Der Fremde kam über die Schwelle und trat in den Flur. Sie Mchen zurück, als er die Türe schloß. Peter knipste das Licht an, llnS dann kam ein sonderbarer, schluchzender Laut von Mutti, die an der Tür des Eßzimmers stand: „Fritz!"
„Sa, Hilde." Er sprach leise, gar nicht gerührt oder ungewohnt. Er tat die Mütze ab und den langen Pelz und hing beides an die Flurkommode und sah sogar noch einen Äugenblick in den Spiegel auf den großen, breitschultrigen, sehr eleganten Mann — den alten Mann, der da heraussah.
Die Geschwister standen still. Dann langsam, als müßten sie sie schützen, schoben sie sich an Hilde, drängten sie ins Zimmer und setzten sie auf den Stuhl. Sie war kalkweiß. „Älle kamen zurück, längst, längst, alle." Sie sprach ganz leise. Dann trat sie vor. „Wo warst du — wenn du nicht tot warst?"
Er stand still auf der Schwelle. „Sibirien ist groß. Auch China. Auch Amerika."
Setzt trat sie auf ihn zu. „And schriebst nicht? All die Jahre schriebst du nicht?''
Er zuckte die Achseln. Alt sah er aus. Mit der Hand strich! er übers Gesicht. „Rcftr. Ich! konnte nicht." Dann trat er weiter ins Zimmer.
„Ein Daum!" Er ging am Tisch vorbei und sah in die Lichter. Eins ging schon aus, er drückte darauf. „Sah keinen, — seit Maras Taufe keinen mehr." Er wandte sich plötzlich und blickte Mara an. Sie sah zu ihm auf, weiß vor Erregung, die blauen Augen dunkel, mit zitternden Lippen.
Der Vater hob die kleine Teekanne hoch.' „Sieh an — die kaufte ich damals in Wilna!"
Frank trat mit den: Pappschüsselchen auf ihn zu. Er lachte verlegen. „Das wollten wir dir geben — wir dachten, du bist ein Bettler!" Er fand sich zuerst.zurecht, sah liebevoll und etwas bewundernd in das glattrasierte, verwitterte Gesicht, auf die silbernen Schläfen. Peter stand still hinter ihm, mit bebenden Nasenflügeln und blickte nach Hilde. Auf einmal sagte er: „Vor fünf Jahren kamen Die letzten." Em paar Augenblicke war es ganz still. Dann sagte Mara: „Vati, wo wohnst du?"
Nun lächelte er. „In Seattle. Ich bin Holzhändler geworden. Da gibts einen sehr schönen Spätsommer...“
Dann war's wieder still. Hilde sah steil auf ihrem Stuhl, unbewegt, und nur ihre Augen hingen und wanderten auf und ab an ihm. Dann ging Peter hinaus und kam wieder mit einem Teller, einem Besteck und einer Tasse. Einer altmodischen Tasse, Großvaters Tasse, und stellte alles Hilde gegenüber hin. And Frank schob den Stuhl hin und Mara, auf einmal rosig und ganz bereit zu lachen, goß Tee ein.
Er wollte sich schon setzen. Aber, die Hand schon auf der Lehne, sagte er leise: „Wenn's dir lieber ist, — dann geh ich wieder." Dabei sah er zum erstenmal Hilde an. Sie blickte auf, sah fort und in den Baum, sah wieder nach ihm, sah auf die drei, die nun alle neben ihm standen, große, dunkle Schatten, goldumsäumt von dem schweren Licht der heruntergebrannten Kerzen. Sie seufzte tief, einen Augenblick erstarrte ihr weißes Gesicht wie im Todeskampf —
Dann aber griff sie nach dem Leibnizpäckchen, riß es rasch auf, nahm einen Keks, schnitt behend und geschickt, während alle gespannt und still auf ihre Hände sahen, eine Scheibe von dem Rollschinken,, legte sie auf den Keks und reichte ihm, der sich ihr gegenüber setzte, mit einem ganz leisen Lächeln beides zu.
Mamor, -er Hund.
Eine weihnachtliche Tiergeschichte.
Von Peter W a r m u n d.
Der Hund, der einmal Clamor gerufen worden war, erhob sich aus seiner Döhle in den Dünen, trat hinaus und blickte in die Winternacht, lieber ihm spannten sich die Bahnen des Himmels, unter ihm ruhte schweigsam-bleiern das große Meer; an der Küste hatten sich Eisschollen übereinander getürmt und bildeten bleiche Gebirge im Licht der vielen kalten Sterne. Dort tummelte sich auch ein schwärzliches Gewimmel: die Krähen waren es, die von dem verfallenden Fleische eines großen Fisches zehrten, er hatte sie am Tage wiederholt verscheucht, denn sie reizten ihn zu jäher Wut, die Leichenvögel, die von Totem lebten, aber jetzt kamen sie wieder, weil sie ihn schlafend glaubten. Er bellte heiß auf — da stoben sie empor. Es ward wieder stille. Die Sterne sprühten, die Kälte sang. Stumm und steif stand der Strandhafer.
Clamor horchte, wie es leise zu ihm glitt. Das waren die Füchse; die wohnten in dem dunkeln Walde, der hinter den Dünen begann und kamen oft zu ihm an die See, um ihn zu locken, daß er einer der ihren werde. Er sei ja, schmeichelten sie, mit ihnen eines Blutes, auch sei er groß und gewaltig; er müsse ihr Führer werden und mit ihnen den Kampf gegen die Menschen beginnen. Jetzt kamen sie wieder. Immer in den Nächten der Einsamkeit traten alle Dinge zu ihm, die er nicht liebte. Er sprang ihnen entgegen. Er knurrte. Sie zogen sich lautlos, auch jetzt noch auf eine hinterhältige Art schmeichlerisch, in die Finsternis zurück.
Der Hund, der einmal Clamor gerufen worden war, stand wie ein Wächter vor seiner Höhle und sah über die See. Jetzt ruhte alles um ihn her, er allein harrte noch unter der Kälte der Nacht aus, unbeweglich, eine bronzene Erscheinung. In gleichmäßigen Zügen trat der Atem aus seinen Lefzen und bildete lveiße Kristalle um seine spitze Schnauze. Er sah aus wie eine Gestalt des Alters und der Ruhe, nur manchmal zuckten ungewisse Erregungen über fein dichtes Fell, denn wenn er jetzt die Augen schloß und in sich hinabblickte, kam er zu dem Augenblick, in dem das Bewußtsein seines Lebens erwacht war. Er sah einen hohen Baum mit Lichtern, die wärmten und dufteten; ihr Schein aber fing sich in den Augen eines Kindes, das bei ihm kniete und in feinem Pelz spielte. Er fuhr zusammen und schnupperte; er roch nur Frost und die weite Men- schenlosigkeit der Winternacht. Er fror.
Er versuchte uachzudenken, wie er in diese Einsamkeit verschlagen wurde, aber er fand nur flüchtige Bilder: eine Fahrt über die See, knar- rends Taue, zerfetzte Segel, ein zerfchelltes Schiff und Wellen, gegen die er ankämpfte. Er war an dieser menschenleeren Küste ausgeworfen worden und hauste jetzt in feiner Höhle, ein verirrter Fremdling unter allen Wesen. Schnee war gekommen und zerronnen; die Sonne hatte ihn gewärmt, und wieder kamen die Tage, da er den Zug der Bügel über sich sah, der Himmel bleicher wurde, dis die Kälte einbrach und sich die Eisschollen am Strande emporwarfen. Das war fo gegangen, einmal oder dreimal — er konnte sich nicht mehr darauf besinnen — aber je länger es ging, um fo tiefer fror er. Er war groß und stark geworden, fein Fell, von dem Regen gespült und der Sonne gelockert, glänzte wie schwere Seide, aber er war müde. Müde war er, von allen gemieden zu werden, müde feiner Einsamkeit und der menschenlosen Weite, die immer um ihn schwang, und als er jetzt aufblickte und den Mond über sich fand, ließ er sich nieder, stemmte die Vorderfüße in den Sand und heulte.
Es war die Klage über feine Verlassenheit. Unter ihm stoben die Krähen davon, die sich wieder bei dem verwesenden Fleisch eingefunben hatten, die Leere hallte von seinem klagenden Ruf, er drang zum Himmel empor, aber die Sterne sprühten ihr mitleidloses Licht. Gegen den Wald schlug seine Klage, daß die Wölfe horchten und fügten: das ist einer von den unsren, daß die Fühse schadenfroh lächelten: nun sind wir soweit, er kommt jetzt zu uns — aber Clamor, von einem dunkeln Triebe bezwungen, schritt die Düne hinab und begann seinen Gang.
Er lief am Strande entlang, es dauerte diese Nacht hindurch und noch bis zur Mitte des nächsten Tages, da kam er zu Menschen. Er sprang ihre Türen an und zerrte an ihren Riegeln, er tobte und jaulte vor Freude. Aber die Menschen verstanden ihn nicht, denn er hatte ihre Sprache verlernt; sie hielten ihn für einen wilden, tobsüchtigen Hund und trieben ihn mit Steinwllrfen und Stöcken davon. Und so kam es, daß sich Clamor verbitterte und eine große Feindschaft gegen die Menschen über ihn kam. Jetzt fiel er sie an, brach in die Ställe und raubte. Schaum stand vor seinem Maul.
Und so, geschwollen von Haß und Wut, stand Clamor eines Abends vor einem einsamen Haus und erwog einen Ueberfall; er witterte reiche Beute. Da, als er die Siedlung umstrich und schnaufend umspähie, fiel aus einem Fenster ein so mildes Licht über ihn, daß er anhielt. Es war nicht der Schein der kalten Sterne, weder Sonne noch Mond konnten fo strahlen, und als er sich gegen das Fensterbrett stemmte, fah er viele Lichter in dem Dunkelgrün einer Tanne. Das war schon einmal so gewesen, entsann er sich traurig, und da er nun weiter ging, plötzlich überwältigt von dem Bewußtsein feiner Verlassenheit, von Hunger gequält und von feiner einsamen Kälte geschüttelt, als aus allen Fenstern das milde Licht der Menschlichkeit über ihn kam, als eine leise Musik erklang, hatte er sich still über die Schwelle gelegt, er horchte auf die Klänge des Hauses und vernahm auch den neuen zaghaften Ton, der ihm selbst gehörte; er war eine Erinnerung aus einer sehr fernen Zeit; Clamor heulte und bellte nicht mehr, er fang das Heimweh des Ausgestoßenen in. feinen Lauten.
Drinnen aber unterbrachen sie die Musik, und als die Mutter meinte, es fei beinahe fo, als läge auf der Schwelle ein wimmerndes Kind, das um Aufnahme bitte, ging das kleine Mädchen zur Tür, und sie sahen den Hund auf der Schwelle, der sie alle anblickte, und die Lichter des Baumes standen in feinen Augen.
Ein Hund, sagte das Mädchen, kniete bet ihm und streichelte fein seidiges Fell, aber wie mag er heißen?
Wir wollen ihn taufen, sagte der Vater, wir nennen ihn Clamor. Denn das heißt der Schrei, und mit einem solchen hat er sich gemeldet, mit der leisen Klage des heimatlosen Wesens, die so menschlich klingt, daß wir sie verstehen müssen. Er scheint ein wilder Vagabund gewesen zu sein, aber er hatte das Vertrauen und die Bitte. Wie können wir ihn da abweifen?
Clamor, sagte das Mädchen, willst du nicht zu uns kommen?
Er kam. Er war fo müde, daß er sich sofort niederlegte. Alle schwiegen und betrachteten ihn. Er hörte das Knistern der Kerzen, eine gute und duftende Wärme ging über ihn hin, Tannen riefelten auf feinen Pelz, und neben ihm faß das Mädchen und er fühlte, wie ihre kleinen Finger über feine Haut glitten. Sie riefen und lockten ihn, aber er blinzelte nur. Doch als sie ihn Clamor nannten, verstand er endlich, daß sie ihn mit dem Namen riefen, den er schon einmal getragen hatte, und da war es, als fei die lange Strecke feiner Menfchenlofigkeit ausgelöfcht, er erhob sich, stellte sich vor feinen Herrn und legte ihm die starke Pfote in seinen Arm.
Weihnachten, ein Fest der Musik.
Von Hans Brandenburg, München.
Jedes Fest, jedes weltliche und jedes geistliche, wird von Musik begleitet oder gekrönt, aber Weihnachten allein ist ganz aus Musik geworden. Der Heiland der Welt kam aus Davids Stamm, der König David durfte das sichtbare Haus Gottes nicht errichten, das war ihm verboten, es war Vorbehalten Salomo, dem Bauherrn, dem ferner das Hohelied irdischer Liebe und die Sprüche der Weisheit gegeben wurden. Davids war es und blieb es, die Schleuder und die Harfe zu führen, ein Kämpfer wider seine Feinde und ein Musiker zu sein, und der davidische Psalter ist älter als der salomonische Tempel in aller seiner Herrlichkeit. Davids Harfe erhob sich bis vor Gottes Thron, und sie klang von oben, als Davids und Gottes Sohn geboren ward, als die Himmel sich öffneten und die Mengen der himmlischen Heerscharen der Welt den Frieden und den Friedensfürsten verkündigte, 6er nicht mehr Davids Schwert, sondern nur noch Davids Harfe kannte und die Völker durch Liebe überwand.
Zwar will es scheinen, als sei die Weihnachtsfeier der Jahrhunderte ein einziger Zug bildnerischer Kunst, der von den Altären durch Kirchen und Häuser schreitet und in unzählbaren Gemälden und geschnitzten Figuren seinen Wandel verfesftgte. Allein es ist nur der Gestalt gewordene Triumphzug tote des Heils und des


