Geheuer ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Montag, öen 28. Januar
Nummer 8
Jahrgang (929
Eisgang.
Don Theodor KraMer, Der Tauwind kommt das Engtal her und lockert Wall und Wachten auf; die Eichenkronen braufen teer, das Grundeis birst im Oberlauf.
Er birst und steigt» es tost und tanzt und übersurrt den Ufersaum, in scharfe Scheiben ausgestanzt, und kappt im Flußland Baum um Baum.
Die tiefen Schollen aber greift die Flut» die zwischen ihnen schwillt und sie vorbei an Pfeilern schleift, bis flach- und breit wird öds Gestldi
Gustav Adolfs Page.
Rouelle von Conrad Ferdinand Me'y'eit.
I.
3n dem Kontor eines unweit St. Sebald- gelegenen liürembergisch-rn Patrizierhauses saßen sich Later und Sohn an einem geräumigen Schreibtisch.' gegenüber, der Abwickelung eines- bedeutenden Geschäftes Mil gespanntester Aufmerksamkeit obliegend. Beide, jeder für sich auf seinem Stücke Papier, summierten sie dieselbe lange Reihe' von Posten, um dann zu wünschbarer Sicherheit die beiden Ergebnisse zu vergleichen. Der schmächtige Jüngling, der dem Vater aus den Augen geschnitten war, erhob die spitze Aase'zuerst von seinen zierlich geschriebenen Zahlen. Seine Addition war beendigt-und er wartete'auf den bedächtigeren Vater nicht ohne einen Anflug von Selbstgefälligkeit in dem schmalen sorgen- yasten Gesichte — als ein Dienet eintrat und ein Schreiben in großem Format mit einem schweren Siegel überreichte. Ein Kornett von den schwedischen Karabinieren habe es gebracht. Er beschaue sich- setzt nebenan den Ratssaal mit den welöberüymteN Schildereien und- werde' pünktlich in einer Stunde sich wieder einfindem Der Handelsherr erkannte auf den ersten Bück die kühnen Schriftzüge der Majestät des schwedischen-Königs Gustav Adolf und erschrak ein men g über die große Ehre' des eigenhändigen Schreibens: Die' Befürchtung lug' nahe, der König; den er in seinem neiierbäuten Hause, dem schönsten von Nüremb-erg, bewirtet und gefriert hatte. Mochte bei stinem- patriotischen Gastsreunde ein Anleihen machen. Da er aber unermeßlich begütert war und die Gewissenhaftigkeit der schwedischen Rentkammor zu schätzen wußte, erbrach, er das- königliche Siegel ohne sonderliche Besorgnis' und sogar Mit dem Anfänge eines prahlerischen Lächelns. Kaum aber hatte' er die' wenigen- Zeilen des in königlicher Kürze' verfaßten Schreibens überflogen, lvurdk er bleich wie über ihm die Stukkatur der Decke, welche in hervorquellenden Massen und aufdringlicher Gruppe die Opferung ÄsaatÄ' durch- den eigenen' Vater Abraham- darstellte. Und sein guter Sohn, der ihn beobachtete', erbleichte ebenfalls, aus der plötzlichen Entfärbung des- vertrockneten Gesichtes auf ein großes Unheil ratend. Seins Bestürzung wuchs, als ihn der Alte über das 'Blatt weg mit einem- wehmütigen Ausdrucke- väterlicher Zärtlichkeit betrachtete. „Um Gottes willen," stotterks- der Jüngling, „was ist es, Vater?" Der alte Leubelfing, denn diesem vornehmen Handelsgesthlechte gehörten die beiden an, bot ihm das Blatt mit zitternder Hand. Der Jüngling las:
Lieber Herr!
W-jsend und Uns wohl erinnernd, daß der Sohn des Herrn den Wunsch nährt, als Page bei- Uns sinzutteten', melden- hiermist daß, dieses heute geschehen und oöllg werden Mach dieweil Unser voriger Page, der Bax Beheim seliger t' (ni ! nachträglicher Ehrenmeldung des vorvorigen, Utzen Volkamers seligen f, und des fürdervor-gen, Götzen TuchetS seligen f) heute bei währendem Sturme nach beiden ihm'e von einer Stückkugel abgerissenen Beinen in Unfern Armen sänstigiich entschlafen ist. Es wird Uns zu besonderer Genugtuung- gereichen, w eder Einen aus der evangelischen Reichsstadt Nüremberg, welcher Stadt Wir fürnehmlich gewogen sind, irr Unfern nahen Dienst zu nehmen. Eines- guten Unterhaltes und täglicher christlicher Vermahnung- seines Sohnes kann der Herr gewiß sein. Des-Herrn wohl affektionierter
Gustavvs- Adtiphus Rex.
*0 du meins Güte," jammerte der Sohn, ohne sein- zages- Herz, vor dem Vater zu verbergen, „jetzt trage ich meinen Totenschein ick der Tasche und Ihr, Vater — mit dem schuldigen Respekt gesprochen- — seid
der Ursacher meines frühen Hinscheidens, denn wer als Ihr könnte dem Könige eine jo irrtümliche Meinung von meinem Wünschen und Begehren beigebracht haben? Daß Gott erbarm'!" und er richtete seinen Blick aufwärts zu dem gerade über ihm schwebenden Messer des gip- senen Erzvaters.
„Kind, Lu brichst mir das Herz!" versetzte der Alte mit einer kargen Träne. „Vermaledeit sei das Gias Tokayer, das ich zuviel getrunken —"
„Vater," unterbrach ihn der Sohn,, der mitten tm Elend den Kopf wo nicht oben, doch klar behielt,. „Vater, berichtet wie sich, das Unglück et eignet hat."
„August," beichtete der Alte mit Zerkkirfchung, „du weißt die große Gasterei, die ich dem Könige'bei- feinem ersten Einzüge gab. Sie kam mich teuer zu stehen —"
„Dreihundertneunundneunzig Gulden elf: Kkeuzest Vater, und ich habe nichts davon gekostet," bemerkte der Junge weinerlich, „denn ich hütete die Kammer mit einer nassen Bausche über dem Äuge." Er wies aus jein rechtes. „Die Gustel, der Wildfang, halb unsinnig und närrisch vor Freude, den König zu sehen, hatte mir den Federball ins Auge ge- schm ssen, da gerade ein Trompetenstoß schmetterte und sie glauben ließ, der Schwede halte Einzug. Aber redet, Vater —"
„Rach abgetragenem Essen bei den Früchten und Kelchen, erging ein Sturm von Jubel oben durch den Saal und' uttlen über den Platz durch das Kops an Kopf versammelte Volk. Alle wollten sie den König sehen. Humpen dröhnten, Gesundheiten wurden bei offenen Fenstern ausgebracht und oben und unten t-ejauchzt. Dazwischen schreit eine klare, durchdringende St'mme: „Hoch Gustav, König von Deutschland!" Jetzt wurde es mäuschenst $ denn das war ein starkes Ding. Der König spitzte' Sie Ohren und strich sich, den Zwickel. „Solches darf, ich nicht Bären1,, sagte er. „Ich bringe ein Hoch der evangelischen Reichsstadt' Nürcmb'erg!" Nun bricht erst der ganze Jubel aus. Stücke werden auf dem Platze gelöst, alles geht drliber und drunter! Nach einer Weile drückt m'ch dis Majestät von ungefähr in eine Ecke. „Wer hat den König von Deutschland hoch leben lassen, Leubelfing?" fragte er mich unter 8er Stimme. Nun sticht mich alten betrunkenen Esel"die P'rahlsucht" — Leubelfing schlug sich vor die Stirn, als klage' er sie an, ihn nicht- besser beraten zu haben — „und- ich antwortete: „Majestät, das tat mein Sohn, der August. Dieser spannt- Tag und Rächt daraus, als Page in (Euren Dienst zu treten." Trost meines Rausches wußte ich, daß der königliche Leib- dicnst von Götz Tücher versehen wurde und der Bürgermeister Volkamer nebst dem Schöppen Beheim ihre Buben als Pässen empfohlen- hatten. Ich sagte es auch nur, um hinter meinen Nachbarn, dem- alten Tücher und dem Großmaul, dem Beheim, nicht zurückzubleiben. Wer konnte denken, daß der König die ganz« Nüremberger Wäre in Bayern verbrauchen würde —"
„Aber, hätte der König mich mit meinem blauen Auge holen lassen?"
„Auch das war vorbedacht, August! Der verschmitzte Spitzbube, der Eharnace, lärmte im Vorzimmer. Schon dreimal hatte er sich melden lassen und war nicht mehr abzutreiben. Der König ließ ihn dann ekn- kreten und hudelte den Ambassadsnv vor uns'- Patriziern, daß einem deutschen Mann' das Herz im Leibe lachen mußte: Nichts von alledem hatte- ich in der Geschwind'gkeit unerwogen gelassen
„So viel und so wenig' Weisheit! Vater!" seufzte ö'er Sohn.
Dann steckten, die beiden- die Köpfe zusammen, Um etw Remedur zu suchen, wie' sie es nannten:, jetzt' unter der Stimme flüsternd, welche sie vorher in ihrer Aufregung, uneingedsnk 8er im Nebenz-mmer hantieren- den Angestellten und Lehrlinge, zu dämpfen vergessen hatten. Aber sie fanden keinen Rat und ihre Gebärden wurden immer' ängstlicher und peinlicher, als im GanM draußen ein markiger Alt dos Leiblied Gustav Adolfs- anstimmte:
„Betrage Nicht, dir Häuflein- Kein, Ob- auch, die Feinde' Willens' fein. Dich gänzlich zu zerstören!".
und ein- iaNMnfchlän-kes Mädchen Mik' lustigen Äugelst ktirzgeschnlttenen Haarest knabenhaften Formen und ziemlich r'ckt'ermäßgeü Manieren eintrat.
„Willst du uns die Ohren zersprengen, Base?" Mnkten die beiden LrUbelsinge. Sie, das trubfef ge Paar musternd,, erwiderte: „Ich komme Euch zum Essen zu' rufen. Was hät's gegeben, Herr Ohm und Herr Vetter? Ihr habt ja beide ganz, bleiche Nasenspitzen!" Der zwischen den H'lslosen liegende Brief, den das Mädchen ohne weiteres ergriff, und als sie die kräftig hingeworfene Unterschrift des König; gelesen, mit leidenschüftlichM Augen verschlang, erklärte ihr den Schrecken- „Zu Tisch«, Herren!" sagte sie und- schritt den- beiden voran in Bös Speisezimmer. Hier aber ging es Lew gutherzigen Mädchen selber nahe, wie den Leubekfing'en jeder Bissen im Münde quoll. Sie' ließ abtragen, setzte ihren Stuhl zurück, kreuzte die Arme, sch-'ug unter ihrem blauen Rocke, an dessen Gurt' die Tasche und der Schlüsselbund hing, ein schlankes Bein über das andere Md ließ; horchend und nachdenkend, den- ganzen verfängstchen HondÄ


