Wunders, so auch der Musik. AU Liese Gugel singen sie rühren daS Saitenspiel, Spruchbänder mit deinGloria in excelsis hängen von ihren Lippen, die nicht einmal im Bilde ftumm bleiben dürfen, und Notenblätter flattern in ihren Händen. Ml diese Hirten tragen, wenn sie keine anderen Gaben haben. Übte, Dudelsack und Schalmei. Ml diese Könige finden kein Genügen in Weihrauch, Myrrhen und Gold, den kostbarsten Geschenken der Erde, die sie anbetend darbringen, sondern Musik zieht ihnen voraus wie die Strahlen ihres Sterns. Lind wenn die Meister der Weihnachtskrippen ihre Kleinkunst an den Silberschah verschwendet haben, so bilden sie mit noch größerer Liebe die winzigen Musikunstrumente als eingelegte Arbeiten aus Schildkrot, Elfenbein und Perlmutter.

Noch älter als die Krippen und Altäre sind die weihnachtlichen Ausführungen und Bräuche. Das Weihnachtsspiel ist, wie nach des Musikers Nietzsche jungem Wahrtraum die antike Tragödie, aus dem Geist der Musik geboren. Die Geburtshöhle selbst, die man in Bethlehem zeigte, war gleichsam sein Arsprungsort, und die ersten Christen, die hierhin wallfahrten, konnten sicher nicht reden, sondern höchstens singen oder hörten, wenn ihre Gebete stumm blieben, noch über Jahrhunderte hinweg und von Ewigkeit zu Ewigkeit, den Gesang der Cherubim und Seraphim. In den ersten Jahrhunderten zeigte man in Rom Reliquien dec Krippe, wtd die Andacht, die in der Christnacht vor ihnen gehalten ward, ist früheste Kirchenmusik gewesen. Als älteste Spur einer dramatischen Handlung sehen wir die vollst tümliche und weit verbreitete Sitte des »Kindleinwiegens", also eine musikalische Zeremonie.Joseph, lieber Joseph mein, hilf mir wiegen mein Kindelein", klingt es noch bis zu uns herüber, von einem neuen Meister Max Reger wieder aufgegriffen, lind auch der mittelalterliche Mischgesang, eine lateinisch-deutsche Zwiesprache in gesungenen Worten, etwa derQuempas":Quem pastores laudavere den die Hirten lobten sehre", ist ebenso wie der .Umzug der Epiphaniassänger, derheiligen drei Könige mit ihrem Stern", Die wir bei Goethe und Hugo Wolf wiederfinden, überkommenes Zeugnis erster Rollenverteilung. Doch auch als das Spiel über das Ansingen", über dieHirtengespräche" undWechselgesänge" hinaus verbreiterte und selbständige Bühnenhandlung und Wortdrama ge­worden ist, bleiben ihm Gesang und Jnstrumentenklang beigegeben und eingeflochten, ja, nur sie vermögen feinen letzten und wahren Sinn zu offenbaren. Die Hirten sprechen:O Wunder, was will das bedeuten? Ich hör ein Singen von weiten. Ich hör ein wunderlieblich Klingen. Wer mag uns davon a Botschaft bringen?" eine Bot­schaft, die nur auf Flügeln der Musik in die Herzen dringen kann. Ist ein Jubeln und Freuen auf unserer Schäfersweid... Es singet, es klinget, Flauten blasen, Harfen schlagen, und ich kanns ja nit alles, alles dersageu, was sich hat zugetragen... Es singt die schöne Nachtigall.. .Die Cnglein singen all." Hub einer der Hirten spricht zum Jesukind:Doch weil i nix hab in mein Güatl, so tua i dir halt singen a Liadl." Das ist genau wie auf den Krippen, und wie auf den Krippen kündigt sich auch hier der Zug der Könige an:Me Trummel hör ich schallen, die Pauken hör ich drallen..." Das dich­terische Weihnachtsspiel, das der Musik nicht entraten kann, lebt bis heute in immer neuen Bildungen weiter, allein auch das musi­kalische ist noch mit Hans PfitznersChristelflein" in die Oper eingedrungen und hat erst jetzt, durch den jungen Fritz D ü ch t g« r, der einfachsten Krippenhandlung unter Verzicht auf das gesprochene Wort ein reines Tongewand gegeben.

Damit sind wir bei der eigentlichen Weihnachtsmusik angelangt, die zunächst und vor allem Kirchenmusik ist. Sie reicht mit dem gregorianischen Choral bis in die Antike, ja bis in den Orient zuruck uttb also in den Ursprung von Weihnachten selbst, in das Herz des Wunders und der Menschwerdung Gottes. Da ist dies Wunder und Geheimnis noch Wirklichkeit, es braucht keineAnsinger", es braucht noch nicht die Harmonie, die ja immer schon Bändigung vorhandener Disharmonie bedeutet, es ist Einstimmigkeit, und diese geeinte und unbegleitete .Menschenstimme wird Engelsstimme, bei deren Modu­lation in den Schwingungen der Dome, der Pfeiler, Rundbogen und Gewölbe alle Anter- und Obertöne mitschwingen. Doch erst Deutsch­land und die deutsche Musik hat wie die Passion, so auch die Werh- nachtsnacht vollendet. Der gekreuzigte Gottessohn behielt im Süden Züge des zerstückelten Dionysos, seinen Zug von der Geburt bis zum Tode begleitet dort, zu Heiligen geworden, der Olymp. Die panische Hirtenflöte des Sonnenhimmels ward nur im Norden zur liebebangen Schalmei der winterlichen Weihnacht, in der die Tiere reden dürfen. Es ist ja zugleich die Sonnwendnacht, mit dem Heiland der Welt wirdmitten im kalten Winter" das wiederkehrende und wach- fenbc Licht der Welt geboren und vertreibt am Ende den Spuck der zwölf Nächte, das Toben des wilden Heeres. Nur durch Umwandlung einer Naturreligion in eine Religion des Geistes konnte die wahre Wahrheit werden, und in der Krippe lag mit dem Erlöser und Llcht- bringer auch der Genius der deutschen Musik. Ihn segnete freilich der südliche Apoll, der aber, nach einer alten Mythe, ursprünglich vom Norden kam. , , .. .. .

Rie ist der germanisch-christliche Glaubensbrauch überwunden Wor­ten, er hat spät durch Luther zu einem neuen geführt, der im Grunde der alte war, aber er blieb, wie alles Gegenpolige, lebens­spendend. Die Kluft schloß sich nie, doch sie wurde überbrückt, und «die Musik ist es, die diese Drücke schlug. Wenn ein Bild Luther nut der Laute unter dem Weihnachtsbaum darstellt, obwohl es damals noch keine Weihnachtsbäume gab, so ist das doch in einem tieferen Sinne wahr. Denn Luther konnte wohl ein Bilderstürmer, allein er ' mutzte ein Musiker und Weihnachtsgläubiger und nur in diesem Sinne konnte er ein Dichter sein. Der Kindersinn der Weihnacht war ihm wie keinem eigen, kein Lob hat er gesungen wie das der Musica, und das neue Jahr seines Kinderliedes auf die Weihnacht, in dem noch einmal der Engel der Verkündigung herniedersteigt, Hält seinen Einzug mit der musizierenden Menge der himmlischen Heerscharen:Des freuen fick der Engel Schar und singen uns solch

neues Jähr". Der Himmelsfürst hat, obwohl er ein FriedensfUrst war, gesagt:Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert," und der Glaubenskrieg, den Luther heraufbeschwor, zog die Feinde Deutschlands an wie Davids Harfe die Feinde des erwählten Volkes, das den Heiland gebar, aber das in dreißig Jahren verwüstete Volk und Land gebar das Christkind noch einmal und baute um seine Wiege, um die Dundeslade des neuen Gesetzes der Liebe, einen davidischen Tempel der deutschen Musik.

Neben den gregorianischen ist nun der lutherische Choral, neben den Priestergesang der Gemeindegefang getreten, und dadurch erst war es möglich, daß auf das katholische Mysterium das evangelische Oratorium folgte. Dieses nicht agierende, sondern rein konzertierend«! Kirchendrama aus Orchestervor- und zwischenspielen, Dibelworten, Chören, Chorälen, Rezitativen und Arien mit Verwendung der Orgel und der Instrumentalmusik, mit Entfaltung der ganzen Harmonie und Polyphon!« ist für die Christenheit aller Konfessionen das geistliche Spiel geworden, und nur in der Form von Bachs Weihnachts­oratorium eroberte sich auch das Weihnachtsspiel die Welt. Das Kindleinwiegen" der Jahrhunderte sammelte sich in einem Wiegen­lied:Schlafe, mein Liebster, genieße der Ruh", und dieSinfonie" ist die Weihnachtsmusik aller Weihnachtsmusiken, liebes- und sternen­selige heilige Wundernacht, in der sich Jenseits und Diesseits, Himmel und Erde, Gott und Mensch, Engelgesang und Hirtenschalmei feierlich begegnen.

Aber mit Kirche und Konzert wetteifert das deutsche Haus in bet musikalischen Verherrlichung Weihnachtens. Keiner unserer Dichter kann Haus und Familie im Christ glanze schauen, ohne daß. dieser Glanz Musik wäre, ob bei Conrad Ferdinand Meyer unter dem Jubel vonEia Weihnacht!" der Purpur des verzeihenden Kaisers über den sündigen Bruder gleitet, ob aus den verschneiten Wäldern von LiliencronsPoggfred" im Knabenzwiegesang dasHo­sianna in excelsis tönt.Es ist ein-Ros entsprungen", blüht es mit der fremden Aureole mittelalterlicher Musik noch heute in den deut­schen Winter, und den weihnachtlichen Volksliederfchatz haben Re- sormation und Gegenreformation, Klänge aus allen vier Winden und sogar das Kunstlied, wie das des Peter Cornelius, vermehrt oder gesteigert oder verfeinert. Hier ist die Krippenkunst, die aus Musik hervorging, wieder Musik geworden, und Hirten und Könige aus Böhmen, Sizilien und Portugal antworten mit ihren Weisen unserem uraltenSusann!". Dis in die Christmetten der katholischen Dome dringt das Volkslied, und wenn die Gemeinde dem Herrn in der Wandlung mit dem Gesang begegnet:Es kam die gnadenvolle Nacht, die uns das Heil der Welt gebracht", so fragt sie nicht danach und weih es. nicht einmal, daß diese Worte von dem protestantischen Lavater sind. Erst das vorige Jahrhundert hat auch das Weih­nachtslied und die übrige weihnachtliche Hausmusik veräuherlicht und industrialisiert, zum Christbaumtalmi, zum sentimentalen Qel- Papier-Transparent herabgewürdigt und die Krippe zum bloßen Geschenktisch gemacht. Allein auch daraus ruht Glanz der Kindheit und der Erinnerung. And wer will verkennen, daß noch der musika­lische Drehständer eines künstlichen Weihnachtsbaumes die Sehnsucht einer verirrten Weihnachtsfeier nach sich selber, nach wahrer Musik, verrät und daß noch in den schwingenden Metallzungen einer dörf­lichen Mundharmonika ein Nachhall silberner Eingelsstimmen zittert? Der Anfang des letzten Jahrhunderts hat uns ja auch erst vom Gebirge her, aus schlicht ländlichen Lehrer- und Organistenseelen, das verbreitetste Weihnachtslied, das Lied von der stillen Nacht, heiligen Nacht geschenkt, das, musikalisch und dichterisch nur ein be­scheidener Spätling reicherer Kunstblüte, doch mit seinem einfachen Dreiklang wie mit Glocken in dem Kerzenlicht des Christbaums schwebt.

And diese Weihnachtstanne, auch erst ein Jahrhundert alt, ist aus Mythe geboren und aus Musik gewoben und darum doch so alt wie die Deutschen selbst. Sie ist Erd- und Himmelsachse, der Welt­baum unseres Kosmos, behangen mit den goldenen Sonnwendäpseln der Hesperiden, die nur im Norden reifen. Als Bild und Form ist dieser Weihnachtsbaum, diese immergrüne Hoffnungsfichte, nicht zu fassen. Er ist die Welt nicht als Vorstellung, sondern als von sich selbst erlöster Wille, triefend von der Musik des Sternenraums im Glasklang der Kugeln und im Knistern des Lichts, das Christkind in der Krippe an seinen Wurzeln bergend und überschwebt vom singenden Engel der Verkündigung.

Nußknacker und Mausekönig.

Ein Märchen von E. T. A. H o f f m a n n.

(Fortsetzung.)

Das Puppenreich.

Ich glaube, keines von euch, ihr Kinder, hätte auch nur einen Augen­blick angestanden, dem ehrlichen, gutmütigen Nußknacker, der nie Böses im Sinne haben konnte, zu folgen. Marie tat dies um so mehr, da sie wohl wußte, wie sehr sie auf Nußknackers Dankbarkeit Anspruch machen könne, und überzeugt war, daß er Wort halten und viel Herrliches ihr zeigen werde. Sie sprach daher:Ich gehe mit Ihnen, Herr Drosselmeier: doch muß es nicht weit sein und nicht lange dauern, da ich noch gar nicht ausaeschlafen habe."Ich wähle deshalb", erwiderte Nußknackerden nächsten, wiewohl etwas beschwerlichen Weg." Er schritt voran, Marie ihm nach, bis er vor dem alten mächtigen Kleiderschrank auf der Hausflur stehen blieb. Marie wurde zu ihrem Erstaunen gewahr, daß die Türen dieses sonst wohlverschlossenen Schranks offen standen, so daß sie deut­lich des Vaters Reisefuchspelz erblickte, der ganz vorne hing. Nußknacker kletterte sehr geschickt an den Leisten und Verzierungen hinauf, daß er die große Troddel, die, an einer dicken Schnur befestigt, aus dem Ruckteile jenes Pelzes hing, erfassen konnte. Sowie Nußknacker diese Troddel stark anzog, ließ sich schnell eine sehr zierliche Treppe von Zedernholz durch den Pelzärmel herab.Steigen Sie nur gefälligst aufwärts, teuerste Demoiselle! rief Nußknacker. Marie tat es, aber kaum war sie durch den Aermel ge-