist. Eie gehörte nicht zu benen, die ihr Interesse unb Gefühl auf einen ober ganj wenige Menschen beschränken; wohl liebte sie ihren Mann zärtlich, aber bies Glück erfüllte sie nicht ganz, es drängte sie, ihre fürstliche Würbe, ja ihre Liebe selbst wegzuwersen, unb sich den Armem den Schützlingen Gottes, aufzuopsern und dadurch selbst zum Kinde Gottes Zu machen. Als der Bericht von dem Leben des heiligen Franz zu ihr drang, empfand sie es als ihren Beruf, ihm nachzufolgen. Am Hofe mögen chunche mit Befremden und andere mit Unwillen den Umgang der froh- "chen jungen Fürstin mit den Armen und ihre verschwenderische Wohl-