stiegen, kaum sah sie zum Kragen heraus, als ein blendendes Licht ihr entgegenstrahlte unb sie mit einemmal auf einer herrlich duftenden Wiese stand, van der Millionen Funken wie blinkende Edelsteine emporstrahlten. „Wir befinden uns auf der Kandiswiese", sprach Nußknacker, „wollen aber atsbald jenes Tor passieren." Nun wurde Marie, indem sie aufblickte, erst das schöne Tor gewahr, welches sich nur wenige Schritte vorwürts auf der Wiese erhob. Es schien ganz von weiß, braun und rosinfarben gesprenkeltem Marmor erbaut zu sein; als aber Marie näher kam, sah sie wohl, daß die ganze Masse aus zusammengebackenen Zuckermandeln und Rosinen bestand, weshalb denn auch, wie Nußknacker versicherte, das Tor, durch welches sie nun durchgingen, das Mandeln- und Rosinentor hieß. Gemeine Leute hießen es sehr unziemlich die Studentenfutterpforte. Auf einer herausgebauten Galerie dieses Tores, augenscheinlich aus Gerstenzucker, machten sechs in rote Wämserchen gekleidete Aeffchen die aller- schönste Janitscharenmusik, die man hören konnte, so daß Marie kaum bemerkte, wie sie immer weiter, weiter auf bunten Marmorsliesen, die aber nichts andres waren als schön gearbeitete Morsellen, fortschritt.
Bald umwehten sie die süßesten Gerüche, die aus einem wunderbaren Wäldchen strömten, das sich von beiden Seiten auftat. In dem dunklen Laube glänzte und funkelte es so hell hervor, daß man deutlich sehen konnte, wie goldene und silberne Früchte an buntgefärbten Stengeln herabhingen und Stamm und Aeste sich mit Bändern und Blumensträußen geschmückt hatten, gleich fröhlichen Brautleuten und luftigen Hochzeits- gästen. Und wenn die Orangendüfte sich wie wallende Zephyre rührten, da sauste es in den Zweigen und Blättern, und das Rauschgold knitterte und knatterte, daß es klang wie jubelnde Musik, nach der die funkelnden Lichterchen Hüpfen und tanzen müßten. „Ach, wie schön ist es hier!" rief Marie ganz selig und entzückt. — „Wir sind im Weihnachtswalde, beste Dernoiselle", sprach Nußknackerlem. — „Ach", fuhr Marie fort, „dürst' ich hier nur etwas verweilen! Oh, es ist ja hier gar zu schön." Nußknacker klatschte in die kleinen .Händchen, und sogleich tarnen einige kleine Schäfer Und Schäferinnen, Jäger und Jägerinnen herbei, die so zart und rveiß waren, daß man hätte glauben sollen, sie wären von purem Zucker, und die Marie, unerachtet sie im Walde mnherspazierten, noch nicht bemerkt hatte. Sie brachten einen allerliebsten ganz goldenen Lehnsessel herbei, legten ein weißes Kissen und Reglisfe darauf und luden Marien sehr höflich ein, sich darauf uiederzulassen. Kaum hatte sie es getan, als Schäfer und Schäferinnen ein sehr artiges Ballett tanzten, wozu die Jäger ganz manierlich bliesen; dann verschwanden sie aber alle in dem Gebüsck>e. „Verzeihen Sie", sprach Nußknacker, „werteste Demoiselle Stahlbaum, daß der Tanz so miserabel ausfiel; aber die Leute waren alle von un- ferm Drahtballett, die können nichts anderes machen als immer und ewig dasselbe, und daß die Jäger so schläfrig und faul dazu bliesen, das hat auch seine Ursachen. Der Zuckerkorb hängt zwar über ihrer Nase in den Weihnachtsbäumen, aber etwas hoch! — Doch wollen wir nicht was weniges weiter spazieren?" — „Ach, es war doch alles recht hübsch, und mir hat cs sehr wohl gefallen", so sprach Marie, indem sie aufstand und dem voranschreitenden Nußknacker folgte.
Sie gingen entlang eines süß rauschenden, flüsternden Baches, aus dem nun eben all die herrlichen Wohlgerüche zu duften schienen, die den ganzen Wald erfüllten. „Es ist der Orangenbach", sprach Nußknacker auf Befragen; „doch seinen schönen Duft ausgenommen, gleicht er nicht an Größe und Schönheit dem Limonadenstrom, der sich gleich ihm in den Mandelmilchfee ergießt." In der Tat vernahm Marie bald ein stärkeres Plätschern und Rauschen und erblickte den breiten Limonadenstrom, der sich in stolzen isabellfarbenen Wellen zwischen gleich grünglühenden Karfunkeln leuchtendem Gesträuch fortkräuselte. Eine ausnehmend frische, Brust und Herz stärkende Kühlung wogte aus dem herrlichen Wasser. Nicht weit davon schleppte sich mühsam ein dunkelgelbes Wasser fort, das aber ungemein süße Düfte vexbreitete, und an dessen Ufer allerlei sehr hübsche Kinderchen saßen, welche kleine dicke Fische angelten und sie alsbald verzehrten. Näher gekommen, bemerkte Marie, daß diese Fische aussahen wie Lampertsnüsse. In einiger Entfernung lag ein sehr nettes Dörfchen an diesem Strom; Häuser, K'rche, Pfarrhaus, Scheuern, alles war dunkelbraun, jedoch mit goldenen Dächern geschmückt; auch waren viele Mauern so bunt gemalt, als seien Zitronat und Mandelkerne darauf geklebt. „Das ist Pfefferkuchheim", sagte Nußknacker, „welches am Honigstrome liegt; es wohnen ganz hübsche Leute darin, aber sie sind meistens verdrießlich, weil sie sehr an Zahnschmerzen leiden. Wir wollen daher nicht erst hinein- gehen."
In dem Augenblick bemerkte Marie ein Städtchen, das aus lauter bunten durchsichtigen Häusern bestand und sehr hübsch anzusehen war. Nußknacker ging geradezu darauf los, und nun hörte Marie ein tolles lustiges Getöse und sah, wie tausend niedliche kleine Leutchen viele hoch- bepackie Wagen, die auf dem Markte hielten, untersuchten und abzupacken im Begriff standen. Was sie aber hervorbrachten, war anzusehen wie buntes gefärbtes Pavier und wie Schokoladetafeln. „Wir sind in Bonbonshausen", sagte Nußknacker; „eben ist eine Sendung aus dem Papierlande und vom Schokoladenkönige angekommen. Die armen Bonbons- Häuser wurden neulich von der Armee des Mückenadmirals hart bedroht; deshalb überziehen sie ihre Häuser mit den Gaben des Papierlandes und führe» Schanzen auf von den tüchtigen Werkstücken, die ihnen der Schokoladenkönig sandte. Aber, beste Demoiselle Stahlbaum, nicht alle kleinen Städte und Dörfer dieses Landes wollen wir besuchen — zur Hauptstadt — zur Hauptstadt!"
Rasch eilte Nußknacker vorwärts und Marie voller Neugierde ihm nach. Nicht lange dauerte es, so stieg ein herrlicher Rosenduft auf, und alles war wie von einem sanft hinhauchenden Rosenschimmer umflossen. Marie bemerkte, daß dies der Widerschein eines rosenrot glänzenden Wassers mar, das in kleinen rosasilbernen Weilchen vor ihnen her wie in wunderliebl'chen Tönen und Melodien plätscherte und rauschte. Auf diesem anmutigen Geivässer, das sich immer mehr und mehr wie ein großer See ausbreitete, schwammen sehr herrliche silberweiße Schwäne mit goldenen Halsbändern und fangen miteinander um die Wette die hübschesten Lie
Deranlwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche
der, wozu bfamantene FiMein aus den Rosenfluken auf und nieder tauchten wie im luftigen Tanze. „Ach", rief Marie ganz begeistert aus, „das ist der See, wie ihn Pate Sroffelmeier mir einst machen wollte, wirklich, und ich selbst bin das Mädchen, das mit den lieben Schwänchen kosen wird." Nußknackerlein lächelte so spöttisch, wie es Marie noch niemals an ihm bemerkt hatte, und sprach bann: „So etwas kann denn doch wohl der Onkel niemals zustande bringen; Sie selbst viel eher, liebe Demoiselle Stahlbaum — doch lassen Sie uns darüber nicht grübeln, sondern vielmehr über den Rosensee hinüber nach der Hauptstadt schiffen!"
Die Hauptstadt.
Nußknackerlein klatschte abermals in die kleinen Händchen; da fing der Rosensee an, stärker zu rauschen, die Wellen plätscherten höher auf, und Marie nahm wahr, wie aus der Ferne ein aus lauter bunten, sonnenhell funkelnden Edelsteinen geformter Muschelwagen, von zwei gold- schuppigen Delphinen gezogen, sich nahte. Zwölf kleine allerliebste Moh. ren mit Mützen und Schürzchen, aus glänzenden Kolibrifedern gewebt, [prangen ans Ufer und trugen erst Marien, bann Nußknackern, sanft über die Wellen gleitend, in den Wagen, der sich alsbald durch den See fort« bewegte. Ei, wie war das so schön, als Marie im Muschelwagen, von Rosenduft umhaucht, von Rosenwellen umflossen, dahinfuhr. Die beiden goldschuppigen Delphine erhoben ihre Nüstern und spritzten kristallene Strahlen hoch in die höhe, und wie die in flimmernden und funkelnden Bogen niederfielen, da war es, als sängen zwei holde feine Silber« stimmchen: „Wer schwimmt auf rosigem See? — die Fee! — Mücklein, bim bim! — Fischlein, firn firn! — Schwäne schwa schwa — Goldvoges, trara! — Wellenströme, rührt euch! — klinget, finget, wehet, spähet! — Feelein, Feelein kommt gezogen; — Rosenwögen — wühlet, kühlet, spület — spült hinan — hinan!" — Aber die zwölf kleinen Mohren, die hinten auf den Muschelwagen aufgesprungen waren, schienen das Gesinge der Wasserstrahlen ordentlich übelzunehmen, denn sie schüttelten ihre Sonnenschirme so sehr, daß die Dattelblätter, aus denen sie geformt waren, durcheinander knitterten und knatterten, und dabei stampften sie mit den Füßen einen ganz seltsamen Takt und fangen: „Klapp und flipp und klipp und klapp, auf und ab! — Mohrenreigen — darf nicht schweigen; — rührt euch, Fische! rührt euch, Schwäne! — Dröhne, Muschelwagen, dröhne! — klapp und klipp und flipp und klapp und auf und ab!" — „Mohren sind gar luftige Leute", sprach Nußknacker etwas betreten; „aber sie werden mir den ganzen See rebellisch machen." In der Tat ging auch bald ein sinnverwirrendes Getöse wunderbarer Stimmen los, die in See und Luft zu schwimmen schienen; doch Marie achtete dessen nicht, sondern sah in die duftenden Rosenwellen, aus deren jeder ihr ein holdes anmutiges Mädchenantlitz entgegenlächelte. „Ach", rief sie freudig, indem sie die kleinen Händchen zusammenschlug, „schauen Sie nur, lieber Herr Drosselmeier! Da unten ist die Prinzessin Pirlipaf, die lächelte mich an so wunderhold. Ach, schauen Sie doch nur, lieber Herr Drosselmeier!" — Nußknacker seufzte aber fast kläglich und sagte: „Oh, beste Demoiselle Stahlbaum, das ist nicht die Prinzessin Pirlipat, das sind Sie und immer nur Sie selbst, immer nur Ihr eigenes holdes Antlitz, das so lieb aus jeder Nosenwelle lächelt." Da fuhr Marie schnell mit dem Kopf zurück, schloß die Augen fest zu und schämte sich sehr.
In demselben Augenblick wurde sie auch von den zwölf Mohre» aus dem Muschelwageii gehoben und an das Land getragen. Sie befand sich in einem kleinen Gebüsch, das beinahe noch schöner war als der Weihnachtswald, so glänzte und funkelte alles darin; vorzüglich waren aber die seltsamen Früchte zu bewundern, die an den Bäumen hingen und nicht allein seltsam gefärbt waren, sondern auch ganz wunderbar dufteten. „Wir sind im Konfitürenhain", sprach Nußknacker, „aber dort ist die Hauptstadt."
Was erblickte Marie nun? Wie werd' ich es denn anfangen, euch, ihr Kinder, die Schönheit und Herrlichkeit der Stadt zu beschreiben, die sich jetzt breit über einen reichen Blumenanger hin vor Mariens Augen auftat! Nicht allein, daß Mauern und Tünne in de» herrlichste» Farben prangten, so war auch wohl, was die Form der Gebäude anlangt, gar nichts Aehnliches auf Erden zu finden. Denn statt der Dächer hatten die Häuser zierlich geflochtene Kronen aufgesetzt und die Türme sich mit dem zierlichsten buntesten Laubwerk gekränzt, das man nur sehen kann. Ms sie durch das Tor, welches so aussah, als sei cs von lauter Makronen und überzuckerten Früchten erbaut, gingen, präsentierten silberne Soldaten das Gewehr, und ein Männlein in einem brokatenen Schlafrock warf sich dem Nußknacker an den Hals mit den Worten: „Willkommen, bester Prinz, willkommen in Konfektburg!" Marie wunderte sich nicht wenig, als sie merkte, daß der junge'Drosselmeier von einem sehr vornehmen Mann als Prinz anerkannt wurde. Nun hörte sie aber so viele feine Stimmchen durcheinander toben, solch ein Gejuchze und Gelächter, solch ein Spielen und Singen, daß sie an nichts andres denken konnte, sondern nur gleich Nußknackerchen fragte, was denn das zu bedeuten habe. — „Oh, beste Demoiselle Stahlbaum", erwiderte Nußknacker, „das ist nichts Besonderes. Konfektburg ist eine volkreiche, lustige Stadt, da geht's alle Tage so her: kommen Sie aber nur gefälligst weiter!" Kaum waren sie einige Schritte gegangen, als sie auf de» großen Marktplatz kamen, der de» herrlichsten Anblick gewährte. Alle Häuser ringsumher waren von durchbrochener Zuckerarbeit, Galerie über Galerie getürmt; in der Mitte stand ein hoher überzuckerter Baumkuchen als Obelisk, und um ihn her spritzten vier sehr künstliche Fontänen Orsade, Limonade und andre herrliche süße Getränke in die Lüfte, und in dem Becken sammelte sich lauter Creme, die man gleich hätte auslöffeln mögen. Aber hübscher als alles das waren die allerliebsten kleine» Leutchen, die sich zu Tausenden Kopf an Kopf durcheinander drängten und juchzten und lachte» und sck)erzten und fangen, kurz, jenes luftige Getöse erhoben, das Marie schon in der Ferne gehört hatte. Da gab es schön gekleidete Herren und Damen, Armenier und Griechen, Juden und Tiroler, Offiziere und Soldaten und Prediger und Schäfer und Hanswürste, alle nur mögliche Leute, wie sie in der Welt zu finden sind.
(Schluß folgt.)
riniversitätS-Vuch« und Steindruckerei, V. Lange, Dießen.


