Ausgabe 
28.6.1929
 
Einzelbild herunterladen

SietzenerKnnilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang My Freitag, den 28. Juni Nummer

Die Allen und die Jungen.

Von Theodor Fontane.

Unverständlich sind uns die Jungen" Wird von den Alten beständig gesungen; Meinerseits möcht ichs damit halten: Unverständlich sind mir die Alten." Dieses am Ruder bleiben Wollen In allen Stücken und allen Rollen, Dieses sich unentbehrlich Vermeinen Samt ihrerAugen stillem Weinen", Als wäre der Welt ein Weh getan Ach, ich kann es nicht verstahn.

Ob unsre Jungen, in ihrem Erdreisten, Wirklich was Besseres schaffen und leisten, Ob dem Parnasse sie näher gekommen Oder bloß einen Maulwurfshügel erklommen. Ob sie, mit andern Reusittenoerfechtern, Die Menschheit bessern oder verschlechtern. Ob sie Frieden sän oder Sturm entfachen, , Ob sie Himmel oder Hölle machen Eins läßt sie stehen auf siegreichem Grunde: Sie haben den Tag, sie haben die Stunde; Der Mohr kann gehn, neu Spiel hebt an, S i e beherrschen die Szene, s i e sind dran.

Otto Freiherr von Taube.

Von Dr. Max Sidow.

Obwohl das dichterische Werk des Freiherrn Otto o. Taube weder seinem Umfang noch seiner Bedeutung nach so gering ist, daß es in der enormen Bücherproduktion unserer Tage verschwinden müßte, so hat es doch noch immer nicht den Erfolg gefunden, der ihm zukommt. Dieses Mißverhältnis zwischen Anerkennung und Wert beruht wohl zum großen Teil auf der Sonderstellung, die der Jdeenkreis, in dem sich Taubes Schaffen vorzugsweise bewegt, zu den herrschenden Gedankenströmungen einnimmt. Gleichwohl ist der gedankliche Inhalt dieses Werkes durchaus nicht so abseitig, wie es einem flüchtigen Beurteiler scheinen könnte, es sei denn, daß man die Zukunft im Hinblick auf die Gegenwart abseitig nennen wollte. Und Zukunft allerdings ist es, um die Otto v. Taube ringt, freilich nicht die Zukunft eines einzelnen Menschen oder gar die seiner eignen Person; allein die Zukunft des deutschen Volkes und Wesens erfüllt ihn, und nur die Sorge um diese Zukunft trieb ihn, in seinen Romanen, in zahlreichen Novellen und Aufsätzen an der nahen Ver­gangenheit und Gegenwart Kritik zu üben.

Diese Kritik ist ein wesentliches Merkmal in Taubes geistiger Hal­tung. Keineswegs aber handelt es sich bei ihr um eine zerstörende, zer­setzende Kritik, um ein Niederreißen des als schlecht Erkannten und um ein Unvermögen zum Neuaufbau; sie kennzeichnet sich vielmehr durch ein stark ausgeprägtes Verantwortlichkeitsgefühl, sie ist in stärkstem Grade wirklichkeitsbetont und darum fruchtbar. Daher bedeutet denn auch das zweite Element in Taubes Werk, das wir als ein sehr ausgesprochenes Formgefühl, ja, als einen sehr bewußten Willen zur Form erkennen, durchaus keinen Widerspruch zu jener kritischen Natur. Im Gegenteil, die Eigenart von Taubes kritischer Veranlagung fordert geradezu die Form, da das Maß der Kritik die Wirklichkeit ist; Form aber bedeutet stets etwas Abgegrenztes, nie etwas bloß Erträumtes, nichts Verschwommenes und Zielloses, sondern eben Ziel und Grenze und darum Wirklichkeit.

Wenn Otto o. Taube sich oft und gern einenRömling" nannte, so will das nicht etwa heißen, daß er seinem Wesen nach undeutsch ist, sondern vielmehr, daß er, der wie wenige das deutsche Volkstum liebt, über dieser Liebe die Fehler und Schwächen des deutschen Geistes nicht vergißt. Um stch nicht selbst zu vernichten, bedarf das zu Schwarm­geisterei, zu Utopien und zu Ewigkeitsdünkel neigende deutsche Wesen einer Ergänzung, die Taube zu finden glaubt in der Klarheit und Schärfe des romanischen Geistes, im Sinn für Wirklichkeit und Form mag tnan diese Form nun im Politischen Staat und Vaterland, im Künstle­rischen Bild und Gestalt nennen. Daß diese Ergänzung eine Notwendig­keit ist, beweist die nie gestillte Sehnsucht der Deutschen nach der Welt des Südens, beweisen zweitausend Jahre deutscher Geschichte.

,Jtfu5 dieser geistigen Atmosphäre und in steter Wechselwirkung von schöpferischer Kritik und Formwillen erwuchs Taubes Werk, und zwar in zwei deutlich von einander unterschiedenen Schaffensperioden, von denen die erste mehr lyrisch, die zweite mehr episch betont war. Taubes erstes eigenes Buch war ein Gedichtband, den er bescheidenV e r s e nannte. In ihm erscheint die unmittelbare Anschauung der Dinge, die lebendige, sprudelnde Empfindung noch ungebändigt; das strenge Matz der vom Dichter bevorzugten klassischen Formen ist noch nicht durchweg

mit dem Inhalt organisch verbunden, fremde Einflüsse, mögen sie nun von Hofmannsthal, George oder d'Anmmzio kommen, sind unverkennbar. Um vieles gereister ist der Lyriker Taube in den späteren BändenG e - dichte und Szenen" undNeue Gedichte", in denen aus der Einheit von verhaltenem Gefühl, gemeinsterter Form und edelster Sprache uns Sehnsucht und Erfüllung, Liebe und Schwermut, Wunsch und Ent­sagung wie mit einer dunklen, lautlosen Flamme entgegenbrennen.

Das epische Schaffen Taubes galt vor allem dem Gesellschaftsroman großen Stils. ImV e r b o rg e n e n Herbst" gestaltet er die frühe Reife eines jungen und dennoch schon vollendeten Menschen, den erals ein Beispiel naher Verklärung" mitten hinein in das bunte Treiben einer studentischen Verbindung, in eine Schar noch unausgeglichener, gärender Altersgenossen stellt. In seinem zweiten GesellschaftsromanDie Löwenpranke s" spannt Taube den Rahmen weiter. Zwar unter­wirft er auch hier zumeist nur einen bestimmten Stand seiner Kritik, doch an Stelle eines engbegrenzten Kreises tritt nunmehr die Weite einer großen Gesellschaftsschicht. Der Blick ist umfassender geworden, Probleme der Zeit werden einbezogen, der Mensch wird zum Glied der Gemein­schaft, die Gemeinschaft zum Bild und Sinnbild des Volkes, das wieder­um gleichwertig als Nation im Ring der anderen Nationen steht. Bemer­kenswert ist, mit welch unbestechlicher Scharfsicht Otto v. Taube in diesem vor dem Kriege entstandenen Roman die internationalen Verwicklungen jener Jahre, die Spannung zwischen Deutschland und Frankreich, Italiens Krieg um Tripolis gegen die Pforte, die mexikanischen Wirren dargestellt, und wie richtig er damals schon kommende Ereignisse, wie etwa die poli­tische Entwicklung Italiens bis zu unseren Tagen, vorausgesagt hat. Mit­ten in diesem Zeitbilde aber steht, wie eine Gestalt der Renaissance, der junge Carl Löwenpranke, eineblonde Bestie" von schier Nietzschescher Prägung.

In seinem dritten RomanDas O p f e r f e st" führt Taube die Gesell­schaftskritik folgerichtig weiter zur Kritik an der Volkheit. Der Schwarm­geist Henner Dippel, der als germanischer Heilsbringer das deutsche Wesen zum Weltgewissen aufzurütteln sich berufen glaubt, der Wotan, Baldur und Thor beschwört, und schließlich bas altgermanische Roßopfer mit Holzpferdchen vollzieht, dieser irregeleitete, törichteewige Deutsche" wird zum Urbild aller deutschen Fehler und Schwächen, wird zum Symbol der grübelnden, lebensfremden Ueberheblichkeit. Diese bittere Satire erhält im Zusammenhang mit Taubes Gesamtwerk, wozu wir außer zahlreichen Novellen (ein Teil davon ist in dem BandeAdele und der Dich- t c r" gesammelt), Essays und Uebersetzungen noch die ausgezeichnete Rasputin- Biographie rechnen müssen, über alle Verneinung hinaus Fruchtbarkeit und Größe. Erziehung des Menschen zur klaren Erkenntnis der Wirklichkeit, Erziehung des Volkes zur Volkheit und Nation: das ist Aufgabe und Ziel Otto v. Taubes, darin liegt die Bedeutung feines Wer­kes, eines Werkes, über das män getrost die Worte aus demVer­borgenen Herbst" schreiben darf:Das Außerordentliche kann nicht spur­los vergehen!"

--------- J

Nicht über allen Meeren wirst du fahren.

An Rudolf Alexander Schröder. 1

Von Otto Freiherrn von Taube.

Nicht über allen Meeren wirst du fahren: Und feien's helle Meere von so glatten. So blanken Flächen, wie sie keinen klaren Gewässern gleichen, die du je befahren. Und feien's Meere, deren Flut den matten Weichgrauen Seiden mit den glauchen Schatten Vergleichbar ist, du wirst sie nicht befahren.

Auch gibt es Meere, deren grüne Tiefen Gleich einem Längstvertrauten dich bestricken Und dir mit innigen Geschwisterblicken Gedanken wecken mögen, die da schliefen.

Und Meere, die von goldenem Glanz durchschossen, Der sich zur Stunde, da die Glocken riefen, Als wie ein Honigstrom darein ergossen. Und Meere, die von weißer Milch durchflossen. Und Purpurmeere, dunkles Veilchenschimmern, Und Meere mit perlmutterfarbenem Glimmern.

Und Meere gibt es gierender Gefahren Mit Angst und Ahnung unter jachen Wellen, Mit Stürmen, die um ihre Klippen gellen, An denen Planken, Mast und Kiel zerschellen, Und die doch manch ein Siegender befahren Trotz ihrer Schlünde, die da offen gähnen, Der Todesrosse mit den weißen Mähnen: Das sind die Meere gierender Gefahren!