fta) vortragen, denn sie schien vollständig zum Hause zu gehören und sich darin mit ihrem kecken Wesen eine entschiedene Stellung erobert zu haben.
Die Leubelfinge erzählten. „Wenn ich denke," sagte dann das Mädchen mut g, „wer es war, der das Hoch auf den König ausbrachte!"
„Wer denn?" fragten die Leubelfinge, und sie antwortete: „Niemand anders als ich."
„Hol' dich der Henker, Mädchen!" grollte der Alte. „Gewiß hast du den blauen schwedischen Soldatenrock, den du dir im Schrank hinter deinen Schürzen aufhebst, angezogen und dich in den Speisesaal an deinen Gatzen hinangeschl.ch-n, statt dich züchtig unter den Weibern zu halten.
„Sie hätten mir den hintersten Platz gegeben," versetzte das Mäd- Zornig, „die kleine Hallerin, die große Holzschuherin, die Hochmut ge Ebnerin, die schiefe Geuderin, die alberne Creherin, tutte quante, Ne dem Könige das Geschenk unserer Stadt, die beiden silbernen Trinkschalen, die Himmeiskugel und die Erdkugel, überreichen durften."
„Wie kann ein schamhaftes Mädchen, und das bist du, Gustel, es nur über sich bringen, Männertracht zu tragen!" maulte der zimperliche Jungluig.
„Das heißt," erwiderte das Mädchen ernst, „die Tracht meines Vaters, wo noch neben der Brusttasche das gestüpfte Loch sichtbar ist, das der Degen des Franzosen gerissen Hot. Ich brauche nur einen schrägen ^.slick zu tun' — sie tat ihn, als trüge sie die väterliche Tracht — »so sehe ich den Riß und es wirkt wie eine Predigt. Dann," schloß sie, aus dem Ernst nach ihrer L.rt in ein Lachen überspringend, „wollen mir die Weiberrocks auch gar nicht fitzen. Kein Wunder, daß sie mich schleckst kleiden, bin ich doch bis in mein vierzehntes Jahr mit dem Vater und der Mutter in kurzem Habit zu Rofss gesessen."
„Liebe Base," jammerte der junge 'Leubelsing nicht ohne eine Mischung von Zärtlichkeit, „seit dem Tode deines Vaters bist du hier wie das Kind des Hauses gehalten, und nun hast du mir das eingebrockt! Dr lieferst deinen leibhaftigen Vetter wie ein Lamm auf die Schlachtbank! Der Utz wurde durch die Stirn geschossen, der Götz durch den Hals!" Ihn überlief eine Gänsehaut. „Wenn du mir wenigstens einen guten Rat wüßtest, Base!"
„Einen guten Rat," sagte sie nachdrücklich, „den will ich dir geben: halte dich w:e ein Nüremberger, wie ein Leubekfing!"
„Ein Leubelsing!" giftelte der alte Herr. „Muh denn jeder Nürem- berger und jeder Leubelsing ein Raufbold sein, wie der Rupert, dein Vater, Gott hab' ihn selig, der mich, den Aeltern, er ein Zehnjähriger, auf einem Leiterwagen entführte, umwarf, heil blieb und mir zwei Rippen brach? Welche Laufbahn! Mit Fünfzehn zu den Schweden diuch- gegangen, mit Siebzehn eine Fünfzehnjährige vor der Trommel geheiratet, mit Dreißig in einem Raufhandel das Zeitliche gesegnet!"
„Das heißt," sagte das Mädchen, „er fiel für die Ehre meiner Mutter —"
»Weißt du mir keinen Rat, Guste?" drängte der junge Leubelsing. „Du kennst den schwedischen Dienst und die natürlichen Fehler, die davon frei machen. Aus was kann ich mich bei dem Könige gültig ausreden?"
Sie brach in ein tolles Gelächter aus. „Wir wollen buh," sagte sie, »w>e den jungen Achill im Bildwerk am Ofen dort unter die Mädchen stecken, und wenn der list'ge Ulysses vor ihnen das Krieaszeua aus- dreitet, wirst du nicht auf ein Schwert losspringen."
„Ich gehe nicht!" erklärte der durch diese mythologische Gelehrsamkeit Geärgerte. ,Hch bin nicht die Person, welche der Vater dem Könige ge- sch wert hat." Da fühlte er sich an seinen beiden dünnen Armen gepackt. Ihm den linken klaubend, jammerte der alte Leubeif.ng: „Willst du mich ehrwürdigen Mann dem Könige als einen windigen Lügner hinstellen?" Das Mädchen aber, den rechten Arm des Vetters drückend, rief entrüstet: „Willst du mit deiner Feigheit den braven Namen meines Vaters entehren?"
„Weißt du was," schrie der Gereizte, „gehe du als Page zu dem König! Er w rd, bubenhaft wie du aussiehst und dich beträgst, das Mädchen in dir ebensowenig vermuten, als der Ulysses am Ofen, von dem du fabelst, in mir den Buben erraten hätte! Mach' dich aus zu deinem Abgott und bet' ihn an! Am Ende," fuhr er fort, „wer weiß, ob du das nicht schon large in dir trägst? Träumest du doch von dem Schwe- denkonig, mit welchem du als Kind in der Welt herumgesahren bist, wachend und schlafend. Als ich vorgestern auf meine Kammer ging, an der deinigen vorüber, hörte ich deine Traumstimme schon von weitem. Ich brauche wahrlich mein Ohr nicht ans Schlüsselloch zu halten. .Der König! Wache heraus! Präsentiert Gewehr!'" Er ahmte das Kommando mit schriller Stimme nach.
Die Jungfrau wandte sich ab. Eine Purpurröte war ihr in Wangen und Stirne geschossen. Dann» zeigte sie wieder die warmen lichtbraunen Augen und sprach: „Nimm dich in acht! Es könnte dahin kommen, wäre es nur, damit der Name Leubelsing nicht von lauter Memmen getragen wird!"
Das Wort war ausgesprochen und ein kindischer Traum hatte Gestalt gewonnen als ein dreistes aber nicht unmögliches Abenteuer. Das väterliche Blut lockte. Des Mutes und der Verwegenheit war ein Ueber- fluß. Aber die maidlich- Scham und Zucht — der Vetter hatte wahrhaftes Zeugnis abgelegt — und die Ehrfurcht vor dem Könige taten Einspruch. Da ergriff sie der Strudel des Geschehens und riß sie mit sich fort
Der schwedische Kornett, welcher das Schreiben des Königs gebracht hatte und den neuen Pagen ins Lager führen sollte, meldete sich. Statt in die grauen Mauerbilder Meister Albrechts hatte er sich in eine lustige Weinstube und in einen goldgesiillten grünen Römer vertieft, ohne jedoch den Glockenschlag zu überhören Der alte Leubelfing, in Todesangst um seinen Sohn und um seine Firma, machte eine Bewegung, die Knie seiner Richie zu umsangen, nicht anders als um den Körper seines Sohnes bittend der greise Priamus die Knie Achills umarmte, während der junge Leubelsing an allen Gliedern zu schlottern begann. Das Mädchen machte sich mit einem krampshoften Gelachter los und entsprang
durch eine Seitentür gerade eine» Augenblick ehe sporsuklirrend der nett eindrang, ein Jüngling, dem der Mutwille und das Lebensfeuer aus den Augen spritzte, obwohl er in der strengen Zucht seines Königs stand.
Auguste Leubelfing wirtschaftete hastvoll, wie berauscht in ihrer Kammer, packte einen Manteisack, warf sich eilfertig in die Kleider ihres Balers, die ihrem schlanken und knappen Wuchs wie angegossen saßen, und dann auf die Knie zu einem kurzen Stoßseufzer, um Vergebung und Begünstigung des Abenteuers betend.
Als sie wieder den untern Saal betrat, rief ihr der Kornett entgegen; „Rafch, Herr Kamerad! Es eilt! Die Rosse scharren! Der König erwartet uns! Nehmt Abschied von Vater und Vetter!" und er schüttet« mit einem Zug den Inhalt des ihm vorgesetzten Römers hinter seinen feinen Spitzenkragen.
Der in schwedische Uniform gekleidete Scheinjüngling neigte sich über die vertrocknete Hand des Alten, küßte sie zweimal mit Rührung und wurde von ihm dankbar gesegnet; dann aber plötzlich in eine unbändige Lustigkeit übergehend, ergriff der Page die Rechts des jungen Leubelfing, schwang sie hin und her und rief: „Lebt wohl, Jungfer Base!" Der Kornett schüttelte sich vor Lachen: .Hol' mich, straf' mich — was der Herr Kamerad für Späße vorbringt! Mit Gunst und Verlauf, mir fiel es gleich ein: das reine alte Weib, der Herr Vetter! in jedem Zug, in jeder Gebärde, wie sie bei uns in Finnland fingen:
Ein altes Weib auf einer Ofengabel ritt —
Hol' mich, straft mich!" Er entführte mit einem raschen Handgriff dem auswartenden Stubenmädchen das Häubchen und stülzte es dem jungen Leubelsing auf den von sparsamen Flachshaaren umhangenen Schädel. Die spitze Rase und das rückwärts fliehende Kinn vollendeten das Profil eines alten Weibes.
Jetzt legte der leichtbezechte Kornett feinen Arm vertraulich in den des Pagen. Dieser aber trat einen Schritt zurück und sprach, die Hand auf dem Knopfe des Degens: „Herr Kamerad! Ich bin ein Freund der Reserve und ein Feind naher Berührung!"
„Potz!" sagte dieser, stellte sich aber seitwärts und gab dem Pagen mit einer höfuchen Handbewegung den Vortritt. Dis zwei Wildfänge rasselten die Treppe hinunter.
Lange noch ratschlagten die Leubelfinge. Daß für den jungen, welcher feine Identität eingebüßt hatte, des Bleibens in Nüremberg nicht länger fei, war einleuchtend. Schließlich wurden Vater und Sohn einig. Dieser sollte einen Zweig des Geschäftes nach Kursachsen, und zwar nach der «usblühenden Stadt Leipzig verpslanzen, nicht unter dem verscherzten patrizischen Namen, sondern unter dem plebejischen .Laubsinger", nur auf kurze Zeit, bis der jetzige August von Leubelfing neben dem König vom Roß auf ein Schlachtfeld und in den Tod gestürzt sei, welches Ende nicht werde auf sich warten lassen.
Als nach einer langen Sitzung der Vertauschte sich erhob und seinem Bild im Spiegel begegnete, trug er über seinen verstörten Zügen noch das Häubchen, welches ihm der schwedische Taugenichts aufgesetzt hatte.
II.
Höre, Page Leubelfing! Ich habe ein Hühnchen mit dir zu pflücken. Wenn du mit deinen flinken Fingern in den dringendsten Füllen dem Könige meinem Herrn eine ausgehende Naht seines Rockes zunähen oder einen fehlenden Knopf ersetzen würdest, vergäbest du deiner Pagen- würde nicht das geringste. Hast du denn in Nüremberg Mütterchen oder Schwesterchen nie über die Schulter auf das Nähkiffen geschaut? Ist es doch eine leichte Kunst, welche dich jeder schwedische Soldat lehren kann. Du rümpfst die Stirne, Unfreundlicher? Sei artig und folgsam! Sieh' da mein eigenes Besteck! Ich schenk' es dir."
Und die Brandenburgerin, die Königin von Schweden, reichte dem Pagen Leubelfing ein Besteck von englischer Arbeit mit Zwirn, Fingerhut, Nadel und Schere. Dem Könige aus eisersüchtiger Zärtlichkeit überallhin nachreisend, hatte sie ihn mitten in seinem unseligen Lager bei Nüremberg, wo er einen in dasselbe eingeschlossenen, vom Kriege halb verwüsteten Edelsitz bewohnte, mit ihrem kurzen Besuche überrascht. In den widerstrebenden Händen des Pagen öffnete sie das Etui, enthob ihm den silbernen Fingerhut und steckte denselben dem Pagen an mit den holdseligen Worten: „Ich binde dir's aufs Gewissen, Leubelsing, daß mein Herr und König stets proper und vollständig einhergehe.
„Den Teusel scher' ich mich um Nähte und Knöpse, Majestät", erwiderte Leubelfing unmutig errötend, aber mit einer so drolligen Miene und einer so angenehm markigen Stimme, daß die Königin sich keineswegs beleidigt fühlte, sondern mit einem herablassenden Gelächter den Pagen in die Wange knisf. Diesem tönte das Lachen hohl und albern, und der Reizbare empfand einen Widerwillen gegen die erlauchte Fürstin, von welchem diese gutmütige Frau keine Ahnung hatte.
fFortsetzung folgt.)
Vom Wesen der Musik.
Von Dr. Karl Storck.
Auf dem Gebiete der Musik lieg! manches ganz anders als bei anderen Künsten, und man braucht nicht ausübender Musiker zu sein, um sich näher mit dem Wesen der Musik zu beschästigen. Viel mehr Menschen — zumal vorn deutschen Volke gilt dae -- haben ein fruchtbar zu machendes Verhältnis zur Musik, als etwa zur Literatur und zur bildenden Kunst. Es gibt nur ganz wenige Leute, die für Musik ui empfänglich fh d, die nicht darüber hinaus geradezu Liebe zur Musik empfinden. Man braucht nur zu bedenken, daß es in der Literatur und in der bildenden Kunst ein Seitenstück zu ungeheuer großen zahlen der reproduzierenden Musiker nicht gibt. Musikalisch ist der Mensch, der Musik stark zu empfinden fähig ist. Dagegen kann man bis zu einem ganz beträchtlichen Grade musikiechnifch reproduzieren, ohne musikalisch zu sein. Bei der bildenden Kunst ist es außerordentlich schwierig, sich so tief in die Formgebung, die gestaltenden Kräste, die inneren Lebensgesetze, zu versenken, daß wir so ganz nachzuleben vermögen. Auch bei der Literatur gehört große ästhetische und geistige Schulung dazu, um nicht bloß am Stoff«


