Begegnung mit Napoleon.

Von Friedrich 6 d) n n d.

Mein Freund Doktor Leander, dessen Erlebnisse und Abenteuer zum Teil in meinem BuchDas Leben der Schmetterlinge" ausgezeichnet sind, erßäljlt'C i

Ich fuhr auf einem kleinen Personenfrachtdampfer von Marseille nach Korsika, um auf der Insel naturwissenschaftlid)« Studien zu treiben. Bei der Reise durch das Thyrenischc Meer waren von den dreiundfünfzig Mit­reisenden fünfzig seekrank, und nur drei: ich, ein aus Tonkin nach Korsika reisender französischer Hauptmann, und ein Mann aus Marseille, namens Ferat, fanden sich zu den verschiedenen Tischzeiten an der Tasel ein. Es war zwar «ine kleine, dennoch für mich red)t unterhaltende Gesellschaft, denn der Hauptmann, der übrigens mit Deutschland sympathisierte und auf England schimpfte, erzählte viele Geschichten aus seinem Koloniab leben. Ferat hingegen, ein ausmerksamer düsterer Zuhörer, verhielt sich schweigsam. Er war ein hagerer, baumlanger Mann, von etwa fünfzig Jahren, dessen Gesicht auffallend den Zügen Napoleons I. glich, freilich einem Napoleon, der gewissermaßen aus einem Zerrspiegel im gläsernen ' Labyrinth eines Jahrmarkts hsrausschaute, so schmal und langgezogen, mit wunderlich verschobenen Massen war sein Gesicht. Er ließ sich kaum in das notdürstigste Zwiegespräch ein, auch nicht mit dem Kolonialhaupt­mann, seine Zurückhaltung war schnurrig hoheitsvoll, als entstamme er einem alten, vornehmen, etwas lächerlichen Geschlecht; sein verunstalteter Cäsarenkopf blieb immer ernst und voll übertriebener Würde.

In Korsika angekommen, quartierte ick) mich in Ajaccio imHotel des Palmiers" ein, wo man mich bereits seit Tagen erwartete, ich hatte brief­lich ein Zimmer aus einige Wochen gemietet. Der Wirt erkundigte sich höflich nach dem Verlauf der Reise, und fragte beiläufig, ob ich aus dem Schiff etwa die Bekanntsd>rst Napoleons gemacht habe.

Sie meinen wohl Monsieur Ferat, der wie Napoleon aussieht?"

Eben den ..." bestätigte der Wirt.

Ein sonderbarer Mann", deutete ich an.

Der Wirt zwinkekrte vertraulich, befriedigt darüber, daß auch id) Ferat für einen kuriosen Kerl hielt. Und jo erfuhr ich denn, daß Ferat, der all­jährlich nach Korsika reiste, auf der Insel allgemeinNapoleon" genannt wurde. Er war ein reicher Kaufmann aus Marseille, der sick) für einen Nachkommen des großen Korsen ausgab, und mit närrischer Leidenschaft Napoleonreliquien sammelte. Jahr um Jahr durchstöberte er die Insel nach Andenken, ohne freilich viel Erfolg zu haben, denn die korsischen Erinnerungszeichen waren längst in dem dortigen Napoleonmuseum ge­borgen. Wie mir aber der Wirt berichtete, hatte Ferat im vergangenen Jahr ein großes Gartengrundstück im Innern der Insel erworben, samt einem Bauernhaus, weil in diesem Garten angeblich Napoleon als korsi­scher Junge von einem der alten Bäume Obst geklaut hatte. Ferat, sehr stolz auf seinen Kauf, ließ «ine Tafel anbringen, mit der französischen AufschriftGarten des jungen Napoleon", und einer Erklärung, die lang war wie ein Roman.

Sie werden das Vergnügen haben, mit Napoleon auch hier an einem Tisck) zu speisen, er wohnt nämlid) bei mir", meinte der Wirt.

Und so war es. AberNapoleon" taute auch in Ajaccio nicht reckst auf, er war, dem Beispiel des echten Napoleons folgend immer wortkarg, brütete vor sich, als wälze er gewaltige Pläne, prägte seine bronzene» Gesichtszüge wie ein ewiger Schauspieler, und liebte es, einsame Spazier­gänge zu unternehmen oder weite Ausslüge, auf der Suche nach neuen historischen Schaßen. Ich beachtete ihn wenig, zumal ich auch häusig unterwegs war, um meine Studien zu verfolgen, mich an dem wunder­baren Golf von Ajaccio herumtreibend, wo das Meer Algen, Muscheln, Quallen und allerlei Getier ans Land und in meine Botanisier- und Jnsektentrommel spülte.

Eines Tages, ich hatte den jd-rulligen Franzosen längere Zeit nicht gesehen, weilte id) im Innern der Insel in einem kleinen Dorf. Der echte Napoleon hatte damals, seinen Landsleuten zum Geschenk, in der Nähe einen großen Aquädukt vorübergeführt, dessen Bogen tiefe Täler und Schluchten überspannten, das Wasser floß weither, Dörfer und Hauptstadt speisend. Auf schwindelnder Höhe wanderte ich auf schmalem Steiurand an der Wasserleitung entlang, um die Flora und Fauna dieses Aquä­dukts zu ersorschen. Wasserpflanzen hatten sich darin angesiedelt, Algen und Moose, auch mancherlei Getier lebte darin, so Blutegel, Frösche und Wasserkäser. . ,.

Ab und zu schlängelte auch ein« Ringelnatter im Wasser, hmunter- schwimmend nach Ajaccio. Das Wasser war also reichlich bewohnt, und Sh deshalb auck) mehr einem Bach als einer Leitung von Trinkwasser.

entdeckte sogar verrostete Blechbüd)s«n und sortgeworfene Schuhe aus dem Grund der Rinne, was aber nach Ansicht der Korsen dem Wohl­geschmack keinen Abbruch zu tun schien; ein Eingeborener, dem ich später von Fröschen, Ringelnattern, Konservenbüchsen und alten Schuhen in seiner Wasserleitung erzählte, meinte harmlos, das schade gar nichts, das Wasser flösse ja, ehe es in den Brunnen laufe, durch ein ! eisernes Gitter...

Ich ging also auf dem schmalen Steig des Aquädukts dahin, über bie tiefen Schlechten und Täler, dem Ursprung zu, der in dem ansteigenden Bergland zu suchen war. Nad) einiger Zeit kam ich durch ein enges Tal und drang zu einer Höhle vor, die sich wie ein Tor auftat und den stei­nernen Weg des Wassers herausschickte. Nicht sogleich trat ich ein. Zu Unter Hand in einer flachen Mulde entzückte mich ein Feld blühender Asphodelen, eine ganze Flur hochgeschossener Pslanzen, ein üppiger Lilien- gorten, der unter der heißen Sonne aufstrahlte. Es waren wohl an Die tausend weitzblllhender Stengel, die in der Einsamkeit und Abgeschieden­heit des Tales wuchsen, und es waren wohl ebenso viehe Zirpen und Zikaden, die in dem Liliengarten geigten und schrillten, als feierten he ein wildes Jnsektenfest. Die Grillenmufik erfüllte das Tal mit ihrem un­unterbrochenen Schwirren, Wehen und Zirpen, ein betäubendes Konzert war im Gang, das diesem Insekten-Heerlager entschallte, so schwirrend, als risse eine Hand fortgescßt an einer gläsernen, zwischen Erde und Himmel gespannten Saite. Da das Wasser lautlos in feinem bett strömte, verfolgte mich der Lärm der Zirpen bis tief in die Hohle, in die ich nun hineinklettert«. ,, r _

Unterweltsstimmung kam über mich. Die Flut schoß schwarz an mir vorüber durch das Tor, das ein ametystleuchtendes Stück des Himmels ausschnitt: ich wurde an die Odyssee gemahnt, an die griechische Unter­welt und an die Asphodeloswieseii, darauf die Seelen der Verstorbenen als Zikaden zirpten, gleich den Grillen, die mir jetzt ihre tierische W nachschickten. Und so, angerührt vom Schauer der antiken Legende, stol­perte ich im matten Schein des verlorenen Tageslichtes vorwärts.

Plötzlich gewahrte id) vor mir, es mochte in einer Entfernung von fünfzehn Meter sein, ein schwebend weißes Viereck, einer weihen W ähnlich oder einem bleichen Fenster, eingefugt in die schwarz«. Ms- war es nur? Wahrscheinlich doch bloß eine Inschrift, die hinwies aus Die Bedeutung der Quelle und den Bau. Ofsensichtlich, es konnte nichts an­deres sein. Gebückt schob ich mich näher und schräg auswärts, umslu ten und besprochen von dem Geschwätz des von oben herabgleitenden Kapers, das hinmurmelte wie die Seufzer Verstorbener. Das Viereck nahm an Größe und Deutlichkeit zu, und nun sah ich plötzlich über der oberen Kante ein blasses Oval stehen, wie ein riesiges Ei. Sonderbar!

Indes ich nun immer näher kam, wurde aus dem Viereck ein nö­tiger Quader, den ich endlick) als einen Kalksteinblock erkannte. Cs m ein behauener Stein von der Größe und Höhe eines Tisches, der irgen einmal hier aufgestellt worden war, denn weit und breit gab es re Kalkfelsen, das ganze Gebirge hatte sich aus Urgestein, aus Granu, - baut. Möglicherweise befand ich mid) in einer uralten Hohle, Die ei i einem barbarischen Götterkult gedient hatte, und der weiße Quader:w ein marmorner Opferaltar, von Vorzeitmenschen weit hergeholt, uno Ehren heidnischer Götter in die Höhle gewälzt. .. ...

Und das blaue Oval? Darüber war keine Täuschung möglich, war der Kopf meines Reisegefährten, der langgezogene, verzerrte j» ) Napoleons". Ferat saß aus einer Fesenstufe wie auf einem Stuyi Ms dem magischen Unterweltstisch, hatte die Hände auf den Mitten . gelegt und starrte ohne Regung, in einer fürchterlichen Anstrengung

Nickst über allen Meeren wirst du fahren! Wo sind die Meere mit den grünen Tiefen, Die Meere, die, wenn Abendglocken riefen, Wie Mild) und Honig waren, wo die hellen Wie Seide, wo die schwarzen Todeswellen, Die Meere aller Wonnen und Gefahren? Nicht über allen Meeren wirst du fahren! Sie aber schwellen an den fernen Küsten, An felsigen, die nach den Nebeln ragen Und ruhevoll ein steinern Lächeln tragen Gleich vielerscihrenen Greisen; an die Wüsten, Die selber weite gelbe Dünenmeere, An Küsten, die vom Schatten alter Wälder- Bedeckt, an Küsten fetter Weizenfelder, An Küsten, die von einer vollen Schwere Der Gürten triefen, wo die trauten Stätten Der Menschen sich in grünen Hainen betten: O Herbst, da Schiffern, die zu lang gelitten Vom salzigen Weh, der überreifen Quitten Herzstärkender Geruch von goldenen Hängen Entgegenweht, und zu berauschten Sängen Die Saiten schwirren in dem Abendblaun! Du aber wirst nicht alle Küsten schaun!

Von allen Früchten wirst du nicht genießen, Nicht alle Blumen wirst du, die da sprießen. Zu Kränzen winden, nickst auf allen Weiden Und Hügeln schreiten, wo du neue Herden Von Tieren, die da zahm gehalten werden, Und Tieren, die in wilden Rudeln weiden, Erblicken magst; wirst nicht auf allen Rossen Dich tummeln, nicht mit jeglichen Geschossen Nach jedem Ziele werfen: Länder, Meere Sind dir und deinem innersten Begehre Versagt; verschlossen Freuden und Gefahren! Denn nicht auf allen Meeren wirst du fahren! Und eines wisse noch: in fremden Gauen, Da sitzen abendliche Spinnerinnen, Und andere Mädchen tanzen auf den Auen In Nebelschleiern, andere weilen drinnen In prunkenden Gemächern: alles Fraueii, Die lächeln können und mit weichen Händen Dich streicheln können und allein im Tasten Bedrückendes unfc alles Arge wenden.

Nicht wird dein Haupt in ihrem Schoße rasten, Sticht wird ihr Haar an deine Wange streifen, Du wirst sie niemals kennen, nie begreifen. Und in der Schar der weitentfernten Frauen Und auf den fremden, abendlichen Auen Singt vielleicht eine abseits der Gespielen, Singt vielleicht eine unter allen vielen Bon einem, den sie ewiglich zu suchen Geheißen ist, von einem süßen Kummer, Den kaum sie kennt und singt sich in den Schlummer: Du wirst sie nie und ihre Stadt besuchen, Wirst niemals euer beider Sehnen stillen, Und lebst in diesen deinen kurzen Jahren Allein für sie, allein um ihretwillen ...

Denn nicht auf allen Meeren wirst du fahren.